Sa 07. Mai 2022

15:30 Großer Saal, Musikverein

Wiener Philharmoniker

Herbert Blomstedt | Strawinsky • Mendelssohn

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  • „Presse“-Konzertzyklus / 2

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Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

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Stilles Charisma

Herbert Blomstedt

Zur Eröffnung des „Musikverein Festival A!“ dirigiert Herbert Blomstedt am Pult der Wiener Philharmoniker Mendelssohns Symphonie „Lobgesang“ und Strawinskys „Psalmensymphonie“.

Wer das Privileg hat, Herbert Blomstedt nicht nur im Konzert, sondern auch im persönlichen Gespräch, beim Proben und auf Konzertreisen zu erleben, der kann über so manches staunen. Zunächst beeindruckt die frappierende Jugendlichkeit dieses Doyens der Dirigierkunst, von der manch ein jüngerer Kollege nur träumen kann. Herbert Blomstedt dirigiert auswendig, ohne Taktstock, mit sparsamen Gesten, einem markant-präzisen Körpereinsatz und einer hoch expressiven Mimik. Seine fragile Gestalt steckt voller Energie. Die Zeichensprache seiner in vollständiger Unabhängigkeit voneinander agierenden Hände wirkt ebenso ökonomisch wie suggestiv. Nichts Überflüssiges scheint es da zu geben, kein Schwelgen und Rudern, wie man es von manchem Feuerkopf unter den Dirigenten kennt. Doch jede Geste, jeder Blick ist prall gefüllt mit einem sehr konkreten, ja beinahe drastischen Ausdruckssinn.
Nach einem langen Konzertabend hüpft Blomstedt, erfrischt von der Musik, die Stufen vom Podium herab und lächelt ins Publikum. Geistig und körperlich ist er in einer bewundernswerten Kondition, zu der seine stets hoch kontrollierte, allen Ernährungsgiften und gesundheitsschädigenden Genussmitteln strikt abholde Lebensführung ihren Teil mit beigetragen haben mag. Vor allem aber sind es Blomstedts Interpretationen, die so frisch, mitreißend und unverbraucht wirken, wie man es nicht alle Tage findet.

Sodann erlebt man einen umfassend gebildeten und vielseitig interessierten Künstler, der Zeit seines Lebens neben der Musik noch eine zweite Leidenschaft gepflegt hat, nämlich jene für Bücher. Um die 30.000 Exemplare hat Blomstedt inzwischen schon aus seiner privaten Wohnung ausgelagert und in die Herbert Blomstedt Collection in der Universität Göteborg überführt, wo sie einem interessierten Publikum auf Anfrage zugänglich sind. „Es gibt einen wunderbaren Essay von Leo Tolstoi über die Kunst“, erzählte Blomstedt einmal bei einem Spaziergang durch seine Bibliothek. „‚Was ist Kunst‘ heißt er. Und die wesentliche Erkenntnis darin lautet, dass der Künstler ein Suchender sein muss. Nur dann überzeugt er. Wenn ein Künstler kein Suchender ist, sondern so tut, als wisse er schon alles, ist er ein Scharlatan oder ein Propagandist.“

Die überraschendste Erkenntnis über den Dirigenten Blomstedt aber ist, dass er mit dem Menschen Blomstedt in einer Weise identisch zu sein scheint, wie man es auch im Bereich der Kunst nicht jeden Tag erlebt. Über die spezifischen Qualitäten seines Dirigierens hinaus ist es nicht zuletzt auch diese Übereinstimmung, die Blomstedt zu einem sehr besonderen Dirigenten macht: zu einem Dirigenten, dessen musikalische Interpretationen zugleich von seiner tiefen Ernsthaftigkeit zeugen, wie sie beseelt sind von jener überbordenden Liebe zur Schöpfung, die er auch als Mensch ausstrahlt.
Der künstlerischen Maxime, möglichst jedem Detail einer musikalischen Partitur gerecht zu werden, entspricht im Leben der Grundsatz, möglichst jeder menschlichen Begegnung aufrichtige Beachtung zukommen zu lassen – ganz gleich, ob es sich um einen Orchestermusiker, einen Techniker, einen Konzertbesucher, einen Intendanten oder um eine Bedienung in einem Speiselokal handelt. Die Übereinstimmung von menschlichen, ethischen und musikalischen Überzeugungen wiederum hat ihr Fundament in Blomstedts Glauben, einer tiefen, jedoch nie zur Schau gestellten, vielmehr mit großer Selbstverständlichkeit gelebten Religiosität. Sie erscheint als ein Quell, der alle Lebensbereiche durchpulst.

Beides, die Religiosität und die musikalische Begabung, waren Blomstedt in die Wiege gelegt. Geboren wurde er 1927 im amerikanischen Springfield als Sohn schwedischer Eltern. Sein Vater war adventistischer Pastor, seine Mutter eine studierte Pianistin. Als Blomstedt zwei Jahre alt war, ging die Familie zurück nach Schweden. Er besuchte das Gymnasium in Göteborg, studierte in Stockholm und Uppsala Musik und Musikwissenschaft, unter anderem bei dem Dirigenten Tor Mann. Weiteren Schliff holte er sich bei Jean Morel an der Juilliard School, bei Leonard Bernstein in Tanglewood und bei Igor Markevitch in Salzburg. Mit Stipendien ging er an die Schola Cantorum in Basel zum Studium der Alten Musik und nach Kranichstein zu Kursen für Neue Musik. Von der Pluralität dieser Erfahrungen zehrt er bis heute. Vor allem aber waren es dann auch seine Orchester, die Blomstedt geprägt haben. Nach Chefpositionen bei den bedeutenden skandinavischen Orchestern ging es zur Staatskapelle Dresden, zur San Francisco Symphony, zum NDR Sinfonieorchester in Hamburg und schließlich als 18. Gewandhauskapellmeister nach Leipzig.

Zu seinem berühmtesten Vorgänger beim Leipziger Gewandhausorchester, dem Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy, empfindet Blomstedt eine besondere Verbindung. Gleich zwei Mal kann man der Figur Mendelssohns in Blomstedts Wohnung in Luzern begegnen. Vom Flügel herab blickt er als Bronzeskulptur, während vom Regal aus ein marmorner Mendelssohn-Kopf herüberschaut. Beide Skulpturen hat ein ehemaliger Kontrabassist des Gewandhausorchesters für Blomstedt angefertigt. Und natürlich ist Mendelssohns Zweite Symphonie op. 52, der „Lobgesang“, eine besondere Herzensangelegenheit für Blomstedt. Zum einen kann er sich mit dem Lob Gottes in den vertonten Psalmen tief identifizieren. Der Anlass und die zentrale Aussage des Werks kommen wiederum dem Bücherfreund Blomstedt entgegen. Denn Mendelssohns „Symphonie-Kantate nach den Worten der Heiligen Schrift“ für Soli, Chor, Orchester und Orgel entstand 1840 zur Vierhundert-Jahr-Feier der Erfindung des Buchdrucks. In seiner höchst persönlichen Auseinandersetzung mit dem Beethoven’schen Vorbild einer Verknüpfung symphonischer und vokaler Abschnitte entwickelt Mendelssohn hier, angelehnt auch an Elemente des Oratoriums, eine thematisch raffiniert durchwirkte Formdramaturgie. Als ihr Hauptthema erscheint der Weg des Volkes Gottes aus der Finsternis: Gutenbergs erste gedruckte Bibel wird als Zeichen eines Sieges über die Dunkelheit der Unwissenheit gedeutet.

Blomstedt hat das Interpretieren musikalischer Werke einmal mit der Auslegung von Bibeltexten verglichen. Dies bedeutet nicht nur, dass der Notentext ihm heilig ist, sondern vor allem auch, dass es für Blomstedt nichts Unwesentliches in ihm gibt. Jedes Detail fordert die gleiche Aufmerksamkeit. Und so gleicht selbst heute noch, nach einer dirigentischen Laufbahn von mehr als sechzig Jahren, kein Blomstedt-Konzert dem anderen. Allesamt liefern sie vielmehr den klingenden Beweis dafür, dass ein streng organisierter Arbeitsplan nichts mit Routine zu tun haben muss, ja dass die strikte Orientierung an hohen leistungsethischen Idealen sogar routinefeindlich wirken kann. Dies gelingt, weil sie sich bei Blomstedt mit einer tiefen, geradezu seismographischen musikalischen Empfindsamkeit verbindet. Blomstedt mag zwar das Gegenteil eines eitlen Pultmagiers und selbstverliebten Showdirigenten darstellen – er strahlt aber dennoch in seiner zutiefst sachhaltigen Kontrolliertheit auf dem Podium ein ganz eigenes, stilles Charisma aus. Er ist in seinem freundlichen, verbindlichen Umgang mit den Musikern alles andere als ein Tyrann – und verkörpert doch auf höchst effektive Weise etwas wie die bezwingende Autorität der Sache selbst: die des musikalischen Werks.

Die geistige Strenge mag ihn auch mit Igor Strawinsky verbinden, aus dessen 1930 komponierter „Psalmensymphonie“ durch die Vertonung der Psalmen 38, 39 und 150 (Zählung nach der Vulgata) Mendelssohns „Lobgesang“ aus der Ferne grüßt. Zudem komponierte Strawinsky dieses Werk explizit „zum Lob Gottes“. Zum Verhältnis von symphonischer Form und Chor bemerkte er: „Es ist keine Symphonie, in die ich Psalmen zum Singen eingefügt habe, sondern im Gegenteil, ich habe das Singen der Psalmen zur Symphonie gemacht.“ Ungewöhnlich ist der spröde, bläserlastige Klang des Orchesters, der sich aus einer Orchesterbesetzung ohne Violinen, Bratschen und Klarinetten ergibt. Auf die Frage danach, ob er sich am Pult eher als Analytiker oder als Emotionalist betrachte, antwortete Blomstedt einmal: „Strawinsky sagte ‚Bitte keine Emotionen‘. Es gibt eine Zeichnung von Jean Cocteau, da dirigiert Strawinsky nicht, sondern hält dem Orchester ein Metronom hin. Ich bemühe mich um eine Balance von beidem.“ Man darf gespannt sein, in welche Richtung sein Strawinsky in der Wiener Aufführung gehen wird.

Julia Spinola
Julia Spinola leitete als Feuilletonredakteurin viele Jahre das Musikressort der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Sie lebt heute als selbständige Musikkritikerin und Buchautorin in Berlin.

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