Eine neue Poesie

Christian Gerhaher im Porträt

Mit vokaler Kammermusik beginnt Christian Gerhaher die Reihe seiner Porträt-Konzerte im Musikverein. Im Mittelpunkt dieses ersten Konzerts: Othmar Schoecks „Notturno“, ein Werk, das im 20. Jahrhundert tief spürbar macht, welches Potenzial im Erbe der Romantik steckt. Man muss es nur zu heben wissen und neu durchdringen. So wie Schoeck. So wie Gerhaher …

Wenn Christian Gerhaher Programme mit Raritäten wie Othmar Schoecks „Notturno“ auf Gedichte von Nikolaus Lenau und einem Schlussgesang nach Gottfried Keller in Gestalt eines fünfsätzigen Streichquartetts mit vierzehn eingearbeiteten Gesängen von dreiviertel Stunden Dauer bietet – dann scheint das eine Mission zu sein. Christian Gerhaher hat sie gesprächsweise schon im Journal des Musikverein-Saisonprogramms umschrieben, und zwar mit Versen Nikolaus Lenaus: „Die Seele sieht mit ihrem Leid/ Sich selbst vorüberfließen“ … Diese Verse gehören zu den Schlüsselmomenten in Schoecks „Notturno“ aus dem Jahr 1932 – als Botschaft an unser heutiges Ich höchst aktuell: Pandemiebedingt haben wir erfahren, wie sehr wir plötzlich auf unser Ich zurückgeworfen sein können und unsere Seele nicht mehr geübt ist, ihre Schwingungen zu nutzen. Dafür ist Lyrik die wahre Lehre. Sie nützt das „Sprachgitter“, um Paul Celans Wort auszuborgen, damit die Seele sich selbst bewusst wird. Und sie findet die Musik, um diese Erkenntnis sinnlich fassbar werden zu lassen. Ein Programm wie das erste im Musikvereinsporträt von Christian Gerhaher erinnert uns schlichtweg an uns selbst; denn wir werden uns mehr und mehr brauchen in aller Zukunft …

Chrisitan Gerhaher
© Sony Classical International

Chrisitan Gerhaher 

3. Oktober 2021

Christian Gerhaher | Bariton
Isabelle Faust | Violine
Anne Katharina Schreiber | Violine
Timothy Ridout | Viola
Danusha Waskiewicz | Viola
Jean-Guihen Queyras | Violoncello
Christian Poltéra | Violoncello

Othmar Schoeck
Notturno. Fünf Sätze für Streichquartett und eine Singstimme, op. 47
Arnold Schönberg
Verklärte Nacht, op. 4 
Hector Berlioz
Les Nuits d’été, op. 7 (Bearbeitung für Singstimme und Streichsextett von David Matthews)

Anschließend: Auf ein Glas mit Christian Gerhaher

Dieses Konzert ist Teil des Zyklus
Soirée musicale

日曜日, 03. 10月 2021, 07.30 午後

Othmar Schoeck ist der letzte der großen Liedkomponisten des – mit Verlaub – neunzehnten Jahrhunderts, denn da wohnt das Lied und das vollkommene lyrische Bewusstsein. Und Schoeck, 1886 geboren, 1957 gestorben, reicht ein halbes Jahrhundert ins zwanzigste hinein. Er hat das Lied sozusagen aus dem Geiste von Schubert, Schumann, Brahms, Wolf hinübergerettet in die Zukunft – und wird daher zu oft missdeutet als epigonaler Idylliker aus dem Land des vermeintlich ewigen Idylls Schweiz. Dabei ist er in sich progressiv, was die musikalische Erkenntnis der Seele angeht, steht aber mit seiner Musiksprache für sich, vielleicht gar einsam. Die Zeitgenossen gehen im Grunde andere Wege. Schoecks geradezu exklusives Liedbewusstsein wird schon früh offenbar, das Lied erkennt er als sein Medium und entfaltet es reich und filigran – in rund 400 Liedern.

Christian Gerhaher hat nun klug – in Nachfolge des letzten großen Schoeck-Propheten Fischer-Dieskau – nicht einen Liederstrauß von Einzelliedern programmiert, sondern eben das „Notturno“. Auch wenn Schoeck den zerrissenen Grenzgänger Lenau von frühauf als „seinen“ Dichter erkennt und komponiert, auch wenn er 1922 bereits einen enormen Lenau-Zyklus mit Kammerorchester unter dem Titel „Elegie“ hervorgebracht hat, der auch durch Gerhaher wieder im Gespräch ist – das „Notturno“, ein Jahrzehnt später entwickelt, ist sein Bekenntniswerk, mit dem er sich geradezu bewusst vom puren Lied löst. Die Sprache der Bekenntnisse sei noch nicht erfunden, hat Hofmannsthal so schön gesagt, und sie ist wohl der Musik vorbehalten. Schoeck sucht musikalisch diese Dimension und findet sie in der sublimen Gattung des Streichquartetts, gleichsam in der absoluten Musik, in der er sich mit zwei Streichquartetten (1912 und 1923) „absolut“ erprobt hatte. Aber Schoeck braucht das Wort, nun jedoch anders; und er braucht Lenau.

Braucht Lenau, um wahrhaft persönlich zu werden, um nicht zu sagen: intim. Es geht nämlich bei Lenau nicht – wie oft pauschal behauptet – um den sogenannten romantischen Weltschmerz, sondern konkret um Liebesverlust, der ihn in den Wahnsinn treibt und zur Dichtung als Überlebensakt wird. Grenzgang in allem, und vergleichbar nur dem Schicksal Hölderlins, dem er schon dadurch nahe ist, dass er phasenweise in Schwaben lebte und innige Freundschaft zum Arzt und Geisterseher Justinus Kerner hielt, welcher immerhin Hölderlin in der Tübinger Anstalt gepflegt und dessen visionäre Kraft eben nicht nur als Krankheit erkannt hatte. Bei Lenau – und das kommt der Musik entgegen – sind die sprachlichen Zeichen nicht derartig revolutionär wie bei Hölderlin, sondern, bei aller Fatalität der Inhalte, in der Form überwiegend liedhaft: daher fassbar und dem musikalischen Zugriff offen, sodass Lenau durch die Zeiten zu einem der meistkomponierten Dichter wurde, man denke nur an seine  „Schilflieder“, die Klein und Groß in Musik setzten. Schubert nicht, obwohl er mit Lenau bekannt war – zu spät für ihn erschienen dessen Gedichte im Druck.

Schoeck hingegen legt sein eigenes Liebesschicksal auf das dieses Dichters, deshalb gibt er dem „Notturno“ -geradezu eine Dramaturgie des Liebesverlusts. Denn Schoeck trägt wie Lenau Liebeswunden: der Dichter im Leben als wilder „Outlaw“, der im Tollhaus endet; Schoeck subkutan unter dem Mantel der Schweizer Bürgerlichkeit. Man weiß aus der Biographik, vor allem den Forschungen von Chris Walton, dass dem Lenau-Konnex Schoecks das eigene Schicksal zugrunde liegt: eine tief gefühlte, allumfassende, aber gescheiterte Liebe zu Mary de Senger bis in die frühen zwanziger Jahre, dann eine überstürzte Ehe mit einer anderen Frau … und dann: lebenslang in Musik verborgene Passion. Nicht nur der Verlust, der über ein Jahrzehnt zurückliegt, sondern die Ewigkeit des Schmerzes wird im „Notturno“ komponiert – unaufhörliches, stets domestiziertes Leid. Walton erkennt im „Notturno“ die dichteste Umsetzung dieses Liebesleids und spricht vom Mary-Motiv, das im gesamten Opus, aufs zarteste verwandelt oder maskiert, wie manisch immer wieder erscheint – und nicht nur in diesem Werk, eigentlich in allen seit der Trennung von Mary 1923. Eine Liebesmusik, nach außen verhüllt, die als solche auch vor der Gattin virtuos versteckt wird. So manches wird uns damit klar an der Eigenart von Schoecks Musik, auch wenn man bei allen biographischen Konnotationen scheu zu sein hat …

So sind die Gesänge des „Notturno“ Liebesklagen im Abgesang, für den Schoeck eine eigene prozessuale Gestalt schafft in freier Nutzung des geradezu Beethoven’schen Streichquartettgebildes. Der Quartettsatz erhält nun neue Funktion, dadurch dass die Lenau-Gedichte wie eine fünfte Quartettstimme integriert werden: Es wird absolute Musik mit gesungener Sprache als „Stimme“ evoziert – Schoeck verlässt die Sprache, wo sie zu enden scheint, und lässt den Gedanken in Musik umschlagen und vice versa. Die Sprache, wo sie spricht, wird unvergleichlich subtil deklamiert. Das ist Schoecks größte Meisterschaft; denn er ist kein Illustrator, arbeitet im wahrsten Wortsinne mit Mitteln der schon von Brahms wundersam praktizierten „musikalischen Prosa“ – um Schönbergs Begriff zu benutzen. Schoecks unendlich gestauter und verhüllter Liebesschmerz wird ausgesprochen, indem die Metren der Verse in deklamierte Prosa umschlagen, momentweise, um musikalisch dann auch wieder verhüllt zu werden. Es bleibt am Ende unendliche Einsamkeit, wörtlich Lenau: „O Einsamkeit, wie trink ich gerne/ Aus deiner frischen Waldzisterne …“ – bis Schoeck den Schlusssatz sich wenden lässt und den transfigurierenden Schritt tut: „Allegretto tranquillo“ verlässt er sein mit Lenau identifiziertes Selbst, nun aber auf die Worte seines Landsmanns Gottfried Keller, aufblickend zu den ewigen Sternen – ein Prosa-Gedicht Kellers zieht er heran, womit sich Schoeck vom Metrum, vom Lied gewissermaßen erlöst in eine neue Poesie der „freien Rhythmik“, die alles Hiesige psalmodierend in langen, langen Noten als Gebet an das Sternbild „Heerwagen“ ausklingen lässt: „Nimm die Seele auf und lass sie mit dir reisen.“

Georg-Albrecht Eckl
Georg-Albrecht Eckle lebt in München und ist Autor und Regisseur – mit einem besonderen Akzent auf dem Dialog zwischen Wort und Musik.

Monatsmagazin Musikfreunde September / Oktober 2021

Frühlingserwachen mitten im Herbst. Etwas von dieser Stimmung wird sich zweifellos einstellen, wenn der Musikverein im Oktober „Die Jahreszeiten“ spielt. Haydns große Hommage an den Lauf der Zeiten beginnt bekanntlich mit einem überschwänglichen Gefühl der Erleichterung. Vorbei ist’s mit Starre, Lähmung, strenger Enge. Der Frühling, freudig herbeigesungen, lässt sich nicht mehr aufhalten.

Ja, und so ist es dann hoffentlich überhaupt im Herbst, wenn der Musikverein in seine neue Saison geht: Frühlingserwachen im September. Aufatmen und Aufblühen, ein Neu- und Wiederbeginn mit dem Gefühl großer Erleichterung. Hoffen wir darauf! Unser Programm ist jedenfalls ganz auf diese Stimmung ausgerichtet. Voll Optimismus starten wir mit einem vollen, vielfältigen Konzertkalender – und mit einer Saisoneröffnung, die ein ganzes Wochenende zum Fest der Musik macht.

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