Jeder Ton ist wichtig

Ulrich Drechsler und „Liminal Zone“

„Liminal Zone“. Instrumentalist und Komponist Ulrich Drechsler präsentiert im Musikverein ein Projekt, das die Facetten seiner Kunst zusammenführt. Teil zwei dieser Trilogie ist am 19. Februar im Metallenen Saal zu erleben.

Ein Saxophonist und Klarinettist, der sich selbst auch dem Jazz zuordnet, ist ein Orpheus des Augenblicks, ein Advokat des Spontanen. Er begibt sich in Situationen, die tendenziell unkalkulierbar sind. Gerade deshalb aber holen sie das Schöpferische aus dem Improvisator heraus. Die Magie des Flüchtigen, des in Echtzeit Erdachten kollidiert bisweilen allerdings mit dem Musikerdrang, Ideen auch in komponierter Form festzuhalten. Und in solch einer Situation war Ulrich Drechsler, als er beschloss, das Projekt „Liminal Zone“ zu konzipieren, das viele Aspekte seines Künstlerdaseins bündelt.

Immer bewusster werden

Nach seinem Selbstverständnis befragt, danach, ob er sich als komponierender Instrumentalist oder eher als spielender Komponist sieht, reagiert Ulrich Drechsler mit sympathischer Offenheit: „Keine Ahnung! Musik ist ein großer Teil meines Lebens! Sie hat großen Anteil daran, wer ich bin. Und genau das sehe ich in ihr: eine Möglichkeit, mich als Mensch weiterzuentwickeln und immer bewusster zu werden.“ Das Projekt, dessen erster Teil, „Caramel“, im Musikverein bereits zu hören war, darf denn auch als „Plattform für eine Werkschau verstanden werden. ,Caramel‘ befasst sich mit meiner Vorstellung von Jazz und Weltmusik. Hier darf alles möglich werden. Die Besetzung mit Koloratursopran, Rezitativ und Slam-Poetry, Bassklarinette, Klavier, Kontrabass und Percussion zeigt es.“ Im Format „Chrome“ wiederum verarbeitet Drechsler Inspirationen aus Klassik, Neoklassizismus, Filmmusik (mit einem Streicherensemble) und Live-Elektronik. In „Azure“ geht es dann „um meine Vorstellung von elektronischer Musik, die durch Stile wie Trip-Hop und Ambient inspiriert ist. Zu erwarten ist eine Mischung aus programmierter Musik und Live-Elektronik, Gesang plus Klarinetten und Saxophon.“

Flexibilität und Experimentierlust

Jedes dieser Projekte sei „einzigartig, und zugleich sind sie alle miteinander verwoben“, so Drechsler, den es zu Beginn seiner Karriere Richtung klassische Musik und Klarinette zog, bis er beim Saxophon und einem Jazzstudium in Graz landete. Erfolge stellten sich ein: In Wien wurde er Mitbegründer der vielbeachteten Band Café Drechsler, in der „wir auf akustischem Weg Stile wie Hip-Hop oder Drum ’n’ Bass verarbeiten“. Ein starkes Statement: Jazz assimilierte da neue Popströmungen und transformierte sie in spontane Interaktion dreier Könner. Drechslers Flexibilität und Experimentierlust führten ihn aber auch zu Ausflügen in die skandinavische Musik (mit Pianist Tord Gustavsen) und in mediterrane Gefilde (mit Pianist Stefano Battaglia). Auch Filmmusik schrieb Drechsler. Und Abstecher in die persische Sufi-Musik brachten ihn mit Sängerin Sahar Lotfi zusammen.

Neue Gesamtklänge

All diese Erfahrungen fließen in sein Projekt „Liminal Zone“ mit ein, das „neue Gesamtklänge“ ergeben und Zuhörer emotional erfassen soll. So lässt sich „Liminal Zone“ auch als eine Art musikalische Biographie verstehen, bei welcher der Improvisator Drechsler nicht extrem im Mittelpunkt steht. „Natürlich ist es schön zu improvisieren und ein Solo zu spielen, aber es ist nur ein Teil des Ganzen. Ich versuche jedenfalls, jeden einzelnen Ton, egal ob als Begleiter oder Solist, oder auch jede Pause so bewusst wie möglich zu spielen. Jeder Ton ist nämlich wichtig. Ich habe etwa lange Zeit die Musik von Arvo Pärt gehört und auch etwas studiert. Es ist Musik, die auf Wesentliches reduziert ist, Musik, in der nur das Gesamterlebnis zählt und die komplett von der Intensität lebt, mit der sie gespielt wird. Daraus habe ich sehr viel Inspiration bezüglich meiner Rolle als Instrumentalist geschöpft.“

Wie eine Partnerschaft

Inspiration bringen natürlich auch die Kollegen und Kolleginnen des Projekts: „Es sind alles IndividualistInnen, starke Persönlichkeiten mit ausgeprägten Stilen. Es sind tolle KünstlerInnen wie etwa die Slam-Poetin Yasmin Hafedh, die wie kaum eine andere mit den Worten zu spielen vermag.“ Auch die türkische Koloratursopranistin Özlem Bulut, die zusätzlich „zur klassischen Gesangsausbildung die ganze Kultur ihres Landes mit einbringt“, hebt Drechsler hervor wie auch Sängerin Clara Luzia: „Sie scheint mit ihrer Stimme über allem zu schweben. Ja, und Peter Zirbs: Er ist eine Ikone der großen Wiener Elektronik- und Clubkultur.“ Das Wichtigste aber sei, so Drechsler, dass „sie alle großartige Menschen sind. Für mich ist gemeinsam zu musizieren das Gleiche wie eine Partnerschaft. Es geht nur miteinander, und man kann noch so großartig sein Instrument und seine Stimme beherrschen: Wenn man sich nicht gegenseitig ergänzt, unterstützt und sich außerhalb des Proberaums oder der Bühne nichts zu sagen hat, wird es nie funktionieren.“ Es sei natürlich nicht einfach, MusikerInnen zu finden, die zu einem passen, es sei dies eine ständige Herausforderung. „Aber wenn man jemanden trifft, bei dem der Funke überspringt, kann es nur großartig werden. Ich hoffe, dass mir bei ,Liminal Zone‘ etwas in diesem Sinne gelungen ist“, sagt Drechsler, der sich gerne einem Gedankenexperiment unterzieht.

Worauf schwer zu verzichten ist

Zwecks näherer Definition seiner Vorlieben bitte man ihn, jene fünf Einspielungen zu nennen, auf die er nicht verzichten könnte: Da wäre Sergej Rachmaninows Zweites Klavierkonzert mit Swjatoslaw Richter und den Warschauer Philharmonikern unter Stanislaw Wislocki, da es „pure Schönheit“ ausstrahle. Da wären Bachs Cellosuiten in der Einspielung mit Pierre Fournier, der „diese Symbiose aus Genie und Sinnlichkeit so uneigennützig spielt“. Dann nennt Drechsler Max Richters „Sleep“, „ein achtstündiges Werk, in dem Richter mit minimalen Mitteln den Schlafzyklus eines Menschen nachzeichnet“, der auch der US-Jazzpianist Keith Jarrett sein könnte. Drechsler betont jedenfalls dessen Kreativität bei den Sun Bear Concerts von 1976 und will auch auf den Pop nicht verzichten. Die Band Lamb hat es ihm mit ihrem „Live At The Koko“ angetan – diese „britische Trip-Hop-Combo geht einfach immer!“

"Für mich ist gemeinsam zu musizieren das Gleiche wie eine Partnerschaft." Ulrich Drechsler

Das Hier und Jetzt erleben

Es kommt also einiges an unterschiedlichen Stilen und Inspirationen zusammen. Wie individuell Drechsler allerdings all diese Vorlieben auch künstlerisch verarbeitet, es wird sein Tun von einer allgemeinen Philosophie getragen und geprägt: „Musik ist für mich eine der direktesten Möglichkeiten, Menschen das Hier und Jetzt erleben zu lassen. Gerade in unserer Gesellschaft, in der wir geistig nur in der Zukunft oder in der Vergangenheit unterwegs sind, ist das als Ausgleich so wichtig.“ Klang und Emotion. Gestalten und geben: in der Musik auch zu sich kommen. „Das ist meine Welt“, sagt Drechsler.

Ljubiša Tosić
Dr. Ljubiša Tosić   ist Kulturredakteur und Musikkritiker des „Standard“ in Wien.