Den Elefanten zum Singen bringen

Sir András Schiff spielt Bach

Sir András Schiff kehrt in den Großen Musikvereinssaal zurück. Er kommt in Gesellschaft der Cappella Andrea Barca, mit der er seit nunmehr zwanzig Jahren das gemeinschaftliche Musizieren pflegt, im Gepäck die Klavierkonzerte von Johann Sebastian Bach. 

Weil András Schiff seine programmatischen Ideen wegen der derzeit geltenden Sicherheitsmaßnahmen nicht so ohne Weiteres aufzugeben bereit ist, erklingen bei seinem kommenden Auftritt im Musikverein selbstverständlich alle sechs Werke für Streicher, Basso continuo und ein Tasteninstrument, die Bach zwischen 1729 und 1740 für die Aufführungen des „Collegium Musicum“ im „Zimmermannischen Caffee-Hauß“ zu Leipzig geschaffen hat: aufgeteilt auf zwei pausenlose Veranstaltungen von rund 70 Minuten Dauer am selben Tag. Man muss sich nur zu helfen wissen. 

„Alles hängt mit allem zusammen“

Die zyklische Darbietung von Stücken, oft auch in chronologischer Reihenfolge, ist Sir András seit jeher ein Anliegen, nicht nur bei Bach, sondern auch bei Mozart, Schubert und Beethoven. Das entspricht seiner individuellen Herangehensweise an das Œuvre des jeweiligen Komponisten. „Ich mache das aus Neugierde“, sagt er. „Es interessiert mich einfach, nicht nur einzelne Werke zu studieren, sondern das Ganze. Davon profitiert das einzelne Werk. Alles hängt mit allem zusammen.“ 
Bei Bachs Klavierkonzerten ist diese zusammenhängende Präsentation auch deshalb sinnvoll, weil auf diese Weise erst die Pionierleistung erfahrbar wird, die der Leipziger Thomaskantor für ein damals noch gar nicht existierendes Genre geleistet hat, weil sie zeigt, wie er experimentierte, indem er etwa seine beiden Violinkonzerte auf ein Tasteninstrument übertrug, und wie ihm in BWV 1052 (d-Moll) und BWV 1053 (E-Dur) gewissermaßen im ersten Anlauf originäre Meisterwerke gelangen. 

Singende Musik

Die Frage nach dem für Bach geeigneten Soloinstrument hat Schiff in unzähligen Interviews und Lecture Demonstrations unermüdlich beantwortet. Dass er gerade für diese Musik am modernen Konzertflügel festhält – für späteres Repertoire hat er sich ja längst die Qualitäten der historischen Klaviere zunutze gemacht – ist eine wohlbegründete Entscheidung. Er hat sich während seiner Ausbildung intensiv mit dem Cembalo beschäftigt, das sich für die Bach-Konzerte theoretisch anbieten würde. Er war Schüler von George Malcolm, der ihm die Grundlagen der historischen Aufführungspraxis vermittelte, hat aufmerksam die Arbeit von Nikolaus Harnoncourt verfolgt und sich ausführlich mit Stilfragen und Ornamentik auseinandergesetzt. Fazit: „Der Geist des Baches kommt nicht durch das Cembalo. Das Cembalo ist das einzige Melodieinstrument, das nicht die menschliche Stimme imitiert; es kann nicht singen, aber Bachs Musik ist singende Musik.“ Schiffs ganz persönliche Vorliebe gilt dem Clavichord. Weil sich das „leider nur für einen Zuhörer“ eignet und weil wir ohnehin nicht rekonstruieren können, für welches Tasteninstrument Bach konkret komponiert hat, spricht für ihn nichts gegen den „Elefanten“, wie er den Konzertflügel gerne nennt; der erweise sich nämlich bei entsprechender Behandlung als äußerst willig und fähig, um Bachs Musik singen zu lassen. „Man muss diese Musik stilistisch richtig spielen, und man muss vor allem mit dem Pedal sehr sparsam umgehen. Das Pedal ist eine viel spätere Erfindung, man darf es nur für die Resonanz einsetzen. Die Stimmführung und das Legato muss man mit den Händen machen, sonst verwischt man die Linien der einzelnen Stimmen; das beschädigt die Klarheit des Kontrapunkts.“

Persönliche Mission

Für die Aufführung unerlässlich ist freilich die Fantasie des Interpreten, der fehlende Angaben des Komponisten zu Tempo, Dynamik und Phrasierung aus eigener Vorstellungskraft ergänzen muss. „Man muss diese Musik gleichsam selbst orchestrieren, die Farben finden, das Tempo, die Dynamik, die Phrasierung, die Artikulation, die Verzierungen. Ich finde das faszinierend, es eröffnet mir viel mehr Spielraum, als wenn ich Chopin spiele, der alles genau vorschreibt.“ Die Erfahrung, wie sich diese Freiheit der Interpretation im Rahmen der strengsten kontrapunktischen Arbeit entfalten kann, bedeutet für Schiff nichts weniger als „eine moralische Belehrung“, die sein gesamtes Weltbild prägt. 
So wurde das Œuvre des Johann Sebastian Bach, das er als 14-Jähriger für sich entdeckte, zum weltanschaulichen Fundament seines professionellen Musizierens, und er hat es seit dem Beginn seiner Karriere als seine „persönliche Mission“ erachtet, dieses Œuvre aus einer versteinerten Tradition zu erlösen und für das Publikum unserer Zeit lebendig zu machen. Mehr als zehn Jahre lang hat er sich vorbereitet, ehe er sich reif genug fühlte, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Er war damals bereits ein bekannter Pianist. Doch als er Anfang der 1980er Jahre mit den „Goldberg-Variationen“ und dem „Wohltemperierten Klavier“ die Konzertsäle eroberte, brachte ihm das den internationalen Durchbruch. Die Stücke waren ein Rarissimum im Repertoire, und die lebendige Natürlichkeit seiner Spielweise war eine Sensation. Er spiele Bach, „wie die Kuh Milch gibt“, meinte ein Kritiker in Abwandlung eines Bonmots von Richard Strauss. Schiffs Beispiel machte Schule: Die jungen Hochbegabten von heute interpretieren die Bach-Zyklen mit großer Selbstverständlichkeit und Originalität. 

Wunderbare Koexistenz

Für Sir András, der Bach unverändert als tägliches „Morgengebet“ praktiziert, ist die Mission indessen längst nicht zu Ende. „Keine andere Musik gibt mir dieses komplette Vergnügen, spirituell, emotional und intellektuell, auch physisch“, sagt er. Gerade hier und heute, angesichts der Entwicklungen unserer modernen Welt zur „Spaß- und Urlaubsgesellschaft“, die nun durch die Corona-Pandemie an ihre Grenzen gekommen scheint und lernen muss, mit der unerwarteten Bedrohung umzugehen, erweise sich ihre Wesentlichkeit aufs Neue. „Diese Musik zieht einen nicht herunter, sondern erhebt einen, erfüllt einen mit positivsten Gedanken. Sie schafft es, zwischen der Zuhörerschaft und den Interpreten eine Gemeinde zu bilden, wie ein Gottesdienst im besten Sinne.“
Zugleich sei Bach ganz „down to earth. Bach ist einer von uns. Er ist verwurzelt in der Realität wie ein Bauer. Er hat nicht auf eine heilige Inspiration gewartet, sondern musste jeden Sonntag eine Kantate abliefern. Das Schönste ist, dass das Sakrale und das Säkulare in seinem Schaffen so wunderbar koexistieren. Intellekt und Emotion kommen immer zusammen, und auch das Tänzerische ist immer vorhanden.“ 

Das Credo im Kollektiv

Stichwort Gemeinschaft: Seit Schiff begonnen hat, vom Klavier aus zu dirigieren, hat er die Bach-Konzerte mit vielen hochkarätigen Orchestern aufgeführt, mit den Berliner Philharmonikern ebenso wie mit dem Chamber Orchestra of Europe. Wenn er sie nun wieder einmal mit der Cappella Andrea Barca erarbeitet, so ist das zweifellos ein Erlebnis der Sonderklasse. Denn im Verein mit dieser unkonventionellen Truppe findet sich Schiffs Credo, dass das Instrument zu Musik werden soll, im Kollektiv verwirklicht. 2019 hat das Ensemble, das Sir András launig nach seinem Florentiner Alter Ego aus dem 18. Jahrhundert benannte, sein zwanzigjähriges Bestehen gefeiert, und er ist restlos glücklich mit der speziellen Musizierkultur, die sich entwickelt hat. „Unser Stil ist mitteleuropäisch-kosmopolitisch, musikantisch – und kammer¬musikalisch, das bedeutet: immer aufeinander hören, ein Geben und Nehmen“, erzählt Schiff, und dass die Cappella von Anfang an ein Ensemble mit ausgewählten Musikern gewesen sei, die auch menschlich eine gemeinsame Ebene haben. „Das Menschliche spielt bei uns eine große Rolle. Und wir achten darauf, dass wir nie in die Routine kommen. Dann freuen sich alle wie die Kinder, wenn wir uns zu einer unserer Arbeitsphasen treffen, so bleibt es frisch.“
Üblicherweise gab es zwei solcher Arbeitsphasen pro Jahr. Diese schöne Kontinuität ist nun aufgrund der Corona-Pandemie gefährdet. Jene Periode, die traditionell Anfang Mai in Vicenza abgehalten wurde, wo Schiff sein eigenes Festival in Palladios Teatro Olimpico gestaltet, musste heuer entfallen. Die andere, die im Jänner zur Salzburger Mozartwoche stattfindet, ist für 2021 wieder geplant. „Ich hoffe sehr, dass das möglich ist“, sagt Schiff, „aber wir müssen zuwarten und schauen, was von unseren Plänen sich als durchführbar erweist.“ 

„Bachs Musik ist singende Musik.” Sir András Schiff

Orientierung mit Bach

Wie dem auch sei. Seit bald einem halben Jahrhundert ist der 1953 in Budapest geborene András Schiff unermüdlich in seinem persönlichen Kosmos, auf den Spuren „seiner“ Komponisten unterwegs. Das Virus bringt nun gravierende Änderungen mit sich, doch wird es ihn nicht ernsthaft aufhalten. Den Lockdown, der ihn und seine Frau im März in Japan ereilte, erlebte er zunächst als verstörende Unterbrechung seines sorgfältig geplanten Kontinuums, doch sobald ein Klavier im angemieteten Häuschen eintraf, renkte sich die Situation wieder ein. Dass das Konzertwesen in seiner bisherigen Form, mit jahrelanger Vorausplanung und internationaler Reisetätigkeit, nicht wie gewohnt weitergehen kann, darüber macht er sich keine Illusionen. „Unser Leben wird sich in Zukunft sehr viel schwieriger gestalten“, meint er. Doch jene „geerdete“ Grundeinstellung, die er an Bach so bewundert, wird ihm wohl auch in dieser Lebenslage hilfreiche Orientierung bieten. 

Monika Mertl 
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).