Neue Entdeckungen

Daniil Trifonov

„Ein Pianist für den Rest unseres Lebens“. So schrieb der englische Musikkritiker Norman Lebrecht über einen Künstler, der mit noch nicht einmal 28 Jahren zu den meistgefragten der Welt gehört: Daniil Trifonov. Für die „Musikfreunde“ sprach Edith Jachimowicz mit ihm.  

Ernst und konzentriert sitzt er der Gesprächspartnerin gegenüber, in seinen Freizeitklamotten noch jünger aussehend als mit seinen 27 Jahren, fast wie ein Gymnasiast bei der Matura. Vor ihm auf dem Tisch ein Stück Apfelstrudel und eine Tasse Kaffee: Daniil Olegowitsch Trifonov, der international gefeierte neue Stern am Pianistenhimmel. Jüngste Fotoshootings zeigen ihn allerdings anders, sorgsam gestylt, in sinnender Pose, ganz der bedeutende Musiker, der er ist. Gleich fünfmal tritt Trifonov in dieser Saison im Musikverein auf: als Solist, Kammermusiker und Komponist.

Jahre der Herausforderung

Trifonovs musikalische Entwicklung begann wie in Russland üblich: Mit fünf Jahren erhielt er ersten Klavierunterricht. Das Außergewöhnliche zeigte sich bei ihm allerdings rasch. Seine Eltern, beide professionelle Musiker – der Vater Komponist, die Mutter Pianistin und Musikwissenschaftlerin –, übersiedelten daher 2000 aus der Provinzstadt Nizhnij Nowgorod nach Moskau, um dem damals Achtjährigen eine bessere Ausbildung am renommierten Gnessin-Institut zu ermöglichen. „Ich begann damals auch gleichzeitig zu komponieren, doch musste ich damit ständig unterbrechen, weil die schulischen Anforderungen sehr streng waren. Es war ja nicht nur Musik, sondern auch alle anderen Fächer. Mit vierzehn Jahren hatte ich dann aber das Bedürfnis, wieder zu komponieren.“ Trifonov belegte zusätzlich eine Kompositionsklasse. Trifonovs Geburtsdatum ist bemerkenswert in einem historischen Kontext: 1991, das letzte Jahr der Sowjetunion, der 5. März, Todestag von Prokofjew und Stalin (1953). „Ich habe diese Fakten erst erfahren, als ich zwölf oder dreizehn war“, sagt Trifonov, darauf angesprochen, und fügt mit einem Anflug von Lächeln hinzu. „Es hatte keinen Einfluss auf mein erstes Lebensjahr. Aber es waren natürlich nach der Wende Jahre der Herausforderung, das Land war in einem kritischen Zustand. Es war für meine Eltern eine sehr optimistische Entscheidung, sich professionell mit Musik zu beschäftigen. Natürlich brauchten sie zweite Jobs. Die ersten Jahre in Moskau waren hart!“

Eine Revolution nach der anderen

Auf Anraten seiner Pädagogin Tatjana Zelikman wechselte Trifonov 2009 in die USA ans Cleveland Institute of Music, in die Obhut des Pianisten und Pädagogen Sergej Babayan, bis heute sein Mentor und Klavierpartner. Sogleich begann er dort, an der Ausweitung seines Repertoires zu arbeiten. „Während meiner Ausbildung in Russland habe ich natürlich zuerst das dort übliche Repertoire gelernt: zum Großteil Werke der Romantik, Chopin, Skrjabin, auch Schumann. Liszt kam etwas später, Rachmaninow noch später.“ Zwar sind diese Eckpfeiler seines Repertoires geblieben, aber „ich möchte mich auch in andere Richtungen entwickeln. Ein Projekt ist Musik des 20. Jahrhunderts allein, über die Jahrzehnte, um die Entwicklung der Klavierkomposition zu zeigen: nicht so sehr Evolution, sondern eine Revolution nach der anderen, weil sich das so schnell verändert hat.“ Auch im Musikverein verweist er mit dem Ravel-Konzert auf seine neuen „Entdeckungen“.

Rachmaninow, jenseits der Komfortzone

Dennoch, Rachmaninow ist und bleibt für Daniil Trifonov eine Herzensangelegenheit. „Rachmaninows Musik spricht zu vielen Menschen, auch wenn sie nicht sehr viel von klassischer Musik verstehen. Seine Musik ist völlig integer, wie er sich ausdrückt, ist immer sehr ehrlich, sehr real empfunden. Es ist schwierig für einen Komponisten, seine Ideen so frei und direkt auszudrücken. Das zieht so viele Menschen in den Bann seiner Musik. Rachmaninow mochte Studioaufnahmen nicht besonders, er bevorzugte Live-Mitschnitte, aber auch seine Studioaufnahmen sind brillant, auch seine Einspielungen von Werken anderer Pianisten. Ich liebe besonders seine Aufnahme der Zweiten Sonate von Chopin und Schumanns ,Carnaval‘. Von seinen eigenen Werken ist die Aufnahme des Ersten Konzerts mein Favorit, was übrigens auch sein Lieblingskonzert war. Sie ist von allen die inspirierteste.“ Als Interpret schätzt Trifonov besonders Rachmaninows Viertes Klavierkonzert, das er – im Jänner 2019 – auch im Musikverein spielt. „Er versucht hier wirklich über seine Komfortzone hinauszugehen. Man spürt sehr stark die Zeit und den Ort, wo er damals lebte, und er brauchte ziemlich lange, um es zu vollenden. Man spürt darin den Geist der zwanziger Jahre. Es gibt da rhythmische Elemente, die aggressiv in ihrem Drängen sind, da ist ein gewisses Maschinen-Element spürbar. Es gibt definitiv den Einfluss von Jazz in der Harmonik, manche Teile wirken wie ein Stummfilm. Rachmaninow lebte damals in New York, wo auch ich lebe. Vieles in diesem Konzert ist von dieser Stadt beeinflusst.“

Komponist und Performer

Trifonov ist russischer Staatsbürger geblieben und lebt in den USA mit einer Green Card. In Cleveland nahm er während des Studiums auch seine kompositorische Tätigkeit wieder auf. „Mein eigenes Klavierkonzert schrieb ich noch als Student für das Cleveland Institute of Music, ein Auftragswerk. Wir hatten dieses experimentelle Programm: Komponist/Performer. Und ich war da einer der beiden Studenten des Jahres 2012. Die Uraufführung fand 2013 statt. Als ich es schrieb, war ich sehr inspiriert von Prokofjews Zweitem Klavierkonzert, das ich damals lernte. Gewisse emotionale Elemente haben mich angesprochen, solche Elemente wollte auch ich in meinem Konzert ausdrücken.“ Die Arbeit daran habe ziemlich lang gedauert, erzählt er – „nicht die an der Musik selbst, sondern die an der Partitur: Es ist sehr herausfordernd, die Orchesterparts zu schreiben. Dazu braucht man einfach Zeit, weil man sehr detailliert für jedes Instrument schreiben muss. Auch zuletzt, bei meinem Klavierquintett, das ich in Verbier zur Uraufführung brachte, ging es mir so. Obwohl für nur fünf Instrumente geschrieben, hat es viel Zeit gekostet. Ich komponierte zwischen zahlreichen Auftritten, musste immer wieder unterbrechen.“ Von diesem Werk fertigte er auch eine Version für Kammerorchester an.

Weltbekannt mit zwanzig

2011 war für Trifonov ein Schicksalsjahr. Hintereinander gewann er den Arthur-Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv und schließlich die „Krönung“, den Tschaikowskij-Wettbewerb in Moskau samt Goldmedaille und Grand Prix für den Gesamtwettbewerb. Jury-Vorsitzender war damals Valery Gergiev, der den herausragenden jungen Preisträger sogleich nach Kräften zu fördern begann. Seither reißt man sich weltweit um ihn. Zu seinen prominenten Bewunderern zählt unter anderen die große Martha Argerich, die von seinem Spiel – „Zärtlichkeit und ein dämonisches Element“ – schwärmte. Eine besondere Beziehung hat Trifonov seit jeher zum Cleveland Orchestra. „Es hat eine besondere Affinität zur Musik Rachmaninows, ein tieferes Verständnis, das über das gewöhnliche Musikmachen hinausgeht. Man hört da spezifische Elemente heraus, die für Rachmaninow besonders zutreffend sind. Der Komponist selbst hat dieses Orchester sehr geschätzt und hielt es neben den New Yorker Philharmonikern für das beste.“ Bei den New Yorkern sitzt Trifonov seit drei Jahren im Verwaltungsrat. 

 „Als ich begann, Rachmaninow zu spielen, musste ich meine Spielweise neu erfinden“ Daniil Trifonov

Unkonventionelles Training

Mit dem Philadelphia Orchestra, das er auch besonders schätzt, hat Trifonov eine Einspielung aller vier Rachmaninow-Konzerte begonnen. Die erste CD dieses Projekt, das über einen Zeitraum von mehreren Jahren realisiert wird, wurde im Oktober in Wien präsentiert. Zieht Trifonov Live-Mitschnitte oder Studioaufnahmen vor? „Grundsätzlich“, sagt er, „möchte ich beides machen können. Natürlich macht es einen Unterschied: Bei der Studioaufnahme eines Liszt-Recitals haben wir experimentiert und am letzten Tag Publikum eingeladen. Das hat eine neue Dimension ergeben. Studioaufnahmen sind immer schwieriger, man muss immer maximal performen, daher sind sie am anstrengendsten. Eine Tournee kann hart sein, bei den Proben muss man aber nicht sein Letztes geben, beim Aufnehmen aber musst du ständig top sein. In dieser Hinsicht brauchst du extra Energie, um dich nachher auch wieder emotionell aufladen zu können.“ Sieht man Daniil Trifonov aus nächster Nähe beim Klavierspiel zu, fallen seine nicht sehr großen, eher feingliedrigen Hände auf. Wie schafft er es, wenn erforderlich, wahre Stürme auf den Tasten zu entfesseln? „Als ich begann, Rachmaninow zu spielen, musste ich meine Spielweise neu erfinden“, sagt er. „Besonders als ich sein Zweites Klavierkonzert lernte, war ich mit dem Klang, den ich hervorbrachte, nicht glücklich. Ich versuchte daher andere Methoden, um den Klang, den ich haben wollte, zu erreichen: mit externen Mitteln wie Yoga und Stretching. Besonders hilfreich war Schwimmen, um dabei die Bewegungen wie beim Klavierspiel zu trainieren, die Hand- und Schulterbewegungen. Das löst die Muskeln im Schulterbereich und hat mir geholfen, den gewünschten Sound zu erzeugen.“

„Meine Lieblingssonate“

Auch wenn Daniil Trifonov in New York lebt und meistens in den USA und Europa auftritt, vernachlässigt er sein Heimatland nicht. Er spielt regelmäßig in Moskau und St. Petersburg und klagt nur darüber, wenig Zeit zu finden, um auch in den russischen Provinzstädten aufzutreten. „Das wird sich aber hoffentlich in Hinkunft ändern.“ Ein wichtiges Ereignis gab es Anfang September 2018, zum Moskauer Stadtjubiläum, als er bei der Eröffnung des spektakulären neuen Konzertsaals Sarjadje mitwirkte. Gergiev dirigierte sein Mariinsky-Orchester, Präsident Putin nahm die Eröffnung vor. Bei solch dichtem Arbeitspensum bleibt wenig Zeit für anderes. Literatur, eventuell. Seine Lieblingsautoren: Oscar Wilde, Dostojewskij, Tolstoi. Sein Recital-Programm für Wien im Februar hat Trifonov wie immer mit seinem Mentor Sergej Babayan erarbeitet: Beethoven und Schumann, dazu Prokofjews 8. Sonate, „meine Lieblingssonate“.

Edith Jachimowicz 
Dr. Edith Jachimowicz lebt als Musikpublizistin und -dramaturgin in Wien und Salzburg.