Schwelender Vulkan

François-Xavier Roth

An den Konzertsälen lässt sich ablesen, welchen Stellenwert die Musik in einem Land hat, sagt der Dirigent François-Xavier Roth. Und da bietet der Musikverein einfach die besten Konditionen. Roth wird im Jänner hier debütieren, am Pult der Wiener Symphoniker – eines Orchesters, das es ihm schon angetan hat: „sehr wienerisch, aber gleichzeitig auch sehr versatil!“ 

Wirkliche Skandale seien im klassischen Konzertsaal von heute ja selten geworden, so beginnt der Juror des Preises der deutschen Schallplattenkritik seine Würdigung einer auszuzeichnenden CD. „Kein Wunder also, dass 2013 aller Orten die revolutionäre Ballettmusik ,Le Sacre du Printemps‘ von Igor Strawinsky gefeiert wurde – eine Komposition, die vor einhundert Jahren schärfsten Widerspruch hervorrief, einen legendären Skandal auslöste, aber alsbald zur strahlenden Ikone der Moderne avancierte. Unter den aus diesem Anlass erschienenen Mitschnitten, Neuproduktionen und Wiederveröffentlichungen ragt die Live-Einspielung mit dem Ensemble Les Siècles unter François-Xavier Roth heraus.“ Auf CD beeindruckt diese so radikale Aufnahme in der Tat ungemein, live im Konzert aber war Roths Interpretation – zu hören etwa bei den BBC Proms und in der Alten Oper Frankfurt – ein noch größeres Erlebnis. 

Strawinsky im Farbenrausch

Bis dahin hatte man von „Sacre“ sozusagen ein Schwarz-Weiß-Bild vor Ohren gehabt: alles stark kontrastreich, alles Schärfe, klare Kante. Aber hier: Zum Rhythmus kommen plötzlich die Farben, die klanglichen Charaktere. Aus monochrom wird bunt, als Zuhörer war man geradezu überfordert von dieser neuen Dimension. Die Prägnanz blieb, doch sie war weit wärmer im Ton, weit individueller im Timbre. Darmsaiten, eng mensurierte Blechbläser, ungemein obertonreich klingende Holzbläser – „Le Sacre du Printemps“ wurde zum Farbenrausch. Oder wie es von Seiten der Schallplattenkritik-Jury heißt: Roth und seinen immer auf Instrumenten der jeweiligen Epoche musizierenden Les-Siècles-Spezialisten „gelingt es, einen Farbfächer zu entfalten, der neben feinsten Abstufungen auch gleißend feurige wie grotesk fröstelnde Extreme kennt.“ 

Pastelltöne und Donnergrollen

François-Xavier Roth, Jahrgang 1971, Franzose aus hochmusikalischem Haus – sein Vater Daniel Roth ist ein angesehener Organist –, wurde zunächst als Flötist ausgebildet. Als Dirigent sammelte er erste Erfahrungen als Assistent von John Eliot Gardiner. Und wie Gardiner fuhr auch Roth bald zweigleisig: Einerseits dirigiert er traditionelle Symphonie- und Opernorchester, andererseits gründete er mit Les Siècles ein eigenes Orchester, das auf Instrumenten der jeweiligen Epoche tief in gar nicht lange zurückliegende Jahrzehnte vordringt. Ob Ravel oder Dukas, Strawinsky oder Debussy: François-Xavier Roth ist bekannt dafür, dass er die Instrumenten- und Interpretationsfrage stets gewissenhaft stellt, auch wenn die Musik erst einhundert Jahre alt ist. Die Ergebnisse sind enorm eindrucksvoll – gerade auch, weil Roth „kein überhitzter Provokateur um der Provokation willen“ ist, so die Einschätzung des Fachmagazins „Rondo“ in einer Rezension der Les-Siècles-Einspielung von Berlioz’ „Symphonie fantastique“. „Die schlanke, geradezu zerbrechliche Walzer-Kantilene des zweiten Satzes wie auch die Pastoral-Szene zeugen von einem kammermusikalischen Klangfarben-Raffinement sondergleichen. Aber, wie gesagt, das Donnergrollen, mit dem Berlioz seine Idyllen immer wieder verschreckt, das findet in Roth einen kongenialen Sympathisanten.“ 

„Interpretationen sind nie statisch“

Wenn der Franzose nun sein Debüt im Musikverein geben wird, wird er nicht sein Originalinstrumente-Orchester vor sich haben, sondern die Wiener Symphoniker. Kann man sagen: Les Siècles stellt für ihn ein Klangideal dar, das er auch mit Orchestern auf modernen Instrumenten zu erreichen versucht? „Mein Orchester Les Siècles ist ein Projekt und eine Utopie zugleich. Ja, hier realisiert sich ein Klangideal für die jeweilige Epoche, das kann ich unbedingt so sagen. Wenn ich dann ans Pult traditioneller Symphonieorchester wechsle, kann ich immer profitieren von meinen Erfahrungen mit Les Siècles. Das ist kein Kampf zwischen zwei Klangidealen. Im Gegenteil: Ich sehe darin eine Win-win-Situation.“ Auf dem Programm seiner beiden Wiener Abende stehen die Symphonie mit obligater Viola „Harold en Italie“ von Hector Berlioz und die „Eroica“ von Ludwig van Beethoven. Erst Ende September hat Roth genau diese Werkkombination mit Les Siècles aufgeführt, gut drei Monate später kann man sie dann mit den Wiener Symphonikern erleben. „Die beiden Interpretationen werden natürlich sehr unterschiedlich sein, aber das ist völlig normal“, prognostiziert Roth. „Interpretationen sind nie statisch. Und was für mich sehr wichtig ist: Wir machen Musik zusammen, in der Gemeinschaft. Ich kann nicht allein eine Symphonie interpretieren. Die Wiener Symphoniker haben ja solch einen Klangschatz und so eine lange Geschichte!“ Überhaupt sei das ein Orchester, schwärmt der Dirigent in seinem französisch gefärbten Deutsch, „das ich mag so hoch und viel“. Er bringe seine Ideen von Tempo, Klang und Phrasierung mit, „und das Orchester reagiert darauf“. 

Unfassbare Energie

François-Xavier Roth war der letzte Musikdirektor des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg vor der großen Orchesterfusion, seit 2017 hat er die Funktion des Principal Guest Conductor des London Symphony Orchestra inne. Im Hauptberuf, kann man sagen, ist er aber seit 2015 Gürzenich-Kapellmeister und Generalmusikdirektor der Oper Köln, gerade hat er seinen Vertrag bis zur Spielzeit 2021/22 verlängert. Bei den Musikern dort kommt der Mann mit dem großen kommunikativen Talent (er hat sogar eine eigene TV-Reihe im französischen Fernsehen) und der sympathischen Ausstrahlung bestens an. Befragt nach seiner persönlichen Einschätzung zum neuen Chef sagte der Konzertmeister des Gürzenich-Orchesters Thorsten Janicke: „Der Mann ist ein Vulkan mit unfassbarer Energie; vieles schwelt bei ihm noch unter der Erde, und das, was rauskommt, ist jetzt schon großartig. Es geht nicht nur um die technische Ausführung als Dirigent, nein, es geht ausschließlich nur um die Musik, um das, was das Stück eigentlich bedeutet.“   

Einerseits – andererseits

Lob wie dieses retourniert Roth gleichermaßen: An dem Kölner Traditionsorchester schätze er die besondere stilistische Flexibilität. Wobei er betonte, dass es so etwas wie ein „Mahler-Gedächtnis“ des Orchesters – im Gürzenich wurden einst zwei Mahler-Symphonien uraufgeführt – nicht gebe. Haben aber denn die Wiener Symphoniker ein „Bruckner-Gedächtnis“? Oder für welche Musik ist dieses Orchester besonders prädestiniert? „Ich denke, man kann das Wort ,Wiener‘ schon betonen bei den Symphonikern. Ihr Musizieren ist sehr plastisch, voller Klangschönheit und Virtuosität. Aber das Orchester, so wie ich es bei meinen letzten gemeinsamen Projekten kennengelernt habe, ist auch vielseitig, hat also nichts von bloßer Tradition im schlechten Sinne. Es war ein regelrechtes Erlebnis für mich zu sehen, wie gut sich die Wiener Symphoniker auch auf Neue Musik verstehen. Also: sehr wienerisch, aber gleichzeitig auch sehr versatil!“ Das ist das Ideal für ein Orchester in den Augen von François-Xavier Roth: einerseits beständig,  andererseits – so sein starkes Bild – „wie ein Chamäleon“.   

 „Der Mann ist ein Vulkan mit unfassbarer Energie; vieles schwelt bei ihm noch unter der Erde, und das, was rauskommt, ist jetzt schon großartig. (...)“ Thorsten Janicke

Deutlich werden

Es hätten ja auch Fronten aufeinanderprallen können. Hier der altehrwürdige Klangkörper mit fast 120-jähriger Geschichte, dort der Neudenker aus Frankreich – wer hat den Stein der Weisen in Sachen Beethoven? „Für uns Musiker darf es nicht genügen, alleine nach einer Tradition etwas zu realisieren“, sagt Roth. „Man muss sehr deutlich arbeiten und fragen, was der Komponist wollte. Mein Verständnis von Beethovens Musik gründet auf meiner Arbeit an der ganzen Epoche. Natürlich ist Beethoven ein Sohn von Haydn, auch von Mozart, er ist ein Vater von Schubert und Bruckner. Wenn ich musiziere, denke ich nicht an Tradition, sondern daran, wie diese Musik aus ihrer Zeit heraus umgesetzt werden und klingen muss.“ 

Welchen Kurswert hat Kultur? 

Doch auch er pflegt seine Traditionen, und eine hat mit Wien zu tun. „Es mag wie ein Klischee klingen, aber es gibt in meiner Familie die Tradition, die Neujahrskonzerte im Fernsehen zu verfolgen. Ein paar Mal war ich auch selbst im Musikverein, um Konzerte zu hören, und mein Debüt hier ist natürlich eine große Ehre für mich. Der Klang ist so besonders, der Saal so schön – das repräsentiert für mich das, was Österreich, was diese Region in Europa anbieten kann für die Musik: einfach die besten Konditionen. Man sieht, wie hoch die Musik im Kurs steht in dieser Kultur. Für mich als Franzosen ist das schon außergewöhnlich. Wir haben keinen Musikverein in unserer Kapitale Paris. Immerhin haben wir jetzt mit der Philharmonie einen sehr guten Saal bekommen, da bin ich auch froh darüber. Ganz allgemein kann man schon sagen: An den Konzertsälen lässt sich ablesen, welchen Stellenwert die Musik in einem Land hat.“

Stefan Schickhaus
Stefan Schickhaus lebt als freier Musikjournalist in Wiesbaden und schreibt regelmäßig für die „Frankfurter Rundschau“.