Mi 15. Mai 2019

19:30 Großer Saal, Musikverein

Danish Chamber Orchestra

Adam Fischer | Mozart • Beethoven

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Schwingungen eines Musikerlebens

Nikolaj Szeps-Znaider

Dankbarkeit und Demut sind wichtige Größen für Nikolaj Szeps-Znaider. Sein hoher künstlerischer Rang verleiht Begriffen wie diesen ungeahnte Leuchtkraft. Im Mai gastiert Szeps-Znaider wieder im Musikverein: als Geiger und erstmals bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien auch als Dirigent. 

Man kommt an einen Punkt im Leben, wo es sich nicht mehr nur um einen selbst dreht“, sagt Nikolaj Szeps-Znaider, der unmittelbar vor seinem Gespräch mit den „Musikfreunden“ in einer Telefonkonferenz Details für den Internationalen Carl-Nielsen-Wettbewerb besprochen hat, dessen Präsident er seit gut drei Jahren ist. „Man versucht dann, etwas von dem weiterzugeben, was man selber so reich empfangen hat.“ Er denkt dabei dankbar an all die Impulse, Anregungen und Unterstützung jeglicher Art durch seine Familie, Lehrer, Mentoren und viele andere aufmerksame Menschen. Mit dem eigenen Weitergeben des „so reich Empfangenen“ hat er früh begonnen, etwa durch die Gründung der Nordic Music Academy zu Beginn des Jahrtausends, einer jährlichen Sommerschule, die er selbst zehn Jahre lang geleitet hat. Nun, als Präsident des Nielsen-Wettbewerbs, den er 1992 kurz vor seinem siebzehnten Geburtstag selbst gewonnen hat, ist es ihm „wichtig, dass der Wettbewerb für die jungen Musiker auch Konzertmöglichkeiten bedeutet – also einen richtigen Karrierestart ermöglicht“. Zum Wettbewerb in der Ära Szeps- Znaider gehört auch die Carl Nielsen Youth Academy für den dänischen Musikernachwuchs. Aus interessierten Musikschülern und -studenten des ganzen Landes wählt Nikolaj Szeps-Znaider mit seinem Team Kandidaten aus, die dann unter seiner Leitung beim Eröffnungskonzert des Wettbewerbs im Orchester spielen.

Ständige Suche

All dies fordert Zeit, Geist und Energie und will gut in die eigenen künstlerischen Aktivitäten integriert sein. Wie das gelingt? „Alles im Leben ist eine Suche nach Balance“, sagt Nikolaj Szeps-Znaider. „Man versucht immer, für alles das richtige Maß zu finden, das zu einem zufriedenen Leben führt. So ist das auch mit der Kunst, mit der Musik. Das ist auch ein Arbeitsleben, das mit einem Privatleben verein- bar sein soll. Es muss oft genug sein, um den Kontakt mit der Bühne nicht zu verlieren, und es darf nicht zu oft sein, damit man nicht fortwährend erschöpft ist und nichts mehr zu geben hat.“ Dass es sich dabei um eine ständige Suche handelt, betont er mit Nachdruck. „Ich schaffe das auch nicht immer, doch ich versuche es, so wie alles im Leben. Wir scheitern meistens. Aber gerade durch das Scheitern werden wir – hoffentlich – immer besser. Das Scheitern ist etwas sehr Wichtiges. Es kann nichts Schlimmes passieren, weil man immer daraus lernen kann, wenn man das will.“ Auch hier kommt die Suche nach Balance ins Spiel. Denn als Künstler mit dem Scheitern umzugehen ist „sehr schwierig“, räumt Nikolaj Szeps-Znaider ein. „Man muss lernen, sich zu verzeihen, nachgiebig zu sein. Man darf allerdings nicht so weit nachgeben, dass man zufrieden ist mit dem, was nicht gut genug ist. Vor den großen Meisterwerken, vor Brahms und Beethoven, vor Mozart, Mahler, Strauss scheitern wir immer. Dafür werden wir nie groß genug sein. Wichtig ist die Demut der Aufgabe gegenüber – ohne dass einen die Aufgabe unterkriegt.“

Was die Größe ausmacht

Sich in Demut seinen musikalischen Aufgaben zu stellen, sich als je Lernender zu verstehen gehört zum Selbstverständnis Nikolaj Szeps-Znaiders und hat wohl wesentlichen Anteil an seiner künstlerischen Größe und Meisterschaft, die ihn an der Geige und am Dirigentenpult gleichermaßen auszeich- net. Dies spiegelt sich auch in der Weise wider, in der er von seinen Erfahrungen mit der Oper spricht: „Es gibt im Leben ganz wenige wirklich entscheidende Momente“, sagt er. „Oft sind es viele kleine, die am Ende dazu beitragen, dass eine Revolution stattfindet. Aber nur ganz wenige Momente haben in sich eine große Wirkung. Genau so war es für mich beim Operdirigieren.“ Die Oper eröffnete ihm eine völlig neue Welt und mehr noch: „Ich habe mich als völlig neu empfunden. Aber ich bin ja noch dabei. Ich lerne immer wahnsinnig viel – und das Repertoire ist so groß.“

Berührende Tiefsinnigkeit

Im großen Repertoire nicht nur der Oper ist es vor allem die Musik von Richard Strauss, die im künstlerischen Leben Nikolaj Szeps-Znaiders mehr und mehr Raum einnimmt. Seit er vor sechs Jahren im Musikverein Strauss’ Violinsonate gespielt hat, ist die Musik des Komponisten zur nahezu täglichen Beschäftigung für ihn geworden. Damals schon brachte er in den „Musikfreunden“ die Faszination zum Ausdruck: „Strauss ist ja überhaupt ein Wunder: dass er nach all diesen Giganten, die da waren, die Tonalität behalten konnte – was andere Giganten wie Schönberg und Strawinsky, Strawinsky später zumindest, abgelehnt haben – und trotzdem et- was völlig Eigenes hervorgebracht hat.“ Diese Faszination hat sich für Szeps-Znaider mit jedem einzelnen Strauss-Erlebnis weiter vertieft. Auch beim Orchestre de Lyon, das ihn ab 2020    als Chefdirigent an sich bindet, wird sich Strauss’ Œuvre wie ein roter Faden durch die Programme ziehen. Einen Vorgeschmack darauf gibt es bereits zur nächsten Saisoneröffnung mit dem „Helden- leben“ und den „Vier letzten Liedern“, gesungen von Genia Kühmeier. Kurz bevor steht etwa auch sein erster „Rosenkavalier“ an der Semperoper Dresden im Oktober dieses Jahres. „Ich dirigiere Strauss, so oft ich kann. Strauss hatte diese Fähigkeit, diese Leichtigkeit des Komponierens wie Mozart, und trotzdem eine Tiefsinnigkeit, die mich unglaublich berührt.“

Musikalisches Zuhause

Im Großen Musikvereinssaal hat Nikolaj Szeps- Znaider zuletzt im vergangenen November das Violinkonzert von Jean Sibelius gespielt, mit Philippe Jordan und den Wiener Symphonikern, deren Artist in Residence er in der laufenden Saison ist. Im Mai tritt er nun – erstmals im Musikverein – selbst ans Pult und stellt Mahlers Erster Symphonie Musik aus Richard Strauss’ „Capriccio“ voran: Mondscheinmusik und Schlussszene mit Sopranistin Krassimira Stoyanova. Nach Wien zu kommen ist für Nikolaj Szeps-Znaider stets ein Heimkehren. 1994 begann er hier bei Boris Kuschnir (nach dem genannten frühen Wettbewerbserfolg und einem anschließenden Studienaufenthalt an der Juilliard School New York) an der Geige noch einmal völlig von vorn und gewann drei Jahre später den renommierten Königin-Elisabeth- Wettbewerb in Brüssel, der zum Ausgangspunkt seiner so erfolgreichen Karriere wurde. „Musikalisch bin ich in Wien zu Hause“, betont Szeps-Znaider. „In Wien bin ich zum jungen Erwachsenen geworden. Und ich muss sagen: Dieses zentraleuropäische Musizieren – das ist es, was mich letztlich geformt hat.“

Doppeltes Heimspiel

Nur wenige Tage nach seinen Konzerten mit den Wiener Symphonikern kommt Nikolaj Szeps-Znaider gleich noch einmal – nun wieder als Geiger – in den Musikverein. Es wird ein Heimspiel im doppelten Sinn, wenn er, der Däne, in seiner musikalischen Heimat Wien mit dem Danish Chamber Orchestra Mozarts Violinkonzert KV 216 spielt. Die hierzulande wenig bekannte Formation ging erst vor einigen Jahren auf Eigeninitiative engagierter Musiker aus einem aufgelösten dänischen Rundfunkorchester hervor und führt ihre inspirierte Zusammenarbeit mit dem früheren Chefdirigenten Adam Fischer fort. „Das ist eine richtige Liebesbeziehung“, begeistert sich Nikolaj Szeps-Znaider, und schlicht „ein tolles Projekt“. Das wird, bei Werken von Mozart und Beethoven, auch im Großen Musikvereinssaal zu spüren sein.

Ulrike Lampert

Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 

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