Innere Freiheit

Wolfgang Rihm

Seit Jahrzehnten schon gehört Wolfgang Rihm zu den maßgeblichen Komponisten der internationalen Musikszene. Im Programm des Musikvereins ist er Mitte Februar mit seiner „Fremden Szene III“ im Zyklus des Altenberg Trios vertreten, bevor dann im März die Münchner Philharmoniker und Valery Gergiev ein neues Werk von ihm nach Wien bringen. 

„Ich brauche keine Anregung von außerhalb. Die einzige Anregung, um die ich bitte, ist in Ruhe gelassen zu werden“, so Wolfgang Rihm. Die Voraussetzungen dafür sind gut. Einen Computer besitzt er nicht – man erreicht ihn am besten per Brief, SMS oder Fax. So ist gewährleistet, dass er sich voll und ganz in seine Musik vertiefen kann. Wolfgang Rihm, 1952 in Karlsruhe geboren, ist seit vielen Jahren der produktivste und meistgespielte deutsche Komponist der Gegenwart. Seit einem halben Jahrhundert komponiert Rihm in einer Geschwindigkeit, in der andere Partituren durchblättern – immer mit höchstem Anspruch an Qualität und Ausdruck. 

Expressiv und emotional

Wenn ein Komponist darum bittet, „in Ruhe gelassen zu werden“, dann läuft er Gefahr, in der Schublade „schwieriger Künstler“ zu landen. Nichts könnte auf Rihm weniger zutreffen. Er strotzt geradezu vor barocker Lebensfreude, ist sehr kommunikativ, nicht nur immens belesen, sondern weiß sein Wissen auch humorvoll einzusetzen. Nie aber auf Kosten anderer. Dazu ist Rihm viel zu gebildet. Auch herzensgebildet. Seine mehr als 500 Werke sind expressiv und emotional. Eine seiner gar nicht so versteckten Leidenschaften sind kleine Walzer in einem spätromantisch anmutenden, harmonisch angereicherten Stil. Der große Mann – bescheiden im Auftreten, aber mit Selbstbewusstsein – wollte mit seinen Kompositionen nie fremde Erwartungen erfüllen. Zeitgeist? Unwichtig. „Ich frage mich natürlich nicht ständig: Liege ich richtig in der Zeit oder stehe ich richtig quer zur Zeit oder bin ich schön sperrig oder bin ich Gott sei Dank nicht sperrig oder was auch immer. Ich handle ganz nach Intuition und Lust und Laune und sehr subjektiv.“

Unerschrockene Wucht

Eine seiner wichtigsten Lektionen habe er von seinem Lehrer Karlheinz Stockhausen gelernt, meint Wolfgang Rihm. Dieser habe oft gesagt, dass es keinen Sinn mache, mit „einer Sache kurz bekannt zu werden“. Man müsse „jahrzehntelang in aller Breite anwesend sein, mit aller schöpferischen Vielfalt“ – so habe es Stockhausen formuliert. „Das habe ich sehr ernst genommen. Ich habe es auch als Ermutigung meines Wesens empfunden und habe gespürt: ,Du kannst so sein‘“, sagt Rihm. Da sind wir wieder beim Thema Schubladen. Während in den 1970er Jahren eine oftmals verkopft-sperrige Ästhetik als verehrungswürdig galt, setzte Rihm auf kraftstrotzende, aufwühlende, im besten Sinn subjektiv gedachte und formulierte Musik. Auftrumpfend in der Gestik, den Hörer mitunter mit unerschrockener Wucht konfrontierend. Schnell wurde die Schublade „neoromantisch“ geöffnet. Doch für diese Etikettierung erwies sich sein Werk als zu groß. Die Musik von Rihm springt einen förmlich an. Ihre unbändige Kraft ist ein Erlebnis für alle Sinne. Diese physische Dimension des Hörens spielt für Rihm eine wichtige Rolle – nicht nur bei den eigenen Werken: „Wenn eine Solo-Violinsonate von Bach gespielt wird, spüre ich das genauso auf der Haut, wie wenn ein großes Schlagzeugorchester mich attackiert.“

Ein Nornenspruch von Stockhausen

Die wuchtige Klangsprache von Rihm entspricht seiner persönlichen Aura. Mit der hohen Denkerstirn und seinem imposanten Leib verkörpert der Karlsruher genau jene Mischung aus Intellekt und Genussfreude, die ihn als Komponist und Mensch auszeichnet. Rihm schätzt etwa die Reize der badischen Küche sehr und beeindruckt seine Gesprächspartner mit genauen Kenntnissen der Spitzengastronomie: „Ich hab früher mehr gekocht als heute, ich bin jemand, der sich beim Essen sehr rezeptiv verhält, es ist die Reproduktionsfähigkeit meiner physischen Existenz, ich brauche dann eine gewisse Erdung.“ Zentral wurde für ihn ein Zettel seines Lehrers: „Lieber Wolfgang Rihm, bitte folgen Sie ganz Ihrer inneren Stimme. Ihr Stockhausen.“ Es ist gut möglich, dass auch dieser Spruch zu Rihms Erdung beigetragen hat. Im Grunde passt dieser Satz immer. Es ist ja kein Künstler, wohl kaum ein Mensch denkbar, dem er nicht ins Stammbuch geschrieben werden sollte. Rihm nimmt ihn ernst, und er versteht ihn als Nornenspruch, wie er sagt, „sowohl im Hinblick auf die Poiesis als auch auf die Lebensführung“. Jahrzehntelang hing dieser Zettel, mit einer einfachen Klammer befestigt, über seinem Schreibtisch an der Wand.

Wachsende Werke

Im Schaffen von Rihm haben sich seit Beginn seines Komponierens immer wieder Gravitationszentren herausgebildet, um die sich die Werke – teilweise über Jahrzehnte hinweg – gruppieren. Diese Gruppen- und Zyklusbildungen richten sich nicht nach „herkömmlichen“ Gattungsgesichtspunkten. Die Beweggründe sind vielmehr rein subjektiver Art: etwa die Suche nach der Lösung bestimmter kompositorischer Probleme, die Lust am wiederholten Eintauchen in enigmatische Bild- und Klangwelten oder die Faszination durch exponierte künstlerische Positionen, die sich an bestimmten Personen festmachen lassen. Friedrich Nietzsche, Luigi Nono, Heiner Müller und der Maler Kurt Kocherscheidt sind nur einige Namen aus der langen Liste der Impulsgeber und Dialogpartner aus Vergangenheit und Gegenwart. Auch Antonin Artaud gehört dazu. Seine Poetik und seine künstlerische Existenz waren in den achtziger und neunziger Jahren von nachhaltigem Einfluss auf Rihms Komponieren. Auf den 1896 in Marseille geborenen französischen Theatermann, Schriftsteller und Zeichner, der nach jahrelanger Internierung 1948 in einer psychiatrischen Anstalt starb, gehen drei große Musiktheaterprojekte zurück: „Tutuguri“ (1980–82), „Die Eroberung von Mexico“ (1987–91) und „Séraphin“ (1994). Es ist bezeichnend für das Schaffen von Rihm, dass es sich bei diesen Bühnenwerken nicht um abgeschlossene Einzelerscheinungen, sondern vielmehr um offene Werkkomplexe handelt, mit Wurzeln in früheren und Ausstrahlungen auf spätere Kompositionen und, wie im Fall von „Séraphin“, mit veränderlicher Gestalt. Zum „Tutuguri“-Werkkonglomerat gehört auch das Orchesterfragment „Schwarzer und roter Tanz“, ein Folgewerk, das nach den Worten des Komponisten aus dem Tanzgedicht „herausgerissen“ wurde und auskomponierte Risse und Bruchstellen aufweist. Zu diesem Stück schrieb er: „Der Klang kocht und stößt. Ruf, Kreatur. Erst Metrum, dann Magma. Riss. Und Schlag. Sehr physische Vorgänge, ausgedrückt vom spirituellsten Körper, der sich bietet (darbietet): der Musik.“

Magische Lichtwechsel

Mittlerweile hochdekoriert, hat sich Rihm seine innere Freiheit bewahrt. Manch kundige Beobachter erkennen in seinen jüngsten Orchesterwerken eine „musikgeschichtliche Rückschau“. Positiv gemeint. In seinem 2. Klavierkonzert, 2010 in Salzburg uraufgeführt und seitdem oftmals wiederholt (es ist ja bei Rihm nie so, dass ein Werk nach der Uraufführung wieder in der Schublade verschwindet), zeigt Rihm ein waches Ohr für Aus- und Einschwingvorgänge des Tons sowie für das Changieren des Klangs im Wechselspiel mit den Orchesterinstrumenten. In einer Passage verschieben sich Akkordketten zwischen Klavier, Streichern und Bläsern, jede Verschiebung erzeugt einen magischen Lichtwechsel. Das hätte Maurice Ravel nicht besser hinbekommen. Und auch der Musikverein kam vor nicht allzu langer Zeit in den Genuss einer Uraufführung. Franz Welser-Möst dirigierte im November 2013 „Verwandlung 5“ mit dem Cleveland Orchestra. Das Werk, schrieb damals „Die Presse“, sei ein „hinreißend gekonnt und raffiniert auf der Klaviatur der Orchestermöglichkeiten spielender Zehnminüter, variantenreich, überraschend eingängig und mit einem knallenden Pizzicato-Ton der Solovioline zum Schluss auch humorig“. Was sich Rihm für Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker ausgedacht hat, wollte der Komponist im Vorfeld nicht verraten. Es kann aber berichtet werden, dass die beiden sich zumindest zweimal getroffen haben und in höchsten Tönen voneinander sprechen. Keine schlechten Voraussetzungen für ein neues Werk.

Wolfgang Schaufler
Wolfgang Schaufler ist Verlagsmitarbeiter der Universal Edition, Moderator und Herausgeber des Buchs „Gustav Mahler – Dirigenten im Gespräch“.