Mission vollendet

Zur Erinnerung an Alice Harnoncourt

Was er der Musikwelt gab, war zugleich auch ihr Verdienst. Ohne Alice wäre Nikolaus Harnoncourt so nicht denkbar gewesen. Und so prägte sie auch den Zyklus des Concentus Musicus, ein Herzstück der Musikvereinsabonnements seit der Saison 1978/79. Sie saß über lange Jahre am ersten Pult des Ensembles, alle planerischen Belange des Harnoncourt-Zyklus gingen durch ihre Hände. Und doch war sie weit mehr als nur die Frau an seiner Seite: eine wundervolle Musikerin, eine große Persönlichkeit, die mit sanfter Stärke vieles und viele bewegte. Am 20. Juli starb Alice Harnoncourt, wenige Monate vor ihrem 92. Geburtstag.

Den unmittelbarsten Eindruck hinterließ wohl ihre Stimme, die einen immer wieder verblüffte und – ja: erfrischte. Eine Stimme wie ein Gebirgsbächlein. Das mädchenhaft helle Timbre und die sprudelnde Lebhaftigkeit, die elementare Energie, die sie verbreitete, waren bis in ihr hohes Alter völlig unverändert. In dieser Alice-Stimme trat ganz unverstellt ihr Wesen zutage: impulsiv, spontan und frei von Kalkül; sie redete und handelte, wie sie fühlte.

Dieses Wesen spiegelt sich in ihrem Geigenspiel, das nicht nur ihre Spontaneität und ihr Temperament zum Ausdruck bringt, sondern auch ihre starke, selbstbewusste Persönlichkeit, die das Auftrumpfen nie nötig hatte. In zahlreichen Aufnahmen ist es erlebbar. Zu den prominentesten zählen zweifellos Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, Bachs Violinsonaten und die Brandenburgischen Konzerte. Als wahre Fundgrube erweist sich überdies die Gesamtaufnahme der Bach-Kantaten; hier ist – wie in den Violinsonaten – die Geige oftmals im Dialog mit dem munter im Continuo dahinschreitenden Cello zu erleben – das musikalische Ehepaar im beglückenden Duett.

Alice Harnoncourt ist als Solistin oder Violino principale namentlich meist nicht eigens genannt – es verstand sich gleichsam von selbst, war sie doch von Anbeginn des Concentus Musicus dessen Konzertmeisterin, in einer Zeit, als eine solche Position für Frauen nirgendwo vorgesehen war. Auch sie selbst hatte diese Rolle nicht angestrebt, wollte nach der Heirat nur Ehefrau und Mutter sein. Es war Nikolaus, der sie auch auf der künstlerischen Ebene als seine Partnerin herausforderte – wobei er sie im neu gegründeten Ensemble am wenigsten schonte. Niemand kann ermessen, wie sie es fertigbrachte, sich auf solchem Niveau als Musikerin zu profilieren und gleichzeitig vier Kinder großzuziehen – wobei sie wie nebenbei noch die gesamte Arbeit im Hintergrund erledigte, das gewaltige Pensum des Notenschreibens und der gesamten Korrespondenz sowie die Organisation der immer umfangreicher werdenden Konzert- und Reisetätigkeit. Und als Nikolaus seine große Karriere als Dirigent begann, wurde sie ganz selbstverständlich seine Managerin – kein „Fremder“ sollte in diese sorgsam gehütete Aura der künstlerischen Zweisamkeit eintreten. Es war eine exklusive Beziehung, die im Innenverhältnis ganz anders funktionierte, als sie sich nach außen hin darstellen mochte. Dass Alice für die große Öffentlichkeit lange Zeit unsichtbar blieb, beruhte weder auf falscher Bescheidenheit noch auf kalkulierter Zurückhaltung.

Alles, was sie tat, tat Alice gewissenhaft, zuverlässig, mit unfehlbarer Präzision – und mit Freude. Das meiste habe ihr Spaß gemacht, sagte sie im Rückblick, wobei sie sich wohl selbst nicht erklären konnte, wie sie dieses Pensum bewältigt hatte. Sie hatte nie darüber nachgedacht. So wurde sie zur Instanz – in der Musik und in der Familie. Ihrer Rolle als Pionierin, als erste Konzertmeisterin Österreichs, in der man sie zuletzt vielfach gewürdigt hat, wurde sie sich erst spät bewusst. Doch ab diesem Moment hat sie das Thema sehr ernst genommen und in charakteristischer Unverblümtheit klare Worte zur Gleichberechtigung im Musikleben gesprochen.
Sie selbst ist schon früh wieder einen Schritt zurückgetreten. Bereits Mitte der 1980er Jahre hat sie ihre Position im Concentus Musicus dem jungen Erich Höbarth überlassen, blieb gleichwohl als musikalische Partnerin ihres Mannes am ersten Geigenpult präsent, musizierte lange Zeit auch in den anderen Orchestern, die er dirigierte – mit Ausnahme des Chamber Orchestra of Europe; in diesem jugendlichen Ensemble hätte sie sich fehl am Platz gefühlt. Nach Nikolaus’ Tod zog sie sich aus dem Concentus vollständig zurück, ließ „die Jungen“ werken, ohne sich einzumischen – wobei ihr Rat seitens des neuen Führungsteams stets gefragt war.

Für das große Abenteuer an der Seite des verarmten Grafen, der auszog, die musikalische Aufführungspraxis zu revolutionieren, war Alice Hoffelner, geboren am 26. September 1930 in Wien, vielleicht ganz gut gerüstet, kam sie doch aus einem eher unkonventionellen, wenngleich bürgerlich ambitionierten Elternhaus, das geprägt war von leidenschaftlicher Kunstbegeisterung und beachtlichem Unternehmergeist. Die Mutter hatte die Reformschule der Eugenie Schwarzwald besucht, spielte Klavier, schrieb und war begabt für fremde Sprachen, was sie nach dem Krieg als Gastgeberin der Jausenstation „Sonnherzl“ in Dorfgastein erfolgreich machte. Der Vater fühlte sich zum Schriftsteller berufen, gab gemeinsam mit seiner Frau die Zeitschrift „Wir Frauen“ heraus und etablierte sich Ende der 1940er Jahre unter dem Pseudonym Willy Bernert als Graphologe, unter anderem mit einem florierenden Eheanbahnungsinstitut. Das Leben von Alice war von frühester Kindheit an von Musik bestimmt; ein hochbegabtes Kind, das von den Eltern nach Kräften gefördert wurde. In der Musik eröffneten sich für die Halbwüchsige dann auch geistige Freiräume, in denen sie den Zwängen des Elternhauses entfliehen konnte, und sie stellte sich früh auf eigene Beine, um ihrer Berufung zu folgen.

Wie selbständig diese Frau war, wie souverän sie dachte, über welch ausgeprägten Kunstverstand sie verfügte, wie intensiv sie etwa an Literatur und an Philosophie interessiert war, all das trat erst nach dem Tod von Nikolaus in vollem Umfang zutage – als sie ganz aus seinem Schatten trat.
Es geschah nach einer Phase des Rückzugs und des Schweigens, in der sie ihre Geige nicht mehr anrührte, in der sie eine Zeitlang überhaupt keine Musik ertragen konnte. Sie nahm die Gewohnheit an, in dem historischen Pfarrhof im Attergau, der den gemeinsamen Lebensmittelpunkt gebildet hatte, am Samstag zur Mittagszeit die Glocken zu läuten, zum Andenken an ihre Liebsten, die gegangen waren. Sie konzentrierte sich auf den Garten, auf die prachtvollen Rosen und das üppige Gemüse in den Hochbeeten, die die Kinder vorsorglich hatten anlegen lassen. Indem sie Erde umgrub und jätete und erntete, fand sie buchstäblich neue Bodenhaftung. Sie legte die schwarzen Trauerkleider ab – und sie trat auf. Sie legte in Windes­eile hoch professionell zwei aufschlussreiche Bücher vor, gab Interviews, stellte einen Radio-Podcast auf die Beine und ruhte nicht eher, als bis alles sorgfältig aufgearbeitet war. Danach tat sie den letzten entscheidenden Schritt, indem sie den geordneten Nachlass an die Linzer Bruckner-Universität übergab, wo nun ein eigenes Institut gegründet wird – die einzige Bildungsinstitution neben der Musikschule in St. Georgen im Attergau, die sich mit dem Namen Nikolaus Harnoncourts schmücken darf.

Damit hatte Alice Harnoncourt ihre Mission vollendet. Sie hatte ein beispiellos erfülltes Leben gelebt – und konnte so über die entscheidende Schwelle gehen. Am 20. Juli hörte sie zu atmen auf. Die helle Alice-Stimme klingt im Gedächtnis der vielen Menschen nach, die persönlich mit ihr zu tun hatten. In ihrem beseelten Geigenspiel ist sie für uns alle auf alle Zeit bewahrt.

Monika Mertl
Monika Mertl ist Kulturpublizistin in Wien und Autorin der ersten Harnoncourt-Biographie: „Vom Denken des Herzens“ erschien erstmals 1999 und liegt mittlerweile in der fünften ergänzten Auflage sowie in mehreren Übersetzungen vor. In diesem Buch ist auch die erste ausführliche Würdigung von Alice Harnoncourt enthalten, mit der die Autorin über mehr als 35 Jahre in persönlichem Gespräch verbunden war.

Monatsmagazin Musikfreunde November 2022

Offene Räume erwarten Sie, wenn Sie in den Musikverein kommen – und das ganz besonders am 6. November, wenn das „Claudio Abbado Konzert“, Herzstück des Festivals Wien Modern, auch programmatisch mit offenen Räumen beginnt: mit „Open Spaces II“, einem Werk von Georg Friedrich Haas. Die offenen Räume sind hier ganz wörtlich zu verstehen. Das Konzert beginnt im Foyer und in der ehemaligen Kutscheneinfahrt des Musikvereinsgebäudes und lädt dazu ein, sich erst einmal frei im Haus durch „transparente Klangräume“ zu bewegen, bevor dann im Großen Musikvereinssaal das nächste Werk gespielt wird: ein Stück von Mark Andre, der in dieser Saison als „Komponist im Fokus“ eine zentrale Rolle im Programm des Musikvereins spielen wird.

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