Sa 27. April 2013

19:00 Dom- & Metropolitankirche St. Stephan in Wien

200 Jahre Gesellschaft der Musikfreunde

Feierliches Pontifikalamt

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„Dem Höchsten zur Verherrlichung“ 

Bruckners f-Moll-Messe

Bruckners Schmerzenskinder sind zahlreich – ja gab es überhaupt Werke von ihm, die als Sonnenkinder das Licht erblickten? Die f-Moll-Messe jedenfalls kam unter gewaltigen Wehen auf die Musikwelt. Ihre Lebenskraft aber bewies sie dann strahlend: in der Kirche wie im Konzertsaal. Entscheidend mit dabei: der Wiener Singverein.

Als Bruckner begann, seine Messe in f-Moll niederzuschreiben, war er im Begriff, einen für sein Leben entscheidenden, grundlegenden Schritt zu tun, nämlich den Wechsel von Oberösterreich nach Wien. Zwar war ihm die Kaiserstadt seit langem vertraut, denn er war zum Unterricht und zu Prüfungen oft genug nach Wien gereist. Doch fiel es ihm nicht leicht, eine gewisse Geborgenheit, die ihm die engere Heimat offeriert hatte, aufzugeben, obwohl er ja gerade die Freiheit suchte, sich in erster Linie dem Komponieren und Musizieren widmen zu können. Es plagten ihn Skrupel und Zukunftsängste – Furcht vor dem, was geschehen könnte, wenn er seine bewährten Tätigkeiten aufgab, um als freier Komponist zu wirken. Auf den entschiedene Einsatz seiner Freunde, darunter Johann Herbeck (1831–1877), Konzertdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und künstlerischer Leiter des Singvereins, konnte sich Bruckner jedoch verlassen. Herbeck machte Bruckner Mut, „nicht ‚aus der Welt‘ sondern ‚in die Welt‘“ zu gehen und „keine eines Mannes u. Künstlers Ihres Schlages unwürdige Verzagtheit“ an den Tag zu legen. „Sie haben keine Ursache dazu.“ 

„Großartig angelegt“, aber dann?

Die Messe, die da entstand, schätzte Bruckner selbst hoch ein. Sie sei „großartig angelegt“ – in diesem Bewusstsein wandte er sich schon Ende 1867 an den Wiener Hofrat Anton Imhof, dem er sie auch dedizierte. Er brachte die Novität bei seiner Bewerbung um die Stelle des Domkapellmeisters und „artistischer Direktors“ am Salzburger Mozarteum aufs Tapet – mit Genugtuung wies er darauf hin, dass er seine großen Messen als Auftragswerke für die Wiener Hofmusikkapelle verfasst habe. Tatsächlich war Bruckner nach der erfolgreichen Wiener Erstaufführung der d-Moll-Messe 1867 von der Hofmusikkapelle mit einem neuen Auftrag bedacht worden … Der Weg zur Aufführung aber war steinig. Welche Überzeugungsarbeit geleistet werden musste, um Bruckners Werke durchzusetzen, kann man nur ermessen, wenn man zeitgenössische Dokumente heranzieht. Um die Einstudierung seiner Werke, die die Zeitgenossen stark herausforderte, bewirken zu können, bedurfte es beherzter Mitstreiter, da Bruckner selbst oft nicht diplomatisch genug war und sich teils entweder zu demütig oder zu selbstbewusst artikulierte. Als es um das Anberaumen von Proben ging, erfuhr Bruckner 1869 seitens verantwortlicher Mitarbeiter des Konservatoriums, dass „wenn die Messe nicht jetzt schon mit den Musikvereins Schülern studirt wird […] es nicht mehr geschehen“ könne, da diese später „ nicht mehr erlernen“ könnten, „denn sie ist schwer.“ Man bedurfte also eines komfortablen Zeitrahmens – eine zu knappe Frist verhinderte oft jegliche wohlmeinende Absicht. Auch seitens des Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde bedeutete man Bruckner im November 1871 noch, vorerst kaum oder erst bedeutend später für die Einstudierung seiner Messe Zeit zu haben.

Grenzenlose Ekstase, verworrene Mystik?

Wenn man sich ins Hören der f-Moll-Messe versenkt, liegen auch nüchternen Betrachtern blumige Umschreibungen nicht fern, und mancher verstieg sich zu den Worten, es sei wohl diese Messe, die im Himmel zu Bruckners Glorie erklinge. Trotzdem sah Bruckner sich mit dem Vorwurf konfrontiert, sein Werk sei zu lang und zu kompliziert. Als man ihm aber vorschlug, den Umfang für Aufführungen im Rahmen der kirchlichen Liturgie etwas zu reduzieren, wies er solche Ansinnen empört zurück, da seinem persönlichen Empfinden gemäß das Lob Gottes nie eindrücklich und ausführlich genug ausfallen konnte. Anlässlich dieser Messe wurde Bruckner einmal mehr vorgehalten, dass er dem Drang, seine Ideen uferlos zu verströmen, Einhalt gebieten möge. Wie zuvor schon Schubert überfordere er die Hörbereitschaft seines Publikums. Er versteige sich zuweilen in theatralische Ausdrucksformen, die den Hörer zu überwältigen drohten. Eduard Hanslick sprach gar von „grenzenloser Ekstase und verworrener Mystik“ zugleich. Doch solche aus heutigem Blickwinkel fast kurios wirkende Vorbehalte sind nichts gegen jene, die Bruckner ganz zu Beginn entgegentraten, als Mitwirkende zu Proben nicht erschienen, da sie ihn für einen „Narren“ hielten, und selbst ein so aufgeschlossener Mann wie Herbeck 1869 zu Bruckner gesagt haben soll: „Sie wissen, daß Wagner mit seinem ,Tristan‘ und ich mit meiner B-Dur-Symphonie uns geirrt haben; können Sie nicht zugeben, daß auch Sie sich mit dieser Messe geirrt haben?“

Wer ist „Pruckner“?

Zwischen den ersten Notaten (im Herbst 1867) und der Uraufführung am 16. Juni 1872 waren fast fünf Jahre verstrichen. Seine Absicht, die Uraufführung mit Berufsmusikern zu bewerkstelligen, konnte Bruckner in der Augustiner-Hofkirche durchführen. Das Hofopernorchester wurde, so der Buckner-Biograph Max Auer, „für 300 Gulden gemietet“, angeführt von Joseph Hellmesberger. Herbeck wiederum „hatte den ,Singverein‘ für die Aufführung zur Verfügung gestellt“. Bei der Generalprobe, so liest man es wieder bei Auer, „dirigierte Herbeck bis zum ,Credo‘, dann wurde er zu nervös und übergab Bruckner die Direktion.“ Am Ende war Herbeck überwältigt. „Bruckner“, so soll er ausgerufen haben, „ich kenne nur diese Messe und die ,Solemnis‘ von Beethoven!“ Bruckner selbst schwamm noch eine Woche nach der Uraufführung in Seligkeit: „Dem Höchsten zur Verherrlichung geschrieben, wollte ich das Werk zuerst in der Kirche aufführen. Die Begeisterung von Seiten der Künstler sowohl als der übrigen Anhörer war beinahe namenlos.“ In der Presse freilich bedurfte die erste Erwähnung am 18. Juni 1872 noch einer Erläuterung, um den Rang des Komponisten zu bezeichnen: „Professor Pruckners“ Anerkennung als Orgelvirtuose in Paris und London wurde hervorgehoben, denn für den Propheten im eigenen Lande vermochte man nur mit dem Verweis auf dessen Auftritte in der Royal Albert Hall oder dem Crystal Palace einzutreten.

Aufbruch und Versenkung

Bruckners f-Moll-Messe ist im eigentlichen Sinne des Wortes eine Chor- und Orchestermesse. In dieser Komposition Bruckners gibt es kaum Stellen, in denen der Chor dauerhaft pausieren würde, sogar die Solostimmen haben fast keine längeren Passagen für sich allein, selbst wenn sie, wie der Tenor im „Et incarnatus est“, neben solistischen Streichern auf das Deutlichste in den Vordergrund rücken. Doch schweigt die Menge auch hier nicht, sondern versinkt inverhaltenem Pianissimo, Piano oder allenfalls Mezzoforte in andächtige Betrachtung, große Crescendi können plötzlich in verhaltenste Momente münden. Schon im „Kyrie“ lässt Bruckner nicht nur die Solostimmen, sondern auch viele Streicher und Bläser einzeln hervortreten, um dies dann wieder mit dem Klang der Gruppen zu konfrontieren. Im „Gloria“ wechseln sinnlich berauschende Passagen mit Stellen, in denen er seine Gedanken durch stete Wiederholungen und entwickelnde Variation insistierend unterstreicht. Bei der Vision der Auferstehung („Resurrexit“) scheinen Bruckner ganze Völkerschaften vor Augen gestanden zu haben, die dann auch um so bestimmter ihr Glaubensbekenntnis ablegen. Von ganz besonders eigentümlichem Charakter ist die Anbetung im „Sanctus“-Satz. Nach heftigen Auseinandersetzungen, nach Aufruhr und Krieg, finden schließlich alle Aufwallungen ein friedliches Ende.

Im Vertrauen auf den Singverein

Bruckner betrachtete nicht nur Herbeck als großen Gönner, sondern wollte sich auch, so gut es nur ging, an Hanslick halten. Noch 1885 – Jahre nach der Premiere – erwähnte er, dass Hanslick die Uraufführung der f-Moll-Messe „mit grossem Chore und grossem Orchester, wie seither nicht wieder“ herrlich beschrieben und eine „Concertaufführung befürwortet“ habe. Auf sie trieb die Geschichte dann auch zu: Für die Erstaufführung der Messe im Rahmen eines Konzerts des Wiener Akademischen Wagner-Vereins wurde 1893 der Goldene Saal des Musikvereins gewählt, in dem sie auch 1894 anlässlich von Bruckners 70. Geburtstag (mit zweimonatiger Verspätung) eine Festaufführung erlebte. Billigte man Ende des 19. Jahrhunderts zwar Beethovens „Missa solemnis“ und – teils aus ganz anderen Beweggründen – manchem Werk Bachs Aufführungen im Konzertsaal zu, so stellte man diese bei Bruckner meist noch entschieden in Frage. Schon im Juni 1877 – noch zu Lebzeiten Johann Herbecks – wurde freilich in der „Deutschen Presse“ angeregt, die Gesellschaft der Musikfreunde solle sich doch der Aufführung des Werkes annehmen. Dazu kam es dann aber erst am 4. November 1894 unter dem Dirigenten Wilhelm Gericke. Gericke erfuhr von Bruckner, dass er manche Schwierigkeiten in der Ausführung seiner kontrapunktischen Stellen befürchte, die er im Vertrauen auf den Singverein jedoch zu notieren gewagt habe. Doch machte Bruckner auch namentlich dem Philharmonischen Chor in Berlin und anderen Chören und ihren Leitern vorsorglich mit Komplimenten Mut zu einer Einstudierung. Im Laufe der Zeit wurde die Messe vom Wiener Singverein weitere 30mal aufgeführt. Es dirigierten u. a. Franz Schalk, Clemens Krauss, Wolfgang Sawallisch, Volkmar Andreae, Karl Richter und – bei der letzten Aufführung vor zehn Jahren – Michael Schønwandt.

Till Gerrit Waidelich
Dr. Till Gerrit Waidelich, in erster Linie als Schubert- und Opernforscher aktiv, ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Mitglied des Wiener Singvereins.

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