So 13. November 2005

19:30 Großer Saal, Musikverein

Wiener Johann Strauß-Orchester

Alfred Eschwé | Familie Strauß

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Programm

Zyklus

  • Familien-Zyklus / 1

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Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

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Bemerkungen

Jubiläumskonzert 40 Jahre Wiener Johann Strauß-Orchester.

 

Künstlerleben

Alfred Eschwé dirigiert (nicht bloß) Johann Strauß 

Aber, aber, wer wird denn mit Äußerlichkeiten beginnen? Allerdings: Irgendwann muß die Frage ja doch berührt werden. Stellen wir sie also mutig gleich zu Beginn: Sieht er nun aus wie Strauß? Ja oder nein? Ich finde: ja! –und bin damit ganz sicherlich kein Einzelfall. Die frappierende Ähnlichkeit birgt freilich ihre Tücken. Denn Alfred Eschwé, der aussieht wie Strauß, ist ein Dirigent mit vielen Facetten und einem enormen Repertoire. Auf Strauß allein darf man ihn, beim Barte des Walzerkönigs, nicht festlegen. Aber er dirigiert ihn, keine Frage, ganz vorzüglich. Am 13. November steht Eschwé, der Strauß-affine Dirigent aus Wien, am Pult des Wiener Johann Strauß-Orchesters.

Als der Bart noch jene Farbe hatte, die Johann Strauß ein Leben lang mit Mittel- und Tinktürchen konservierte, da, erzählt Eschwé, trieb das Gerede von der Ähnlichkeit zuweilen kuriose Blüten. Bei einem Strauß-Konzert in Spanien wollte ein Konzertagent vor allem eines wissen: „Tritt der immer in dieser Maske auf?!“ Er hatte keine Ahnung von Señor Eschwé. Denn nichts liegt dem Wiener ferner als die Maske. Die Larve paßt so wenig zu seinem Naturell wie das Lavieren. Und ganz im Unterschied zu Strauß greift er nicht zum Färbemittel. Er ist kein Schwarz- und kein Schönfärber, sondern sucht, im Leben wie in der Kunst, Natürlichkeit und Offenheit. 

Strauß forever?

Einmal Strauß, immer Strauß. Das Musikleben (wie das Leben überhaupt) liebt das Klischee. Was also liegt näher, als einen, der dem Walzerkönig künstlerisch wie physiognomisch so stupend nahekommt, immer wieder mit Strauß hören zu wollen? Strauß forever … Alfred Eschwé hat manchen Strauß ausfechten müssen, um die enge Kunstkorsage zu durchbrechen. Als er, im Alter von 29, nach Deutschland ins Engagement ging, war er schon als Strauß- und Operettenspezialist ausgewiesen – und damit festgelegt. Seine Lehr- und Wanderjahre hatten in der Operettenstadt Baden begonnen. Hier spielte er, um das nötige Geld zu verdienen, während der Studienzeit Geige im Orchester. Dann folgten ein Dreivierteljahr als Kapellmeister in Baden und – „viel zu lange!“, wie er heute weiß – vier Jahre am Wiener Raimundtheater. 130mal en suite die „Gräfin Mariza“ mit Marikka Röck, 130mal „Komm mit mir nach Varasdin“. Danach war effektiv die Zeit gekommen, einen anderen Ort zu suchen. Schwierig genug, wie sich zeigte: Man wollte ihn als Operettenkapellmeister, er aber wollte endlich Oper dirigieren. In Osnabrück schlug man die Brücke: Eschwé leitete als Kapellmeister einige Operettenpremieren pro Saison und erhielt nebenbei ausgiebig Gelegenheit, Oper im Repertoire zu dirigieren. So ebnete er sich im deutschen Norden die Straße über Strauß hinaus. Er wurde Erster Kapellmeister in Kiel und ist heute – um einen kräftigen Zeitsprung zu machen – Gastdirigent der Hamburgischen Staatsoper. Hier hat man ihn mit „Carmen“, „Zauberflöte“ und „Liebestrank“, mit der „Liebe zu den drei Orangen“, „Così“ und manch anderem kennen- und schätzen gelernt; an der Berliner Staatsoper wiederum dirigiert er im nächsten Jahr eine Serie von Bellinis „Norma“. Endlich frei vom Strauß-Klischee! Umso mehr hat er es genossen, als man ihm jüngst für eine DVD-Aufnahme in Hamburg just ein Strauß-Projekt anbot. Man habe gehört, hieß es in der vorsichtig formulierten Anfrage, daß er auch sehr gut Strauß dirigiere …

Nordseebilder am Donaustrand

In Wien hingegen hatte man aus Hamburg vernommen, daß er ausgezeichnet Oper dirigiere … Bis das Gute, das (nach Goethe) so nah liegt, recht erkannt wird, braucht es eben zuweilen gewisse Umwege. In diesem Fall waren es (frei nach Strauß), Nordseebilder, die an der schönen blauen Donau ihre Wirkung taten und Wellen schlugen. Wie auch immer: Der Wiener Alfred Eschwé dirigiert, um es den Wienern kurz in Erinnerung zu rufen, seit eineinhalb Jahrzehnten regelmäßig an der Volksoper und hat dort – als einsamer Rekordhalter derzeit – rund fünfzig verschiedene Werke geleitet. Vor kurzem verlieh man ihm, dem stets Verläßlichen und Unverzichtbaren, den Titel eines „Ersten Kapellmeisters“. In dieser Funktion steht er heuer unter anderem am Pult der „Evangelimann“-Premiere und geleitet den „Grafen von Luxemburg“ ins Volksopernrepertoire – und zwar in jener fashionablen Schottenberg-Inszenierung, die er beim Sommerfestival „KlangBogen“ auf musikalischen Hochglanz brachte. Ein paar Häuser weiter, an der Wiener Staatsoper, folgte auf ein geglücktes Debüt mit Mozarts „Zauberflöte“ unlängst Donizettis „Liebestrank“ mit dem Traumpaar Netrebko-Villazon in den Hauptpartien. Die Liaisons – auch jene von Eschwé und der Staatsoper – werden fortgesetzt: des Erfolges wegen prolongiert.

Strauß forever young

Strauß forever. Wenn das nicht heißt: Strauß einzig und allein, läßt sich Eschwé gerne darauf ein. Seit rund 25 Jahren arbeitet er regelmäßig mit dem Wiener Johann Strauß-Orchester zusammen; seit 1989, seit dem plötzlichen Tod des damaligen Hauptdirigenten Kurt Wöss, ist er dem Ensemble enger verbunden. Er übernahm die traditionsreichen und für das Orchester enorm wichtigen Japan-Tourneen – einmal jährlich, manchmal bis zu vier Wochen, durchs Land der untergehenden Sonne. Und er war der Dirigent, mit dem das Wiener Johann Strauß- Orchester Einzug ins goldglänzende Ambiente des Wiener Musikvereins hielt. Selbstverständlich ist er nun auch erste Wahl, wenn das Orchester im Großen Musikvereinssaal sein 40-Jahr-Jubiläum feiert. Das Erbe, dem sich das 1965 von Eduard Strauß gegründete Ensemble im Gefolge der legendären Strauß-Kapelle verpflichtet weiß, ist gewaltig und die musikalische Hinterlassenschaft der Strauß-Dynastie noch immer ein unerschöpflicher Fundus. Das Wiener Johann Strauß-Orchester hat sich nie damit begnügt, im Vergnügungszug auf schönen blauen Donauwellen die ewiggleichen G’schichten aus dem Wienerwald herunterzuerzählen. Unter Alfred Eschwé präsentierte es in Nippon jedes Jahr mindestens drei Strauß-Werke, die dort noch nie live vernommen worden waren. Auch daheim in Wien schätzt man die programmatische Finesse des Strauß-Orchesters. Die Walzerdynastie in ständig neuem Licht: Strauß forever young.

Verschmähter Schmäh

Eduard Strauß, Willi Boskovsky, Kurt Wöss … Alfred Eschwé schloß an eine illustre Ahnenreihe an und setzte doch von Beginn weg neue Akzente. Gleich bei der ersten Japan-Tournee hat Eschwé, wie er es formuliert, „den Stil der Konzerte umgestellt“. Was ihm korrekturbedürftig schien, war ein Hang zur Comedy mit leichtem Drall Richtung Outrage. „Unter Donner und Blitz“ etwa wurde partout unter Regenschirmen gespielt. Eschwé stellte die Parapluis in die Garderobe, ließ die Kritiker, die den neuen Stil „nicht lustig genug“ fanden, im Regen stehen und arbeitete sehr ernsthaft an einem „entschlackten“ Strauß-Klang und gut geprobten Interpretationen. Auch auf Reisen, erzählt er, wurden regelmäßig Proben angesetzt. „Bei so langen Tourneen ist es einfach notwendig, das Musikalische wieder aufs geschmacklich Vernünftige zurückzuführen!“ Nach fünf, sechs Konzerten nämlich – so Eschwés Erfahrung – mache sich eine Tendenz breit, „immer noch eins draufzusetzen“: in Summe ein Übermaß an Effekten, dem es gegenzusteuern gelte. Überhaupt ist Eschwé ein klarer Gegner des „Zuviel“ bei Strauß & Co. „Auch ich genieße es“, sagt er, „wie sich bei der Strauß-Musik – und besonders bei Josef, einem erklärten Liebling von mir – Symphonik und Tanzmusik verbinden. Aber es ist und bleibt nun einmal Tanzmusik, und so kann es, finde ich, einfach nicht sein, daß bei jedem Übergang jedes Rubato wiederholt wird – immer wieder, immer breiter.“ Was er verschmäht, das ist die Überproportion von Schmäh. Mit anderen Worten: „Ich lege klassischere Maßstäbe an, orientiere mich an Überlegungen, wie ich sie auch bei Mozart oder Schubert anstelle.“

Souvenirs de Swarowsky

Mozart, Schubert, das symphonische Repertoire: Auch hier ist Eschwé selbstverständlich zu Hause, geprägt von einem der besten Lehrer, die man sich hierfür denken kann. Alfred Eschwé war in der letzten Jahrgangsklasse, die Hans Swarowsky an der Wiener Musikakademie zum Diplom geführt hat. Welche Erinnerungen hat er an den berühmten Pädagogen, durch dessen Schule bekanntlich auch Claudio Abbado und Zubin Mehta gegangen sind? Eschwé erinnert sich sehr präzise und zeichnet ein Bild ohne Verklärung: das Bild eines faszinierenden, charismatischen, aber auch kantigen und bärbeißigen Mannes, der, je älter er wurde, umso mehr an einer nicht harmonisierbaren Spannung litt. Sein Wissen um die Kunst des Dirigierens war phänomenal; seine Möglichkeiten, sie selbst am Dirigentenpult umzusetzen, aber blieben in schmerzlicher Deutlichkeit dahinter zurück. Die Frustration zeigte Spuren. Unter zynischen Kommentaren pflegte Swarowsky seinen Studenten Plattenaufnahmen von berühmten Kollegen vorzuführen, bei denen es sich gerade umgekehrt verhielt: Sie wußten weit weniger als er, machten aber am Pult großartig Furore. So war Swarowsky Lehrer aus einem gewissen Zwang, aber auch – und das ist die Kehrseite der Medaille – aus einem mächtigen inneren Drang. „Er wußte“, erinnert sich Eschwé, „daß nur seine Schüler umsetzen konnten, was ihm vorschwebte.“ Grandios sei beispielsweise gewesen, wie Swarowsky es verstanden habe, die ganze „Zauberflöten“-Paritur von einem Grundtempo aus aufzuschlüsseln. „Und das“, sagt Eschwé, „ist etwas, was ich schon sehr verinnerlicht habe: dieser Blick auf die inneren Tempozusammenhänge eines Werkes …“ Die Schlagtechnik selbst sei allerdings in einer Stunde abgetan gewesen – sie war, wie Eschwé resümiert, nicht wirklich Swarowskys Metier. Auf diesem Feld aber brachte Eschwé bereits vieles mit. Schon mit 21 hatte er sein Dirigierstudium am Konservatorium Wien abgeschlossen, an dem Gustav Koslik ein enorm hilfreicher Lehrer war.

Reich an Wendungen

Ein weiterer wichtiger Lehrer: das Operettenorchester in Baden. Kurkonzerte ohne Probe, „bei denen man“, wie sich Eschwé lachend erinnert, „mit der linken Hand die Noten im flatternden Wind festhält und anzeigt, ob die Wiederholung kommt oder nicht, und mit der rechten Hand das Tempo schlägt – das sind unschätzbare Lerneinheiten!“ Handwerk, technisches Können, souveräne Stabführung in kniffligen Situationen – das ist die eine Seite des Dirigentenberufs. Die andere aber ist Menschenkunde. „Fünfzig Prozent“, meint Eschwé, „sind reine Psychologie!“ Auch davon kann er viel, sehr viel erzählen. Und wenn man ihm so zuhört, wie er seine immensen praktischen Erfahrungen eloquent mit Reflexionen über die Seelendynamik eines Orchesters verbindet, dann denkt man sich: Der müßte doch ein guter Lehrer sein … Eschwé winkt ab. Solange er als Dirigent alle Hände voll zu tun habe, denke er nicht an solche Optionen. Aber wer weiß? So ein Künstlerleben ist reich an Wendungen: siehe Johann Strauß, Walzer Opus 316.

Joachim Reiber

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