Höchst emotional

Baiba Skride und Bergs Violinkonzert

Anfang Jänner, so ist es geplant, ist die lettische Geigerin Baiba Skride wieder einmal bei den Wiener Symphonikern im Musikverein zu Gast und interpretiert ein Werk, zu dem sie seit ihrem Studienabschluss eine besondere Verbindung hat: Alban Bergs Violinkonzert, „Dem Andenken eines Engels“. 

Der Musikverein ist ihr vertraut, mit unterschiedlichsten Orchestern, Dirigenten und Werken hat sie die Atmosphäre und die Akustik genossen. Mit ihrem Klavierquartett hat Baiba Skride auch im Brahms-Saal musiziert. „Ich freue mich, wieder nach Wien zu kommen“, tönt es denn überzeugend und hell sprudelnd aus dem Telefonhörer. Natürlich kreist das im Oktober geführte Gespräch zunächst um die lange Zeit der großen Stille, um das zögernde Wiedererwachen der Kultur, um die ersten Konzerte, die im Spätsommer und Frühherbst stattfinden konnten. „Seit meinem sechsten Lebensjahr hatte ich nicht mehr sechs Monate frei!“ Wie viele Künstlerinnen und Künstler fühlte sich auch Baiba Skride blockiert, auch schuldbewusst, wenn vielleicht einmal der Antrieb zum Üben fehlte. Denn an Streaming-Konzerten aus dem eigenen Wohnzimmer wollte sie sich nicht beteiligen, zu wenig passten die zu ihrem Qualitätsanspruch. „Musik gehört in den Konzertsaal“, ist sie überzeugt, für die Musizierenden, die sich auf den Auftritt vorbereiten, ebenso wie für das Publikum, das gemeinsam etwas erleben und Glücksgefühle teilen darf. Sicher hat sie auch die freie Zeit mit ihrem Mann und den zwei Kindern genossen, doch ist ihr das Konzertieren von klein auf in Fleisch und Blut übergegangen.

Musik von Anfang an

„In einer Musikerfamilie aufgewachsen“ heißt es im Lebenslauf: Dazu gehörten die Großmutter, die in ihren Chören alle Kinder zum Singen gebracht hat, und der Vater, der Chorleiter war – in den baltischen Ländern ist Chorsingen selbstverständlich, wie nicht zuletzt die lettischen Liederfeste und die „singende Revolution“ von 1991 zeigten. Die Mutter ist Pianistin und hat mit ihren Kindern Linda, Baiba und Lauma schon früh Kammermusik gemacht: Linda, die Älteste, spielte zuerst Violine, dann Viola, mit Lauma, der jüngeren Schwester, die Pianistin ist und in Berlin lebt, musiziert Baiba bis heute im Duo und im Klavierquartett. Als „Schwesterchen Skride“ traten die drei schon als kleine Kinder im Gesangstrio auf, legten die Basis für eine selbstverständliche Laufbahn als Musikerinnen. „Ich hatte keine Wahl, mir war es schon gegeben“, sagt Baiba Skride heute, und alles deutet auf einen natürlichen Zugang und konsequenten Weg, bei dem die intensive Musikschulausbildung zur Sowjetzeit und danach sicher eine große Rolle spielte.  Im zarten Alter von sechs Jahren spielt sie zum ersten Mal mit Orchester, in Riga wird sie an einer Spezialmusikschule ausgebildet, mit 14 Jahren geht sie an die Musikhochschule in Rostock und pendelt in langen Busfahrten zwischen Riga und Rostock. Früh schon nimmt sie an Wettbewerben und Meisterkursen teil, auch um andere Länder, Menschen und Spielweisen kennenzulernen. Der Gewinn des renommierten Reine-Elisabeth-Wettbewerbs im Jahr 2001 in Brüssel ist für die damals 20-Jährige wahrscheinlich der wichtigste in der Reihe der Wettbewerbserfolge und Auszeichnungen.

Ein Werk zum Verlieben

Er öffnet die Türen zu den Orchestern, Dirigenten und Veranstaltern der Welt, seither ist Baiba Skride konzertierend unterwegs – wenn nicht ein Virus das Kulturleben lahmlegt –, oder sie nimmt CDs auf. Dabei liebt sie die Abwechslung, die Inspiration durch verschiedene Werke, Säle, Instrumentalfarben im Orchester: „Fünf Monate mit einem Programm zu reisen wäre schrecklich für mich, aber das ist natürlich ganz unterschiedlich von Mensch zu Mensch, ich kann nur sagen, was mir guttut.“ Auch im Jänner, bei ihren geplanten Konzerten mit den Wiener Symphonikern in Salzburg, Graz und Wien, hat sie zwei grundverschiedene Konzerte im Gepäck: das von Alban Berg und jenes von Peter Iljitsch Tschaikowskij.
Wie nähert sich eine Künstlerin einem solch komplexen Werk wie dem Konzert von Alban Berg, das so eng mit Wien, mit Alma Mahler und ihrer Tochter Manon Gropius verbunden ist? „Zu Beginn im Studium konnte ich keinen Zugang finden, doch dann habe ich meine Abschlussarbeit darüber geschrieben und habe mich in das Werk verliebt! Es ist so reich an Gefühlen, so tief und genial. Es wird oft mathematisch gespielt, aber das ganze Konzert ist höchst emotional. Natürlich muss man zuerst die Partitur studieren und analytisch begreifen. Dann bekommt man ein Gespür für das Zusammenspiel mit dem Orchester und die Kommunikation mit den einzelnen Instrumenten. Die Analyse ist die Basis, aber in der Aufführung spielt sie keine Rolle mehr, da geht es darum, die Gefühle weiterzutragen.“

Tod und Verklärung

Natürlich ist der Geigerin die Geschichte des Konzerts bewusst: Der Komponist arbeitete gerade an der Instrumentation seiner Oper „Lulu“, als er von dem amerikanischen Geiger Louis Krasner den Auftrag für ein Violinkonzert bekam. Im März des Jahres 1935 ging Berg an erste Vorstudien, doch erst der Tod von Manon Gropius am 22. April gab den entscheidenden Impuls. Die junge Frau, Tochter von Alma Mahler und ihrem zweiten Mann, dem Bauhaus-Architekten Walter Gropius, war nach einjähriger Leidenszeit am Ostermontag an Kinderlähmung verstorben. Ihre schon vor der Erkrankung zarte Erscheinung, ihr scheues Wesen und die Art, wie sie von ihrer Mutter hübsch aufgemacht im Rollstuhl sitzend bei den gesellschaftlichen Anlässen in Wien präsentiert wurde, hob sie heraus. So wundert es nicht, dass Alban Berg, der von Alma Mahler unterstützt wurde und der Manon verehrt hatte, auch im Titel seines Violinkonzerts dieses Besondere hervorhob. An Alma Mahler schrieb er: „Eines Tages mag Dir aus einer Partitur, die ‚dem Andenken eines Engels‘ geweiht sein wird, das erklingen, was ich fühle und wofür ich heute keinen Ausdruck finde.“ Berg unternahm mit diesem Werk, so sagt es Dietmar Holland, den „Versuch, das Leben, Sterben und die Verklärung der engelhaft schönen Manon Gropius – die Solovioline ist dabei die dramatis persona – musikalisch darzustellen“.

Himmel und Hoffnung

Manon Gropius im Rollstuhl stellt sich Baiba Skride in ihrer Interpretation sicher nicht vor, denn die inneren Bilder sollen nicht überwiegen. Doch wenn im zweiten Satz der Bach-Choral „Es ist genug! Herr, wenn es Dir gefällt, so spanne mich doch aus! Nun gute Nacht, o Welt“ aus der Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort“ (BWV 60) in die Violinstimme und das Orchester hineingewoben ist, so ist das für alle ein einzigartiger Moment. Schon Johann Sebastian Bach hatte mit der ungewöhnlichen Folge von vier aufsteigenden Ganztonschritten (a – h – cis – dis) und dem harmonisch ungeheuer reichen Satz einen besonderen Sterbechoral geschaffen, der durch Alban Berg nun nochmals intensiviert wird. Diese vier Töne sind identisch mit dem Abschluss der Zwölftonreihe, die dem Werk zugrunde liegt, die Worte des Chorals sind in der Partitur vermerkt. Die Geigenmelodie steigt hinauf, hebt sich wie eine klingende Gloriole über das Orchester, für Baiba Skride ist es wie ein Bild für den Himmel und die Hoffnung, und sie ist dankbar für ein paar Sekunden Stille nach diesem für alle ergreifenden Schluss. „Man versucht jedes Mal, alles zu geben“, generell und vielleicht besonders bei diesem Stück. Wie jeder Geiger und jede Geigerin hat Baiba Skride eine enge Beziehung zu Bach, seinen Solosonaten und Partiten: „Es gibt nichts Höheres“, sagt sie, doch möchte sie sich nicht mit den Spezialisten der historischen Aufführungspraxis gleichsetzen – „da haben andere mehr zu sagen“. So passt Bergs Umgang mit Bachs Choralmelodie vielleicht besonders gut zu ihrer eher romantisch geprägten Vorstellung.

Leuchtend, sinnlich, silbrig

Gibt es Vorlieben innerhalb des großen Repertoires? „Alban Berg spiele ich immer wieder, das erste Konzert von Schostakowitsch begleitet mich seit meiner Kindheit, Brahms, Sibelius, überall sind tolle Momente!“ Auch die zeitgenössische Musik liegt ihr am Herzen, etwa das für Gidon Kremer komponierte Konzert „Distant light“ ihres Landsmanns Pēteris Vasks oder das Konzert „Portrait of a Lady by Swan Lake“ der russisch-schwedischen Komponistin Victoria Borisova-Ollas, das ihr gewidmet ist und das sie 2019 in Stockholm uraufgeführt hat. Nun aber gilt es erst wieder, sich in die Musik von Alban Berg zu vertiefen, der Kärntner Volksweisen und Bach-Choral, Bodenständigkeit und Spiritualität verbindet. „Dem Andenken eines Engels“, leuchtend, sinnlich, silbrig. Hoffentlich darf er seine Flügel ausbreiten ...

Katharina von Glasenapp
Katharina von Glasenapp ist als Kulturjournalistin im Bodensee-Raum tätig