„Mehr für einen Caruso als für einen Paganini“

Erich Wolfgang Korngold und sein Violinkonzert

Im Exil in Hollywood konnte Erich Wolfgang Korngold, einst Wunderkind und international gefeierter Opernkomponist, eine zweite, beispielhafte Karriere machen, dann jedoch überschattete die Punze der Filmmusik das Fortleben seiner fulminanten Schöpfungen für Bühne und Konzertsaal. Gottlob haben sich die Zeiten geändert: Sein Violinkonzert war eines der ersten dauerhaften Glanzstücke in der Korngold-Renaissance der vergangenen Jahrzehnte.

In den kleinen Abweichungen vom Herkömmlichen, Erwarteten: Dort steckt das Genie. Über zwei Oktaven rankt sich die wundersam kantable Melodie der Solovioline schon in den ersten beiden Takten empor – nichts weiter als Aufwärtssprünge über Quint und Grundton in D-Dur. Nichts weiter? Die Rhythmisierung mit den auftaktig wirkenden Achteln auf der Eins und der sarabandenmäßigen Betonung der Zwei im breit strömenden Dreiertakt verleiht dem Ganzen erst seine der Schwerkraft trotzende Energie. Zwei Oktaven? Nein, nur fast: Schon im zweiten Takt verfehlt die Violine die Quint A und bohrt sich stattdessen mit süßem Schmerz in den Ton Gis – ein expressiv schimmernder, dissonanter Effekt, den auszukosten ein Viervierteltakt eingeschaltet wird, um die Note inbrünstig verlängern zu können. Kommt die erwünschte Auflösung? Nochmals nein: Das sehnsuchtsvoll-wehmütige Hängenbleiben, das Sichausbreiten auf der Vorhaltnote wendet sich in ein seufzendes Niedersinken, dem ein neuer, emphatisch gesteigerter Anstieg aus der Tiefe folgt ...

Ein Kind und andere Wunder

Erich Wolfgang Korngold war fünfzig Jahre alt, als sein Violinkonzert 1947 aus der Taufe gehoben wurde, und zwar von keinem Geringeren als Jascha Heifetz. „Fünfzig ist alt für ein Wunderkind“, soll der Komponist seinen runden Geburtstag übrigens selbstironisch kommentiert haben. Ein solches war er tatsächlich gewesen, und zwar in einer Intensität, dass ihn manche Kommentatoren gar für die erstaunlichste Frühbegabung der Musikgeschichte halten und darin sogar über Mozart stellen: 1897 in Brünn geboren, konnte der Sohn des einflussreichen Wiener Musikkritikers Julius Korngold nicht nur schon als Knirps prächtig Klavier spielen, sondern schrieb auch noch im Volksschulalter die ersten Stücke und feierte mit elf Jahren sein Komponistendebüt an der Wiener Hofoper mit dem Ballett „Der Schneemann“ – dessen Instrumentierung freilich von seinem Lehrer Alexander von Zemlinsky besorgt wurde, bei dem damals bekanntlich auch Arnold Schönberg Unterricht nahm.

Von Beginn an war Korngolds Schaffen jedenfalls mit den größten Interpreten seiner Zeit verbunden, darunter Gustav Mahler und Richard Strauss. Seine vorerst eigentliche Berufung sollte er dann im Genre der Oper finden: Nach den Einaktern „Violantha“ und „Der Ring des Polykrates“, mit denen der 19-Jährige großes Aufsehen erregen konnte, machte ihn „Die tote Stadt“ zu einem der erfolgreichsten Opernkomponisten seiner Zeit: Die am 4. Dezember 1920 erfolgte Doppeluraufführung in Hamburg und Köln (dort unter Otto Klemperer) schlug voll ein. 1921 schon übernahm die Metropolitan Opera die Furore machende Novität (mit Maria Jeritza als Marietta), und nicht weniger als etwa 80 weitere Bühnen spielten das Werk in den folgenden drei Jahrzehnten nach.

Traumfabrik als Rettungsanker

Luxurierender Orchesterklang, sensualistische Effekte, raffinierte impressionistische Färbungen auf Basis einer mit virtuoser Geschwindigkeit gleichsam alle nur denkbaren Kurven des Quintenzirkels nehmenden Harmonik, ohne je aus der Tonalität hinausgeschleudert zu werden – Korngold empfand sich mit seinem ausgeprägten Personalstil durchaus als Vertreter der Moderne, stand jedoch unter dem starken Einfluss seines Vaters, der Schönbergs Atonalität und alle prononcierten Neutöner zutiefst verabscheute und polemisch gegen sie anschrieb: Sein Band „Atonale Götzendämmerung“, 1937 bei Doblinger für den Druck vorbereitet, aber dann nie erschienen, ist erst 2019 in einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe veröffentlicht worden.

So blieb der Sohn letztlich den Klängen des Fin de Siècle treu, auch und gerade dann, als er 1934 von Max Reinhardt nach Hollywood eingeladen wurde, mit ihm an einer Verfilmung von Shakespeares „Midsummer Night’s Dream“ zu arbeiten und Mendelssohns Schauspielmusik dafür einzurichten und zu erweitern. Für Korngold war das der Beginn einer neuen Karriere, die 1938 mit dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland vorerst zur einzigen wurde: Es gelang ihm, seine von der Judenverfolgung der Nazis bedrohte Familie in die USA zu retten.

Korngold, der Maßstab

Stumm war ja schon der Stummfilm nie gewesen. Der Weg zum extra geschaffenen Soundtrack aber, der sich ab den 1920er Jahren etablieren konnte, wurde erst geebnet durch den erreichten sozialen Aufstieg des Films, der endlich auch neue und zahlungskräftigere Publikumsschichten erschloss: „Kunstwürdige“ Sujets in prunkvollen Ausstattungen, repräsentative Lichtspieltheaterbauten und nicht zuletzt die musikalische Begleitung, mit der nun ein ganzes Orchester betraut war, lösten das von improvisierenden Pianisten oder Organisten behübschte Tingeltangel-Ambiente ab. Filmvorführungen wollten nun dem traditionellen Opernerlebnis so nahe wie möglich kommen, um dessen Glanz auch für sich reklamieren zu können. Und auch wenn seither Jazz und Pop selbstverständlich ihren Eingang in die großen Filmscores gefunden haben, ist der bis heute gültige Typ des Hollywood-Soundtracks vom Klang eines großen Orchesters bestimmt – so wie ihn europäische Emigranten in der Traumfabrik etablieren konnten, darunter maßgeblich zwei Wiener: Max Steiner mit „Gone with the Wind“ („Vom Winde verweht“, 1939) oder „Casablanca“ (1942) und besonders eben Korngold, der „The Adventures of Robin Hood“ (1938) und „The Sea Hawk“ („Der Herr der sieben Meere“, 1940) in spannungsreiche Klänge kleidete.

Was dann passierte, fasste der Korngold-Bewunderer André Previn, der selbst nicht nur Dirigent, sondern auch Komponist in allen Genres zwischen Oper und Film gewesen ist, einmal so zusammen: „In Wahrheit änderte sich [Korngolds] Musiksprache dabei gar nicht; seine opulente Harmonik und die spezifische Orchestrierung waren einfach hervorragend für den Film geeignet. Er war der beste Filmkomponist seiner Zeit, und ungewöhnlich viele seiner Kollegen begannen ihn zu kopieren. So wurde der Sound, den er geschaffen hatte, plötzlich zum Inbegriff von ‚Hollywood‘, und bald darauf wurde dieses Wort allgemein zur geringschätzigen Lieblingsvokabel, wenn man von seiner Musik sprach. Tatsächlich aber war es umgekehrt: Nicht Korngold klang wie Hollywood, sondern ein Großteil der Filmmusik begann wie Korngold zu klingen.“

Seelentöne hier wie dort

Das 1945 entstandene Violinkonzert D-Dur op. 35 ist ein Werk der Sehnsucht: der Sehnsucht nach Europa, nach dem Konzertsaal, nach der „Welt von Gestern“, wie Stefan Zweig sie im Exil genannt hat – denn „Kalifornien war nicht Österreich, und die dortigen ‚Coffee Shops‘ nicht die Kaffeehäuser, die Korngold von Jugend an gewöhnt war“ (Tom Nolan). Er zog sich vom Film zurück und wollte sein altes Komponistenleben fortführen, doch das sollte sich als schwierig erweisen, war er doch durch Hollywood abgestempelt – und sollte es bis zu seinem Tod 1957 in Los Angeles bleiben.

Korngold hat im Violinkonzert wie auch in anderen Werken Themen aus seinen Filmen wiederverwertet – da seine Verträge mit den Studios ihm das uneingeschränkte Copyright auf seine Musik zugestanden, war dies kein rechtliches Problem. Ihm dies jedoch zum Vorwurf zu machen geht gleich mehrfach fehl: Erstens wurde dadurch viel wertvolle Musik der Vergessenheit entrissen, denn das Filmgeschäft war auch damals schon kurzlebig. Zweitens haben Komponisten die ganze Musikgeschichte hindurch Themen zwischen den Genres wechseln lassen – im Barock, etwa auch bei Bach, war dies ganz selbstverständliche Gepflogenheit, es konnte sogar ein betont weltliches Musikstück mit anderem Text geistlich werden. Und drittens schließlich hat Korngold seine Filme ohnehin ausdrücklich als „Opern ohne Gesang“ aufgefasst und auch in seinen Soundtracks an keiner Stelle den Anspruch aufgegeben, eine letztlich symphonische Musik zu schreiben, die alle instrumentalen und harmonischen Möglichkeiten der Spätromantik an der Schwelle zur Moderne auslotet. Kurz: Es gab für ihn keinen künstlerischen Unterschied – und unter seinem Niveau zu arbeiten war ihm schlicht nicht möglich.

Lyrik und Akrobatik

Ob auf der Opernbühne, auf der Leinwand oder als Solistin vor dem Orchester: Korngold weiß seine jeweilige Diva zu inszenieren. Das eingangs schon kurz geschilderte, hoheitsvolle Hauptthema, mit dem im Violinkonzert das Soloinstrument den ersten Satz eröffnet, mag zwar aus dem Film „Another Dawn“ („Flammende Nächte“, 1937) stammen, doch scheint keine bessere Verwendung als in diesem Violinkonzert denkbar. Der schwärmerisch-sehnsüchtige Grundcharakter des Satzes, in dem die Violine mit ausdrucksvoll singenden Kantilenen die uneingeschränkte Hauptrolle spielt, wird freilich ausbalanciert durch große virtuose Ansprüche, an denen eine Solokadenz bald keinen Zweifel lässt.

Die folgende, dreiteilige Romance ergeht sich in innigen, zarten Lyrismen, die erstmals im Oscar-gekrönten Streifen „Anthony Adverse“ („Ein rastloses Leben“, 1936) zu hören gewesen waren und denen ein neu komponierter Misterioso-Mittelteil entgegengestellt ist. Das turbulent-kapriziöse Finale im Sechsachteltakt mit seinem enorm wandlungsfähigen Themenmaterial ruft „The Prince and the Pauper“ in Erinnerung („Der Prinz und der Bettelknabe“, 1936): Nochmals verbinden sich prächtig aufrauschende Melodien mit virtuos wirbelnden Passagen, nicht zuletzt gewürzt mit einer herrlichen Prise Humor. „Trotz der im Finale verlangten Virtuosität“, stellte Korngold selbst nach der Uraufführung fest, „ist das Werk mit seinen vielen melodischen und lyrischen Episoden mehr für einen Caruso als für einen Paganini gedacht. Es ist überflüssig zu erwähnen, wie glücklich ich bin, dass mein Konzert jemand spielt, der Caruso und Paganini in einer Person ist: Jascha Heifetz.“

Längst hat eine junge Generation die lohnenden Herausforderungen von Korngolds Musik für sich entdeckt, die souveräne musikalische Verbindung von Kantabilität und Hochseilakten, von Schwärmerei, Wehmut und Größe. Ende Februar sollte Arabella Steinbacher Korngolds Violinkonzert mit den Wiener Symphonikern unter Andrés Orozco-Estrada im Großen Musikvereinsaal spielen.

Walter Weidringer
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.