Tarek Atoui

Musikverein Perspektiven

20. Mai bis 10. Juni 2022

Tarek Atoui fertigt auf Einladung der Wiener Festwochen und in Kooperation mit dem Musikverein Wien eine neue Serie seiner außergewöhnlichen Instrumente an, die das Spektrum des Spielens faszinierend erweitern. Dabei lässt er sich von alten Instrumenten aus den Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde inspirieren.

Herr Atoui, was würden Sie jemandem, der weder Sie noch Ihre Arbeit kennt, über sich und Ihr Tun erzählen?
Ich würde sagen: Mein Interesse an Musik wurde mit achtzehn Jahren durch elektronische, neue, experimentelle Musik und Geräuschmusik geweckt. Ich habe elektro- akustische Musik in Frankreich studiert und mich immer weiterentwickelt. Was ich heute mache, ist etwas zwischen visueller Kunst und Musik. Ich bin gleichermaßen Künstler, Komponist und Musiker. Ich arbeite – abseits jedes Genres – mit Klang. Ich erfinde Musikinstrumente und neue Wege, Musik und Klang wahrzunehmen.

Stimmt es, dass Sie, bevor Sie sich der Musik gewidmet haben, Wirtschaft und Mathematik studiert haben?
Ja. Ein Visum für Frankreich erhielt ich nur unter der Bedingung, dort Wirtschaft oder Mathematik zu studieren. Darum habe ich diese beiden Fächer und elektroakustische Musik studiert. Ich habe hart gearbeitet – und bin froh darüber. Von Mathematik habe ich enorm profitiert, weil ich damit Musik viel leichter verstanden habe. Und mit der Zeit habe ich mich auch selbst als Musiker begriffen, obwohl ich nie ein Instrument gelernt habe.

Apropos Instrumente: Die Wiener Festwochen haben Sie in Kooperation mit dem Musikverein Wien eingeladen, neue Instrumente zu entwickeln. Hat der kreative Prozess schon begonnen?
Ja, ich war im Herbst in Wien und hatte mehrfach die Möglichkeit, die Sammlungen des Musikvereins zu besuchen. Ehrlich gesagt hatte ich zuvor keine Vorstellungen davon, wie groß sie sind. Ich wusste nur, dass sie sehr alte und wichtige Orchesterinstrumente der westlichen Musik umfassen. Aber ich habe nicht erwartet, dass es jede Menge an Briefen, Bildern, Tonträgern und anderen Objekten dort gibt, die uns viel über klassische Musik und das persönliche Leben berühmter Komponisten erzählen. Überhaupt war ich überrascht von der Fülle an Ausstellungstücken. Und ich wurde demütig, vor allem, als ich mir die Instrumente genauer angesehen habe.

Warum?
Ich habe keinerlei Ausbildung in klassischer Musik. Wie gesagt, ich habe nie ein Instrument gespielt. Darum fühlte ich mich ein bisschen wie ein Ignorant. Nachdem ich mit dem Direktor von Sammlung, Bibliothek und Archiv des Musikvereins gesprochen hatte, war mir klar: Ich müsste viel mehr über klassische Musikgeschichte und Orchestermusik wissen, um den enormen Wert dieser Instrumente noch besser begreifen zu können. Es bedarf eines intensiven, langjährigen Studiums, um in diese Welt eintauchen zu können.

Bei aller Ehrfurcht, haben Sie die Instrumente auch inspiriert?
Ja, in zweierlei Hinsicht. Erstens war es faszinierend zu sehen, wie bei den Instrumenten die Klänge erzeugt werden, auf welche Details und Mechanismen es ankommt. Einige Instrumente sind exakt auf die Bedürfnisse und Ideen einzelner Komponisten, aber auch auf verschiede- ne Musikstücke abgestimmt. Jedes einzelne Instrument war sehr speziell. Das hat mich auf die Idee gebracht, als Gegengewicht etwas weniger Spezielles anzufertigen. Ich lud meine langjährigen Mitstreiter Uriel Barthélémi und Vincent Martial ein, mit mir an dieser neuen Kollektion zu arbeiten. Wir fragen uns: Welche Instrumente könnten ein viel breiteres Publikum ansprechen als nur Fachleute? Auf welchen akustischen und mechanischen Prinzipien können wir aufbauen, um ein Instrument zu entwickeln, das leicht zu fabrizieren und leicht zu vervielfachen ist? Und damit komme ich zu etwas, was mich fast noch mehr als die Ausstellungsstücke inspiriert: nämlich die menschlichen Kompetenzen und Ressourcen, die es erst möglich gemacht haben, so eine Instrumentensammlung über all die Jahrhunderte aufzubauen – und sie erhalten zu können.

Wenn Sie von „menschlichen Kompetenzen“ sprechen, an wen denken Sie?
Die Instrumentenbauer und all jene, die diese Stücke reparieren, erhalten und pflegen. Im Musikverein weiß man genau, wer weltweit die Experten sind, weil man ständig mit ihnen zusammenarbeitet. Und das Haus hat mich mit einigen von ihnen zusammengebracht. Für jemanden wie mich, der selbst neue Instrumente baut, ist das unglaublich wertvoll. Ich stehe nun in regem Aus- tausch mit diesen Menschen. Diese Möglichkeiten hatte ich noch bei keinem meiner Projekte.

Haben Sie schon genaue Vorstellungen von den Instrumenten, die Sie bauen werden?
Ich hatte von Anfang an die Vision, Instrumente zu bauen, deren Klangquelle der Wind und die Luft ist. Nun sind wir in der Phase, in der wir forschen und mit Fachleuten darüber diskutieren.

Die Konzertreihe findet an verschiedenen Orten in Wien statt – welche werden das sein?
Für das Auftaktkonzert konnten die Festwochen den Musikverein als Kooperationspartner gewinnen – dieses findet nun im wunderschönen Ambiente des Gläsernen Saals statt. Die Folgekonzerte im Rahmen des Festwochen-Programms ziehen dann weiter in verschiedene Locations in Wien, z. B. einen Techno-Club oder die Ruprechtskirche. Von Anfang an war es die Idee des Projekts, ein möglichst diverses Publikum zu erreichen. Ich finde, diese Offenheit zur Kooperation ist eine sehr schöne Geste des Musikvereins und zeigt, in welche Richtung die Reise mit Stephan Pauly nun geht. Ich schätze ihn und seine Vision darüber, welche Aufgabe eine Institution wie der Musikverein heute hat, sehr. Bei allem Traditionsbewusstsein zeigt sich das Haus in einem zeitgemäßen Licht.

Sie haben schon mit vielen Kulturinstitutionen und Veranstaltern zusammengearbeitet. Welche Bedingungen müssen für Sie erfüllt sein, bevor Sie sich für ein Projekt entscheiden?
Das Wichtigste ist für mich, dass jene, die mich zur Zusammenarbeit einladen, auch wirklich dafür brennen. Wenn sie an das glauben, was wir vorhaben, davon begeistert und bereit sind, etwas zu lernen, ist das fantastisch. So ist es auch hier in Wien. Christophe Slagmuylder, der Intendant der Wiener Festwochen, und Stephan Pauly, der Intendant des Musikvereins, haben beide Intuition und ein breites Wissen über die verschiedensten Arten von Kunst. Das beeindruckt mich.

Gibt es für Sie so etwas wie den perfekten Konzertsaal?
Nein, den gibt es nicht. Von diesem Gedanken habe ich mich befreit. Es ist unnötig, nach der perfekten Akustik und den idealen klanglichen Rahmenbedingungen zu suchen. Worauf es ankommt, ist die Verbindung zwischen dem Publikum, dem Raum, den Künstlern, den Instrumenten und dem Klang. Wir artikulieren diese Komponenten in jedem einzelnen Moment. Genau darum geht es auch bei dem Projekt. Wir starten im Gläsernen Saal unter perfekten akustischen Bedingungen, dann aber treten wir in einem Club auf, in dem das Publikum steht und dauernd zirkuliert. Und wenn wir in unterschiedlichen Locations spielen, werden die Menschen nahe um uns herumsitzen und den Klang auf ganz verschiedene Arten wahrnehmen. All das ist unglaublich spannend und eine Möglichkeit, unsere Beziehungen zu anderen und der Welt zu entdecken.

Spielen Sie jedes Mal andere Stücke?
Ja, kein Konzert gleicht dem anderen: andere Komponisten, andere Musiker, nur die Instrumente werden dieselben bleiben. Übrigens haben wir auch vor, verschiedene Workshops zu veranstalten, bei denen jene, die es interessiert, erfahren können, worum es bei diesen Instrumenten eigentlich geht. Die Menschen dürfen sie auch unter unserer Anleitung spielen.

Das heißt, Ihre Instrumente können auch Laien spielen?
Sowohl professionelle Musiker als auch Amateure. Ich arbeite auch mit schwerhörigen und gehörlosen Menschen zusammen. Eines der Instrumente, das in Wien zum Einsatz kommen wird, ist eine weiterentwickelte Version meines Instruments „Organ Within“. Ich habe es für gehörlose Menschen erfunden.

Wie kam es dazu?
Im Zuge eines Projekts in New York, bei dem es darum ging, Instrumente für beide, Hörende wie Nicht-Hörende, zu entwickeln. Diese Instrumente nutzen etwa den Klang als Vibration, und diese Vibrationen sind körperlich gut wahrnehmbar.

Ihr Publikum ist sehr divers. Hat sich das mit der Zeit so ergeben oder war Diversität immer Teil Ihrer Konzepte?
Zuerst hat es sich irgendwie ergeben, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt habe ich diese vielschichtigen Begegnungen auch bewusst geplant und gesucht. Ich war neugierig, wie die verschiedenen Menschen Klänge und Musik rezipieren, beispielsweise eben Gehörlose oder auch Kinder. Das zu erfahren war für mich sehr stimulierend und hat mich noch offener gemacht. Das ist doch das Groß- artige an Kunst: Jeder kann an ihr teilhaben, egal welchen Hintergrund, egal welche Kompetenzen er oder sie hat. Wichtig ist nur, neugierig zu sein und die Bereitschaft zu haben, Neues zu absorbieren und zu lernen. Darum finde ich es auch schade, wenn wir uns selbst einengen oder in herkömmlichen Kategorien denken. Künstler, Musiker, Filmemacher, Komponisten, Performer, Zuschauer, wir alle teilen denselben Raum.

Das Gespräch führte Judith Hecht

Souffle Continu

Von und mit Tarek Atoui, Alan Affichard, Vincent Martial, Uriel Barthélémi und Gästen

Ein Auftragswerk und eine Produktion von Wiener Festwochen Auftaktkonzert in Kooperation mit Musikverein
In Zusammenarbeit mit Fußballverein 1210 Wien, Neue Musik St. Ruprecht

Als Inspiration für seine neu gestalteten, außergewöhnlichen Instrumente, die er im Rahmen seines Projekts Souffle Continu in Workshops und Konzerten präsentiert, diente dem bildenden Künstler und Musiker Tarek Atoui die Sammlung historischer Instrumente der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Der Künstler wird davon auch in einer Sonderführung erzählen, die durchs Archiv des Musikvereins führt.

Guided by Tarek Atoui

Treffpunkt Künstlereingang
Musikverein Wien

Anmeldung und Details direkt bei den Wiener Festwochen
2. Juni 2022 | 16.00 Uhr


Souffle Continu #1

Auftaktkonzert

mit dem Black Page Orchestra
Gläserner Saal / Magna Auditorium
Musikverein Wien
20. Mai 2022 | 20.00 Uhr

Souffle Continu #2

Ruprechtskirche
24. Mai 2022 | 20.00 Uhr

Souffle Continu #3

dasWERK
3. Juni 2022 | 20.00 Uhr

Souffle Continu - Sound Picknick

Fußballverein 1210 Wien
10. Juni 2022 | 16.00 Uhr
Eintritt frei

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