„Wiener Stimmen“ im Orchestersound

Der Arrangeur Michael Radanovics

Für die „Wiener Stimmen“ ist er der wichtigste Künstler hinter den Kulissen: Michael Radanovics findet für die ganz unterschiedlichen Lieder und Songs den stimmigen Orchesterklang. Theresa Steininger hat den vielgefragten Arrangeur in seiner Werkstatt besucht.

Wie wird aus einem einstimmigen arabischen Lied ein großer Orchestersound? Wie klingt das, was normalerweise im Band-Arrangement oder zur Begleitung eines einzelnen Instruments gesungen wird, wenn zahlreiche Musikerinnen und Musiker beteiligt sind? Mit „Wiener Stimmen“ haben Musikverein und Brunnenpassage ein Projekt initiiert, bei dem sechs Sängerinnen aus unterschiedlichen musikalischen und sprachlichen Kontexten mit ihren eigenen Liedern in den Goldenen Saal kommen – und nunmehr vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich begleitet auftreten. Die Aufgabe, die Klänge, zu denen Alexia Chrysomalli, Marjorie Etukudo, Basma Jabr, Nataša Mirković, Golnar Shahyar und Sakina Teyna singen, für Orchester zu arrangieren, liegt in den Händen von Michael Radanovics. Es sind Hände, für die diese Arbeit im doppelten Sinn Gewohnheit ist, denn Radanovics spielte nicht nur viele Jahre als Geiger im ORF RSO Wien und im Orchester der Volksoper Wien ebenso wie in einer Jazzband, im Motus Quartett und mit Roland Neuwirths Extremschrammeln, sondern ist auch ein mehrfach ausgezeichneter Arrangeur, über den Neuwirth einst sagte, er sei „einer der Besten, wenn nicht der Beste, den ich kenne“.

Nataša Mirković | Marjorie Etukudo | Sakina Teyna | Basma Jabr | Alexia Chrysomalli | Golnar Shahyar
© Wolf Dieter Grabner

Nataša Mirković | Marjorie Etukudo | Sakina Teyna | Basma Jabr | Alexia Chrysomalli | Golnar Shahyar 

4. Juni 2022

Tonkünstler-Orchester
Wayne Marshall | Dirigent

Wiener Stimmen

Wiener Sängerinnen präsentieren ihre für Orchester arrangierten Songs, die unterschiedliche Sprachen, kulturelle Einflüsse und musikalische Stile miteinander vereinen.

土曜日, 04. 6月 2022, 07.30 午後

Radanovics selbst sieht sich als „musikalischen Dolmetscher, der Musik in eine andere Sprache übersetzt, ohne dass die Essenz verlorengeht“. Dass er bei „Wiener Stimmen“ „einen Spagat zwischen den Intentionen der Sängerinnen und der Arbeitsweise eines mitteleuropäischen Orchesters“ zu bewältigen hat, sieht er als große Verantwortung. Wie es gelingen kann, diese kompatibel zu machen? Am Anfang steht das Hören, wie Radanovics im Werkstattgespräch erzählt: „Im ersten Schritt ist es mir wichtig, das Lied ganz genau kennenzulernen. Teils bekam ich Aufnahmen, von denen ich die Melodie herunterhörte, teils erhielt ich Noten. Vor allem aber stellten mir die Sängerinnen ihre Lieder vor.“ Dazu lud Radanovics die Musikerinnen einzeln in sein Atelier. „In einem ausführlichen Gespräch erzählten sie mir über ihren Stil, ihre Lieder und darüber, was ihnen in diesen besonders wichtig ist.“ Schnell war klar, dass beispielsweise die Lieder von Golnar Shahyar genügend Platz für Improvisation oder eines von Alexia Chrysomalli eine schwere Grundstimmung und eingeplante Verzögerungen benötigen. Eine besondere Herausforderung brachte Sakina Teynas Musik: „Denn diese beinhaltet viele Verzierungen, die man kaum notieren kann. Sakina sang sie mir vor, und ich schrieb mit – und tauchte mehr und mehr in ihre Art, Musik zu machen, ein“, so Radanovics.

Mit all diesen Informationen im gedanklichen Gepäck machte sich der Arrangeur daran, seine „Eindrücke einerseits intuitiv zu begreifen, andererseits auch die notwendigen formalen Gegebenheiten des jeweiligen Lieds mit jenen eines mitteleuropäischen Orchesters in Einklang zu bringen. Das ist ähnlich der Arbeit, wenn ein Komponist die Musik eines anderen neu auf Instrumente verteilt, also wenn zum Beispiel Ravel Mussorgskij orchestriert.“ Es galt aber auch, Zwischenteile für das Orchester dazuzuerfinden. „Hier versuchte ich, Orchesterfarben dazuzuhören, für die es im Original kein Vorbild gibt. Natürlich musste ich sehr behutsam vorgehen, um den Charakter des Lieds nicht stark zu verändern.“


Dabei half es dem Arrangeur, keineswegs chronologisch vorzugehen. „Meistens begann ich an einer Stelle, an der ich rasch hörte, dass eine bestimmte Orchesterfarbe stimmig sein könnte. Oder an einem Höhepunkt. Oder ich startete am Ziel und arrangierte danach erst den Weg dorthin.“ So entstand in einem Lied von Nataša Mirković beispielsweise zuerst das Intro, danach das Nachspiel – und erst im Anschluss näherte sich Radanovics den verbindenden Teilen. In einem Lied von Basma Jabr wiederum hatte er das Gefühl, dass ein Orchesterzwischenspiel benötigt würde – und begann just mit diesem. „Oft gehe ich vor wie bei einem Puzzle und suche dann die Verbindung zwischen den einzelnen Stücken“, so Radanovics.

Da die Sängerinnen auch eigene Instrumentalistinnen und Instrumentalisten mitbringen, galt es, diese zu integrieren und ihnen Platz für Improvisationen zu lassen. Dennoch versuche Radanovics, die originale Begleitung nicht einfach zu instrumentieren, sondern sich „von dieser zu lösen und etwas Eigenes zu schaffen“. Sich in die verschiedensten Stile hineinzudenken war für ihn „mal leichter, mal schwieriger. Gerade bei Sakinas Musik habe ich mir viele weitere Beispiele angehört, um mich noch besser einzufühlen.“ So kamen – durch die Sängerinnen ebenso wie durch die Instrumentalisten – „neue musikalische Erfahrungen für mich dazu“, so Radanovics. „Alles, was ich mache, setzt einen großen Vertrauensvorschuss voraus. Einerseits möchte ich den Charakter des Liedes bewahren, andererseits soll das Orchester als solches auch zur Geltung kommen und sollen alle Musizierenden Freude beim Spielen ihrer Parts haben.“

Schließlich hatte er seinen Rohentwurf fertig, den er den Sängerinnen präsentierte. „Ich arbeite mit dem Notations-Computerprogramm Sibelius, das das, was ich schreibe, in Klänge umsetzt, sodass man sich gut vorstellen kann, wie es mit Orchester klingen wird.“ Von diesem „Software“-Orchester hörten die Sängerinnen dann in Radanovics’ Atelier, was er aus ihren Liedern gemacht hatte. „In dieser Phase wäre es natürlich möglich, noch Dinge zu ändern, aber bisher waren die Sängerinnen bis auf einige für sie wichtige Details sehr glücklich mit dem, was ich vorgeschlagen habe – und sie waren oft sehr überrascht, welche zusätzlichen Farben das Orchesterspiel ihren Liedern hinzufügt.“ Besonders berührt habe ihn die Reaktion von Alexia Chrysomalli: „Sie rief begeistert aus, dass es zauberhaft sei, was dazugekommen war. Das hat mich sehr glücklich gemacht.“ Denn schließlich sei das, was er für die Sängerinnen kreiert, „wie ein neues Gewand, das noch ungewohnt ist – in dem man sich aber wohlfühlen soll. Wenn das klappt, ist es für alle sehr beglückend.“

Theresa Steininger
Dr. Theresa Steininger arbeitet als Kulturjournalistin für „Die Presse“.

WIENER STIMMEN

So vielfältig klingt die Stadt! Das Projekt „Wiener Stimmen“, das die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien mit der Brunnenpassage gestaltet, zeigt es in einem faszinierenden Prozess. Sechs in Wien lebende Sängerinnen mit unterschiedlichen musikalischen und sprachlichen Backgrounds wurden eingeladen, ihre Songs für großes Orchester bearbeiten zu lassen und am 4. Juni 2022 im Großen Musikvereinssaal mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich im Rahmen des Musikverein Festival aufzuführen.  Dieses Projekt wird von der Erste Bank im Rahmen der Premium-Partnerschaft mit dem Musikverein unterstützt.

Monatsmagazin Musikfreunde Mai / Juni 2022

Die internationale Konferenz, zu der die Gesellschaft der Musikfreunde 1885 nach Wien einlud, könnte als Fachtagung verbucht werden: als Veranstaltung unter Spezialisten. In Wahrheit aber ging sie weit darüber hinaus. Die Wiener Stimmtonkonferenz von 1885 war ein bedeutsamer gesellschaftlicher, ja politischer Akt. Mit der Einigung auf eine gemeinsame, international verbindliche Stimmtonhöhe wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, miteinander musizieren zu können, ganz gleich, woher der eine, woher die andere in einem Ensemble stammt.