Seelentöne

Anna Netrebko im Musikverein

„Io son l’umile ancella del Genio creator“: Noch halb außer Atem von der Bühne kommend, stellt sich die große Schauspielerin als demütige Magd des schöpferischen Geistes vor, als Echo des menschlichen Dramas. Dort, wo sie im italienischen Original den immer wieder ersterbenden Hauch ihrer Stimme beschwört, darf sie in der traditionellen deutschen Übertragung besondere geflügelte Worte in schwerelosen Phrasen ins Auditorium aufsteigen lassen: „Ich singe meine Seele.“ Solche Seelentöne sind es, von denen alle immer wieder aufs Neue hinreißen lassen: vergänglich, aber tief berührend, schön und wahr zugleich. Anna Netrebko strömen sie aus der Kehle, ob nun wie in diesem Fall in der Titelpartie von Francesco Cileas opulentem Verismo-Liebeskrimi „Adriana Lecouvreur“ oder in anderen Glanzrollen, mit denen sie ihr Publikum zwischen New York und Wien, Barcelona, Salzburg, Mailand und St. Petersburg in den letzten Jahren begeistert hat.

Netrebko ist alles zugleich: unvergleichliche, entrückte Operndiva und mit beiden Beinen auf der Erde stehende Frau, diszipliniert als Darstellerin und unbekümmert im Genießen ihres Lebens, Trägerin des Ehrentitels „Volkskünstlerin Russland“ mit österreichischer Staatsbürgerschaft, Jetset-Star, Kammersängerin, Tenorgattin und nicht zuletzt Mutter. In allen diesen „Rollen“ wirkt sie authentisch, und alles, was auch nur wie ein Skandälchen aussehen könnte – traditionell eigentlich unerlässlich für das Portfolio einer Diva –, prallt an ihrem ansteckenden Lachen ab.

Muse, Göttin, Sirene: So wird Adriana Lecouvreur gefeiert. Und ein Feiertag im Musikvereinsprogramm steht auch an, wenn Anna Netrebko die vielen Facetten ihrer vokalen Charakterisierungskunst endlich wieder im Goldenen Saal schillern lässt – etwa als Adriana, eine Partie, in der nur ein echter Star glaubwürdig sein kann.

Erstklassige Partner wie die Mezzosopranistin Ekaterina Semenchuk, der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde und natürlich die Wiener Symphoniker unter ihrem Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada sind dabei keineswegs bloß Stichwortgeber und Grundierung, sondern tragen mit ihrer musikalischen Überzeugungskraft wesentlich dazu bei, dass niemand Bühnenbild, Kostüm und Maske vermissen wird. Als Giuseppe Verdis Aida hat sich Netrebko erstmals 2017 in Salzburg vorgestellt: Stimmenpapst Jürgen Kesting schwärmte damals in der „FAZ“ von den „vielen, vielen Piano-Phrasen, die von Anna Netrebko mit kontrollierter Intensität gesungen werden: etwa das As-Dur-Cantabile ‚Numi pietà‘ am Ende der ersten Arie, in dem sie die Stimme zweimal mit einem magischen Piano auf das hohe As führt. Aus der früher rein lyrischen Stimme ist ein jugendlich-dramatischer Sopran geworden, der in den Finali des ersten und zweiten Aktes Chor und Orchester ohne jedes Forcieren überstrahlt.“ Aber selbstverständlich fühlt sich die Sängerin im russischen Repertoire besonders verwurzelt – bei Tschaikowskij etwa, der im Westen mit seinen bekenntnishaften Werken als Romantiker gilt, während ihn das russische Publikum als den eigentlichen „Klassiker“ seiner nationalen Musikgeschichte liebt. So singt Anna Netrebko auch als Lisa in „Pique Dame“ ihre Seele.

Markus Hennerfeind
Mag. Markus Hennerfeind lebt als Musikwissenschaftler, Verlagsmitarbeiter, Lektor und Redakteur für verschiedene Festivals und Veranstalter in Wien.

24. Oktober 2021

Wiener Symphoniker
Singverein Wien
Andrés Orozco-Estrada | Dirigent
Anna Netrebko | Sopran
Ekaterina Semenchuk | Mezzosopran

Auszüge aus
Guiseppe Verdis "Aida", Fracesco Cileas "Adriana Lecoucreur" und Peter Iljitsch Tschaikowskijs "Pique Dame"
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Romeo und Julia. Fantasie-Ouvertüre

日曜日, 24. 10月 2021, 07.30 午後

Monatsmagazin Musikfreunde Juli / August 2021

„Pan erwacht. Der Sommer marschiert ein.“ Gustav Mahler hatte diesen Titel im Sinn, als er den ersten Satz seiner Dritten Symphonie komponierte. Und etwas von dieser Stimmung liegt jetzt in der Luft. Glücklicherweise. Der Sommer ist da. Und ein starkes Erwachen: Erleichterung, Lockerung und große Zuversicht nach den langen Lockdowns. Seit Mitte Mai dürfen wir im Musikverein wieder Konzerte vor Publikum spielen, seit Mitte Juni gibt es weitere Öffnungen, ab Juli dürften endlich wieder Konzerte vor vollem Haus möglich sein. Wir alle freuen uns sehr darauf. Und mit großer Freude blicken wir so auch auf die kommende Saison!

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