Dirigent um Mitternacht

Thomas Schäfer-Elmayer 

Einmal im Jahr gehört die Bühne im Großen Musikvereinssaal jenem Mann, der in Österreich für den guten Ton zuständig ist: Thomas Schäfer-Elmayer. 

Wenn dieser Dirigent das Podium betritt, ist alles anders. Er erscheint jedes Jahr genau einmal, das aber gleich zweimal hintereinander. Um null Uhr gibt er den ersten Einsatz, morgens um zwei den zweiten. Er dirigiert Akteure, die zugleich das Publikum sind: putzmuntere Hundertschaften zu nachtschlafener Zeit. Sie gehen leidenschaftlich zur Sache und kennen sich nicht aus. Das macht nichts. Lustvoll verfehlen sie die Einsätze. Taumelnd genießen sie ihr Versagen. Auch der Dirigent, an sich ein Meister des Präzisen, sieht das Vage mit Vergnügen. Wenn er Wiederholungen anordnet, dienen sie kaum der Perfektion, sondern mehr der Steigerung des Chaos. Scheller und schneller, fünfte Tour, sechste Tour, der Turbo schließlich bis zum Anschlag gedreht. Keine Frage, dieser Dirigent holt das Äußerste an Bewegung heraus: Thomas Schäfer-Elmayer bei der Quadrille des Philharmonikerballs im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins.   

Freude am Stil, Lust am Spiel

Dass er beim selben Ball auch fürs elegantest Geordnete zuständig ist, steht dazu nicht im Widerspruch. Seit bald zwanzig Jahren dreht sich das Jungdamen- und Jungherrenkomitee nach Choreographien der Tanzschule Elmayer. Im Jahr 2000 übernahm Thomas Schäfer-Elmayer die Einstudierung der Eröffnung – Herz- und Glanzstück bei jedem größeren Ball und erst recht beim Ball der Bälle, wie viele den Ball der Philharmoniker empfinden. Ja, das ist Wien! Wie hier das eine zum anderen kommt, Zeremoniell und Nonchalance, Formbewusstsein und Ausgelassenheit, Freude am Stil und Lust am Spiel – wo sonst wäre es so nahtlos möglich wie in Wien? In der Ballsaison ist der Musikverein das Parkett, auf dem sich Wiens Wesen von seiner schönsten Seite zeigt. Nichts wirkt hier streng oder steif, gekünstelt oder erzwungen. Auch für den Dress-Code gilt es: Wer da von „Frackzwang“ spricht, hat schlichtweg das falsche Wort gewählt. Denn nicht Zwang bringt die Herren in den Frack, sondern der willkommene Wink zum Tragenmüssendürfen. Man wirft sich in Schale, weil man die Form zu schätzen weiß. 

Wien ist anders Wie man die dritte, vierte, fünfte Tour tanzt und wie eine Chaîne Anglaise wirklich funktioniert, das wusste womöglich auch Thomas Schäfer-Elmayer nicht oder nicht mehr, als er 1987 die Leitung der Tanzschule Elmayer übernahm. Er war, wie er selbst sagt, ein „totaler Quereinsteiger“. Bevor ihn der Ruf des kleinen, feinen Familienunternehmens ereilte, hatte der studierte Wirtschaftswissenschaftler 17 Jahre lang Führungspositionen in internationalen Konzernen inne. Er lebte in Basel, Johannesburg und Bonn. Und dann kam dieses so ganz andere Wien! „Ich sage ja immer“, merkt er pointiert an: „Zwischen Johannesburg und Bonn gibt’s weit mehr Gemeinsamkeiten als zwischen Wien und Bonn.“ Und wo wird dieses ganz Andere am deutlichsten sichtbar? Eben: in der Balltradition. „Es gibt keine andere Stadt auf der Welt, in der sie noch so lebendig ist wie in Wien“, sagt SchäferElmayer, „und sie existiert hier ja nicht bloß auf Sparflamme. In jedem Jahr finden hier rund 450 Ballveranstaltungen statt, geschätzte 550.000 Leute gehen auf Bälle. Die Plätze beim Eröffnungskomitee des Philharmonikerballs sind heiß begehrt. Und beim Traditionsball unserer Tanzschule, beim Elmayer-Kränzchen, lassen wir sogar 500 Leute zum Eröffnungskomitee zu – wir wollen möglichst allen, die dabei sein wollen, die Freude machen.“ Bonn am Rhein kennt rein gar nichts von solchen Freuden oder allenfalls einen Hauch davon. 

Von A bis Z

Alphabetisch durchstreift „Der Große Elmayer“ das weite Feld des guten Benehmens. Von A wie „Accessoires“ bis Z wie „Zyniker“ reichen die Hinweise zu taktvollen Schritten und vermeidbaren Fauxpas. Fragen, wie sie nur in UpperClass-Kreisen aufkeimen können, werden selbstverständlich behandelt – das darf man von Elmayer nach wie vor erwarten, sei’s das „Placement für die große offizielle Einladung“, sei’s die „Etikette an Bord“ unter dem Stichwort „Yachten“. Aber das Buch führt auch beherzt heran an Alltagssituationen, die jeden im sozialen Leben betreffen können, privat wie beruflich. Neue Herausforderungen werden aufgespürt und thematisiert – so auch die Kommunikation im virtuellen Raum, mit all seinen Gefahren, das Private mit einem Tastendruck an die große Glocke zu hängen. Dass sich Schäfer-Elmayer von Haus aus auf der Seite der Traditionen sieht, „die es zu bewahren und zu pflegen gilt“, ist klar. Aber ebenso klar erkennt er die Aufgabe, diese Traditionen in einen offenen und offensiven Dialog mit der Gesellschaft von heute zu führen. Das macht dieses Buch spannend, das macht auch ihn selbst zu einer markanten, wichtigen Figur im öffentlichen Leben.  

Gutes Benehmen im Konzert

In den Musikverein kommt Thomas Schäfer-Elmayer nicht nur als Zeremonienmeister beim Philharmonikerball, sondern auch als passionierter Musikfreund und philharmonischer Abonnent. In seiner Jugend, erzählt er, hat er „irgendwann mal Geige gelernt“, immerhin sieben oder acht Jahre lang. Das Ende kam, wie so oft, auch bei ihm. „Sobald die Pubertät angeklopft hat, verlor ich die Geduld für die Überei.“ Die Geige aber liegt noch heute, fein verpackt, in Schäfer-Elmayers Wohnzimmer: ein verschlossenes Potenzial im Futteral. Wie benimmt man sich – die Frage kann nicht ausbleiben – in einem Musikvereinskonzert? Auch dazu gibt schon der „Große Elmayer“ Auskunft: Handys und Husten sind darin ebenso Thema wie Rascheln, Tuscheln und Im-Sessel-Wippen, der Applaus zur falschen Zeit und das rüde Sich-in-die-Reihe-Zwängen. „Der Neuankömmling“, so ist’s richtig, „geht als höfliche Referenz mit dem Gesicht zu den anderen und entschuldigt und bedankt sich mit einem kurzen ,Danke‘ für das Aufstehen.“ Dass nach dem letzten Ton nicht gleich hinausgedrängt und zur Garderobe gerannt werden soll, ergänzt Schäfer-Elmayer im Gespräch. „Künstler haben den Applaus verdient. So viel Zeit muss sein.“ Und dann ist da schließlich noch das heikle Thema „Dress-Code im Konzert“. Dass der Musikverein zu jenen Kulturinstitutionen zähle, in denen „nach wie vor elegante Kleidung erwünscht“ sei, steht ausdrücklich so im „Großen Elmayer“. Doch weiß man/frau noch, was elegant ist? Thomas Schäfer-Elmayer hat da so seine Zweifel, gerade auch, wenn er in einer philharmonischen Soirée sitzt. „Das Orchester“, merkt er gesprächsweise an, „spielt im Frack, und direkt dahinter, auf den Podiumsplätzen, sieht man Touristen in Freizeitkleidung. So sollte es nicht sein. Wenn ich in eine Kulturstadt wie Wien reise, weiß ich, dass ich mir wenigstens eine Stoffhose, einen Blazer und ordentliche Schuhe mitnehme.“ Dabei geht es Schäfer-Elmayer nicht um konservative Justament-Standpunkte, wie er klarmacht, sondern um die Qualität des Erlebnisses. „Vergessen Sie nicht“, schreibt er auch in seinem Buch, „Kleidung beeinflusst die Atmosphäre.“ 


Fünfte Tour, sechste Tour

Man muss den „Großen Elmayer“ nicht durchexerzieren, man hat, selbstverständlich, die Freiheit, sich zu seinen Verhaltensanregungen zu verhalten, wie man möchte. Aber es ist schon ganz gut zu wissen, welche Standards er ansetzt, oder nicht? So wie es auch gut sein könnte, beim Philharmonikerball endlich einmal die Quadrillfiguren richtig tanzen zu können. Ach ja! Probieren wir’s beim nächsten Ball. Und geraten wir, einmal mehr, mit Wonne aus dem Tritt. Thomas Schäfer-Elmayer lächelt dazu und heizt das Durcheinander weiter an. Fünfte Tour, sechste Tour! Wien ist anders. Definitiv. 

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.