Sinn und Sinnlichkeit  

Gautier Capuçon 

Vollendeter Musiker, zweifacher Familienvater, begeisterter Skifahrer und hingebungsvoller Lehrer: Der französische Cellist Gautier Capuçon ist ein vielschichtiger Mensch. Margot Weber hat ihn – und sein Instrument – am Rande eines Konzerts in München getroffen.

Wenn er zurückgelehnt spielt, liegt sein Instrument nahezu körperbedeckend auf ihm. Spielt er nach vorne gebeugt, scheint er es zu umarmen. Gautier Capuçon, 37, und sein 317 Jahre altes Violoncello von Matteo Goffriler: Das ist, für jeden sofort ersichtlich, eine große Liebesgeschichte. Und zwar eine, die von Sinnlichkeit und Begehren getragen wird. 17 Jahre alt war er bei ihrer ersten Begegnung – „und es war Liebe auf den ersten Blick“, wie er erzählt. 

Zeit der Zähmung

Das Cello gehörte damals einem vermögenden Privatmann, der es ihm als Leihgabe zur Verfügung stellen wollte. Und der Teenager aus Chambéry, einer Mittelstadt am Fuß der Savoyer Alpen, war sofort hingerissen. Von dem Stolzen, Edlen, Distanzierten, das dieses Cello ausstrahlte. Von dessen Wildheit und, vor allem, dem Dunklen, das es zu haben schien. „Ich habe eine gewisse Zeit gebraucht, um es zu zähmen“, erinnert er sich. Und fügt nach einer kleinen Pause schmunzelnd hinzu: „Aber das würde es wohl auch über mich sagen.“ Was er an ihm bewundert: Es habe – fast – keine Grenzen. „Und ich entdecke auch nach zwanzig Jahren noch immer wieder etwas Neues.“ Wenn sein Cello eine Fotografie wäre? „Wäre es wie aus einer anderen Zeit. Es ist nicht wie ein glattpoliertes, glänzendes Instagram-Foto, sondern wie ein sehr altes Schwarz-Weiß-Bild.“ Eigenwillig. Intensiv. Tiefgründig. Vor ein paar Jahren dann hat er es kaufen können. Aus der wilden Ehe wurde eine eingetragene Partnerschaft. Doch die Leidenschaft, die ihre Beziehung seit zwei Jahrzehnten ausmacht, ist geblieben. Vielleicht sogar gewachsen. Die Körperlichkeit, mit der er spielt, ist ungewöhnlich, das weiß Capuçon selbst. Der Grund dafür ist simpel: „Ich habe ja mit knapp fünf mit dem Cello angefangen. Um dann, mit etwa zwölf, acht Stunden am Tag zu üben. Was auch richtig war: Es legte das Fundament. Aber als ich älter wurde, begannen der Rücken und der rechte Arm zu schmerzen. Besser wurde es nur, wenn ich mich beim Spiel zurücklehnte.“ Das Einzige, was er dafür benötigte und extra anfertigen ließ, war ein längerer Stachel. „Für meinen Rücken und den Arm fühlte sich diese neue Position sofort sehr natürlich an.“ Seitdem drückt sich sein Bogen nicht mehr frontal gegen die Saiten, sondern liegt eher leicht und schräg seitlich auf. Was Menschen mit sehr guten Ohren bisweilen zu hören vermeinen. Sein Strich klinge sanfter und weicher als der anderer Cellisten, urteilen manche Kritiker. 

Ein geerdetes Instrument

Begonnen hatte der kleine Gautier seinen musikalischen Weg einst mit einer Geige. Die ihm seine Eltern in die Arme drückten, damit er, wie seine beiden größeren Geschwister, ein Instrument lernen möge. Die Capuçons sind eine musikliebende, aber keine Musikerfamilie: Der Vater arbeitet beim Zoll, die Mutter ist Hausfrau. Doch der Vierjährige weiß sofort: Eine Violine will er nicht. Also bringen ihm die Eltern ein Cello. Erste Fotos, aufgenommen Mitte der achtziger Jahre, zeigen einen Vorschüler, der offensichtlich absolut keine Ahnung hat, was er mit diesem mächtigen Instrument anstellen soll – oder gar, wie man es spielt. Der aber gleichwohl intuitiv ahnt: Das ist ab jetzt ein Teil von mir. „Das Cello hat etwas sehr Geerdetes, im wahrsten Sinne des Wortes, es steht ja mit seinem Stachel auf dem Boden. Und es hat eine Form, die dem menschlichen Körper am nächsten kommt“, sagt Capuçon heute. „Der Bogen ist doch wie eine Fortsetzung des Arms. Und sein Klang erinnert an den der menschlichen Stimme.“ Für ein Kind habe es etwas sehr Vertrautes und Natürliches. 

Übers Musikalische hinaus

Der Nachwuchscellist ist ein glücklicher Junge. Er erzählte einmal, dass er auf alten Familienfotos praktisch immer lächle. Auch wegen seines Instruments. „Das Cello bedeutete für mich Freude. Es bedeutete: Unterricht zu haben bei meinem ersten Lehrer, einem fantastischen Menschen, der sein Instrument und uns Schüler geliebt und uns den Spaß an der Musik vermittelt hat. Ich habe mich jede Woche aufs Neue auf die Stunde bei ihm gefreut.“ Mit 15 Jahren besteht er die Aufnahmeprüfung für das berühmte Conservatoire National Supérieur in Paris, die Eliteschmiede für die französischen Klassikstars von morgen. Mit 17 beginnt er, regelmäßig zum Unterricht zu Heinrich Schiff nach Wien zu fahren, einem der letzten Großmeister des Cellos. Es folgen drei intensive Jahre zwischen Paris und Wien – und manchmal auch zwischen Paris und Schiffs Haus am Attersee –, die eine unverrückbare Basis für sein späteres Künstlerdasein bilden werden. Nicht nur in musikalischer Hinsicht, wie er mittlerweile weiß. „Damals schien es mir ganz normal, dass wir nicht nur musizierten, sondern auch miteinander gekocht und über alles Mögliche geredet haben. Dass ich Heiner alles fragen konnte, was mich auch abseits der Noten beschäftigte: Wie findet man einen Agenten? Wie plant man Konzerte? Wie ist das mit den Reisen? Wie lebt man auf Tourneen? Wie fühlt man sich abends nach einem Auftritt im Hotelzimmer?“ Als er Schiff nach drei Jahren verlässt, ist er bestens präpariert. Bewusst wird ihm das allerdings erst später – als seine eigene Karriere weltweit durchstartet. „Da erst habe ich gemerkt, wie viel er mir auch über das Künstlerleben und den Solistenalltag beigebracht hat. Ich verdanke ihm sehr viel.“ 

Einfach alles

Heute versucht er, all das selber weiterzugeben. Der 37-Jährige ist Gründer und Leiter der „Classe d’Excellence de Violoncelle“ der Fondation Louis Vuitton. Seit nunmehr fünf Jahren vermittelt er sechsmal im Jahr für jeweils einige Tage sechs hoffnungsvollen Nachwuchscellisten das Rüstzeug für ein Musikerleben im 21. Jahrhundert. Die Themen der Workshops? „Alles“, sagt er. Es geht zwar auch um Elgar, Dutilleux und Co, aber es kommen auch Hand- und Nackenspezialisten oder Physiotherapeuten vorbei. Was es für ihn, den Vater zweier kleiner Töchter, angenehm macht: Dass die Kurse am Wohnort seiner Familie stattfinden, in Paris. Tochter Fée ist neun, Tochter Sissi sechs Jahre alt. Und obwohl sie es nie anders kennengelernt haben: Wenn der Vater, wie derzeit, 115 Abende im Jahr irgendwo zwischen Vancouver, Tokio und Moskau auf einem Konzertpodium verbringt, macht das ein Familienleben kompliziert. Unabänderlich im Kalender allerdings: Jedes Jahr im Februar gehen die vier für zwei Wochen gemeinsam Skifahren („Ich komme aus Savoyen – ohne die Berge kann ich nicht leben!“). Und wenn es sich einrichten lässt, reisen seine drei Lieblingsmenschen auch einmal mit ihm mit. 

Rhythmus des Lebens

So waren Ehefrau Delphine – einstmals selbst eine erstklassige Cellistin – und die Kinder neulich, während seiner Australien-Tournee, für vier Wochen an seiner Seite. Ausnahmsweise, denn schließlich gehen die Mädchen schon zur Schule. Auch den Sommer haben sie gemeinsam verbracht: in Ravinia und Tanglewood, auf den berühmten US-Festivals. In puncto Familienleben fällt die Bilanz für 2018 also einigermaßen positiv aus. Doch der stete Wechsel zwischen intensiver Nähe rund um die Uhr und mehreren Wochen, in denen die Mädchen ihren Vater nur mittels Skype sehen können, ist und bleibt hart. „Wir haben eben keine Regelmäßigkeit in unserem Leben. Keinen erkennbaren Rhythmus. Damit müssen wir alle irgendwie umgehen.“ Sprich: Das Beste daraus machen, dass der Vater nun einmal Profi-Musiker ist. Was aber eben für die Mädchen auch eine Chance birgt. Denn die Eltern wollen ihren Kindern nahebringen, was ihnen selbst wichtig ist: die klassische Musik. „Sie werden in einem musikalischen Umfeld groß, und wir möchten, dass sie daraus etwas mitnehmen“, sagt ihr Vater. Was das konkret bedeutet? Fée, die Ältere, spielt bereits Violine, will aber nicht Geigerin, sondern Ballerina werden; und die kleine Sissi hat vor kurzem das Cello für sich entdeckt. „Aber damit ist es auch gut. Es ist nur ein Angebot. Wenn sie die Instrumente eines Tages nicht mehr mögen, ist das auch in Ordnung.“ 

"Das Cello bedeutete für mich Freude." Gautier Capuçon

Säulen des Erfolgs

Selbsterkenntnis, Reflexionsvermögen und Disziplin – drei Eigenschaften, ohne die Capuçons Nomadenleben nicht funktionieren würde. Zudem eine hohe Fähigkeit zur Kommunikation, noch dazu in mehr als einer Sprache. Und die Gabe, sich immer wieder innerhalb kürzester Zeit fremden Menschen vertrauensvoll öffnen zu können. Zusätzlich die Bereitschaft, das eigene Leben – intelligent und kontrolliert – auf Facebook, Twitter und Instagram mit tausenden unbekannter Menschen teilen zu wollen. Und zu guter Letzt: eine interessante Persönlichkeit und eine charmante Ausstrahlung. Der 37-Jährige bringt alles mit, was ein moderner Klassikstar braucht. Doch ohne seine herausragenden Fähigkeiten am Cello wäre das natürlich alles nichts. 

Verborgenes Geheimnis

In Wien wird er am 16. Jänner mit Dvořák h-Moll-Konzert zu hören sein, einem Kernstück des Cellorepertoires und einem Meilenstein der Musikgeschichte. Komponiert im Winter 1894/95 in Amerika, entstand es nach der Symphonie „Aus der Neuen Welt“. Und birgt im Mittelteil, dem Adagio, ein romantisches Geheimnis: In ihm zitiert Dvořák sein eigenes Lied „Lasst mich allein“ (op. 82. Nr. 1) – das Lieblingslied seiner Schwägerin, die im Frühjahr 1895 verstarb, und in die er einst heimlich verliebt war. „Eine unendlich traurige Geschichte“, sagt Capuçon. „Dvořák befindet sich am anderen Ende der Welt, als er ein Telegramm bekommt, dass die Frau, die er geliebt hat, sterben wird. Er weiß, dass er nicht rechtzeitig vor ihrem Tod zurück sein kann, dass er sie nie wiedersehen wird. Als letzten Gruß an sie webt er in das gerade entstehende Cellokonzert ihr Lieblingslied an das Ende des Adagios ein. Seine unveränderlichen Gefühle für sie – das ist es, was wir da hören. Ganz am Ende, wenn die Cellomelodie erst abfällt und dann wieder aufsteigt – da hören wir den Weg, den ihre Seele aus diesem Leben nimmt. Sie fliegt davon – wohin auch immer.“ Aber: Wie kann man so etwas Herzzerreißendes spielen, ohne von seinen eigenen Emotionen davongerissen zu werden? Das sei eine Gratwanderung, antwortet Capuçon. An manchen Abenden schlage sein Herz bisweilen so stark, dass sich diese Mischung aus Emotion und Adrenalin wie ein inneres Brennen anfühle. Dann helfe nur das Besinnen auf die eigene Erfahrung, um wieder ein wenig Distanz zu bekommen. Und der gleichzeitige Impuls, der Musik genügend Raum zu geben, damit sie sich ausbreiten kann. Denn wirklich frei fliegen – und das ist der unauflösliche Widerspruch, für den er bei jedem Konzert aufs Neue eine Balance finden muss – kann sie nur kontrolliert.

Margot Weber 
Margot Weber lebt als Journalistin in München.