Seht! Hört! Lasst euch erzählen!

Andrés Orozco-Estrada und Haydns „Jahreszeiten“

Auf „Die Schöpfung“, vor gut einem Jahr aufgeführt, lässt Andrés Orozco-Estrada mit den Wiener Symphonikern, dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde und einem fantastischen Solistenterzett jetzt „Die Jahreszeiten“ folgen. Die größtmögliche Nähe zu Haydn suchte er schon vorab, bei einem Gespräch im Archiv des Musikvereins.

„Seht!“ Gleich mit dem ersten Wort, das in Haydns „Jahreszeiten“ gesungen wird, ist sie da: die Aufforderung. Und sofort macht das Wort die Runde. Simon, Lukas und Hanne – ein jeder hat gleich etwas zu zeigen, dem er das einladende „Seht!“ voranstellt. „Die Jahreszeiten“ sind ein einziger großer Appell, Augen und Sinne, Herzen und Seelen zu öffnen für das Wunderbare der Schöpfung, wie es sich im Lauf der Jahreszeiten enthüllt.

Vor gut einem Jahr hat Andrés Orozco-Estrada „Die Schöpfung“ im Musikverein dirigiert. Es war ein besonderes, denkwürdiges Konzertprojekt. Orozco-Estrada stellte sich damit als neuer Chefdirigent der Wiener Symphoniker vor, zugleich war diese „Schöpfung“ ein erstes Konzert nach der verstörend langen (ersten) Schließzeit, die uns Corona aufzwang. Die Wunder, von denen da so beredt erzählt und beseelt gesungen wurde, strahlten vor diesem dunklen Hintergrund noch mehr als sonst. Und Orozco-Estrada ließ sie leuchten, ein glühender Anwalt all der Appelle, die Haydn so hinreißend in Musik gesetzt hat. Nun also, ein Jahr später, „Die Jahreszeiten“ … Die Anfrage nach einem Gespräch dazu beantwortet der Dirigent sofort zustimmend, ergänzt um eine Frage seinerseits: Ob es vielleicht im Archiv des Musikvereins etwas Interessantes dazu zu sehen gäbe? So wie zur „Schöpfung“, so wie zu Beethovens Symphonien, so wie zu vielen, vielen weiteren Werken des Repertoires …? Aber sicher gibt es das! Und so wird aus einem geplanten Interview ein Gespräch zu dritt im Archiv des Musikvereins. Das Motto kann da nur lauten: „Seht!“

Für den neuen Archivdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde, Dr. Johannes Prominczel, ist das ein erster Termin, und der könnte kaum schöner ausfallen: Zeigen dürfen, was die so reichen Bestände von Archiv, Bibliothek und Sammlungen alles bieten können; erlebbar machen, welche Einsichten und Anregungen von ihnen ausgehen; im Dialog entfalten, wie inspirierend sie gerade auch fürs Künstlerische sein können. Zu all dem könnte man sich keinen interessierteren Partner denken als Andrés Orozco-Estrada.

Seht! Das erste Sammlungsobjekt, das Prominczel aus einer Archivbox hebt, ist ein Satz handgeschriebener Orchesterstimmen aus der Schreibwerkstatt des mit Haydn eng zusammenwirkenden Kopisten Johann Elßler. Ein paar Stimmen stammen von anderer Hand, und die springen besonders in Auge: Stimmen von Instrumenten, die gar nicht in der originalen Partitur stehen, Gran Cassa, Tamburin, und – seht, wie hübsch wienerisch geschrieben! – „Triongel“. Weshalb dieses Zusatz-Klingeling, wozu diese Schlagzeuggarnierung? Die Perkussions-Extras, erläutert Prominczel, gehören möglicherweise zu einer Aufführung der „Jahreszeiten“ bei einem Musikfest der Gesellschaft der Musikfreunde 1838. Bei solchen Festen sprengten die Massen die Maße, Größe war Trumpf, und so durfte es bei opulenten Chor-Orchester-Nummern schon auch einmal eine Extra-Schlagwerksalve sein.

Für Orozco-Estrada sind das, versteht sich, keine Erkenntnisse, die sich für sein Dirigat „verwerten“ ließen. Aber darum geht es auch gar nicht! Wichtiger als die Information ist hier die Inspiration: die Aura, die von solchen Objekten ausgeht. „Wenn ich diese handgeschriebenen Stimmen sehe“, sagt Orozco-Estrada, „hätte ich immer gleich Lust, sie so auf die Orchesterpulte zu legen und daraus spielen zu lassen. Einfach, um noch näher dran zu sein am Geist des Originals.“ Und den will Orozco-Estrada wecken, mit aller Lebendigkeit des Erzählens. Es ist ein Schlüsselwort für den Dirigenten: „erzählen“! Nicht zufällig räumt er daher auch Haydn eine Schlüsselrolle in seinen ersten Symphoniker-Spielzeiten ein. „Transparenz, Genauigkeit, Artikulation, Phrasierung, all diese ganz wesentlichen Dinge“, sagt er, „kann man sich bei Haydn nicht nur bestens bewusst machen, sondern auch wirklich pflegen. Wie phrasieren wir, wie sprechen wir, wie erzählen wir? Ob ein Programm hinter der Musik steckt, ist nebensächlich. Die Musik erzählt! Und das überträgt sich auch auf andere Werke, die wir spielen, ob es frühromantische oder klassische Komponisten sind, ob Bruckner, Mahler oder Richard Strauss. Das ist nur eine Reihenfolge, eine Entwicklung, aber eines gehört zum anderen. Und Haydn bildet dafür eine Basis.“

„Die Himmel erzählen“, heißt es in der „Schöpfung“ – und himmlisch wurde erzählt, als die „Schöpfung“ vor Jahresfrist im Musikverein erklang. Die Symphoniker hatten dafür die rechte Sprache, eine ideale Klangrede gefunden. Den Harnoncourt’schen Begriff darf man da durchaus einführen – Musik als Klangrede –, denn sein Erbe ist bei den Symphonikern noch immer lebendig. Als Cellist war er bekanntlich lange Jahre Mitglied des Orchesters, als Dirigent stand er später immer wieder im Pult, „Die Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“ spielte er mit den Wiener Symphonikern sogar auf Schallplatte ein. Orozco-Estrada wiederum wurde nach Harnoncourts Tod gebeten, Konzerte des Concentus Musicus zu übernehmen. Und so gibt Harnoncourt für alle, Dirigent wie Orchester, ein Ideal vor: Das Wissen ist nur Ferment der Aussage. Immer muss es ums Expressive gehen, ums Bewegende und Berührende einer Botschaft, die im historischen Werk steckt und uns heute etwas zu sagen hat. In diesem Geist spielen die Symphoniker jetzt die „Jahreszeiten“. Und wie bei der „Schöpfung“ ist wieder der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde dabei. „Die Arbeit mit dem Singverein“, sagt Orozco-Estrada, „ist für mich immer eine große Freude, eine Bereicherung. Die wesentlichen Dinge kommen hier zusammen: Wissen – und das Menschliche. Es sind die Seelen, die die Musik tragen.“

Andrés Orozco-Estrada
© Martin Sigmund

Andrés Orozco-Estrada 

19. Oktober 2021

Wiener Symphoniker
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Andrés Orozco-Estrada | Dirigent
Marlis Petersen | Sopran
Mauro Peter | Tenor
Florian Boesch | Bass

Joseph Haydn
Die Jahreszeiten, Hob. XXI:3

火曜日, 19. 10月 2021, 07.30 午後

Andrés Orozco-Estrada
© Werner Kmetitsch

Andrés Orozco-Estrada 

20. Oktober 2021

Wiener Symphoniker
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Andrés Orozco-Estrada | Dirigent
Marlis Petersen | Sopran
Mauro Peter | Tenor
Florian Boesch | Bass

Joseph Haydn
Die Jahreszeiten, Hob. XXI:3

水曜日, 20. 10月 2021, 07.30 午後

Eine zweite Archiv-Kostbarkeit, die Johannes Prominczel und sein Vorgänger Otto Biba für das Gespräch ausgesucht haben, wird jetzt mit weißen Archivarshandschuhen sacht durchblättert: die Partitur-Erstausgabe der „Jahreszeiten“, kunstreich gestochen, mit einer aufwendigen Vignette auf dem Titelblatt. Schaut man genauer hin, fällt eines auf: Nur der berühmte Autor der englischen Vorlage, Thomson, wird genannt; der Librettist des deutschen Texts bleibt im Verborgenen. Dabei konnte keine Rede davon sein, dass man ihn nicht gekannt hätte! Toute Vienne, ja die ganze Musikwelt wusste, dass Baron Gottfried van Swieten, Textdichter der „Schöpfung“, auch die Verse fürs Nachfolgewerk schmiedete. Früh drang dabei auch Hitziges nach draußen. Haydn, so berichtete sein Biograph Griesinger, „beklagte sich oft bitterlich über den poetischen Text der Jahreszeiten, und wie schwer es ihm werde, sich durch das ,Heysasa, Hopsasa, es lebe der Wein! es lebe das Faß, das ihn verwahrt! es lebe der Krug, woraus er fließt!‘ u. d. m. in Begeisterung zu versetzen. Als er an die Stelle kam: ,O Fleiß, o edler Fleiß, von dir kommt alles Heil!‘ bemerkte er, daß er sein ganzes Leben hindurch ein fleißiger Mann gewesen, aber daß es ihm nie eingefallen sey, den Fleiß in Noten zu bringen.“ Andrés Orozco-Estrada kennt natürlich auch diese Geschichten und all den Seitenblicke-Tratsch, der vom Entstehungsprozess der „Jahreszeiten“ verbreitet wurde.

Was den Fleiß angeht, würde auch er ein Loblied auf Haydn anstimmen. „Dieser Fleiß, eingebettet in Genialität – das beeindruckt mich tief an Joseph Haydn. Ein ganzes langes Leben hat er der Musik gewidmet, uns durch Genialität und Fleiß unglaublich reich beschenkt.“ Dass Joseph Haydn selbst davon sprach – ja wohl auch damit kokettierte –, die „Jahreszeiten“ seien ein schwächeres Stück als die „Schöpfung“, will Orozco-Estrada so nicht gelten lassen. „Wie er mit Tönen, wie er mit Klängen malt, allein das ist einzigartig! Die Farben, die er findet, die Fantasie, die er zeigt, sein Witz und seine Könnerschaft – ich kann da nicht finden, dass es hinter der ,Schöpfung‘ zurückstünde. ,Die Jahreszeiten‘ sind einfach ein geniales Werk! Und ich kann’s kaum erwarten, es zu dirigieren.“ Am 19./20. Oktober ist es so weit. Seht! Hört! Lasst euch erzählen!

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Monatsmagazin Musikfreunde September / Oktober 2021

Frühlingserwachen mitten im Herbst. Etwas von dieser Stimmung wird sich zweifellos einstellen, wenn der Musikverein im Oktober „Die Jahreszeiten“ spielt. Haydns große Hommage an den Lauf der Zeiten beginnt bekanntlich mit einem überschwänglichen Gefühl der Erleichterung. Vorbei ist’s mit Starre, Lähmung, strenger Enge. Der Frühling, freudig herbeigesungen, lässt sich nicht mehr aufhalten.

Ja, und so ist es dann hoffentlich überhaupt im Herbst, wenn der Musikverein in seine neue Saison geht: Frühlingserwachen im September. Aufatmen und Aufblühen, ein Neu- und Wiederbeginn mit dem Gefühl großer Erleichterung. Hoffen wir darauf! Unser Programm ist jedenfalls ganz auf diese Stimmung ausgerichtet. Voll Optimismus starten wir mit einem vollen, vielfältigen Konzertkalender – und mit einer Saisoneröffnung, die ein ganzes Wochenende zum Fest der Musik macht.

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