Sir Simon unter den Bayern

Simon Rattle und das Symphonie-orchester des Bayerischen Rundfunks

Wer hätte das gedacht: dass der britische Sir Simon Rattle aus Preußens Gloria, der globalen Spitzenposition bei den Berliner Philharmonikern, trotz seiner innigen Verbindung zum heimatlichen London Symphony Orchestra nun, auf der Höhe des Weltruhms, München als Metropole seiner Musik wählt und seinen Glanz dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks leiht.

Gewiss, das Orchester, verwaist nach dem Tod seines Meisters Mariss Jansons, braucht keinen „Star“, hat aber einen Stern verdient, der es führt – und: Man wollte Sir Simon als Schubkraft politisch, kulturell wie musikalisch. Abenteuerlustig genug: Er, der Sir aus Berlin, sechsundsechzigjährig, wollte auch. Immer haben die Großen an den Dirigentenpulten auch hier Zeichen gesetzt in Oper und Konzert, man denke nur an Celibidache; und nun an Petrenko, kürzlich noch General der Staatsoper, trat er an Sir Simons Stelle in Berlin, und Rattle bringt Berlin im farbigen Abglanz mit nach München – oder?
Oder beginnt Sir Simon hier ganz neu? Freilich, er kann sich hier einer hochklassig bewährten BR-Tradition anschließen von Jochum über Kubelik zum ersten Sir – Sir Colin Davis. Klassische Jahre. Dann das Phänomen Maazel, das sozusagen volle Globalität dieses Orchesters fundamentierte. Und Jansons, der eine Art Münchner Identität schaffte durch musikantische Solidität. Und jetzt Sir Simon aus der Tradition des britischen Dirigenten-Hochadels: der Legenden Sir Thomas Beecham, Sir John Barbirolli, Sir Adrian Boult – letzterer übrigens der berühmteste von Rattles Vorgängern in Birmingham ... Birmingham? Ja, Rattle gelang der unsagbare Sprung von Birmingham, wo er fast zwei Jahrzehnte das City of Birmingham Symphony Orchestra leitete, geradewegs an die Spitze der Berliner Philharmoniker für sechzehn Jahre.

Sir Simon Rattle
© Haenel - Berliner Philharmoniker

Sir Simon Rattle 

21. November 2021

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Chor des Bayerischen Rundfunks
Augsburger Domsingknaben

Sir Simon Rattle | Dirigent
Camilla Tilling | Sopran
Magdalena Kožena | Mezzosopran
Mark Padmore | Tenor (Evangelist)
Andrew Staples | Tenor
Georg Nigl | Bariton (Christus)
Roderick Williams | Bariton

Johann Sebastian Bach
Matthäuspassion, BWV 244 

日曜日, 21. 11月 2021, 11.00 午前

Ihn erwartet in München eine ganz andere Mission: Für eine bestehende Konzertkultur muss hier das Eigene gleichsam neu erfunden werden, darf nicht die lokal veränderte Fortsetzung von Rattles Weltruhm sein – das ist wichtig bei diesem als „Everybody’s Darling“ beliebten Star-Dirigenten. Wie kann Rattle aus dieser Aura heraustreten? Entscheidende Einblicke, um das Talent Rattle zu verstehen, gibt ein Interview mit seinem wichtigsten Mentor, dem britischen Ausnahme-Dirigenten John Carewe, der den ungeheuren musikalischen Eros Simons erkannte und die Verve, mit der er ans Werk geht – ihn aber analytisch herausforderte und ihm zeigte, wie Musik Bedeutung gewinnt und Interpretation zur unverwechselbaren Sprache wird. Große Chance: Rattle kann mit den Bayern Einzigartigkeit entwickeln und Strukturen setzen, die das geliebte Bild von ihm als Sympathieträger auch einmal durchkreuzen können, um das Publikum nicht zuletzt sogar konfliktbereit zu machen im Umgang mit Vergangenheit und Zukunft.
Rattles Münchner Vertrag beginnt 2023, in London bleibt er präsent seinem LSO als „Conductor Emeritus“; in Berlin will er, der erklärte Brexit-Gegner, weiterhin leben, und nicht im europafeindlichen England. Die ersten musikalischen Zeichen, die Rattle nach seiner Wahl in München setzte, könnten irgendwie vermuten lassen, dass er in diesem Moment zu seinen Anfängen zurückschaut, um sich dorther die Kraft zum neuen Entwurf zu holen: Denn dieser Star begann seinen Weg fünfundzwanzigjährig eben in Birmingham beim City of Birmingham Symphony Orchestra und machte das Orchester durch zwei Jahrzehnte groß in seiner Öffnung zum Neuen wie dem steten Dialog mit der Tradition – man fuhr im London der Achtziger nach Birmingham, wenn man progressiv sein wollte, und ließ sich den Horizont erweitern vom jugendlich-feurigen Simon Rattle, der mit geradezu überwältigender Passion zum Mittler wurde. Vielleicht tankt Rattle gerade jetzt in dieser seiner Jugend auf, in der Zeit etwa, als er die Birmingham Contemporary Music Group gründete, die unerhört Schule machte.
Oder vielleicht setzt er in Bayern, zumal mit dem Rundfunk im Rücken, bei einem kühnen Projekt an, das er während seiner Londoner LSO-Jahre initiierte, um musikalischem Nachwuchs die Türen zu öffnen, gerade wenn die Jungen aus Verhältnissen kommen, die keine Ausbildung je finanzieren könnten und somit chancenlos blieben: Rattles „East London Project“ eröffnet ihnen Bezirk für Bezirk den Weg zur Musik und bietet kostenlose Ausbildung – East London, das sind die klassischen Quartiere derer, die nicht auf der Sonnenseite leben. Sir Simons Herkunft muss diese enorme Motivation bei ihm gezeitigt haben; denn er kommt aus Liverpool, wo kein West-Londoner Glanz, sondern das härteste Arbeiter-Milieu zu Hause ist. Das Projekt gilt als vorbildlich und könnte auch im reichen Bayern systematisch musikalische Zukunft haben.
Dass er unweigerlich seine Akzente setzt, hat er nach seiner Wahl außer Zweifel gelassen und sich bereits mit einem kompakten Konzertangebot im Rahmen der „musica viva“ eingeführt und programmatisch mögliche Zukunft konkret demonstriert mit Orchester wie Chor: im Doppelabend zunächst die Uraufführung von Adámeks neuem Opus „Where are you?“ – realisiert in der enormen Mezzo-Partie von Gattin Magdalena Kožena, inhaltlich aufs engste verknüpft mit „Et exspecto resurrectionem mortuorum“ von Messiaen: Gottsuche gegen Heilsgewissheit. In der zweiten Phase „in vain“ von Georg Friedrich Haas: einstündiges Instrumentalwerk über Werden und Vergehen, und das gleichsam im Gespräch mit Purcells Chorwerk „Begräbnismusik für Queen Mary“. Ein zeichenhafter Beginn? Signal durchaus auch ein weiteres Programm, das den Reigen von Sir Simons Lieblingen bot: Brahms, Strawinsky, Haydn – womit er auch die brillante Bläsersektion des BR-Orchesters ehrte.
Man spürt, wie Rattle in der verhalten-tiefgründigen zweiten Brahms-Serenade (ohne Geigen!) eine Art Liebesverhältnis auslebt und die Bläserdialoge betörend klingen lässt, sie bei einer Bläsersymphonie Strawinskys virtuos herausfordert – um dann bei Haydn zu landen, und der ist wie Purcell britisches Markenzeichen, wenn wir an Haydn und London denken.
In Wien hören wir jedoch unter Rattles Händen schlichtweg nichts Geringeres als Bachs „Matthäuspassion“. Und das kommt so: Sir Simon nämlich eröffnet in München bereits die künftige Saison, und davon bekommt Wien nun gleichsam eine Portion BR total: Chor, Orchester, Solisten – eine „Matthäuspassion“, vom Kirchenjahr gelöst, zu erleben als säkulares Konzertereignis und spannende Integration in unsere heutige Klangwelt. Gewagtes Experiment in Wien, Hochburg der „Alten Musik“ aus dem Geiste der Harnoncourts. Tieferer Grund dieses Unternehmens: Die „Matthäupassion“ ist Rattles absolutes Lieblingswerk – neben Mahlers Neunter, die er mit seinem künftigen BR-Orchester wenig später in München dirigieren wird.

Georg-Albrecht Eckle
Georg-Albrecht Eckle lebt in München und ist Autor und Regisseur – mit einem besonderen Akzent auf dem Dialog zwischen Wort und Musik.

Monatsmagazin Musikfreunde November 2021

Musik, „die einen die Ohren spitzen lässt“ – sie ist es, die der Maler und Musikenthusiast Georg Baselitz vor allem, ja ausschließlich liebt: Tonkunst, die „einen zwingt, tiefer zu gehen“. In der bildenden Kunst – dem Metier, in dem er weltberühmt wurde – hat Baselitz selbst mannigfaltig Anstöße dazu gegeben, die Augen zu schärfen. Mit seinen Bildern, die „auf dem Kopf stehen“, bringt er Bewegung in die Köpfe der Betrachtenden. Animierend lädt er dazu ein, in die Tiefe zu gehen und neue Perspektiven zu finden. Für unsere „Musikverein Perspektiven“ ist er so ein idealer Partner. Ich freue mich besonders, dieses neue Programmformat im November mit Georg Baselitz beginnen zu können.

Magazin als PDF