Alla Breve

TRADITION IST ...

Tradition ist … Fast automatisch schnurrt der Satz ab, wenn man so beginnt: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“ Gustav Mahler, glauben Musikfreunde, habe das gesagt. Andere schreiben die Sentenz Benjamin Franklin, Papst Johannes XXIII. oder Thomas Morus zu – und jedem würde das treffliche Diktum zur Ehre gereichen. Penible Rechercheure haben nun den Sozialisten Jean Jaurès als einzig glaubhaften Autor ausfindig gemacht … Also: Es läuft manches schief mit der Tradition dieses Satzes. Aber goldrichtig ist er doch. Die Weitergabe des Feuers – genau darum geht es. Und in diesem Sinn hält auch Lorenzo Viotti, Feuerträger der jungen Generation, die Tradition lebendig. Als Porträtkünstler des Musikvereins dirigiert er am 2. November neben Mahlers Erster auch Poulencs „Gloria“. Selten steht dieses herrliche Werk auf dem Programm. In den Konzerten des Musikvereins dirigierten es zuletzt Bertrand de Billy 2007 und Georges Prêtre 1994.
Und damit sind wir auch schon wieder bei Lorenzo Viotti. Es war Bertrand de Billy, der dem jungen Lorenzo riet, nach Wien zur Ausbildung zu gehen. Dort lernte er ungemein viel, das meiste, als er großen Maestri bei der Probenarbeit über die Schulter schaute. Die Begegnung mit Georges Prêtre war da ein Schlüsselerlebnis – eine Seelenverwandtschaft tat sich auf, vor allem, wo es um französisches Repertoire ging. Und da, ganz besonders, um Francis Poulenc. Prêtre war der bevorzugte Dirigent des Komponisten. 1961 leitete er die französische Erstaufführung des „Gloria“ und dirigierte die von Poulenc selbst autorisierte erste Schallplattenaufnahme. So lebt die Tradition weiter. Und wie!

Erin Morley
© Fishy Foto

Erin Morley 

2. November 2022

Netherlands Philharmonic Orchestra
Wiener Singverein
Lorenzo Viotti | Dirigent
Erin Morley | Sopran

Francis Poulenc
Gloria
Gustav Mahler
Symphonie Nr. 1 D-Dur

Anschließend: Nachklang mit Lorenzo Viotti und dem Wiener Singverein

水曜日, 02. 11月 2022, 07.30 午後

Orchesterverein der Gesellschaft der Musikfreunde
© Dieter Nagl

Orchesterverein der Gesellschaft der Musikfreunde 

22. November 2022

Orchesterverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Akademische BläserphilharmonieRobert Zelzer | Andreas Simbeni

Werke von Hindemith, Maslanka und Tyberg

火曜日, 22. 11月 2022, 07.30 午後

TRADITION IST AUCH …

Die Weitergabe des Feuers, sie war, was den Musikverein angeht, stets mit hohen Ansprüchen verbunden. Mitte des 19. Jahrhunderts entschloss man sich deshalb, die Gesellschaftskonzerte nur noch von Profis spielen zu lassen. Aber man suchte einen Platz für die feurig begeisterten Amateure, die großartigen Instrumentalisten unter den aktiven Musikfreunden, die so untrennbar zur Identität der Gesellschaft gehören – und fand ihn im Orchesterverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 1859 wurde er als Zweigverein der Gesellschaft gegründet, und er existiert bis heute, nein, mehr noch: Er ist bis heute eine wunderbare Bereicherung im vielgestaltigen Musikleben des Vereins. Auch programmatisch hat dieses fabelhafte Amateurorchester viel zu bieten. Das zeigt sich nun besonders bei seinem nächstem Konzert im Großen Musikvereinssaal, bei dem der Orchesterverein, gemeinsam mit der Akademischen Bläserphilharmonie, mit leidenschaftlichem Mut nur Raritäten spielt: Hindemiths Symphonie in B, eine Symphonie des 2017 verstorbenen Amerikaners David Maslanka und die Symphonie Nr. 2 von Marcel Tyberg. 1931 wurde dieses Werk von der Tschechischen Philharmonie unter Rafael Kubelík uraufgeführt – 13 Jahre später brachte man den Komponisten im Konzentrationslager Auschwitz um. Im Musikverein ist nun erstmals ein Werk von Tyberg zu hören: dank dem traditionsreichen Orchesterverein der Gesellschaft der Musikfreunde unter seinem langjährigen Leiter Robert Zelzer.

Monatsmagazin Musikfreunde November 2022

Offene Räume erwarten Sie, wenn Sie in den Musikverein kommen – und das ganz besonders am 6. November, wenn das „Claudio Abbado Konzert“, Herzstück des Festivals Wien Modern, auch programmatisch mit offenen Räumen beginnt: mit „Open Spaces II“, einem Werk von Georg Friedrich Haas. Die offenen Räume sind hier ganz wörtlich zu verstehen. Das Konzert beginnt im Foyer und in der ehemaligen Kutscheneinfahrt des Musikvereinsgebäudes und lädt dazu ein, sich erst einmal frei im Haus durch „transparente Klangräume“ zu bewegen, bevor dann im Großen Musikvereinssaal das nächste Werk gespielt wird: ein Stück von Mark Andre, der in dieser Saison als „Komponist im Fokus“ eine zentrale Rolle im Programm des Musikvereins spielen wird.

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