Freies Berlin 

Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker 

Große Freiheit auf starkem Fundament. Mit akribischer Probenarbeit bereitet Kirill Petrenko den Boden für das Unerwartete, die Entfesselung im Moment der Aufführung. Im Musikverein präsentiert er sich nun erstmals als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. 

Kirill Petrenko ist als Dirigent ein Chamäleon. Seine Erscheinung am Pult entspricht ganzkörperlich genau dem Gehalt und der Textur desjenigen Werks, das er gerade leitet. Im Zenit der ersten Saison als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker ist das viel regelmäßiger zu bestaunen als früher – schließlich war Petrenko ungeachtet seiner beachtlichen Karriere lange Zeit im künstlerischen Alltag buchstäblich „unterbelichtet“. Er hat seine Karriere nicht als Konzert-, sondern als Operndirigent mit den Hauptstationen Meiningen, Berlin (Komische Oper), München und Bayreuth begründet. Petrenko hat sich sichtlich über seine Wahl zum Chefdirigenten des berühmtesten deutschen Orchesters gefreut. Doch am Vormittag seines Antrittskonzert im Herbst 2019 in der Berliner Philharmonie wurde er fast trotzig. Er wisse natürlich, dass das heute ein besonderer Tag sei, aber: „Ich versuche mich einfach auf die Arbeit zu konzentrieren, und die Arbeit so zu machen wie ich das immer gemacht habe, egal wo ich war, von Anfang an.“

Die geheimste der geheimen Wahlen

Petrenko macht keine Show, niemals. Beim Dirigieren zeigt sich an seinem Auftreten und seinem Körper, wie unglaublich eng er mit den jeweiligen Werken in Kontakt ist – und es zeigt sich weniger eine etwaige besondere Ergriffenheit ob der Tatsache, am Pult eines Orchesters mit heroischer Geschichte zu stehen. Dass Petrenko nach der geheimsten der geheimen Chefdirigentenwahlen 2015 die Tatsache nicht gerade kalt ließ, künftig den Berliner Philharmonikern vorzustehen, darauf gibt es immerhin Hinweise. Kurz nach der Wahl dirigierte er das Orchester mit Tschaikowskijs Sechster Symphonie, der „Pathétique“. Zuvor hatte der Russe in gut zehn Jahren gerade einmal drei Programme bei dem Vorzeige-Klangkörper geleitet, Mahlers Sechste hatte er 2014 wegen Krankheit kurzfristig, bereits im Berliner Hotelzimmer angekommen, abgesagt. Das Dirigat der Tschaikowskij-Symphonie dann war für Petrenko oberflächlich gesehen untypisch: So extrovertiert und emotional hatte man ihn am Pult selten gesehen – wollte er nach seinem Engagement bei den Philharmonikern nun tatsächlich als Künstler eine ganz neue Zeit anbrechen lassen? Doch auch dieses Aus-sich-Herausgehen erwuchs vermutlich aus Petrenkos chamäleonhafter Fähigkeit der dirigentischen Mimesis: Der emotionale Ausnahmezustand, der in Tschaikowskijs Sechster herrscht, ist schließlich unbestreitbar.

Ein Meteor, der gerade landet

Das Orchester seinerseits, von Dirigenten ansonsten ja ziemlich verhätschelt, war baff. Von den Berliner Philharmonikern, sonst eher für ihre kollektive Abgeklärtheit bekannt, kamen eigentlich nur Stimmen des Erstaunens. „Meine erste Reaktion war: Wo hat sich dieser Mann bisher versteckt? Warum war dieser Kerl nicht viel öfter hier?“, erinnert sich etwa Matthew Hunter, langjähriger Bratscher der Philharmoniker. Als „Meteor, der gerade landet“, bezeichneten ihn Mitglieder des Orchesters nach diesem Konzert, als „Berserker“. „Die Sechste Tschaikowskij war unglaublich gut“, erinnert sich auch Philharmoniker-Solopauker Rainer Seegers. „Da kommt wieder so was, was vor urlangen Zeiten bei Karajan war. Man riskiert so viel wie möglich. Wenn mal was schiefgeht, mein Gott, dann geht mal was schief. Aber man hat die Chance, dass etwas entsteht, das man nicht wieder machen kann. Man muss es riskieren.“ Darauf hatte natürlich die gesamte Kulturpresse der deutschen Hauptstadt gewartet: auf den Vergleich mit Karajan, der sich bei Petrenkos Vorgänger Simon Rattle in anderthalb Jahrzehnten so überhaupt nicht ergeben hatte. Rattle betonte – neben seiner pflichtschuldigen Hochachtung – stets auch offensiv seinen Dissens mit Karajan zu dessen Lebzeiten über historische Aufführungspraxis. Bei den Philharmonikern hatte Rattle sich seinerseits einst mit Haydn-Symphonien profiliert, die weder zu Karajans noch zu Claudio Abbados Kernrepertoire gehörten.

Andere Zeiten

Petrenko – gerade 48 Jahre alt – und die Berliner Philharmoniker des Jahres 2020 sind, abgesehen von Urgesteinen wie Pauker Seegers, im Schnitt viel zu jung für solche direkten historischen Vergleiche. Doch gerade weil die Orchesterszene so völlig verändert ist heute, sagt es schon viel, dass nach den aufklärerischen Rattle-Jahren ein Petrenko- mit einem Karajan-Dirigat verglichen wird. Stichwort Risiko – erinnern wir uns: Zu Karajans Zeiten bargen viele Stücke des Orchesterrepertoires Risiken, die heutzutage kaum jemand noch eingehen würde: Der längst pensionierte Philharmoniker-Solotrompeter Konradin Groth hat einmal beschrieben, dass Anfang der siebziger Jahre weder er noch seine Kollegen Mahler-Symphonien auch nur jemals gehört hatten und diese Werke als Endzwanziger, bereits im Spitzenorchester angekommen, jeweils oft zum ersten Mal spielten. Mit Stücken von Strawinsky oder Schostakowitsch dürfte es nicht anders gewesen sein. Man kann sich das Risiko vorstellen – und das, was bei diesem Orchester daraus an explosiven künstlerischen Leistungen entstehen konnte: das Glück des ersten Mals. Heute sind bereits Orchesterstipendiaten mit allen Wassern der historischen Aufführungspraxis, der zeitgenössischen Musik und des klassisch-romantischen Repertoires gewaschen, sie überragen oft ihre Professoren in ihrer technischen Vielseitigkeit bei weitem. Orchesterspiel sei ein „gelöstes Problem“ – gar zu solchen Aussagen versteigen sich sarkastische Außenstehende bezüglich der Exzellenz der Musikerausbildung heute.

Beherrschtes Risiko

Nach den künstlerischen Risiken der Karajan-Ära also kann man sich heute aus Sicht der Berliner Philharmoniker meist nur noch sehnen – oder sie provozieren. Das sah Petrenko übrigens schon nach seinem Debüt beim Orchester im Jahr 2006 so: „Das Besondere an den Berliner Philharmonikern ist die Fähigkeit und der Mut jedes einzelnen Musikers, ob Solobläser oder Tuttistreicher, während des Musizierens eine so große Freiheit auszustrahlen. Eine Freiheit, die das ganze Gefüge immer im Blick behält, ein beherrschtes Risiko, bei dem die große Ordnung nicht ins Wanken gerät und die dennoch eine völlige Entfesselung im Moment der Aufführung ermöglicht.“ Völlige Entfesselung im Moment: Weil Spitzenorchester von heute eigentlich alles Beliebte schon hundert Mal gespielt haben, sind solche Entfesselungen unbestreitbar schwieriger geworden. Petrenko und das Orchester schätzen aneinander den Mut zum Risiko. Dies ist es, was den bislang bei Konzertorchestern raren Dirigenten Petrenko zum Wunschkandidaten machte. Petrenkos Arbeitsweise entspricht dem. Sein obsessives Immer-wieder-Wälzen längst bekannter Partituren, die Weigerung auch, auswendig zu dirigieren: Petrenko scheint zu leiden, wenn er an Repertoirestücken bei der Wiederannäherung nichts Neues finden kann.

Bereit für das Unerwartete

Insofern ist Mahlers verrätselte Sechste Symphonie für Petrenko ein Leckerbissen: „Ich versuche, die Partitur vollständig zu erfassen, aber das ist bei so einem Stück unmöglich. Man hat das schon so oft gemacht für sich, auch schon woanders dirigiert. Und trotzdem gibt es Stellen, die kann man nicht gänzlich im Griff haben. Es ist so unerwartet, es ist so abwechslungsreich – man ist dem manchmal ausgeliefert.“ Auch diese Liebe zum Ausgeliefertsein ist es, die Petrenko mit dem Orchester verbindet. Vielerorts wird jetzt von der sprichwörtlichen „Kennenlernphase“, vom „Honeymoon“ geredet. Doch für Petrenko war noch zu Amtsantritt im Herbst klar: „Ich glaube noch nicht mal, dass wir schon in der Kennenlernphase sind. Die kommt noch. Das jetzt ist ein Beschnuppern, finde ich. Ich bin jemand, der zuerst mit etwas Abstand beginnt.“ Und stets aufs Neue ist zu sehen, wie Petrenko sich in akribischem Partiturstudium dem jeweiligen Gehalt der Werke anverwandelt, um diese Anverwandlung dann erst im Konzert auszuleben. Bei Mahlers Sechster wirkt er am Pult wie ein Hohepriester, der sich im Dienst einer höheren, schicksalentscheidenden Botschaft als Person bis zur Unsichtbarkeit zurücknimmt.

Honeymoon und harte Arbeit

Zwischen den zahlreichen neuen Konzerten stehen knapp bemessene, aber für alle Beteiligten anspruchsvolle Proben. Der Orchestervorstand der Berliner Philharmoniker Knut Weber sagt dazu: „Kirill Petrenkos detailliert vorbereitete Probenarbeit basiert auf der Einstellung: Jeder Musiker ist erst glücklich, wenn sein gesamtes Leistungsvermögen abgerufen wird. Dadurch bekommen sowohl die Arbeit in den Proben als auch die Ergebnisse in den Konzerten einen selten zu erlebenden Fokus, der das Publikum und die Musiker in ihren Bann zieht.“ Wer die sparsamen, minuziös abgewogenen Pressestatements der Berliner Philharmoniker kennt, kann aus solchen Aussagen zumindest ahnen: Kirill Petrenko und sein neues Orchester sind in einer Phase des Honeymoons und der harten Arbeit zugleich. 

Matthias Nöther
Dr. Matthias Nöther, Musikjournalist in Berlin, arbeitet für verschiedene deutsche Rundfunkanstalten und die „Berliner Morgenpost“.  

„Das Besondere an den Berliner Philharmonikern ist die Fähigkeit und der Mut jedes einzelnen Musikers, ob Solobläser oder Tuttistreicher, während des Musizierens eine so große Freiheit auszustrahlen." Kirill Petrenko