Im Dialog mit Beethoven 

Neue Kammermusik im historischen Kontext 

In der Konzerttrilogie „Beethoven heute“ erklingen bis zum Saisonende neue Kammermusikwerke von Johanna Doderer, Gerald Resch und Johannes Maria Staud. Daniel Ender hat die drei österreichischen Komponisten für die „Musikfreunde“ zum Gespräch getroffen. 

Was bedeutet Beethoven Ihnen persönlich und als KomponistInnen?
Resch: Die Tatsache, dass er ein rundes Jubiläum hat, ist dafür gar nicht entscheidend. Wahrscheinlich geht es uns allen so, dass wir uns immer wieder mit seinen Werken beschäftigen, weil er unglaublich ökonomische und fantasievolle Lösungen findet. Das ist eine Fundgrube, die ohnehin permanent griffbereit ist. Es gehört zum täglichen Brot jedes Musikers. Doderer: Wenn ich mich mit Beethoven beschäftige, komme ich nach Hause. Wahrscheinlich ist er jener Komponist, der mein Leben musikalisch am meisten beeinflusst hat. Ich habe seine Klaviersonaten gespielt, das war während meines Studiums die vielleicht prägendste Erfahrung. Es ist für mich eine Riesenfreude, mich jetzt nochmals so intensiv mit ihm auseinanderzusetzen. Er ist ein Komponist, der vor allem im Spätwerk Räume gesprengt hat. 
Staud: Was mich an ihm fasziniert, sind seine individuellen Problemlösungen. Besonders in seinem Spätwerk war er seiner Zeit absolut voraus – das ist ein starkes Plädoyer für den zeitlosen Avantgardismus. Bei mir war er auch der wesentlichste Motivator, um mit dem Komponieren zu beginnen. Als ich als Kind seine Erste Symphonie rauf und runter gehört habe, dachte ich mir: Das möchte ich auch, einmal so ein mitreißendes symphonisches Werk schreiben.   

Komponieren am Schreibtisch heißt immer auch Dialog mit sich selbst, aber daneben findet auch ein ständiger Dialog mit der Geschichte statt. Welche kompositorischen Traditionen sind für Sie wichtig? 

Staud: Ich schreibe nie im Bewusstsein, mich in eine Tradition zu stellen. Ab und zu nehme ich ein Werk heraus, das mich gerade interessiert, beschäftige mich intensiv damit, aber ich sehe Musikgeschichte nicht chronologisch. Es gibt so viele Seitenstränge und Abweichungen, Hauptwege, die sich später als unwesentlich erweisen. Eigentlich hat Bernd Alois Zimmermann diese Frage sehr schön beantwortet: mit dem von Augustinus entlehnten Bild der Kugelgestalt der Zeit. Das finde ich sehr treffend. 
Resch: Natürlich gibt es Musik, die ich mehr mag als andere, aber auch ich gehe da eher unsystematisch vor. Manchmal stoße ich aus irgendwelchen Gründen auf Musik aus dem Mittelalter, auf Jazz – oder was auch immer, und finde Aspekte, die mich inspirieren. Man ist als Komponist ein bisschen wie ein Trüffelschwein auf der ständigen Suche und gräbt dafür an den unterschiedlichsten Stellen, ohne immer genau zu wissen, was man gerade sucht. 
Doderer: Bei mir ist das ganz anders. Ich baue ganz bewusst auf Traditionen auf und sehe schon einen zeitlichen Raum, der gewissermaßen hinter mir liegt. Die Entwicklung der Mehrstimmigkeit, auf deren Spitze wir jetzt stehen oder die wir vielleicht auch verfehlt haben – das wird man später entscheiden. Tradition ist mir schon wichtig, und ich beschäftige mich auch mit ihr. Natürlich gibt es Komponisten, die mir näher sind, aber prinzipiell beeinflusst uns alles, was vor uns war, und daran messe ich auch die Musik, die ich schreibe. Ich glaube, dem können wir gar nicht entkommen.   

Fühlen Sie sich Traditionen der Moderne verbunden? Inwieweit spielt der Begriff der Innovation eine Rolle?

Staud: Wenn man die Musik von Gesualdo, von Mozart, das Spätwerk von Liszt, die Werke von Wagner, Debussy oder Varèse ansieht, sind das lauter Komponisten, die unzufrieden waren mit dem musikalischen Common Sense ihrer Zeit. Da ließen sich noch viele Beispiele finden. Vermutlich haben vor allem die Komponisten Eingang in den Kanon gefunden, die über die allgemeinen Regeln ihrer Zeit hinausgegangen sind. Dafür steht ganz exemplarisch Beethoven. Schon bei den ersten Werken gibt es eine prononciert persönliche Note. Aber in allen Zeiten gibt es fortschrittliche und betont konservierende Ansätze – das sagt jedoch noch nichts über die Qualität der Werke aus. Dennoch verschwinden Werke, die musikalisch einer längst vergangenen Epoche nachtrauern, in der Regel recht schnell. 
Resch: Manchmal erscheint gerade dann, wenn man um Neuheit kämpft, das Ergebnis am wenigsten innovativ. Das merke ich manchmal bei einigen Studierenden, die voller Eifer Werke oder Konzepte vorlegen, die an die 1960er oder 1970er Jahre erinnern. Mit persönlich ist es wichtig, mich selbst bei jedem Stück weiterzuentwickeln und immer wieder für mich neue Fragestellungen und Lösungen zu finden. 
Doderer: Für mich stellt sich die Frage: Wollte Beethoven etwas Neues machen – oder konnte  er einfach nicht anders. Ich glaube, wenn man zwanghaft neu sein will, ist der Zug schon abgefahren: Eine krampfhafte Suche nach Innovation lässt die Musik alt aussehen. Einen individuellen Stil zu finden geht wahrscheinlich nur, wenn man das hört, was in einem ist. Und das ist etwas Unfassbares.   

Wie sind Sie an den Auftrag, neue Werke mit Bezug auf Beethoven zu schreiben, herangegangen?

Resch: Bei mir spielt sich der kreative Prozess in mehreren Stufen ab. Zuerst beschäftige ich mich mit Vorgefundenem, in diesem Fall Beethovens Streichquartetten. Dann mache ich mir jede Menge Notizen von Dingen, die mir bemerkenswert erscheinen. Danach ist für das eigentliche Komponieren wichtig, all das wieder umfassend zu vergessen. Natürlich kann man die eigentliche Sprache ohnehin nicht verleugnen, aber jedes Mal einen bestimmten Tonfall zu finden erfordert Zeit und Gelassenheit. Inwieweit die Beethoven-Spuren in meiner Komposition nachvollziehbar sind, weiß ich nicht. Aber manche Bezugnahmen kann man sicher im Konzert erschließen, und zwar schon beim ersten Hören.
Staud: Ich habe ja zwei Stücke geschrieben, und zwar zunächst eine neue Diabelli-Variation für Rudolf Buchbinder. Dafür habe ich mich eingehend mit dem historischen Zusammenhang beschäftigt: mit dem „Vaterländischen Künstlerverein“, in dessen Rahmen fünfzig andere zeitgenössische Komponisten, darunter Czerny, Moscheles oder der junge Franz Schubert, Variationen über die Miniatur von Diabelli geschrieben haben. Das war der Kontext für Beethovens Riesenwerk. Ich habe Diabellis Walzer in meine harmonische Musiksprache transferiert, aber bin gestisch in meiner Variation nahe am Vorbild geblieben.

In der Konzerttrilogie „Beethoven heute“ erklingen bis zum Saisonende neue Kammermusikwerke von Johanna Doderer, Gerald Resch und Johannes Maria Staud. Daniel Ender hat die drei österreichischen Komponisten für die „Musikfreunde“ zum Gespräch getroffen. 

Was bedeutet Beethoven Ihnen persönlich und als KomponistInnen?
Resch: Die Tatsache, dass er ein rundes Jubiläum hat, ist dafür gar nicht entscheidend. Wahrscheinlich geht es uns allen so, dass wir uns immer wieder mit seinen Werken beschäftigen, weil er unglaublich ökonomische und fantasievolle Lösungen findet. Das ist eine Fundgrube, die ohnehin permanent griffbereit ist. Es gehört zum täglichen Brot jedes Musikers. Doderer: Wenn ich mich mit Beethoven beschäftige, komme ich nach Hause. Wahrscheinlich ist er jener Komponist, der mein Leben musikalisch am meisten beeinflusst hat. Ich habe seine Klaviersonaten gespielt, das war während meines Studiums die vielleicht prägendste Erfahrung. Es ist für mich eine Riesenfreude, mich jetzt nochmals so intensiv mit ihm auseinanderzusetzen. Er ist ein Komponist, der vor allem im Spätwerk Räume gesprengt hat. 
Staud: Was mich an ihm fasziniert, sind seine individuellen Problemlösungen. Besonders in seinem Spätwerk war er seiner Zeit absolut voraus – das ist ein starkes Plädoyer für den zeitlosen Avantgardismus. Bei mir war er auch der wesentlichste Motivator, um mit dem Komponieren zu beginnen. Als ich als Kind seine Erste Symphonie rauf und runter gehört habe, dachte ich mir: Das möchte ich auch, einmal so ein mitreißendes symphonisches Werk schreiben.   

Für die nachfolgenden Komponisten des 19. Jahrhunderts war Beethoven eine übermächtige, einschüchternde Erscheinung. „Ich werde nie eine Symphonie komponieren! Du hast keinen Begriff davon, wie es unsereinem zu Mute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört“, klagte Brahms einem Freund. Solche Belastungen spielen im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr?

Staud: Ein Erstarren vor dem großen Genius würde mich als Komponisten nicht weiterbringen, eher eine ernsthafte Beschäftigung mit ihm statt einer Anbetung. Um etwas Vermessenes zu sagen: Eigentlich ist es eine kollegiale Beziehung, die ich zu ihm aufbauen möchte. Im Übrigen ist mir Beethoven als Neunjähriger im Traum erschienen. Ich kenne ihn also auch persönlich ganz gut.
Resch: Wir haben in gewisser Weise die Gnade der späten Geburt. Vielleicht kann man es mit einer Häuserzeile vergleichen, wenn zwischen die Beethoven-Altbauten ein neues Häuschen gestellt wird, das daneben Bestand haben und in einer gewissen Harmonie dazu stehen soll – am besten noch auf eine geistreiche Art und Weise –, aber klar sein soll, dass es aus seiner eigenen Zeit kommt.
Doderer: Eine Heiligsprechen von Komponisten, die vor unserer Zeit gelebt haben, finde ich auch eher lästig. Ich glaube auch nicht, dass das Beethoven oder Schubert – über den ich gerade eine Oper geschrieben habe – entsprechen würde. Ich glaube eher, dass die sehr bodenständig waren. Die haben einfach unglaublich gute Musik geschrieben – nicht mehr und nicht weniger.  

Das Gespräch führte Daniel Ender 
Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender verfasste Monographien über Richard Strauss und Beat Furrer sowie zahlreiche Aufsätze. Er lehrte an verschiedenen Universitäten, schreibt regelmäßig für den „Standard“ sowie die „Neue Zürcher Zeitung“ und ist Generalsekretär der Alban Berg Stiftung.   

Aris Quartett
© Simona Bednarek

Aris Quartett 

Aris Quartett

Ludwig van Beethoven
Streichquartett F-Dur, op. 18/1
Gerald Resch
Streichquartett Nr. 3, „Attacca”
Uraufführung – Auftragswerk der
Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Ludwig van Beethoven
Streichquartett F-Dur, op. 59/1

木曜日, 26. 3月 2020, 08.00 午後

Silvia Careddu
© Neda Navaee

Silvia Careddu 

Silvia Careddu, Flöte

Sophie Dervaux, Fagott
Eloise Bella Kohn, Klavier

Heitor Villa-Lobos
Bachianas brasileiras Nr. 6
Ludwig van Beethoven
Trio für Klavier, Flöte und Fagott G-Dur, WoO 37
Johannes Maria Staud
Neues Werk
Uraufführung – Auftragswerk der
Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Pietro Morlacchi / Antonio Torriani
Duetto concertato für Flöte, Fagott und Klavier
nach Opernarien von Giuseppe Verdi

月曜日, 11. 5月 2020, 08.00 午後

Stratos Quartett
© Martin Kubik

Stratos Quartett 

Stratos Quartett

Ludwig van Beethoven
Klavierquartett Es-Dur, op. 16
Johanna Doderer
Neues Werk
Uraufführung –  Auftragswerk der
Gesellschaft der Musikfreunde in Wien
Ludwig van Beethoven
Zwölf Variationen über das Thema
„Ein Mädchen oder Weibchen” aus
„Die Zauberflöte” von W. A. Mozart, op. 66
Richard Strauss
Klavierquartett c-Moll, op. 13

金曜日, 05. 6月 2020, 08.00 午後