Immer im Hier und Jetzt 

Thomas Angyan 

Nach 32 Jahren beendet Dr. Thomas Angyan seine Tätigkeit als Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

„Großes Abschiedsinterview Dr. Angyan“ – so steht es schon lange im internen Redaktionsplan der „Musikfreunde“, der Zeitschrift des Hauses. Es war, selbstverständlich, eines der ersten Themen, die für die Saison 2019/20 fixiert waren. 2018 hatte Thomas Angyan bekanntgegeben, dass er seinen im Juni 2020 endenden Vertrag als Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien nicht mehr verlängern werde. Mit dem 150-Jahr-Jubiläum des Hauses sei der richtige Zeitpunkt gekommen, „das Ruder an Jüngere weiterzugeben“ und seine 32-jährige Tätigkeit an der Spitze des Hauses zu beenden. Das war die Erklärung, die Thomas Angyan 2018 abgab. Mit diesem Wissen ging es dann in die Jubiläumssaison 2019/20, eine Saison mit strahlendem Festesglanz und einem Hauch von Abschiedlichkeit. – Und jetzt steht es auf einmal wirklich an, dieses „große Abschiedsinterview“. Und will nicht so recht gelingen. Warum? Die Gegenwart ist einfach zu stark. Es waltet eine so entschiedene Präsenz in diesem Gespräch, dass es sprachlich nicht aus dem Präsens will. Die Vergangenheitsform passt nicht. Und schon gar nicht das nostalgische Präteritum, ein wehmütig versonnenes „Es war einmal ...“ Nichts davon bei Thomas Angyan.

Erfüllte Gegenwart

„Sie erlauben, dass ich kurz rangehe“, sagt er, als das Telefon im Intendantenzimmer klingelt. „Ja, es ist die Zweite Brahms, die Hrůša dirigiert, definitiv“, hört man ihn sagen. „Jansons hätte die Erste gemacht, aber das wurde getauscht.“ Nachschauen muss er da nicht. Er hat es parat. „Das war jetzt wichtig“, sagt Angyan, als er den Hörer aufgelegt hat. „Gerade ist übrigens auch das letzte fehlende Konzertprogramm von Riccardo Muti gekommen.“ Und damit steht das Programm der Saison 2020/21. Die Bürstenabzüge der Broschüre liegen schon zur Korrektur auf seinem Schreibtisch. Klar, dass er sie selbst durchschaut, die Arbeit bis ins kleinste Detail gehört für ihn einfach dazu. Dass diese Saison dann schon die erste seines Nachfolgers sein wird, ändert nichts daran. Dr. Stephan Pauly wird seine Tätigkeit am 1. Juli 2020 beginnen – mit einem von Thomas Angyan komplett geplanten Saisonprogramm. Genauso übergibt Stephan Pauly seinem Nachfolger an der Alten Oper Frankfurt eine voll durchgeplante Saison. Gemäß dieser klaren Absprache kann der Intendantenwechsel hier wie da optimal gelingen. In der Welt der Musik weiß man es eben: Ein Übergang muss gut vorbereitet sein. Das Timing muss stimmen. Und noch eines lehrt das Musizieren: Entscheidend für die Zukunft, sei’s der Aufschwung einer Phrase, sei’s ein angepeilter Spitzenton, ist immer das Davor, das Hier und Jetzt. Also: die erfüllte Gegenwart.

Künstlerische Exzellenz, programmatische Vielfalt

So spricht Thomas Angyan in diesem gar nicht so abschiedlichen Abschiedsinterview auch voll Freude über das, was er für 2020/21 geplant hat: eine Konzertsaison voll künstlerischer Exzellenz und programmatischer Vielfalt, aufgefächert in nicht weniger als 73 Abonnementzyklen. Der Schwung des Jubiläumsjahrs 2020 wirkt hinein in die kommende Saison, das Beethoven-Jahr bringt weitere Höhepunkte. Rund um den eigentlichen Geburtstag des Jahresregenten dirigiert Daniel Barenboim alle neun Symphonien – das Gastspiel der Berliner Staatskapelle ist wieder eine der Orchesterresidenzen, die in der Ära Angyan zum unverwechselbaren Markenzeichen des Musikvereins geworden sind. 2021 jährt sich der Geburtstag von Alexander Zemlinsky zum 150. Mal. Für ein international zelebriertes „Zemlinsky-Jahr“ wird die Musikwelt kaum bereit sein. Umso wichtiger aber ist für Angyan, „dass der Musikverein hier einen starken Akzent setzt. Über den Alexander-Zemlinsky-Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde, den die Witwe des Komponisten uns anvertraut hat, haben wir hier eine besondere Verantwortung, die wir auch leidenschaftlich wahrnehmen.“ Ein eigener Zemlinsky-Zyklus im kommenden Saisonprogramm bringt es deutlich zur Geltung. 

Die Kunst der Freundschaft

Drei Projekte, die beispielhaft für ein großes Ganzes stehen. Freilich: Der Geschichte, die Thomas Angyan im Musikverein geschrieben hat, würde das Wesentliche fehlen, wenn man das Persönliche wegließe. Es ist, wie man wohl sagen darf, das Herzstück dieser 32-jährigen Erfolgsgeschichte. Thomas Angyan hat das Talent, berufliche Verbindungen als enge persönliche Freundschaften zu pflegen – und das mit solcher Noblesse, dass keine Prävalenzen durchscheinen oder je so etwas wie „Freunderlwirtschaft“ hätte entstehen können. Man müsste, um die Qualität treffend zu beschreiben, das Wort „Äquinähe“ einführen: eine Fähigkeit zur Freundschaft, ungeachtet möglicher Differenzen zwischen jenen, denen die Freundschaft gilt. Thomas Angyan hat diese Lebenskunst schon als junger Generalsekretär der Jeunesse entwickelt und im Musikverein weiter entfaltet. „Und sehr viel“, sagt er, „verdanke ich auch da meiner Frau und ihrer Gabe, diesen Beziehungen eine so schöne persönliche Note zu geben.“ Über die Jahrzehnte ist dadurch ein weites Geflecht von Freundschaften entstanden: wichtig auch dafür, die bedeutendsten Künstler als Musikfreunde ans Haus zu binden.

Hoch motiviertes Team

Präsenz ist das Thema. Präsent zu sein, wenn ein wichtiges Konzertprojekt beginnt – „für mich“, so Thomas Angyan, „gehört es einfach dazu, zur Begrüßung vor einer ersten Probe ins Künstlerzimmer zu kommen“ –, präsent auch nach einem Konzert: am Bühneneingang, im Künstlerzimmer, bei einem Essen danach. Und dann am nächsten Tag wieder im Büro. Präsent auch da, pünktlich am Arbeitsplatz kurz vor neun. Wie würde Thomas Angyan seinen Führungsstil im Haus beschreiben? „Das müssten eigentlich andere beurteilen“, meint er lächelnd, „aber spontan würde ich sagen: motivierend, Freiräume gebend, und doch, in entscheidenden Fragen, klar darlegend, wohin die Grundrichtung geht. Was mir große Freude macht, ist, dass jeder in diesem Haus nicht dort mit seiner Arbeit aufhört, wo das vielleicht in seiner Arbeitsplatzbeschreibung definiert wäre, sondern so engagiert und flexibel auf Erfordernisse reagiert. Es kann viel ,ausbrechen‘ in einem Konzertunternehmen, Programmumstellungen, kurzfristige Absagen, was auch immer – und da geht dann der eine ein Stückl nach links und der andere ein Stückl nach rechts, damit am Abend alles reibungslos abläuft. Ich bin stolz auf dieses hoch motivierte Team.“

Ein Haus, sein Haus ...

Ein „Abschiedsinterview“? Versuchen wir es doch noch mit der vielstrapazierten Inselfrage. Vorausgesetzt Thomas Angyan hätte nach dem 30. Juni 2020 Muße, Ferien auf einer einsamen Insel zu machen – welche drei Aufnahmen würde er mitnehmen? „Für Opern habe ich das einmal für mich beantwortet: Das wären ,Le nozze di Figaro‘, ,Falstaff‘ und ,Rosenkavalier‘. Aber bei Werken des Konzertrepertoires? Da gäbe es so vieles! Ja, ein Harnoncourt müsste wohl dabei sein, mit einem Werk der Wiener Klassik, Mozart wahrscheinlich, ein Bernstein mit Mahler oder Haydn und dann – auch weil ich mich an dieses Musikvereinskonzert mit so starken Gefühlen erinnere – ein ,Don Quixote‘ von Richard Strauss mit Rostropowitsch.“ Die Antwort kann nur eine vorläufige sein. Ergänzungen kommen sogleich und von Herzen. Und dann ist ein Inselleben für Thomas Angyan auch überhaupt nicht in Sicht. Er wird weiterhin sehr aktiv im Musikleben präsent sein, unter anderem als Kuratoriumsvorsitzender der Ernst von Siemens Musikstiftung, die mit ihren bedeutenden Förderungen Weichen für die Zukunft stellt. Doch auch aufs Reisen freut er sich: Kreuz und quer durch Europa soll es gehen, ins Hinterland der Metropolen, die er – auf der Jagd nach den bestmöglichen Musikvereinsprogrammen – fast ausschließlich kennengelernt hat. „Und dann“, sagt Thomas Angyan, „wird man mich als Musikliebhaber und Konzertbesucher sicherlich auch oft im Musikverein sehen.“ Keine Frage: Das Haus, das so lange sein Haus gewesen ist, wird es auch in Zukunft bleiben.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.