"...eine fantastische Aufgabe!"

Stephan Pauly, der neue Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien 

Am 1.Juli 2020 übernahm Dr. Stephan Pauly die Intendanz der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Mit Walter Weidringer sprach er über die Freude und die Herausforderung, an diesem ganz besonderen Ort für die Musik tätig zu sein. 

Herr Pauly, können Sie sich an Ihr erstes Mal im Goldenen Saal erinnern?
Gesehen muss ich ihn natürlich zuerst im Fernsehen haben, bei einem Neujahrskonzert. Physisch war ich um 1990 zum ersten Mal in Wien, auf einer Schulfahrt, und habe den Saal dabei gewissermaßen trocken kennengelernt. Das erste Konzert, das ich hier gehört habe, war in meiner Salzburger Zeit, die 2002 begonnen hat. Und jetzt bin ich richtig hier angekommen. Mittlerweile ist auch mein Umzug geschafft, und ich finde es wunderbar, nicht mehr vom Flughafen oder vom Hotel in den Musikverein zu kommen, sondern aus den eigenen vier Wänden.

Wien hält sich ja schon aus Tradition gerne für den Nabel der Musikwelt ...
Ja, zu Recht!

Aber wie sieht das von außen aus? Sie waren bis 2012 künstlerischer Leiter der Internationalen Stiftung Mozarteum Salzburg und wurden anschließend Intendant der Alten Oper Frankfurt, auch das ein Konzerthaus. Verschiebt sich da die Wahrnehmung ein bisschen?
Ich würde sagen: Die Sicht verstärkt sich sogar. Schon aus Salzburg und Frankfurt war klar, dass Wien die Musikhauptstadt schlechthin ist. Und auch wer nur punktuell hier ist, kann das spüren. Aber wenn man nicht nur aus Publikumssicht, sondern auch aus professioneller Perspektive die Programme aller Häuser, Orchester und Musikinstitutionen hier studiert, dann wird das überdeutlich. Was in Wien stattfindet, ist atemberaubend. 


Dennoch gibt es Künstler, die sozusagen überall sonst als Weltstars gelten, in Wien aber kaum eine Rolle spielen.
Das stimmt in Einzelfällen. Aber es wurde, denke ich, von niemandem bewusst herbeigeführt, sondern hat sich einfach so entwickelt. Es gibt manchmal so etwas wie blinde Flecken – zum Beispiel auch bei Orchestern und Dirigenten, die erstaunlicherweise noch nie zusammengearbeitet haben. Herbert Blomstedt etwa feierte sein Debüt bei den Wiener Philharmonikern 2011, in einer meiner letzten Mozartwochen in Salzburg – mit 83 Jahren, als Einspringer für Nikolaus Harnoncourt. Das Orchester hatte noch nie mit ihm gearbeitet, es war Liebe auf den ersten Blick, und wie viel haben sie seither zusammen musiziert! 

Sind solche Zusammenführungen ein wichtiger Teil Ihres Konzepts für den Musikverein?
Ich habe mir ganz genau angesehen, was speziell in den letzten zehn Jahren hier an Künstlerinnen und Künstlern, Repertoire und Zyklen mit welchem Charakter zu erleben war, was seinen selbstverständlichen Platz hier hat, wer und was hier zuhause ist und in welcher Regelmäßigkeit wiederkehrt, welche Geschichte die einzelnen Künstlerinnen und Künstler mit dem Haus haben. Der größte Schatz, den wir in der Gesellschaft der Musikfreunde haben, sind ja diese langen, engen Verbindungen zu den führenden Orchestern, Ensembles, Solisten und Dirigenten der Welt. Das will alles weitergeführt, gewürdigt, geschätzt und gefördert werden. Und dann habe ich natürlich beobachtet, welche Positionen noch nicht so vertreten waren, die in der internationalen Welt der Klassik aufzuscheinen beginnen, wo man Akzente setzen kann. 

Wie unterscheidet sich der Musikverein denn von allen anderen Konzerthäusern – und wie soll er sich in Zukunft von ihnen unterscheiden?
Das ist ja eine ganz einfache Frage! Der erste Teil lässt sich leichter beantworten. In dieser Institution, der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, hat sich eine einzigartige Fülle von Musikgeschichte abgespielt, so viele wichtige Komponisten und Interpretinnen und Interpreten haben hier ihre Spuren hinterlassen. Diesen Reichtum an Verwebungen künstlerischer Lebenslinien gibt es vermutlich nirgendwo sonst auf der Welt. In diesem Zusammenhang finde ich Archiv, Bibliothek und Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde ungemein wichtig: Das ist bekanntlich eine der größten Musiksammlungen der Welt, die bedeutendste unter den privaten, und ein großer Schatz, der uns als Institution von allen anderen Konzerthäusern unterscheidet. Natürlich gibt es in vielen führenden Konzerthäusern der Welt großartige Programme – aber wer kann auf eine solche Sammlung verweisen? Auf Originalhandschriften Beethovens, u. a. der „Eroica“, die Autographen der Schubert-Symphonien, Originalhandschriften von Brahms, Mozart und vielen anderen mehr, Manuskripte, Drucke, Bücher, hunderte von historischen Instrumenten, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Kunstobjekte aus der Musikgeschichte und vieles mehr? Wir wollen in Zukunft noch mehr darauf schauen, was diese Sammlungen verstärkt in den Dialog mit unserem Konzertgeschehen bringen können. Der zweite Teil ist die große Frage für die Zukunft, da gibt es nicht die eine klare Antwort, sondern eine Vielzahl von konzeptionellen Ansatzpunkten, die wir gemeinsam mit den Künstler*innen und dem Team entwickeln werden. Wie wir uns von den anderen unterscheiden sollten? Darauf gibt dann hoffentlich mein erstes Programm, die Saison 2021/22, eine vielgestaltige Antwort.

Aber im Moment sind Sie in erster Linie mit den Auswirkungen der Pandemie beschäftigt? 
Die aktuelle Lage bedeutet für alle Kulturinstitutionen eine enorme Herausforderung. Mit dem Team des Musikvereins haben wir in den letzten Wochen die ursprünglich angekündigten Konzerte so umgeplant, dass wir ab September ein außerordentlich hochkarätiges Programm anbieten können, das den aktuellen gesetzlichen Regelungen für Veranstaltungen in Corona-Zeiten entspricht. Das war ein enormer Kraftakt, und wird es bleiben, solange sich die Umstände der Pandemie nicht ändern. Aber wir freuen uns sehr, dass das Konzertleben im Goldenen Saal, im Brahms-Saal und in den Neuen Sälen jetzt wieder losgeht! Wir freuen uns, wenn unsere Abonnentinnen und Abonnenten und alle Musikfreunde wieder zu uns ins Haus kommen, um die Künstler auf der Bühne live zu erleben. Wir haben ein umfangreiches Präventionskonzept erarbeitet, damit unser Publikum, die Künstler und das Team im Haus sicher und mit Freude in die neue Saison starten können – trotz Corona. 

Was ist programmtechnisch genau herausgekommen?
Das Ergebnis sehen Sie in allen Details im Kalendarium dieser Ausgabe der „Musikfreunde“: Im Grunde findet alles statt wie geplant, nicht nur die in Wien ansässigen Orchester, Ensembles und Interpreten treten auf, sondern auch die internationalen Gäste kommen, etwa die Staatskapelle Dresden unter Myung-Whun Chung, Antonio Pappano mit dem Orchester von Santa Cecilia, das Freiburger Barockorchester, Stockholm Philharmonic und so weiter. Noch vor wenigen Wochen hätten wir das kaum zu hoffen gewagt. Es war wunderschön zu erleben, wie alle mit uns an einem Strang gezogen haben, um die besten Lösungen zu finden. Natürlich musste es Adaptionen und neue Programme dort geben, wo die geplanten Stücke logistisch nicht möglich sind, wegen Besetzungsgröße oder Spieldauer. Aber auch unter veränderten Bedingungen erwarten uns vitale, vollgültige Konzerte mit gewohnter Stimmung und Spannung, davon bin ich überzeugt. 

Was ändert sich fürs Publikum?
Niemand muss vorher ausführlich unser Sicherheitskonzept studieren. Die Besucherinnen und Besucher können mit Mund-Nasen-Schutz einfach ins Haus kommen, unser Personal hilft weiter, alle gelangen über eine einfache Wegeführung zum Sitzplatz, der regelkonform im Mindestabstand zu den anderen liegt. Während des Konzertes darf man am Platz die Maske abnehmen und legt sie danach einfach wieder an. Um in den Foyers Ansammlungen zu vermeiden, finden die Konzerte ohne Pause statt. Unser Kartenbüro leistet in diesen Tagen Enormes und informiert telefonisch alle, deren Sitzplätze sich ändern. Kurz: Das Publikum kann sich einfach auf die Konzerte freuen, für die Sicherheit sorgen wir.

Wie viele Menschen werden dann im Großen Saal sitzen können? 
Etwas über tausend, also ungefähr die Hälfte des Fassungsvermögens. Deshalb sind wir auch so glücklich darüber, dass unsere Gastorchester bereit sind, Konzerte zweimal zu geben, sofern das logistisch und programmatisch möglich ist. So können wir in Summe in vielen Fällen wieder annähernd das gleiche Kartenangebot schaffen. Nicht nur wir, auch die Musikerinnen und Musiker arbeiten aus vollem Herzen daran, das Konzertleben so rasch und so stark wie möglich zurückkehren zu lassen. Einen Stehplatz als solchen darf es zusätzlich zum Sitzplatzangebot derzeit gesetzlich nicht geben, das ist natürlich ein Jammer, weil die Stehplätze auch zum Herzen unseres Hauses gehören. Von einer Bestuhlung haben wir vorläufig abgesehen, aber wir werden das weiter beobachten. Jedenfalls bin ich sicher, dass trotz weniger Menschen im Saal das unglaubliche Erlebnis der Musik und ihrer 
Interpretinnen und Interpreten so beglückend sein wird wie immer.

Wenn man drüben im Konzerthaus die Programmhefte aufschlägt, findet man zuerst die Werkeinführungen, dann die Biographien der Interpreten. Im Musikverein ist es seit Menschengedenken umgekehrt. Ist es übertrieben, daraus abzuleiten, dass hier doch ein bisschen wichtiger ist, wer spielt, als was gespielt wird?
Das liegt im Auge des Betrachters. Und ich finde auch jeden Weg legitim. Ich finde überhaupt jede Art Musik zu hören legitim. Das Letzte, was ich wollte, wäre es, mich selbst oder uns als Haus so zu überschätzen, dass dem Publikum gesagt werden müsste, wie was zu hören wäre. Das ist überhaupt nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, aus dieser unglaublichen, weltweit einmaligen Tradition der Gesellschaft der Musikfreunde heraus vitale, mitreißende, fantastische Musikerlebnisse zu bieten, mit Top-Künstlern und interessanten Programmen. Wir bieten musikalische Erfahrungsräume an – und alle sind willkommen. Ob die Menschen jetzt mehr interessiert sind an den Interpreten oder am Programm, ob sie Lust haben, unseren dramaturgischen Fäden zu folgen, einen ganzen Zyklus hören wollen oder nur einen Abend, ob sie nur einmal im Jahr kommen oder ein Abonnement besitzen: Alle sind gleich willkommen, jeder Zugang ist legitim. Zurück zum Programmheft: Ich würde das nicht symbolisch überfrachtet verstehen und weiß auch nicht, wie das historisch gewachsen ist und ob überhaupt eine Intention dahintersteht. 

Der Goldene Saal, diese wunderbar pompöse bürgerliche Berufung auf die hehre Kunst der Antike, die idealisierte Sicht der Vergangenheit – spießt sich manchmal die Architektur mit bestimmten Programmideen, mit bestimmter Musik? 
Ja, es gibt viel zu sehen bei uns ...

"Mir ist eine fantastische Aufgabe anvertraut, ich vertraue meiner Einschätzung und meinem Blick in die Zukunft und dem, was sich im Gespräch mit meinem Team ergibt, ich vertraue auf unsere Pläne und auf mein Gefühl für eine gute Balance. Und ich versuche mein Bestes zu geben." Dr. Stephan Pauly


Friedrich Cerha hat gesagt, dass ihm das ganze Gold jahrelang zu viel war, erst im Alter hat er Frieden damit geschlossen.
Meiner Erfahrung nach ist die Frage sehr wichtig, welche Musik, welches Programm, welche Künstler in welchen Raum passen. Es stimmt, dass sich das manchmal spießen kann. Meine Erfahrung ist aber auch, dass es großartig sein kann für Künstler, Publikum und auch für uns als Macher, genau darüber nachzudenken und abenteuerlustig zu sein – also hin und wieder neue Konstellationen auszuprobieren. Welche Musik klingt in welchem Raum wie? Wie verändern Räume das Hören? Durch eine spannende Begegnung von Musik und Raum kann man anders sensibilisiert sein, weil der Kontext sich ändert. Hört man eine Schubert-Sonate im Gläsernen Saal anders als im Goldenen Saal? Und ein Werk von Nono im Brahms-Saal anders als im Metallenen Saal? Der Musikverein bietet mit seinen Sälen dafür eine erstaunliche Bandbreite. Und wir haben das große Glück, dass wir im Musikverein das große europäische Musikerbe in einem der besten Konzertsäle der Welt praktisch jeden Tag erleben können. Das ist ein großes Geschenk, etwas ganz Besonderes. 

Die Programmierung „oben und unten“, also in den historischen und den neuen Sälen, war zum Großteil doch halbwegs streng getrennt. Streben Sie da eine engere Verbindung an oder hat die Autonomie schon ihren Sinn?
Beides. Die neuen Säle bleiben die neuen Säle, aber wir denken für die Zukunft über häufigere Verbindungslinien nach, bei denen sich ganze Programmschwerpunkte auf alle Säle zugleich erstrecken. Das gibt es ja auch schon, der Zemlinsky-Schwerpunkt in dieser Spielzeit bespielt etwa alle Säle, und der toll programmierte Schwerpunkt „1918–1938“ im Jahr 2018 hat das auch getan. Aber ja, darauf wollen wir stärker achten. 

Bei der Mozartwoche Salzburg haben Sie ein beziehungsreiches thematisches „Dreibein“ mit Mozart, einem weiteren historischen und einem zeitgenössischen Komponisten eingeführt. Wie wollen Sie im Musikverein die Musik unserer Zeit gewichten, an Uraufführungen ebenso wie an Repertoire der Gegenwart? 
Das Anliegen ist klar, ich denke, es wird sich vieles organisch aus der Programmplanung entwickeln. Einen speziellen Proporz habe ich nicht im Sinn.

Zeitgenössische Komponisten beackern ein riesiges stilistisches Feld. Sehen Sie Ihre Aufgabe als Intendant, möglichst diese Breite abzubilden, oder geht’s Ihnen eher um persönlich gesetzte Schwerpunkte, um besondere Herausforderungen?
Mein Geschmack allein kann es nicht sein, es muss darum gehen, was für die Institution wichtig ist und wo man aus inhaltlichen Gründen Akzente setzen will. Mein Team, meine Planer*innen im Haus und ich diskutieren untereinander ebenso wie mit den Künstlern. Natürlich trage ich die Verantwortung, aber ich bestimme die Inhalte nicht allein, und nicht alles entsteht nur in meinem Kopf. Dabei ist fraglos auch das wichtig, was ich persönlich mag, ich kann mich ja nicht ausknipsen. Aber es ist nicht das Um und Auf.

Sie haben Ihr Team erwähnt und auch neue Stellen ausgeschrieben. Lieben Sie den intensiven Austausch, das Streitgespräch?
Zum einen ist mir klar, was ich will – aber zugleich habe ich großen Spaß daran, mit Menschen zu reden. Gerade im Künstlerischen finde ich es großartig, wo Gespräche hinführen können. Das heißt ja nicht, dass man selber nicht wüsste, was man möchte, sondern es heißt, Dialog als etwas zu verstehen, das die eigenen Gedanken und Sichtweisen ergänzen, produktiv in ein anderes Licht stellen und alle bereichern kann, die am Dialog teilnehmen. In meiner Erfahrung als Intendant entstehen die schönsten Programme in einem Prozess des Austauschs mit dem Team, mit den Künstlern. Aber natürlich gibt es auch Fragen und Bereiche, wo ich als Intendant Entscheidungen treffe, bei denen Diskussionen weder notwendig noch zielführend sind. 

Welche sind denn Ihre besonderen Interessen in der zeitgenössischen Musik?
Das Erlebnis der Werke von Helmut Lachenmann war für mich ein echtes Erweckungserlebnis, im vollen Sinne des Wortes. Er hat mit seiner Musik einen Weg gefunden, eine Haltung zu formulieren. Er komponiert mit dem Ziel, dass die Hörer beim Hören seiner Musik eine Erfahrung mit sich selbst machen können. Lachenmann schafft es ja, dass aus traditionellen Instrumenten Klänge herauskommen, die da sonst nicht entstehen – und das macht er nicht etwa aus Selbstzweck und schon gar nicht aus Eitelkeit, auch nicht aus dünnen konzeptionellen Gründen, sondern weil er sagt: Wenn ich die Magie der vertrauten Klänge einer Geige breche, dann bewirken diese ungewohnten Klänge, diese gebrochene Magie beim Hörer im besten Fall eine besondere, ungeahnte Empfänglichkeit, das weckt eine Sensibilität für Klänge, die man sonst vielleicht nicht wahrgenommen hätte. Deswegen spricht er auch oft von Musik als existenzieller Erfahrung. In mir hat das wirklich spontan etwas ausgelöst. Musik aus dieser Nachbarschaft ist mir nahe, auch von jüngeren Komponisten, da fühle ich mich zuhause, was die zeitgenössische Musik angeht. Aber solche Schlüsselerlebnisse des Hörens habe ich auch zuhauf in der Musik der Tradition gehabt – zum Beispiel bei Mozart, etwa mit seinen Klavierkonzerten. In meiner privaten Hörbiographie gab es ganz unterschiedliche solche Punkte, Komponisten, Stücke, die mir viel eröffnet und erschlossen haben. 

Denken Sie, dass wir in ein paar Jahrzehnten im Konzert auch noch stillsitzen und zuhören werden?
Die gewachsene, traditionelle Form des Konzerts finde ich unglaublich wertvoll und schön. Das wird stets im Zentrum der Veranstaltungen dieses Hauses bleiben. In einer immer kurzatmigeren, schnelleren, digitaleren Welt finde ich es wunderbar und wichtig, dass – hoffentlich bald wieder – 2000 Menschen in einem Saal mit dem gemeinsamen Willen zusammenkommen, sich auf eine Sache zu konzentrieren, auf ein Orchester, auf eine Sängerin, auf ein Klavier. Diese soziale Situation der gemeinsamen Hinwendung, der gemeinsamen Aufmerksamkeit, des gemeinsamen Hörens und Erlebens ist atemberaubend, wertvoll und stark. Wie lange dauern TikTok-Videos? Bis höchstens 15 Sekunden? Angesichts dieser Zerstückelung von Gegenwart und Alltag ist ein Konzert unglaublich wertvoll. Das gehört zum Wichtigsten, was wir für die Zukunft bewahren wollen – nicht aus einem falschen Traditionalismus heraus, sondern weil es für unsere Gegenwart eine großartige Form des Kunstgenusses und der menschlichen Begegnung ist. Das große Abonnementgeschehen mit den zum Herzen des Musikvereins gehörenden Künstler*innen wird daher auch in Zukunft so weitergeführt werden, darauf liegt meine allergrößte Aufmerksamkeit. Was abseits dieser Konzerte noch dazukommt, wird sich ab 2021/22 darstellen.

Glauben Sie, Sie sind hier vor allem deshalb Intendant geworden, weil Sie genug beschwichtigt haben, dass sich gar nicht so viel ändern würde, oder weil Sie doch gesagt haben, bei diesem und jenem, da habe ich ganz andere, neue Ideen?
Ich habe nicht beschwichtigt, ich habe es ernst gemeint – das ist ein wesentlicher Unterschied! Ich glaube daran! Die Menschen, die sich hier zuhause fühlen, sind ein wunderbares Geschenk. Na klar befeuern wir das mit Leidenschaft. Selbstverständlich bin ich aber von Präsidium und Direktion auch gefragt worden, wo es denn in Zukunft hingehen könnte mit der Gesellschaft der Musikfreunde – was sonst? Das ist ja die immerzu entscheidende, vitale Frage für alle Kulturinstitutionen, auch wenn gar kein Wechsel an der Spitze ansteht. Meine Ansätze für die Zukunft werden sich in meinem ersten Programm für die Saison 2021/22 zeigen. 

Wie oft haben Sie bisher den sogenannten „Beamten-Dreisatz“ gehört, der besonders gerne mit Wien in Verbindung gebracht wird, also die Einwände: „Das haben wir noch nie so gemacht“, „Das haben wir immer schon so gemacht“ und „Da könnte ja jeder kommen“? 
Den letzten noch nie. „Das haben wir immer schon so gemacht“ ist eine Antwort, die ich schon öfter gehört habe – aber anders als das Klischee vermuten lässt, nämlich meist ganz einfach zu meiner Information, wie es eben bisher war, und das verbunden mit der Bereitschaft, neu darüber nachzudenken. Blockade oder Desinteresse ist mir wirklich noch nie entgegengeschlagen, weder im Haus noch mit unseren externen Partnern. Ich höre aber auch hin, ich frage nach, ich will’s wissen und verstehen. Deshalb habe ich auch mit Thomas Angyan seit meiner Bestellung vor über einem Jahr intensive Gespräche und Austausch über alle möglichen Themen gepflegt, operativ wie strategisch. Ich würde also hoffen, dass ich überall signalisiere, dass ich das, was mir meine Gesprächspartner sagen, begreifen will und kein Besserwisser bin. Vielleicht findet man bei bestimmten Themen ja auch gemeinsam heraus, dass es gar keinen Änderungsbedarf gibt. 

Christoph von Dohnányi hat mir einmal gesagt, wäre damals er statt Lorin Maazel in Wien Operndirektor geworden, hätte er schon bei der Antrittspressekonferenz seinen Rücktritt erklärt, damit das einmal aus dem Weg wäre; dann erst hätte er bekanntgegeben, welche Pläne er in seiner Amtszeit verwirklichen wolle. Können Sie diese Haltung verstehen? Ist die Musikvereinsintendanz weniger Schleudersitz als die Staatsoperndirektion?
Das ist ein interessantes Konzept, auf diese Idee wäre ich nicht gekommen! Im Ernst: Ich denke darüber so nicht nach. Mir ist eine fantastische Aufgabe anvertraut, ich vertraue meiner Einschätzung und meinem Blick in die Zukunft und dem, was sich im Gespräch mit meinem Team ergibt, ich vertraue auf unsere Pläne und auf mein Gefühl für eine gute Balance. Und ich versuche mein Bestes zu geben. 

Das Gespräch führte Walter Weidringer.
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.