Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne

Philipp Hochmair – a-tem-be-rau-bend!  

Sein urfieser Minister Schnitzler in den „Vorstadtweibern“ ist so phänomenal wie sein tollkühn eingesprungener „Jedermann“ im Salzburger Festspielsommer 2018. Ganz und nur er selbst jedoch ist er in seinen monologischen Literatur-Happenings, da tobt er sich aus, im Flow mit den kongenialen Musikern seiner Band „Die Elektrohand Gottes“. Sabine M. Gruber hat eine Begegnung mit ihm aufgezeichnet. 

Was, denkst du, würde Schiller sagen zu deinem „Schiller Rave“? Diese Frage bleibt meine einzige vorbereitet gestellte.

„Fragen und Antworten ergeben sich ja eh von selbst, in unserem Happening hier.“ Genau. Wir sitzen quasi am Mischpult und remixen ein Gespräch, das eigentlich ein Happening ist.  „Der Schiller würd sich freuen, sag ich dir, weil es ganz im Sinne seiner revolutionären Verwendung der Sprache ist.“

Der Arbeitsraum in der Arbeitswohnung in einem Wiener Altbau mit Blick auf eine belebte Straße ist sparsam möbliert. Am Boden Stapel von beschriebenem Papier, Bücher. Eine zusammengerollte Yogamatte. Am Fenster steht ein kleiner Tisch, am Rand und doch im Zentrum. Lampe und Laptop, Zigarre, Gusseisenkanne, ayurvedischer Tee, zwei Gläser. Ein Lesetisch. Obwohl Philipp Hochmair ja gar nicht so viel liest, seiner Leseschwäche wegen, die sich als Wahnsinnsstärke entpuppt. Anstatt lautlos lesend zu lernen, verleibt er sich Texte mit allen Sinnen ein, durch Sich-vorsprechen-Lassen, Hören, Nachsprechen, immer wieder Hören, Sich-dazu-Bewegen, so lange, bis er die Sprache verkörpert und die Sprache ihn verkörpert. Was solcherart in ihn eingedrungen ist, bleibt im Gedächtnis seines Körpers. Unauslöschlich. Augenblicklich kann er es zum Leben erwecken, instinktiv und situativ.

„Ich setze mich mit diesen acht Balladen in ein ganz persönliches Verhältnis, und die Musiker reagieren mit ihrer Musik darauf. Das ist es.“

Understatement? Vielleicht. Doch es ist tatsächlich schwer in Worte zu fassen, was er mit seinen Musikern der „Elektrohand Gottes“ aus diesen altehrwürdigen, heute angeblich unverständlichen Texten macht, wie er kraft seiner Stimme den Sinn aus ihren Tiefen herausholt: Hofmannsthals „Jedermann“, Goethes „Werther“, Stifters „Hagestolz“ – und eben Schillers Balladen mit Goethes „Erlkönig“ als Bonus. Live-Mitschnitte sagen da mehr als tausend schöne Worte, und so sehen wir uns gemeinsam welche an. Live auf dem Laptop. Manches sieht der Protagonist selber zum ersten Mal. Er erklärt, kommentiert, lacht manchmal schallend über sich, und ich frage dann auch noch dazwischen, sodass sich unmerklich eine weitere Tonspur darüberlegt.

„Das ist Schiller in Linz, in so einem umgebauten Industriegebäude, wo normalerweise Bands auftreten, ideal!“

Posthof?

„Ja, Posthof. Da war ursprünglich so ein Vorhang vor dieser schönen Betonwand, den haben wir weggezogen. Die Betonwand sieht toll aus! Mein Outfit ist dasselbe, das ich auch als Jedermann anhabe, die Militäruniform eines Kunstsoldaten.“

Und dazu trägst du einen Baustellenhelm!

„Den hab ich zufällig auf dem Weg zum Auftritt gefunden, auch dieses Rohr, siehst du? In das hab ich dann hineingesprochen, am Anfang. Ah, das hab ich schon ganz vergessen, das muss ich mir notieren, wo ist mein Notizbuch?“

Das Büchlein ist winzig, er schreibt fließend, druckstark, schnell. Kannst du deine Handschrift dann noch lesen?

„Ja, aber es ist vor allem ein Festhalten der Gedanken ... Also später schmeiß ich das Rohr auf den Boden wie ein Instrument, eine Klangwaffe. Und die Band reagiert auf meine Schüsse.“ 

Im Musikverein wirst du keine Helme oder so was am Gang finden.

„Ja, vermutlich, ich weiß noch nicht, vielleicht zieh ich da einen Frack an? Frack und Techno? Ich adaptier, was ich finde, und vermische es mit dem Stil des Ortes, an dem wir spielen. In Linz hab ich die Musiker überrascht, weil ich mit einem anderen Stück eröffnet habe als verabredet. Die Musiker waren auf den ,Ring des Polykrates‘ eingestellt, und ich hab spontan mit dem ,Erlkönig‘ angefangen. Da mussten sie improvisieren – und das hat den ,Erlkönig‘ ganz neu belebt. Das haben sie toll gemacht! So was lässt sich leider nicht wiederholen.“

Ja, Überraschungen kann man nicht wiederholen.

Nein, leider nicht. Jeder Ort hat eine andere Energie. In Gmunden konnte ich beim ,Taucher‘ in den Traunsee springen, in Bozen ist während der Vorstellung ein Güterzug hinter uns vorbeigefahren. Ich hab ein Video von der Aufführung, das muss ich dir zeigen. Willst du es sehen?“

Ja, natürlich. Er sucht den Link in seinem Laptop.

„Ich bin ein wenig durcheinander, es ist grad so viel los. Jeden Tag zehn Stunden Dreh.“

Blind ermittelt?

„Ja, genau, da spiel ich einen blinden Kommissar. Hier ist es ... (,Wer reitet so spät durch Nacht und Wind‘) ... schau, da kommt der Nebel ...“ 

Im Gläsernen Saal gehen da womöglich die Rauchmelder an. „Okay, vielleicht kann man die an dem Abend ausschalten? (,Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm!‘)

„Da kommt der Text des Erzählers, und dazwischen toben die sich wieder aus, mit ihrer Musik. Jetzt ist die Ballade fertig, jetzt rede ich ins Rohr. (,This was the Hand-schuuuuh!!! Danke, danke, danke!‘) Und jetzt überlass ich die Bühne den Musikern und warte im Hintergrund, bis die Musik zur Ruhe kommt, auf den richtigen Moment für die nächste Ballade. Hier kommt ,Die Elektrohand Gottes‘ richtig zum Klingen.“

Irgendwie ist alles improvisiert, oder?

„Die Lieder sind wie Inseln, die sind fix. Trotzdem ist alles im freien Fall. Und das ist jetzt das ,Lied von der Glocke‘. Hier bin ich so ein wahnsinniger Kranfahrer oder Arbeiter. Hier berichtet ein Vorarbeiter, was beim Bau einer Glocke so alles passiert.“

Das heiße Metall, die glühende Form, der Lehm, die Ziselierung. Und parallel schweift eine Gegenstimme ab, in eine Art Sittenbild, in eine deutsche Kulturdefinition des 18. Jahrhunderts. Da verflechten sich Fakten zum Glockenbau und Betrachtungen über bürgerliches Leben zu einem Zopf. Welche Location war das?

„Eine Metallfabrik. Da war hinter der Bühne ein Tor, und die Veranstalter hatten es zugemacht und sich noch entschuldigt, dass da immer wieder laute schwere Züge vorbeifahren würden. Ich hab gesagt – bitte Türen auf, alles auf! Und siehst du, da fährt tatsächlich während der Vorstellung der Güterzug durch!“ 

Steil!

„Da fahren Lastautos auf dem Zug mitten durchs Konzert! Blau angestrahlt! Wie auf Stichwort!“

Das ist ja irre!

„Ja, so was kannst du eben nicht planen. Ich versuche alles zu integrieren, was da ist, und hoffe, dass es zusammenfließt.“

Es gibt also keine Not, nur Tugend.

„Sehr gut gesagt! Und schau, unsere Nebelmaschine passt auch perfekt in die Location, zum Zug und zur Metallfabrik.“

Wie ein Hochofen.

„Ja, Hochofen! Das industrielle Happening, so würd ich das nennen.“

In den Hallen des Bozner Metallunternehmens schwenkt die Kamera ins Publikum, das ebenso selbstvergessen in das Geschehen eintaucht wie der Protagonist.

„,Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne‘ – das ist für mich ein Kernsatz des Tauchers, einer der Sätze, der von der Dolmetscherin simultan auf Italienisch hineingesprochen wird. Das war meine Lösung, Schiller zweisprachig in Bozen zu performen.“ 

Das ist ja atemberaubend.

„A-tem-be-rau-bend!!!“ Minilektion in Schauspielkunst: Was man in zwei Sekunden aus einem Wort machen kann. Erfordert das Mut? Kann da was schiefgehen? Kann der Held scheitern?

„Genau damit arbeite ich. Es kann immer alles schiefgehen. Es ist vielleicht so was wie Live-Kochen. Der Zuschauer erlebt ein Experiment.“

Deshalb schaut man sich ja auch Autorennen an. Man will den Helden live beim Scheitern erleben können, oder?

„Genau. Und das ist jetzt die ,Bürgschaft‘. (,So nehmet doch mich zum Genossen an, so nehmet doch ... ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde – der Dritte!!!‘).“

Er spricht den Text mit, der im Altbau-Arbeitszimmer widerhallt, in der Abenddämmerung, und zündet seine Zigarre an.

„Stört dich der Rauch?“

Nein, stört mich nicht. Er öffnet ein Fenster.

„Das ist jetzt mein Freudentanz. Freude darüber, dass der Freund am Ende gerettet ist. Die Musiker machen Industrial Sounds, und ich selbst zünde mir die Freudenszigarre an, es ist also eine Art Friedenspfeife.“

Die Realität verwebt sich mit der Geschichte. Da wird im Gläsernen Saal schon wieder der Rauchmelder angehen.

„Dann nehm ich eben eine E-Zigarre? Eine Elektro-Friedenspfeife? Der Zuschauer ist Teil unserer Versuchsanordnung. Es geht nicht darum, eine Leistung abzuliefern, wo dann alle sagen: Oh, der hat aber jetzt gut seine Gedichte aufgesagt, und oh, der hat aber jetzt schön gefiedelt. Es geht darum, die Energie, die in diesen Sätzen steckt, zu transportieren und beim Zuschauer eine Befreiung einzuleiten. Ich reize ihn bis zu dem Punkt, an dem er sich fragt: Geht sich das überhaupt aus? Und die Antwort lautet: Ja, ich muss zugeben, es geht sich aus.“

Längst ist es dunkel geworden, im Arbeitsraum seiner Arbeitswohnung, der Tee ist ausgetrunken, seine Zigarre ausgedämpft, und er hat noch einen langen, schrägen Nachtdreh vor sich. 

Sabine M. Gruber   

Sabine M. Gruber ist Musikpublizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte neben Romanen und Erzählungen auch das Buch „Unmöglichkeiten sind die schönsten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt“ und zuletzt „111 Orte der Musik in Wien, die man erlebt haben muss“.