Böhmens sanft-melancholische Seele

Jakub Hrůša dirigiert Dvořák und Janáček

Tschechische Musik im Großen Musikvereinssaal: Am Pult der Wiener Symphoniker erkundet der Dirigent Jakub Hrusa seine gemeinsame Heimat mit Leos Janacek und Antonín Dvorak.

Pünktlich zur verabredeten Uhrzeit ploppt die Nachricht auf dem Bildschirm auf: Jakub Hrůša hat den Raum betreten. Den Zoom-Raum, den wir für unser Gespräch eingerichtet haben, einen virtuellen Treffpunkt. Nachdem er seinen Bildschirm freigegeben hat, sind im Hintergrund weiße, schräge Wände, ein Dachfenster und ein Stück blauen Himmels zu sehen. Wo sind Sie denn gerade, Herr Hrůša? „In Bamberg, wir haben am vergangenen Wochenende unsere Saison eröffnet.“ Seit 2016 steht der 39-jährige Tscheche als Chefdirigent am Pult der dortigen Symphoniker. Sie sind eines der führenden Orchester Deutschlands. 

Eine sensationelle Meldung

Das Orchester hatte damals mit seiner Entscheidung für Jakub Hrůša großes Aufsehen erregt. Nicht nur, weil Hrůšas Stern seit einem Jahrzehnt kontinuierlich immer weiter steigt und er mittlerweile zu den führenden Dirigenten seiner Generation zählt – es war ein großer Scoop der Franken, ihn gewonnen zu haben. Sondern auch, weil der Klangkörper bei seiner Gründung 1946 zum Teil aus ehemaligen Mitgliedern des Deutschen Philharmonischen Orchesters Prag bestand, das am 1. Mai 1945 unter seinem Generalmusikdirektor Joseph Keilberth sein letztes Konzert an der Moldau gegeben hatte, bevor die Nachkriegswirren sie in alle Welt zerstreuten. Der Weltstar Keilberth stand dann noch 18 Jahre im idyllischen Oberfranken am Pult – bis zu seinem plötzlichen Tod – und legte in dieser Zeit das Fundament für den bis heute bestehenden Ruhm des Klangkörpers. Mit der Wahl Hrůšas zum neuen Chef hatte sich somit nach sieben Jahrzehnten ein Kreis geschlossen. Die erste Veröffentlichung, Bedřich Smetanas „Má vlast“ (Mein Vaterland), ließ sich dann vielleicht auch ein bisschen programmatisch verstehen – als kleines Zeichen, worauf demnächst ein Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit liegen könnte: der reichen deutsch-tschechischen Musiktradition.

Eine Herzensangelegenheit

Ist es Freude oder Bürde, als Tscheche aus Brünn – also der Stadt, die untrennbar mit ihrem berühmtesten Bewohner Leoš Janáček verbunden ist – im Musikleben unterwegs zu sein? Jenem Komponisten, mit dem Hrůša den ersten Teil seines Wiener Programms bestreiten wird: mit Ausschnitten aus dem „Schlauen Füchslein“. „Oh, eine Freude“, antwortet er. Es klingt überzeugend. Vor allem, als er zu erzählen beginnt, wie sehr ihm diese Oper („ein Werk über existenzielle Fragen des Lebens“) am Herzen liegt. „Einerseits hoch philosophisch, andererseits wunderbar unterhaltsam – und noch dazu auch für Kinder geeignet.“ Und eine biographische Komponente, die gebe es tatsächlich: „Meine Familie hat zufällig fast in dem Wald gewohnt, in dem Janáček regelmäßig spazieren ging und der ihn zu dieser Oper inspirierte. Als Schüler bin ich dann mit der Partitur in ebendiesen Wald gewandert und habe sie genau dort studiert.“

Spricht man über tschechische Musik, fallen sofort die Namen Janáček, Dvořák und Smetana. Natürlich völlig zu Recht. Einerseits. Andererseits: „Der Reichtum unserer Musik ist unglaublich. Und sie umfasst so unendlich viel mehr als nur die Werke dieser drei. Es gibt so viel Interessantes auch weniger bekannter Komponisten. Nehmen Sie beispielsweise Josef Suk, Bohuslav Martinů oder Miloslav Kabeláč, gestorben 1979, einen der größten Symphoniker der tschechischen Musik nach Martinů.“ Auch für sie setzt sich Hrůša ein, wo immer er kann. Bietet an, Teile eines Konzertabends auch mit ihnen zu gestalten. Und wie viel Prozent seiner Auftritte bestreitet er nun mit Kompositionen seiner böhmisch-mährischen Landsleute? „Mit oder ohne Gustav Mahler?“, fragt er lachend zurück. Nun ja. Sagen wir mal: mit. „Vielleicht ein Drittel“, schätzt er. Und bezeichnet das als perfekte Balance. 

Ein freier, wundervoller Klang

Begonnen hat er mit seinem Bamberger Orchester übrigens gleich nach seinem Amtsantritt eine Brahms-Dvořák-Edition – die beiden Spätromantiker zu vergleichen, auf möglichst vielen Ebenen, ist eines seiner Steckenpferde. Und so steht nun auf jeder CD-Neuerscheinung eine Symphonie von Brahms einer von Dvořák gegenüber. Auch die Achte liegt bereits in so einer Einspielung vor – das Werk, mit dem Hrůša den zweiten Teil seines Wiener Abends bestreiten wird. Ein heiteres, leichtes, Lebensfreude verströmendes Opus, inspiriert von der sattgrünen Sommerlandschaft Mittelböhmens. Und die erklärte Lieblings¬symphonie des Dirigenten. „Ein freier, wundervoller Klang. Unglaublich spontan erscheinend und sehr natürlich“, schwärmt er. „Man fühlt, dass Dvořák an diesem Punkt seines Lebens niemandem mehr etwas beweisen musste. Die Vorgänger-Symphonien sind eher Versuche, sich an der Tradition zu messen – allen voran an Brahms. In diesem Werk ist er ganz er selbst. Sein Herz, sein Kopf – beides spüren wir hier. Und seine Lebensfreude, seinen Glauben, aber auch seine Liebe zur Natur, zu den Tieren, zu den Menschen, zum Tanz.“

Was ist mit der so berühmten slawischen Melancholie? „Sicher, man hört auch sie. Aber in der Achten ist sie von eher leichterer Gestalt.“ Anders etwa als bei Tschaikowskij, der übrigens manchmal durchzuklingen scheint – der Russe habe weit schwerer und dunkler geschrieben. Dvořáks Achte sei die erste Partitur, die er jemals geöffnet habe, erzählt Hrůša. „Sie hat mich motiviert, mich mehr mit dem Dirigieren zu beschäftigen.“ Eine Zufallsentdeckung? „Ja, schon. Ich war noch Gymnasiast, es war in der Bibliothek in Brünn, da habe ich sie zufällig aus dem Regal gezogen. Den Klang kannte ich bereits. Aber auf dem Weg nach Hause klappte ich sie auf – ich hatte schon immer die Angewohnheit, beim Laufen etwas zu lesen –, und die Noten haben mich überwältigt. Ich dachte: Diese Musik ist es wert, ein ganzes Leben mit ihr zu verbringen.“

Ein entscheidender Gedanke

Womit wir bei Hrůšas Kindheit und Jugend wären. Sein bereits erwähnter Geburtsort Brünn ist mit etwa 380.000 Einwohnern nach Prag die zweitgrößte Stadt des Landes. Eine wichtige Industrie-, Kultur- und Messemetropole. Die Mutter ist Ingenieurin, der Vater ein erfolgreicher Architekt. „Wobei er die Architektur eher als Kunst betrachtet, nicht als einen technischen Beruf.“ Die Eltern ermöglichen Klavier- und Blockflötenstunden, der Sohn ist außerdem glücklich mit der Posaune – auch, weil er damit in Orchestern und Bands spielen kann. Sich dort als Teil eines Ensembles, eines größeren Ganzen erleben darf. „Dass ich ohne Musik nicht existieren kann – diesen Gedanken hatte ich schon als Teenager“, erinnert er sich. Und mit 15 war ihm klar: Das wird mein Beruf. 

Hrůša studiert Dirigieren an der Akademie der Darstellenden Kunst in Prag, wo Jiří Bělohlávek sein wichtigster Mentor wird. Noch als Student gewinnt er seine ersten Wettbewerbe, ist von 2002 bis 2005 Assistent des Dirigenten der Tschechischen Philharmonie, macht 2004 seinen ersten Abschluss und wechselt 2005 an die Universität der Künste nach Berlin. Assistiert da aber bereits Myung-Whun Chung beim Orchestre Philharmonique de Radio France, ist Chefdirigent der Bohuslav Martinů Philharmonie in Zlín sowie Haupt-Gastdirigent der PKF-Prague Philharmonia. 2010 wird ein wichtiges Jahr seiner Karriere: Im Alter von nur 29 Jahren wird er Music Director von „Glyndebourne on Tour“ sowie Erster Gastdirigent des Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra. 

Ein guter Zeitplan

Seit ziemlich exakt einem Jahrzehnt befindet er sich somit an der Weltspitze, jettet rund um den Globus. Eine große Leistung für einen heute erst 39-Jährigen, der, wie fast jeder Mensch seines Alters, daneben auch noch versucht, Job und Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Mit seiner Ehefrau Klára, einer Rechtsanwältin, und den beiden Kindern – die Tochter ist sieben, der Sohn vier Jahre alt – lebt er in London. Als sich ein Engagement am Royal Opera House, das ursprünglich auf zwei bis drei Monate angelegt war, auf bis heute fast drei Jahre verlängerte, waren sie an die Themse gezogen. Nun pendelt er hauptsächlich zwischen Prag („das wird immer unsere Heimat bleiben“), London und Bamberg. Wobei er die Aufenthalte in Deutschland zum intensiven Arbeiten und Studieren nutzt, um die Zeit in England möglichst nur als Vater und Ehemann und mit der Familie verbringen zu können. Ein Umzug, wohin auch immer, ist vorerst nicht geplant: Die Kinder, zweisprachig aufwachsend, gehen in London in Schule und Vorschule.

„Dass ich ohne Musik nicht existieren kann – diesen Gedanken hatte ich schon als Teenager“ Jakub Hrůša

Ein Frage ohne Antwort

Insofern bot Corona, so bitter die Pandemie auch ist, vermutlich für ihn, den Vielflieger, sogar die Chance auf ein bisschen ungeplante Familienzeit, oder? Wie hat er die vergangenen Monate empfunden? „Anfangs, also im Frühling, war es tatsächlich sehr schön. Es war wie ein unverhofftes Geschenk, ich habe damals viel mit den Kindern unternommen. Die ersten Monate der Pandemie haben wir komplett in Prag verbracht. In London war die Situation damals unklar, in Tschechien viel besser. Inzwischen ist es umgekehrt.“ 

Seit die Schule wieder begonnen hat, sind Frau und Kinder zurück in London. Doch seine einstige Freude sei inzwischen verflogen. Eine prinzipielle Sorge um den Fortbestand des Musiklebens hat alles überlagert. Die Bedrohung der Gesellschaft und der Kultur beunruhigen ihn: „Heute habe ich ganz andere Gefühle. Die Zeit seit März scheint stillgestanden zu sein. Für die Kunst, die Musik hat sich nicht viel verändert. In Bamberg dürfen wir lediglich vor 200 Besuchern spielen. Was bedeutet, dass wir die Zahl der Konzerte verdoppelt haben, um wenigstens ein paar Menschen mehr zu erreichen.“ Wie das alles weitergehen wird? Eine gute Frage. Eine Antwort hat natürlich auch er nicht.

Aber er schätzt ja nicht ohne Grund vor allem den optimistischen Dvořák so sehr. Er scheint ihm nicht ganz unähnlich zu sein. Somit kann er selbst dieser Situation noch etwas Gutes abringen: „Wenn die Pandemie eines Tages hinter uns liegt, werden wir die Musik umso mehr zu schätzen gelernt haben.“

Margot Weber
Margot Weber lebt als Journalistin in München.