Geniale Grenzgängerin  

Erika Pluhar 

„Es war einmal ...“ – so beginnen bekanntlich viele gute Märchen. Und Märchenhaftes, das aber sehr viel mit dem realen Leben zu tun hat, präsentiert Erika Pluhar am 12. Mai im Gläsernen Saal.

„Es war einmal ...“ Genau diesen Titel hat die Schauspielerin, Sängerin, Autorin und politische Mahnerin für ihren Auftritt im Musikverein gewählt. Denn „Es war einmal. Und es war einmal schön“ hat einst André Heller der Pluhar in die Kehle geschrieben. Ein Lied, das für Erika Pluhar weit mehr ist als „nur“ ein guter Song. Er reflektiert auch ein wenig das Leben dieser bedeutenden Künstlerin, das – wie jedes Menschenleben – ein großes Wechselbad der Gefühle war und immer noch ist. Ja, die Pluhar. Wo beginnen? Vielleicht in Floridsdorf, wo sie 1939 geboren wurde und aufgewachsen ist. Ein Wiener Bezirk, der ihr bis heute so etwas wie eine Heimat ist. Ihr, der rastlos Suchenden, der stets Reflektierenden, das Weltgeschehen Kommentierenden. „Ich halte nie meinen Mund“, hat Pluhar einmal in einem Interview gesagt. Und dieser Maxime blieb und bleibt sie treu. Als Autorin – die vielen, teils semi-autobiographischen Bücher wurden zu Bestsellern – und als Kämpferin gegen jede Form von Rechtspopulismus oder gar Rechtsextremismus. Aber auch als Sängerin, als Rezitatorin eigener und fremder Texte, die im Gläsernen Saal von ihrem neuen musikalischen Lebenspartner Klaus Trabitsch (Gitarre) sowie von Roland Guggenbichler (Klavier), Christoph Petschina (Kontrabass), Thomas Kugi (Saxophon) und Lukas Knöfler (Schlagzeug) begleitet wird.

Sternstunden

Doch zurück zu den Wurzeln, die von Floridsdorf bald ans Max-Reinhardt-Seminar führten, wo Erika Pluhar nach der Matura ab 1957 Schauspiel studierte. Ihren Abschluss machte sie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien bereits 1959 – naturgemäß mit Auszeichnung. Und dann begannen jene Jahrzehnte, von denen Theaterliebhaber bis heute verklärt schwärmen. Denn die Pluhar wurde als Ensemblemitglied ans Wiener Burgtheater engagiert. Hier sollte sie große Rollen der Weltliteratur spielen. Obwohl spielen fast der falsche Ausdruck ist. Erika Pluhar hat nie gespielt, sie war immer die jeweilige Figur auf der Bühne und verhalf immer auch den Zwischentönen zu ihrem Recht. Bis 1990, als sie freiwillig das Burgtheater verließ und für sich entschied, nie wieder Theater zu machen. An eine ihrer letzten, großartigen Rollen erinnert sich der Autor dieser Zeilen bis heute. In Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ stand sie als Jelena, also als Frau des weltfremden Professor Protassov, auf der Bühne. Ihr Partner damals: der unvergleichliche Michael Heltau. Gemeinsam haben Pluhar und Heltau Szenen einer Ehe realisiert, die sich ins kollektive Gedächtnis des Publikums eingebrannt haben. Was für Töne! Was für eine Sprache und Darstellungskunst! Was für Emotionen! Es war einmal ...

Schicksalsschläge

Doch Stichwort „Szenen einer Ehe“: Das Privatleben der Erika Pluhar verlief weit dramatischer als jenes der guten Jelena bei Gorki. Von 1962 bis 1967 war sie mit Udo Proksch verheiratet, der Jahre später im Rahmen der „Lucona-Affäre“ unter anderem wegen sechsfachen Mordes verurteilt wurde. Die gemeinsame Tochter Anna – sie erstickte 1991 an einem Asthmaanfall. Die Begriffe „Zumutung“, weil hier auch das Wort Mut drinsteckt, und „Trotzdem“ prägen seitdem das Denken der so vielseitig Begabten. Die vielen Begabungen der Pluhar – um sie wusste auch ihr zweiter Ehemann André Heller Bescheid. Nicht nur „Es war einmal ...“ schrieb der Universalkünstler seiner damaligen Frau (die Trennung erfolgte 1973 nach nur drei gemeinsamen Jahren, die Scheidung erst 1984) auf den Leib und in die Kehle. Womit wir wieder bei der Musik wären, die von Anfang an Pluhars Steckenpferd wurde. Eines, das nach und nach mehr Raum in ihrem kulturellen Schaffen einnehmen sollte. Sang die Pluhar anfangs bekannte Lieder oder Chansons anderer Autoren, so begann sie bald selbst ihre eigenen Texte zu schreiben. Heute sind ihre eigenen Liedtexte nahezu Voraussetzung ihrer musikalischen Bühnentätigkeit geworden. Denn Themen wie Liebe, Leben, Leiden und Verlust – Pluhars Lebenspartner, der Schauspieler Peter Vogel, beging 1978 Suizid – will sie authentisch interpretieren. Aber auch hier gilt: Das „Fremde“ wird dennoch nie ausgeschlossen.

Engagement

Dieses Credo deckt sich mit den politischen Ansichten der Pluhar. Gegen Xenophobie und gegen Homophobie, gegen Intoleranz und gegen Rassismus, für ein Miteinander, für Toleranz, für Offenheit und Menschlichkeit – da kann die Stimme der Pluhar in all ihrer Schönheit durchaus lauter werden. Das wiederum einte sie mit jenem Mann, der sie doch zu einem Bühnencomeback verführen konnte: Werner Schneyder. Noch so ein Multitalent! Als Kabarettist, Schauspieler, Regisseur, Autor und Boxkampfrichter konnte der 2019 verstorbene Künstler reüssieren. Dass er Erika Pluhar für die Dramatisierung ihres Romans „Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?“ wieder auf die Theaterbühne holte, darf ihm als weiterer großer Erfolg angerechnet werden. Wie es auch Klaus Trabitsch zu verdanken ist, als neuer musikalischer Partner der Schauspielikone die Pluhar wieder zum Singen zu bringen. Mehr als zehn Jahre lang waren nämlich António V. D’Almeida und Peter Marinoff ihre Begleiter – gemeinsam bildete man ein höchst erfolgreiches Trio. Der plötzliche Tod des gebürtigen Bulgaren und Gitarristen Marinoff im Jahr 1991 beendete vorerst alle musikalisch-poetischen Träume der Pluhar.

Zukunftsträume

Doch dann trat unverhofft der österreichische Gitarrist und Virtuose Klaus Trabitsch in Pluhars Leben. Das Ergebnis: eine kongeniale Bühnen- und Studienarbeit, die, wie Pluhar selbst sagt, „von einem gemeinsamen musikalischen Atem getragen ist“. Mit Trabitsch und seinen genial-virtuosen Mitstreitern träumt die Pluhar singend und rezitierend wieder von der Zukunft. Natürlich auch im Gläsernen Saal. Hier lautet das Motto zwar „Es war einmal ...“; sentimentale oder gar wehleidige Rückblicke wird es aber dennoch nicht geben. Oder wie Erika Pluhar es einmal so treffend selbst formuliert hat: „Ich schaue immer nach vorne und nehme den Rückspiegel nur mit.“ Eine Lebensweisheit, die doch irgendwie etwas Schönes, Märchenhaftes hat.

Peter Jarolin 
Peter Jarolin ist Kulturredakteur des „Kurier“.