Türen auf!

Der Musikverein öffnet sich verstärkt für die vielfältige, diverse Wiener Stadtgesellschaft

Der Musikverein heißt in einer normalen Saison, die nicht von Corona beeinflusst ist, an die 700.000 Menschen in den Konzerten willkommen. Für viele Menschen in Wien gehört das Besuchen von Konzerten zum Leben. Sie sind Mitglieder der Gesellschaft der Musikfreunde oder Abonnentinnen und Abonnenten und fühlen sich als „Stammpublikum“ im Musikverein zu Hause. Darüber hinaus aber finden auch Menschen aus anderen Szenen der Stadt ihren Weg in den Musikverein – zum Beispiel solche, die speziell an den alternativen musikalischen Angeboten in den Vier Neuen Sälen interessiert sind, die auch weit über die klassische Musik hinausgehen. Und zu unserem Publikum zählen selbstverständlich auch Kinder und Jugendliche: Mit unserem Musikvermittlungsprogramm erreichen wir jedes Jahr ca. 50.000 junge Besucherinnen und Besucher, mit ihren Eltern oder Großeltern oder in Kindergartengruppen oder Schulklassen aus allen Ecken der Stadt. Und dazu kommen die Touristinnen und Touristen aus aller Welt, für die ein Besuch im Musikverein zu den Höhepunkten der Reise nach Wien gehört. – All diese Menschen machen das Publikum des Musikvereins aus. Dieses Publikum ist ein Schatz, etwas Wunderbares und Kostbares, es sind Musikfreundinnen und Musikfreunde, die durch ihre Besuche der unterschiedlichen Angebote des Musikvereins diese Institution tragen. Für sie spielt der Musikverein Konzerte.
Und für wen nicht?

Wer kommt nicht in den Musikverein? Und warum? Warum nehmen viele Menschen, die in Wien leben, die Angebote des Musikvereins nicht wahr? Es gibt sehr viele Menschen in Wien, die keinen Zugang zu Angeboten mit live gespielter Klassik haben – und dies aus vielen unterschiedlichen Gründen. Hier einige Beispiele: Manchen Menschen fehlen die finanziellen Mittel, um sich Tickets leisten zu können. Andere haben eine Bildungsbiographie, in der klassische Musik nicht vorkommt, oder sie haben aufgrund ihrer Sprachkenntnisse nicht die Möglichkeit, die Kommunikation des Musikvereins zu verstehen. Für manche Bewohnerinnen und Bewohner in Wien ist der Weg zum Musikverein zu weit. Und wieder andere Menschen haben eine gesundheitliche Konstitution, die es ihnen nicht erlaubt, Konzerte zu besuchen. Es ließen sich natürlich noch viel mehr Gründe aus anderen Perspektiven aufzählen, beispielsweise mit einem differenzierteren Verständnis der sehr unterschiedliche Gruppen von Menschen in der Stadt, und mit Blick auf ihre Stärken, Bedürfnisse und Interessen, die beispielsweise von aktuell angebotenen Konzertprogrammen nicht adressiert werden. Offenbar gibt es aus unterschiedlichsten Gründen Barrieren, Hürden oder auch Unsicherheiten, Schwellen- und Berührungsängste, die Menschen vom Besuch von Konzerten im Musikverein abhalten. 
Diese Situation ist für eine Kulturinstitution wie den Musikverein in einer Stadt wie Wien nichts Ungewöhnliches. Kulturinstitutionen können nie alle Szenen der Bevölkerung einer Stadt erreichen, trotz aller Bemühungen und Erfolge. Aber wie kommt man mit Menschen, die ihren Weg nicht in die Kulturinstitutionen finden, in Kontakt? Welche Programme könnten für diese Menschen interessant und bereichernd sein? Wie soll man das als Kulturinstitution herausfinden? Und über wen spricht man eigentlich, wenn man sagt, dass man „alle“ erreichen möchte? An wen soll man sich wenden? Wie? Mit welcher Art von Sprache, mit welcher Kommunikation, mit was für Programmen? Gibt es überhaupt einen Bedarf? Wozu? Ist das die Aufgabe einer Kulturinstitution, diese Fragen zu stellen?

Wir meinen: Ja. 

Es ist die Aufgabe von Kulturinstitutionen, Menschen die lebensbereichernde Erfahrung von Kunst und Kultur zu ermöglichen. Im Falle des Musikvereins: das Erlebnis der Musik. Diesen Zugang für alle zu schaffen ist eine zentrale Aufgabe von Kulturinstitutionen und damit auch eine Aufgabe für den Musikverein. Aber wie geht das?
Die Antwort auf diese Frage findet sich in zentralen Stichwörtern und Begriffen wie beispielsweise „Inklusion“, „kulturelle Teilhabe“, „Outreach“ oder „Diversifizierung“. All das meint, jeweils in unterschiedlichen Perspektiven, das Ziel von Kulturinstitutionen, sich einer vielfältigen, eben diversen Stadtgesellschaft gegenüber zu öffnen. Und aus neuen Begegnungen mit Menschen heraus besser zu verstehen, welche Menschen hier leben, welche Interessen sie haben und welche Aufgaben Kulturinstitutionen für die Menschen ihrer Stadt übernehmen können.
Diesen Fragen möchte sich der Musikverein ab der Saison 2021 / 22 in Ergänzung, als Erweiterung des bekannten Konzertprogramms, verstärkt widmen. Wir wollen verstärkt lernen und verstehen, wie eine kulturelle Öffnung im Musikverein noch stärker zu realisieren und strukturell zu verankern ist, in unserem Programm, unserer Kommunikation, unserem Personal. Damit wollen wir das, was wir an Öffnung über all die letzten Jahre schon erreicht haben, noch erweitern und noch weitere, neue Menschen bei uns willkommen heißen. Dieses Anliegen wird uns die kommenden Jahre begleiten und in der Saison 2021 / 22 starten. Solche Öffnungsprozesse anzugehen ist ein komplexes Vorhaben, das fachliches Know-how benötigt und Begleitung durch Expertinnen und Experten, die über Jahre profundes Wissen und praktische Erfahrung gewonnen haben mit Kulturprojekten und Kulturinstitutionen, die sich der Herausforderung der Diversifizierung stellen. 

Eine der herausragenden Institutionen auf diesem Gebiet in Wien ist die Brunnenpassage (www.brunnenpassage.at). Sie versteht sich seit 2007 als ein Labor transkultureller Kunst. Ihr zentrales Anliegen ist, die Menschen in Wien in ihrer gesamten Vielheit zum Ausgangspunkt des Nachdenkens und der künstlerischen Produktion zu machen. So erreicht die Brunnenpassage mit ihren ca. 400 Veranstaltungen pro Jahr ein heterogenes, vielfältiges, eben diverses Publikum und schafft Möglichkeiten für neue ästhetische Erfahrungen. Mehrjährige Kooperationen mit etablierten Kulturinstitutionen in Wien sind ein ganz zentraler Teil der Arbeit der Brunnenpassage, ja Kernbestandteil ihres Konzepts. 
Die Brunnenpassage und die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien sind 2021 eine strategische Partnerschaft eingegangen. Beide Institutionen stimmen darin überein, dass es zu ihren Zielsetzungen gehört, Kulturangebote der gesamten Bevölkerung in ihrer Vielfalt zugänglich zu machen und aktive Teilhabe zu fördern. Die Partnerschaft will dieses Ziel für den Musikverein auf zwei Ebenen erreichen. Die erste Ebene ist die bereits beschriebene verstärkte institutionelle Öffnung des Musikvereins, und die zweite ist, konkrete, innovative, gemeinsam produzierte künstlerische Projekte zu entwickeln. 
So haben Gordana Crnko, Zuzana Ernst, Golnar Shahyar, Ruei-Ran Wu und Anne Wiederhold-Daryanavard von der Brunnenpassage im Dialog mit dem Musikverein eine ganze Programmstrecke kuratiert und entwickelt, die in der Saison 2021 / 22 realisiert und insbesondere im Musikverein Festival im Mai und Juni 2022 (siehe Seiten 206 bis 211) sichtbar werden wird. Unter dem Titel „Frequenzen der Gegenwart“ werden in verschiedenen Projekten Klänge der Gegenwart präsentiert, die die Heterogenität Wiens erfahrbar machen und eine Resonanz mit der diversen Stadtgesellschaft ermöglichen. Zwei Beispiele für geplante gemeinsame Musikprojekte seien genannt:

Im Zentrum steht das Projekt „Wiener Stimmen“, das am 4. Juni 2022 im Goldenen Saal des Musikvereins stattfinden wird: Herausragende Wiener Sängerinnen singen auf der Bühne des Goldenen Saals im Musikverein mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich in verschiedenen Sprachen. Als zeichensetzende Zusammenarbeit von Wiener Ausnahmetalenten unterschiedlicher musikalischer Richtungen mit ihren Instrumentalistinnen und Instrumentalisten und einem großen Wiener Orchester. Der Abend soll ein Zeichen setzen für künstlerischen Dialog auf Augenhöhe, für musikalische Gleichberechtigung und Sichtbarkeit. Auch ein weiteres musikalisches Projekt stellt den künstlerischen Dialog zwischen Künstlerinnen und Künstlern, aber auch mit dem Publikum in den Mittelpunkt: Der Wiener Singverein wird am 14. und 15. Mai 2022 gemeinsam mit dem Chor der Brunnenpassage, dem Brunnenchor, im Musikverein singen. Der Brunnenchor besteht seit Herbst 2007 und ist ein gelebtes Statement für ein neues Miteinander am Brunnenmarkt. So kommen wöchentlich um die 70 Sängerinnen und Sänger unterschiedlichster Altersstufen und Herkunft in der Brunnenpassage zusammen, um unter der Leitung des Dirigenten Ilker Ülsezer gemeinsam zu singen, zu proben und Konzerte zu veranstalten. Im Musikfestival des Musikvereins werden Brunnenchor und Wiener Singverein zum ersten Mal zusammen proben und singen und gemeinsam mit dem Publikum den 7. Paragraphen des Stücks „The Great Learning“ des Komponisten Cornelius Cardew im Musikverein aufführen, an dem auch das Publikum im Musikverein aktiv und singend beteiligt wird.

Weitere Projekte sind innerhalb der Partnerschaft zwischen Brunnenpassage und Musikverein in Planung – sie reichen von Videoinstallationen bis zur Einrichtung von Hörräumen in beiden Institutionen, von Künstlergesprächen bis zu Masterclasses. Die Projekte werden wir ab Beginn der Saison 2021 / 22 Stück für Stück veröffentlichen und regelmäßig in unseren Medien, auf unserer Website www.musikverein.at, in unserer Zeitschrift „Musikfreunde“ und in unseren Social-Media-Kanälen, darüber informieren. 

Die Gesellschaft der Musikfreunde wird sich ab der Spielzeit 2021 / 22 dem Thema der verstärkten Öffnung aber nicht allein aus der Partnerschaft mit der Brunnenpassage heraus widmen, sondern auch im Musikvermittlungsprogramm, in den Konzerten für Kinder, Jugendliche und Familien. In der Saison 2021 / 22 werden Kernprojekte das Anliegen der verstärkten Diversifizierung zum Programm machen. Auf zwei dieser Projekte sei an dieser Stelle hingewiesen:
Für Publikum ab 13 Jahren steht am 11. März 2022 „Dancing Dvořák“ im Zyklus „Capriccio“ auf dem Programm. Antonín Dvořák hat in der Entstehungsphase seiner Sammlung „Slawischer Tänze“ aus der böhmisch-mährischen Volkskultur geschöpft. Mit dem Konzert „Dancing Dvořák“ wendet sich das Projekt mit ähnlich neugierigen und offenen Augen der diversen Stadtgesellschaft Wiens zu – nämlich der unglaublich bunten und ausdifferenzierten urbanen Tanzszene, mit Choreographien von zwei unterschiedlichen Vertreterinnen und Vertretern der Wiener Streetdance-Szene. Musik anderer musikalischer Kulturen steht im Mittelpunkt eines Projekts im April 2022, das sich an Publikum ab 10 Jahren richtet sowie an Schulklassen der Sekundarstufe I und II (10 – 14 / 14 – 19 Jahre): „Der Traum vom Orient“ – in einem moderierten Orchesterkonzert mit den Wiener Symphonikern. Im Programm wird die „Alla turca“-Mode abendländischer Kompositionen und die Sichtweise der Urheber auf das „Morgenland“ mit authentischer orientalischer Musik konfrontiert. Welches Klangbild zeichneten sie vom Orient und was verrät es uns über die europäische Perspektive, die Brille, die wir tragen? In den Konzerten sind Musikerinnen und Musiker dabei, die ihre eigene Musik mitbringen und den gestellten Fragen musikalisch nachgehen: Marwan Abado, der seit Jahrzehnten die Wiener Weltmusikszene prägt und bereichert, und das austro-türkische Rapper-Duo Esra und Enes Özmen, alias EsRAP, das ein Konzert moderieren und musikalisch mitgestalten wird. 

Dies alles, das entschiedene Bemühen um eine verstärkte gesellschaftliche Öffnung des Musikvereins, wird eine Reise werden. Ein Prozess über die nächsten Jahre; ein Weg, den wir ab der Saison 2021 / 22 mit Neugierde, mit Vorfreude auf neue Begegnungen und auf bereichernde Einsichten und mit Mut zum Risiko starten werden – um das in den vergangenen Jahren bereits Erreichte noch auszuweiten und mit Menschen in Kontakt zu kommen, die bisher noch nicht mit uns in Verbindung waren. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns auf diesem Weg mit Ihrem Interesse und Ihrer Aufmerksamkeit begleiten würden – oder mitmachen. Zum Beispiel, indem Sie mitsingen. Gemeinsam mit den Sängerinnen und Sängern des Brunnenchors und des Wiener Singvereins – am 14. und 15. Mai 2022 im Musikverein. In einer musikalischen Begegnung von allen mit allen. Ohne Barrieren.

Das Projekt der Diversitätsentwicklung verdankt sich wesentlich auch der neuen Partnerschaft zwischen Musikverein und Brunnenpassage. 

Programm- schwerpunkte

der Saison 2021/22
Im Programm der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien finden sich in der kommenden Saison zahleichte Schwerpunkte. 

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