Bach, Meer und mehr

Rubén Dubrovsky und das Bach Consort Wien

Mit einem Jubiläumskonzert feiert das Bach Consort Wien im Brahms-Saal mit musikalischen Freunden, Wegbegleitern und Überraschungsgästen Geburtstag: Mitbegründer Rubén Dubrovsky über die ersten zwanzig Jahre, seinen Weg vom Violoncello zum Dirigentenpult und Bachs musikalische Wurzeln in Südamerika.

Manche Menschen steuern freudig auf ihre Geburtstage zu, andere wieder verleugnen sie, bis sie von ihnen wie aus dem Hinterhalt getroffen werden. Beim erfüllten Musizieren aber fällt die Zeit von einem ab. Zwanzig Jahre Bach Consort Wien? Wie konnte das so schnell passieren, fragen sich die Musikfreunde – und müssen zugeben: Eine internationale Tätigkeit als Opern- und Konzertorchester, künstlerische Partnerschaften mit einigen der prominentesten Sängerinnen und Sängern auf dem Podium wie im Aufnahmestudio, alljährlich in mehreren TV-Sendern übertragene Osterkonzerte im Stephansdom oder dem Stift Klosterneuburg sowie – last, but not least – regelmäßige Auftritte im Brahms-Saal des Musikvereins, all das fällt einem neu gegründeten Ensemble nicht über Nacht in den Schoß. Es ist vielmehr das Ergebnis von unermüdlich harter Arbeit, einem dadurch bald hervorragenden Ruf innerhalb der Szene der Alten Musik – und natürlich entsprechender Begeisterung beim Publikum. 

Wachsen und Werden

Eine menschliche und künstlerische Partnerschaft bildet den Kern, bestehend aus dem Wahlwiener Rubén Dubrovsky, geboren jenseits des weiten Meeres in Buenos Aires als Sohn einer polnisch-italienischen Künstlerfamilie, und seiner Frau, der Barockgeigerin Agnes Stradner, die einer Wiener Musikerfamilie entstammt. „Unser Sohn war bei der Gründung ein paar Monate alt“, erinnert sich Rubén Dubrovsky schmunzelnd, „und heute spielt er im Ensemble mit. Man mag sich selber zwar so fühlen wie immer – ob das nun stimmt oder nicht –, aber wenn parallel dazu ein Baby zum Erwachsenen wird, dann muss man zugeben, dass doch einige Zeit vergangen ist.“ Begonnen hat das Bach Consort Wien als Kammermusikensemble: mit Agnes als Konzertmeisterin, also in jener Funktion, in der sie bis heute unverzichtbar ist, mit der Flötistin Gertraud Wimmer – und mit Rubén am Violoncello. „Damals war Stefan Gottfried mein Partner am Tasteninstrument. Monatelang haben wir an einer gemeinsamen Continuosprache gearbeitet, bis wir uns musikalisch blind verständigen konnten. Nach ihm kam Erich Traxler, seit 2018 Professor an der Musikuniversität. Auch mit ihm war derselbe Prozess nötig, aber er lief schon schneller.“

Von der Soloverweigerung ...

Die Mitglieder waren von der Stunde null an für ihre virtuose Qualität bekannt: „Fast alle, die bei uns von Anfang an dabei waren, sind auch solistisch aufgetreten.“ Eine vielsagende Ausnahme aber gab es: „Ich war daran nie interessiert“, gesteht Rubén Dubrovsky, obwohl gerade er doch als wahrer Multi¬instrumentalist gelten darf und schon vor Cello und Klavier als Erstes Charango gelernt hat, die südamerikanische Variante einer Barockgitarre, deren Korpus aus dem Panzer eines Gürteltiers besteht. Weitere Instrumente sollten folgen. Aber: „Wenn wir ein Cellokonzert machten, habe ich den wunderbaren Christophe Coin eingeladen. Spielen bedeutete für mich nie die Sehnsucht nach dem solistischen Rampenlicht, sondern das Streben danach, das Ensemble vom Instrument aus zu beeinflussen und zu formen.“ Schon andere vor Rubén Dubrovsky haben die Erfahrung gemacht, dass das bis zu einem bestimmten Punkt funktioniert – doch dann muss man sich entscheiden. 

... zur Verantwortung am Pult

„Ich hatte immer große Sehnsucht nach dem Leiten und zugleich großen Respekt vor dem Dirigieren an sich“, erzählt er. „Immerhin weiß man als Musiker sofort, ob einer am Pult hilfreich ist oder vielleicht nur sein Ego hätschelt. Ich dachte, das sei etwas für Leute, die schon mit acht Jahren Beethoven-Symphonien am Klavier vom Blatt spielen. Als ich das erste Mal vor einem Orchester gestanden bin, spürte ich aber: Das ist absolut mein Platz hier!“ Nur plötzlich die Hände frei zu haben ist dabei nicht ausreichend, es geht gleichsam um die musikalische Richtung. „Wir hatten schon sehr früh die Gelegenheit, mit unserer verehrten Bernarda Fink zu musizieren, die dadurch zu einer Mentorin geworden ist. Sie hatte damals schon mit den wichtigsten Barockensembles zusammengearbeitet, mit Reinhard Goebel, Giovanni Antonini und vielen anderen. Dass sie von Anfang an extrem anspruchsvoll war und von uns dieselbe Qualität der musikalischen Partnerschaft eingefordert hat, indem sie nicht einfach ‚begleitet‘ werden wollte, sondern getragen und geführt, hat uns enorm weitergebracht. Das sind aber Dinge, die man nicht mehr vom Cello aus bewirken kann, denn als Dirigent muss man in der Musik voraus sein.“ 

Flügge geworden

Dennoch war für Dubrovsky klar: Niemals wollte er das Bach Consort dazu benützen, um das Handwerk zu erlernen. Dass er auf halbem Wege in der Geschichte seines Ensembles dennoch zu einem Dirigenten geworden und mittlerweile zwischen Oper und Konzert, zwischen Barock und Gegenwart international als solcher gefragt ist, belegt die Richtigkeit seiner Entscheidung. Das bedingt natürlich mittlerweile eine gewisse zeitliche Konkurrenz, doch der separate Weg und die weitere Zusammenarbeit mit dem Bach Consort beflügeln einander – und in gewisser Weise sind beide, das Ensemble und sein Leiter, daran musikalisch gewachsen, ja erwachsen geworden. Nicht zuletzt deshalb, weil Rubén Dubrovsky ein Steckenpferd hat, das weit mehr ist als das – nämlich eine Art Anti-Aging-Therapie für das Repertoire von anno dazumal: die traditionelle südamerikanische Musik.

Weit gereiste Einflüsse

Denn dort haben sich durch Immigranten viele Instrumente, Spielweisen und auch ein Repertoire in lebendiger Praxis erhalten, die in Europa durch die rasante historische Entwicklung vorübergehend ausgestorben waren. Es ist das musikhistorische Lieblingsthema des Dirigenten und Musikers, über das er stundenlang nicht nur begeistert reden, sondern es auch begeisternd musikalisch nacherzählen und belegen kann. „Wir wissen heute, welche Elemente in der Musik von Bach, die er aus Frankreich oder Italien bezogen hat, aus Spanien kommen – aber nicht wirklich aus Spanien, sondern aus Mexiko – und nicht wirklich aus Mexiko, sondern aus Afrika! Ich bin überzeugt, dass eine Sarabanda von Bach eine afrikanische Urgroßmutter hat – und dass die Musik ganz anders klingt, wenn man das weiß. Bei vielem, wo wir als Europäer sagen könnten, das gehört zum Besten und Höchsten, was unsere Kultur geschaffen hat, wie die Kaffeehauskultur zum Beispiel, muss man einwenden: Wo kommt der Kaffee denn her? Wo die Tomaten, Kartoffeln, Mais, Paprika? Alles aus Südamerika. Das Schnitzel ohne Kartoffelsalat wäre eine Katastrophe – und italienische Küche ohne Tomaten? Unmöglich! Musikalisch ist das genauso, wir sind uns dessen nur nicht bewusst. Auf die Frage, ob denn arabische Elemente in einer Bach-Passion stecken könnten, würde man empörtes Kopfschütteln zur Antwort bekommen. Aber allein die Laute belegt es: Instrument und Name kommen aus dem Nahen Osten. Wird man sich dieser Wurzeln und Zusammenhänge bewusst, öffnet sich eine Schatzgrube sondergleichen – und der eigene Blick auf diese Werke wandelt sich grundlegend.“

"Bach bedeutet diese perfekte Mischung von so vielen Elementen, die alle bei ihm zusammenlaufen." Rubén Dubrovsky

Volksmusikalisch geweckte Lebensgeister

Die daraus folgenden Vorteile in der Musizierpraxis nützt das Bach Consort seit Jahren. „Schon nach einem Stück traditioneller südamerikanischer Musik verändert sich die Körperhaltung: Vom höfischen Couperin springt man zu lockerer Volksmusik, aber die beiden sind eng verwandt! Müssen wir unbedingt von lebendigen Musikern wieder zu Zombies werden, wenn wir zum europäischen Barock zurückkehren?“ Nein, sagt Dubrovsky: „Wir wollen die Leichtigkeit der Volksmusik, die ja auch Tiefe besitzt, im Barockrepertoire neu fühlbar machen. Immer wieder habe ich bei Händel-Opern vorübergehend zu ein bisschen Perkussion gegriffen, Trommel oder Tamburin zum Beispiel. Der Effekt ist unglaublich – aber nicht aufgrund dessen, was und wie man spielt und ob man das auch wirklich hört. Vielmehr geht es um den Effekt auf die Musiker und ihr Spiel. Dasselbe war später mit Barockgitarre zu beobachten. Mein aktuelles ,Lieblingsspielzeug‘ dafür ist der Colascione, eine Basslaute, das ideale Dirigier-Mitspielinstrument etwa für das Sechste Brandenburgische Konzert: Du kannst vom Bass aus führen, gibst Impulse und lässt wieder los, du bist körperlich so frei, dass du ein bisschen die ‚südamerikanische‘ Einstellung zu Bach zeigen kannst. Das macht enorm viel Spaß!“

Jubiläum mit Überraschungen

Die Suche nach der richtigen Dosis bleibt spannend. „Was brauchen wir, um das Gute aus der traditionellen Musik auf unserer Konzertbühne nützen zu können? Die Antwort zu finden ist eine anspruchsvolle Aufgabe, weil wir keinesfalls mit Klischees arbeiten wollen: Ich will keinen Bach mit Tamburin! Aber Italiener oder auch Telemann vertragen schon viel mehr davon, und es ist wunderbar mit Perkussion oder Gitarre.“ So betrachtet sind auch Überraschungen beim Jubiläumskonzert en gros fix, en détail aber noch unbekannt – oder werden zumindest noch nicht verraten. „Wir haben vier namhafte Solisten, allesamt alte oder auch junge Freunde des Ensembles, es gibt Facetten unserer Arbeit, die wir unbedingt zeigen wollen – und wir wollen die Solisten wie auch weitere Überraschungsgäste dazu einladen, mit uns über diverse musikalische Schatten zu springen. Es soll ja kein bloßer Rückblick werden, sondern auch zeigen, wie es weitergehen kann mit dem Bach Consort Wien: als großes Ensemble, das immer noch kammermusikalisch agieren kann, in dessen Interpretationen – den größten Respekt vor den Meisterwerken vorausgesetzt! – auch Volksmusikelemente einfließen können, das Gastsolisten und Sänger in die eigene Ensemblesprache integriert. Es wird ein guter Mix, südamerikanische Volksmusik wird auf jeden Fall vorkommen. Selbstverständlich darf Bach auf keinen Fall fehlen, aber er wird in guter Gesellschaft auftreten – mit Komponisten, die ihm den Weg geebnet haben. Bach bedeutet diese perfekte Mischung von so vielen Elementen, die alle bei ihm zusammenlaufen. Kein Wunder, dass Beethoven gesagt hat, er solle statt Bach lieber Meer heißen. Er war unglaublich modern – durch die Synthese von allem, was vor ihm war.“

Walter Weidringer

Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.