Großes Glück

Alain Altinoglu

Zur Saisoneröffnung im Großen Musikvereinssaal steht am 24. September der französische Dirigent Alain Altinoglu am Pult der Wiener Philharmoniker.

„Die meisten Menschen sind so glücklich, wie sie es sich selbst vorgenommen haben“, hat Abraham Lincoln einmal gesagt. Wenn das stimmt, hat sich Alain Altinoglu offensichtlich vorgenommen, sehr glücklich zu sein. Jedenfalls macht er genau diesen Eindruck. Der 45-Jährige ist aufmerksam und zugewandt – und selbstironisch. Er nimmt seine Arbeit und die Musik ernst, tiefernst. Aber wenn es um ihn selbst geht, liegen auch Humor und Leichtigkeit in der Luft. Das Gespräch mit ihm ist lebendig und luftig, assoziationsreich und von Anfang bis Ende ein großes Vergnügen.
Man könnte es sich jetzt leicht machen und sagen: Nun ja, der Mann ist halt Franzose und sein nicht unbeträchtlicher Charme Teil seiner genetischen Grundausstattung. Doch so einfach ist es nicht. Geboren wurde er zwar in Alfortville im Département Val-de-Marne bei Paris, aber seine Familie ist – beiderseits – armenischen Ursprungs. Erst 1971 waren seine Eltern nach Frankreich gekommen. Und was es noch ein bisschen komplizierter macht: Bevor die Altinoglus an die Seine zogen, lebten die Eltern in Istanbul – und deren Vorfahren wiederum einige Generationen lang im kleinasiatischen Kütahya, also ungefähr in der Mitte zwischen Istanbul und Ankara.

Mit so einer länder- und kulturübergreifenden Familienhistorie im Gepäck – was ist da eigentlich seine Muttersprache? „Armenisch“, antwortet er. „Wir haben zu Hause ausschließlich armenisch gesprochen. Französisch habe ich erst in der Schule gelernt.“ Und als er mit der Musik begann, wehte zusätzlich noch ein Hauch k. u. k. Monarchie durchs Haus: Seine Mutter, eine Klavierprofessorin, hatte einst bei Ferdi Statzer studiert, der 1906 als Friedrich von Statzer in Wien geboren wurde, 1932 ans Istanbuler Konservatorium berufen wurde – und dort bis zu seinem Tod im Jahr 1974 zahlreiche namhafte türkische Pianisten ausbildete. „Er war ein Student Emil von Sauers, der seinerseits bei Franz Liszt studiert hatte“, erzählt Altinoglu.

Die Mutter, seine erste Lehrerin, vermittelte ihm neben der Liebe zur armenischen Küche auch die Faszination der Noten und brachte ihm das Klavierspiel bei. Doch auch der Vater, ein Mathematikprofessor, liebte klassische Musik, dirigierte als Laie den Chor der armenischen Kirche in Paris, Sainte-Croix de Paris des Arméniens. Ein Gotteshaus im Quartier du Temple, errichtet um 1620 und versteckt hinter großen, abweisenden Mauern. Dessen Schmuckstück: die 1844 eingebaute Große Orgel von Aristide Cavaillé-Coll, dem „Maître des Maîtres“ (Meister der Meister) seines Fachs. Ein so außerordentliches Instrument, dass es zuvor auf der Französischen Industrieausstellung im eigens dafür errichteten Palais de l’Industrie et des Beaux-Arts präsentiert wurde.
Was Altinoglu vom Spiel auf dieser Kostbarkeit in Erinnerung geblieben ist? „Die hohe Sensibilität, mit der die Pedale auch auf die kleinste Bewegung meiner Füße reagierten.“ Doch damit nicht genug. „Eines Tages entdeckte ich zu meiner Überraschung auf einer der Orgelpfeifen eine Inschrift: ‚Ich wurde gespielt von César Franck‘.“ Und stimmte das? Ja, nickt Altinoglu. In der Tat war der belgisch-französische Komponist dort von 1851 bis 1858 als Organist tätig gewesen.
Womit wir bei einem der Programmpunkte seines September-Konzerts im Musikverein angekommen sind: Francks Symphonie d-Moll, komponiert zwischen 1886 und 1888 – und, abgesehen von einem jugendlichen Versuch, dessen einzige Symphonie. Wie er das Werk beschreiben würde? Es sei eine „composition cyclique“, sagt Altinoglu. „Diese Kompositionstechnik zieht sich durch das gesamte Werk, was ihm eine beeindruckende Einheit verleiht. Alles ist – ein bisschen wie bei Bruckner – miteinander verbunden. Und, weil wir gerade darüber gesprochen haben: Franck war ja ein großer Organist, und in diesem Werk spürt man deutlich die Kraft der Orgel.“

Alain Altinoglu
© Marco Borggreve

Alain Altinoglu 

24. September 2021

Wiener Philharmoniker
Alain Altinoglu | Dirigent
Gautier Capuçon | Violoncello

Antonín Dvořák
Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll, op. 104
César Franck
Symphonie d-Moll

金曜日, 24. 9月 2021, 07.30 午後


Altinoglus musikalisches Fundament sind die Tasteninstrumente. Die Beziehung zu ihnen hat er nie verloren – Kammermusik spielt er bis heute, und die Liederabende mit seiner Frau, der Mezzosopranistin Nora Gubisch, sind mittlerweile auch auf diversen Einspielungen nachzuerleben. Am Pariser Konservatorium studierte er Klavier, nebenher arbeitete er als Souffleur, Korrepetitor und Übertitel-Verantwortlicher an der Oper. Zum ersten Dirigat dort – im Alter von 25 Jahren – verhalf ihm ein glücklicher Zufall. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort: 2001 sprang er, ohne jemals zuvor eine Dirigierstunde erhalten zu haben, bei einer Probe der Oper „K“ von Philippe Manoury für Dennis Russell Davies ein, weil dessen Frau gerade ein Kind bekam.
Natürlich ging alles gut, und hinterher bekam er viel Zuspruch von den Orchestermusikern. „Hätten sie abgewunken, hätte ich vermutlich nie wieder dirigiert.“ Aber er erzählt auch, dass die Grundlage dafür natürlich schon früh gelegt worden war: „Ich habe Orchestermusik immer geliebt und schon als Kind Transkriptionen für Klavier erstellt. Mit zwölf arbeitete ich sechs Monate an einer Transkription von Beethovens Sechster Symphonie. Als sie fertig war, platzte ich vor Stolz. Aber nur wenig später stellte ich fest, dass Franz Liszt das schon lange vor mir erledigt hatte. Ich war sehr, sehr enttäuscht.“
Nur vier Jahre nach „K“ gab er – nach Zwischenschritten in der französischen Provinz – mit „Carmen“ sein Debüt an der New Yorker Met. Als Spätblüher gestartet, ging dann auf einmal alles ganz schnell. Und nun liegen schon zwei Jahrzehnte als weltreisender Dirigent zwischen Philadelphia, Cleveland, Moskau, Montréal, Berlin und Wien hinter ihm. Seit Anfang 2016 ist er zudem Directeur Musical des Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, seit wenigen Tagen Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters Frankfurt.
Die Basis für all das? Das Haus in Paris mit dem kleinen Garten. Dort lebt er mit seiner Frau und seinem 15-jährigen Sohn. Der ganz und gar unspektakuläre Alltag mit der Familie: Sport und Nachrichten gucken, ins Kino gehen … Wie ist das, wenn beide Eltern Profi-Musiker sind: Sprechen sie daheim über Werke, Komponisten, Kollegen? „Das eine ist unser Job, und der ist für uns beide immens wichtig“, antwortet er. „Aber das andere ist unser Leben. Wir brauchen beide beides. Aber nicht gleichzeitig.“

Was ihn für Orchestermusiker und Sänger zum attraktiven Kollegen macht, ist vermutlich genau dasselbe Talent, das ihn auch als Gesprächspartner auszeichnet: seine Fähigkeit zur  immer freundlichen, aber gleichwohl präzisen Kommunikation. „Die Orchester haben heutzutage so ein hohes Niveau – jeder einzelne Musiker würde seine Partie in der Franck-Symphonie auch ohne mich perfekt spielen. Aber jeder würde sie anders interpretieren. Mein Job ist es, sie alle zusammen auf einen gemeinsamen Pfad zu bringen.“ Und ist man da besser autoritär? Oder lieber freundlich? Selbstverständlich Letzteres, sagt Altinoglu sofort. Die Zeit der Diktatoren sei vorbei. Aber: „Das Wichtigste ist: Sei du selbst. Nur dann hat das Orchester Respekt vor dir.“ Warum er sich als Dirigent am richtigen Platz fühlt? „Ich glaube, mein Temperament und mein Charakter passen ganz gut zu diesem Beruf.“ Glück ist eben auch die Fähigkeit zu erkennen, wo man hingehört.

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München.

Monatsmagazin Musikfreunde September / Oktober 2021

Frühlingserwachen mitten im Herbst. Etwas von dieser Stimmung wird sich zweifellos einstellen, wenn der Musikverein im Oktober „Die Jahreszeiten“ spielt. Haydns große Hommage an den Lauf der Zeiten beginnt bekanntlich mit einem überschwänglichen Gefühl der Erleichterung. Vorbei ist’s mit Starre, Lähmung, strenger Enge. Der Frühling, freudig herbeigesungen, lässt sich nicht mehr aufhalten.

Ja, und so ist es dann hoffentlich überhaupt im Herbst, wenn der Musikverein in seine neue Saison geht: Frühlingserwachen im September. Aufatmen und Aufblühen, ein Neu- und Wiederbeginn mit dem Gefühl großer Erleichterung. Hoffen wir darauf! Unser Programm ist jedenfalls ganz auf diese Stimmung ausgerichtet. Voll Optimismus starten wir mit einem vollen, vielfältigen Konzertkalender – und mit einer Saisoneröffnung, die ein ganzes Wochenende zum Fest der Musik macht.

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