Stimmen aus dem Lockdown

Wie erleben europäische Konzerthäuser  die Krise?

Der Musikverein ist eng verbunden mit Konzertveranstaltern auf internationaler Ebene. Wir haben uns bei Intendantinnen und Intendanten in Europa umgehört, wie sie die aktuelle Situation erleben.

Sir Nicholas Kenyon,  Managing Director der Barbican Hall London

Wie ist die Situation der Barbican Hall derzeit – von den Fakten her betrachtet? Von der Stimmung?Seit Jänner 2021 ist das Barbican Centre wie alle Londoner Kulturstätten aufgrund der öffentlichen Gesundheitssituation geschlossen. Wir hatten eine erfolgreiche Wiedereröffnung im Herbst 2020, mit einer Reihe von Hybrid-Konzerten unter dem Titel „Live from the Barbican“, also gestreamte Konzerte mit wenig Publikum im Saal. Die Veranstaltungen wurden sehr kurzfristig programmiert, und wegen mangelnder Auftrittsmöglichkeiten für Künstler konnten wir hervorragende klassische und nicht-klassische Musiker gewinnen. Die Konzerte liefen gut, weil sich Publikum und Interpreten sicher fühlen konnten. Wir hatten eine weitere Konzertreihe für das neue Jahr geplant, die allerdings wegen der aktuellen Situation verschoben werden musste: Die Regierung rät derzeit, zu Hause zu bleiben und nicht zu reisen, wenn es nicht notwendig ist.

Wie reagiert Ihr Publikum auf die Situation, wie die Künstlerinnen und Künstler?
Wir halten den Kontakt mit unserem Publikum über digitale Inhalte in einem „Read, Watch, Listen“-Bereich auf unserer Website, und das wird gut angenommen. Die Künstler wollen natürlich auftreten, aber sie sind sich der Gefahr für ihre eigene Gesundheit wie auch für die Gesundheit anderer bewusst, wenn sie unterwegs sind. Und wir als Veranstalter wollen niemanden gefährden. Wir stellen einige frühere Konzerte online. Wir binden unsere privaten Unterstützer mit speziellen Veranstaltungen ein, und das läuft gut, weil sich Künstler, die bei uns engagiert gewesen wären, zur Verfügung stellen. Zum Beispiel hat Gustavo Dudamel kürzlich einen Live-Chat mit unseren Förderern geführt.

Was erwarten oder erhoffen Sie von der Politik?
Idealerweise würden wir uns einen klaren Zeitplan für die Wiedereröffnung wünschen, aber wir wissen, dass es unmöglich ist, eine endgültige Aussage zu treffen. Die Botschaften der britischen Regierung waren widersprüchlich, einige ermutigten zu einer baldigen Öffnung, aber die jüngste Empfehlung lautete, dass es besonders in London zu gefährlich sei, Veranstaltungen zu erlauben. Die jüngste unbeantwortete Frage ist, ob der breite Einsatz eines Impfstoffs das Vertrauen schaffen wird, die Beschränkungen zu lockern.

Was und wie können Sie derzeit planen?
Wir entwickeln eine Planung auf der Basis von drei Szenarien: einem Good Case, einem Base Case und einem Worst Case. Diese reichen von der Planung des Neustarts einiger Veranstaltungen von Ende März bis in den Sommer hinein. Für das Barbican als Multi-Arts Centre, also ein Zentrum mit verschiedenen Kunstformen, sind die Planungszyklen oft unterschiedlich, und die Umstände bzw. Möglichkeiten der Wiedereröffnung z. B. eines Konzertsaals mit Social Distancing sind nicht die gleichen wie die einer Kunstgalerie. Das ergibt ein komplexes Bild von Optionen und Zeitplänen.

Wann rechnen Sie wieder mit einem Spielbetrieb wie vor der Krise?
Niemals. Wir sind uns darüber im Klaren, dass die Krise – insbesondere wenn wir noch die Auswirkungen des Brexit, die Notwendigkeit einer stärkeren gesellschaftlichen Repräsentanz in unserem Programm und ganz allgemein die Klimakatastrophe mit bedenken – zu einer radikalen Veränderung des Konzertbetriebs führen wird: Zum Beispiel werden internationale Tourneen von großen Ensembles fraglich, es wird eine stärkere Betonung des Dienstes an lokalen Gemeinschaften geben. Darauf mit neuen Modellen zu reagieren ist eine große Herausforderung für die kommenden Wochen und Monate.

Ilona Schmiel, Intendantin der Tonhalle-Gesellschaft Zürich

Anruf in Zürich, bei der Intendantin der Tonhalle-Gesellschaft Zürich. Ilona Schmiel bittet, zehn Minuten nach der vereinbarten Zeit zurückrufen zu können: Noch ist sie in einer Besprechung mit Paavo Järvi, dem Chefdirigenten des Tonhalle-Orchesters Zürich. „Wir streamen heute Abend“, erzählt sie. Erstmals präsentiert sich das Orchester im Rahmen der Idagio Global Concert Hall. „Heute, da wir mitten in einer Produktion sind“, sagt sie, „bin ich total begeistert, wie motivierend es ist, wieder auf der Bühne zu sein und dafür alles zu tun – zugleich merken wir, wie schmerzlich wir das Publikum im Saal vermissen. Die letzten Wochen haben uns besonders spüren lassen, warum wir das, wofür wir da sind, so gerne tun – und was dabei an Essenziellem fehlt.“ Konzerte ohne Publikum zu spielen ist die jüngste in einer ganzen Reihe Corona-bedingter Varianten, mit denen man auch in Zürich auf die vielfach geänderten Bedingungen reagierte. Schachbrett-Sitzplan, Maske im Saal – alles schon da gewesen. Zuletzt, von August bis Oktober, konnte vor 550 Menschen gespielt werden, knapp der Hälfte der Saalkapazität. Nun wird aus dem publikumsleeren Saal gestreamt. Dass das auf allerhöchstem Niveau passiert, ist für Ilona Schmiel und ihr Orchester unabdingbar. „Wir wollen, dass das, was wir tun, wertgeschätzt und auch bezahlt wird. Ich bin durchaus auch dafür, die Verwertungsketten beim Streaming genau anzuschauen.“ Daneben wurde in Zürich eine zweite Schiene digitaler Kommunikation aufgebaut, „die uns erlaubt“, so Schmiel, „miteinander im Gespräch zu bleiben. Man muss vor Ort präsent sein, um weiter zu begeistern!“ Die enge Verbindung zu Förderern und Gönnern ist da ein wichtiger Aspekt: Ohne sie könnten das Top-Orchester der Schweiz und sein Haus nicht auf diesem Spitzenniveau existieren. Nur zu 50 Prozent ist die Tonhalle subventioniert, der Rest muss eingespielt und von privater Hand aufgebracht werden. Eine enorme Herausforderung, die auch in diesen schwierigen Zeiten gemeistert wird. Im September 2021 wird die renovierte Tonhalle im ebenfalls renovierten Kongresshaus an den Ufern des Zürichsees wiedereröffnet. Der Termin steht fest, Ilona Schmiel plant ein fulminantes Programm für die Eröffnung und die erste Saison im erneuerten Haus. „Was es genau sein wird, kann ich Ihnen jetzt noch nicht verraten, aber klar ist: Wir planen in zwei Varianten – in der optimistischen, dass wir vor vollem Haus spielen können, und einer, die nur von einer halben Saalbelegung ausgeht.“ Wie es dann sein wird, wer kann es heute wissen? Eines freilich steht fest: Auch wenn der Saal nicht voll wäre, wird es künstlerisch keine halben Sachen geben.

Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie Hamburg

Der Luxusliner liegt vor Anker. Die Elbphilharmonie, das 2017 eröffnete spektakuläre Konzerthaus in der HafenCity Hamburg, ist derzeit fürs Konzertpublikum gesperrt. „Auch wenn wir uns unglaublich geübt haben in Flexibilität und Erfindungsgabe“, sagt Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter, „zehrt die Situation an den Nerven. Sicher: Es gibt genug zu tun im Haus, es wird geprobt, aufgenommen, gestreamt, wir renovieren und ziehen Wartungsarbeiten vor – aber so ein Konzerthaus ohne Publikum bleibt einfach eine traurige Sache.“ Gleichwohl möchte er nicht einstimmen in die Klage, dass die Kultur speziell so stiefmütterlich behandelt werde. Die Elbphilharmonie, räumt er ein, „ist da sicher auch in einer privilegierteren Situation. Wirtschaftlich haben wir keine allzu großen Sorgen, weil wir dem Stadtstaat Hamburg gehören, der uns quasi alle unmittelbaren, durch die Stilllegung des Konzertbetriebs bedingten Einnahmenausfälle kompensiert. Dazu haben wir viel Unterstützung von privater Seite, von Förderern und Sponsoren, die uns gewogen bleiben und auch Extra-Aktivitäten wie Streaming ermöglichen.“ Der Kontakt zum Publikum bleibt eng, nun gepflegt vor allem über die digitalen Medien, über Newsletter und Social Media, „aber es kommen auch“, freut sich Lieben-Seutter, „ganz liebe Briefe von treuen Abonnenten, sogar die eine oder andere Bonbonniere“ – Dank und süße Ermutigung fürs Durchhalten. Die Frage, wann und wie wieder geöffnet werden kann, sieht Lieben-Seutter im Kontext einer großen Diskussion, die in der politischen Öffentlichkeit geführt werden müsse. „Dass wir etwa als Institution am Eingang Tests machen, das ist weder logistisch darzustellen noch steht es uns zu, darüber zu befinden: Du darfst rein – und du nicht. Das muss gesamtgesellschaftlich geklärt werden, und das betrifft natürlich dann auch den Umgang mit den Geimpften. Da sehe ich noch eine große Debatte auf uns zukommen.“ Künstlerisch wird selbstverständlich intensiv weitergeplant in der Elbphilharmonie. Dass die Zeit „nach Corona“ nicht mehr genau so sein wird wie die Zeit „davor“, darauf stellt sich Lieben-Seutter kreativ ein. „Internationale Orchester werden nicht mehr ununterbrochen auf ausgedehnten Tourneen rund um den Globus sein – dieser Orchester-Touren-Zirkus wird sich sicher reduzieren, das hat sich vor der Pandemie schon aus Klimaschutz-Gründen abgezeichnet.“ Und dann – da geht er vollkommen d’accord mit Ilona Schmiel, die auch genau diese Trends nennt: „Die kürzeren Konzertformate, die wir nun praktiziert haben, finden viel positive Resonanz. Ich kann mir vorstellen, dass das teilweise so bleibt. Außerdem hätte ich nichts dagegen, wenn die Planungsvorläufe und die Vorverkaufszeiten etwas kürzer bleiben. Es hat mich schon immer gestört, dass man sich drei Jahre im Vorhinein festlegen muss, wenn man gute Künstlerinnen und Künstler engagieren will. Ich genieße das jetzt gerade: dass man tolle Leute zu einem Projekt engagieren kann, das nächste Woche stattfindet. Das haucht der ganzen Sache frisches Leben ein.“

Stefan Forsberg, Intendant des Konserthuset Stockholm

Der vieldiskutierte schwedische Sonderweg in der Corona-Krise – auch er führt nicht daran vorbei, dass das Konserthuset Stockholm derzeit fürs Publikum geschlossen sein muss. Aber es bleiben Optionen offen. „Die schwedische Regierung“, berichtet Stefan Forsberg, Intendant des Konserthuset, „hat es den CEOs überlassen, entsprechend den Empfehlungen und gesetzlichen Vorgaben zu entscheiden: Könnt ihr spielen, wollt ihr spielen?“ Seine Entscheidung war klar: „Wir spielen!“ Wie in der Tonhalle Zürich gehört auch im Konserthuset ein Orchester zum Haus: das Königliche Philharmonische Orchester. Forsberg, als Intendant für beide zuständig, beschloss, das Konzerthaus zu einem großen „Green Room“ fürs Orchester umzubauen. Gleichsam jeder Quadratmeter wurde Corona-konform für die Philharmoniker adaptiert. Und so meldet sich das Orchester jetzt per Live-Stream regelmäßig aus dem eigenen Haus. „Wir haben zuvor schon viel aufgenommen“, erzählt Forsberg. „Aber in dieser Situation haben wir entschlossen einen großen weiteren Schritt gewagt und mit der bestmöglichen Technik, darunter einem 4K-Aufnahmesystem, ein fantastisches Live-Studio eingerichtet.“ Neben den wöchentlichen Symphoniekonzerten gibt es im Live-Stream des Konserthuset auch Kammermusik und Jazz. „Wir gewinnen damit neues Publikum“, sagt Forsberg, bestätigt durch hohe Zugriffszahlen aus ganz Schweden, ja aus der ganzen Welt. Der so geöffnete Weg wird auch in Zukunft wichtig sein, daran lässt Forsberg keinen Zweifel. Aber genauso unzweifelhaft steht fest: „Die Leute wollen kommen, sie wollen die Musik live hören.“
Das Konserthuset ermöglichte dieses Live-Erlebnis selbst dann, als die Corona-bedingten Restriktionen nur 50 Zuhörer im Saal zuließen. „Das Orchester wollte auf diese Resonanz nicht verzichten und spürbar die Musik mit anderen teilen.“ Erst als die Regeln nur noch acht Menschen im Auditorium erlaubten, ging Forsberg nicht mehr mit. Derzeit erreicht er sein Publikum auch mit digitalen Medien und dem Konserthuset-Magazin „Lyssna“. „Es ist eine historische Epoche, die wir gerade erleben. Es ist wichtig festzuhalten, was wir empfinden und wie wir mit den Herausforderungen umgehen.“ Wann wird er wieder vor vollem Haus spielen können? Forsberg, so begeistert er auch von seinem Tun spricht, bleibt vorsichtig. „Vielleicht können wir ab September wieder Konzerte vor 300, 400, 500 oder 600 Menschen geben – das hängt von der Impfung ab. Aber ein ganz ausverkauftes Haus, in dem sich jeder sicher fühlt, werden wir wohl kaum vor 2022/23 haben.“

Joan Oller i Cuartero, Intendant des Palau de la Música Catalana

Spanien ist die Ausnahme. Trotz gleichbleibend hoher Infektionszahlen darf gespielt werden – unter strengen Auflagen versteht sich, aber ein Haus wie der Palau de la Música Catalana Barcelona, als Architekturjuwel weltberühmt und als Zentrum der Musikwelt hochgeschätzt, darf geöffnet halten. Und diese Möglichkeit wird mit Leidenschaft genützt, auch wenn, wie Joan Oller i Cuartero, Intendant des Hauses, erklärt, die ökonomische Situation prekär ist. Die staatlichen Subventionen sind gering, sie liegen bei 13 Prozent des Aufwands. Der Rest muss selbst finanziert werden. In besten Zeiten, die vor einem Jahr noch normale Zeiten waren, tragen dazu Ströme musikbegeisterter Touristen bei. Nicht weniger als 25 Prozent kommen aus dem Ausland, und auch aus Spanien reisen viele Kulturbegeisterte zum Jugendstil-Musentempel in Barcelona. Sie fallen jetzt aus – die geltenden Pandemie-Regeln Spaniens begrenzen strikt auch die Mobilität im eigenen Land. Dazu kommt, dass nicht wenige jetzt aus Vorsicht auf einen Konzertbesuch verzichten. Von Gesetzes wegen dürfte vor der Hälfte der vollen Besucherzahl gespielt werden – tatsächlich hält man, wie Joan Oller einräumt, derzeit bei einer Auslastung von 25 Prozent. Aber die Zahlen sind das eine. Ein anderes ist, was seelisch zählt: Musik zu machen, Musik erklingen zu lassen, auch in schwierigen Zeiten. „Der Enthusiasmus derer, die jetzt bei uns Musik erleben, ist überwältigend“, sagt Oller. Und so wird, so lange es irgend tragbar ist, hier Musik live ermöglicht. Ausgewählte Konzerte werden auch gestreamt – ein Bach-Magnificat, im Dezember gesungen von einem Kammerchor mit Masken, dokumentiert da beispielhaft die ungebremste Musizierlust. „Auch die Sponsoren haben uns bislang die Treue gehalten“ – ein weiteres Zeichen, das Joan Oller optimistisch bleiben lässt. Freilich: Auch er muss Realist genug sein, um sich auf eine herausfordernde Zukunft einzustellen. Was wird sich ändern nach der Krise? Bei der Konzertplanung, schätzt Oller, werden Künstlerinnen und Künstler aus der Region eine stärkere Rolle spielen, auch wenn die internationale Strahlkraft nicht nachlassen soll. Bleibt zu hoffen, dass in absehbarer Zeit auch wieder die Musikbegeisterten aus aller Welt nach Barcelona kommen.

Die Interviews führte Joachim Reiber.