Wiener Mischung

Hommage à Cissy Kraner

Die Bezeichnung Diseuse ist aus der Mode gekommen – klingt nach blond, verrucht und rauchigem Timbre. Cissy Kraner war unzweifelhaft der Prototyp einer Diseuse – allerdings Wiener Prägung. Anlässlich des 100. Geburtstags erinnert Katharina Straßer im Gläsernen Saal an Cissy Kraner und damit auch an Hugo Wiener, den Mann am Klavier und hinter den Chansontexten. 

Als im Oktober 1950 die Ära Farkas im Kabarett Simpl begann, stand Cissy Kraner auf der Bühne, ihr Mann Hugo Wiener saß am Klavier, sie deutete auf ihn und sagte: „Der Text und die Musik sind wie von allen meinen Liedern von Hugo Wiener!“ Eigentlich war die Musik von Beethoven, was bei „Gedanken bei Beethovens Menuett“ auf der Hand liegt. Aber das Arrangement und der Text waren wirklich von Wiener: Was sich eine Balletttänzerin in einem miesen Vorstadtlokal während ihrer Tanzdarbietung eben so denkt. „Mizzi Emmentaler heiße ich,/ Das klingt sehr ordinär,/ Doch der Chef, der hat verfeinert mich,/ Und jetzt heiß ich Mizzi Camembert ... Der Herr aus Oberlaa,/ Der ist schon wieder da!/ Da sitz’ ma sicher hier/ Bis Früh um vier./ Doch muss ich freundlich sein,/ Der trinkt den feinsten Wein –/ Am liebsten möchte ich ihm eine schmieren!“  Cissy Kraner war bei diesem Auftritt erst Anfang dreißig, hatte aber schon fünfzehn Jahre Bühnenerfahrung und damit Erfahrungen in Freud und Leid des künstlerischen Berufs. Sie wusste, wovon sie sang. Ihre Geschichte war allerdings noch viel abenteuerlicher als jene der Mizzi Camembert (vulgo Emmentaler). Denn diese Geschichte begann im Wien der dreißiger Jahre – am Rande des Abgrunds. 

Der Traum vom Theater

Der Abgrund war nah – privat wie politisch. Privat, weil die ursprünglich wohlhabende Familie – der Vater hatte eine Buchdruckerei – in der Wirtschaftskrise verarmte und durch die väterliche Spielleidenschaft in noch größere Probleme geriet. Daher brach die vierzehnjährige Gisela Maria Spitz das Gymnasium ab und begann neben einem Büroberuf heimlich eine Gesangs- und Schauspielausbildung, um ihren Traum vom Theater („Tanzsoubrette“) zu verwirklichen und finanziell unabhängig zu werden. Politisch waren die Jahre ihrer Anfängerzeit von 1933 bis 1938 in Österreich ein einziger Tanz am Abgrund. Diesem Abgrund entkam die junge Künstlerin schließlich, weil sie schon in frühen Jahren politisches Gespür entwickelt hatte, weil sie Glück hatte und weil sie dabei auch noch den Mann ihres Lebens kennenlernte. Doch der Reihe nach: Während ihrer Konservatoriumsausbildung besuchte sie das Kabarett ABC, dessen Hausautor Jura Soyfer war. Schon 1935 wirkte sie dort im Programm „Wienerisches – Allzuwienerisches“ unter ihrem Künstlernamen Gisy Kraner mit und erntete freundliche Erwähnungen in den Kritiken: „springlebendig“ (Neue Freie Presse) und „quecksilbern“ (Der Zeitspiegel). Sie war in ein prominentes Umfeld gelangt: Die Texte der Sketche schrieben – neben Soyfer – Hans Weigel und Friedrich Torberg, einer ihrer Partner war der junge Josef Meinrad.

Ohne Furcht ins Ungewisse

1936 reiste sie mit einem Tourneetheater in die Schweiz und nach Holland, wo sie in der „Arena Rotterdam“ ein Engagement annahm und Operetten in holländischer Sprache sang. Hier wurde – durch einen Schreibfehler – Gisy zu „Cissy“. Anfang Jänner 1938 drängten die Eltern auf ihre Rückkehr nach Wien und veranlassten hier ihre vorzeitige Volljährigkeitserklärung. Parallelaktion: Der März 1938 kam und brachte den jüdischen Kapellmeister und Textdichter Hugo Wiener, Librettist der erfolgreich an der Volksoper laufenden Operette „Gruß und Kuss aus der Wachau“, in eine verzweifelte Lage. Wie ein Wink von oben kam für ihn das Angebot, anlässlich der 400-Jahr-Feier der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá eine Revue-Truppe zusammenzustellen, um in Südamerika zu gastieren: Revista Vienese (Wiener Revue). Wiener engagierte einige Sänger und Tänzerinnen und benötigte noch eine Soubrette. Da schickte es sich gut, dass eine Sängerin, die für die abgesetzte Operette „Gruß und Kuss aus der Wachau“ verpflichtet worden war, nun frei wurde: Cissy Kraner. Noch ein halbes Jahrhundert später erzählte Hugo Wiener, beeindruckt von ihrer couragierten Art: „Ohne Furcht und Bedenken kam Cissy Kraner ins Dobner, obwohl dort keine Arier mehr verkehrten und sie wissen musste, dass das Lokal unter Beobachtung stand. Ich konnte es nicht glauben, als ich sie sah. ‚Sie wollen wirklich mit uns nach Südamerika gehen?‘ ‚Ja.‘ ‚Obwohl Sie wissen, dass ich –?‘ ‚Ja.‘ ‚Und warum?‘ ‚Weil es hier zu etwas Schrecklichem kommen wird. Vielleicht zu einem Krieg.‘ Ich habe später erlebt, dass sie immer im Voraus gewusst hat, wenn etwas Ernstes bevorstand.“

Señorita Ahora

Im Juni 1938 brach das Ensemble per Schiff von Amsterdam nach Südamerika auf. Auf Deck probte man die Revue „Vamos a Colombia“ in einem Gemisch aus Deutsch und Spanisch. Nur allmählich kamen sich die Soubrette und der fünfzehn Jahre ältere Kapellmeister näher, wie sie in ihren Erinnerungen berichtet: „Mir imponierte seine Intelligenz, die geschliffene Sprache, sein feiner Humor. Aber vorerst tat er mir leid, ich empfand nur Mitleid für diesen ruhigen, sympathischen Mann, der ununterbrochen an zu Hause dachte und sich große Sorgen um seine in Wien gebliebenen Eltern, um seine Schwester und deren Mann machte.“ Das Ballet Vienés feierte die Premiere seiner Revue in einem Großkino in Bogotá. Der Erfolg lag nicht zuletzt an Cissy Kraners drolliger Conférence in einem Kauderwelsch-Spanisch, das ihr den Spitznamen Señorita Ahora eintrug: Jede ihrer Ansagen begann mit den Worten „y ahora“ („und nun“). Eine mehrmonatige Tournee durch kolumbianische Städte schloss sich an, bei der „la divina y platinada Cissy Kraner, idolo del publico“ hymnische Zeitungskritiken erntete. So erklärte sie dem Publikum das Prinzip der „Instantaneas“, der gespielten Witze: „Wenn der Vorhang fällt, ist der Witz aus – dann müssen Sie lachen und applaudieren. Wenn Sie jetzt den Witz in unserem Spanisch nicht verstehen, macht es auch nichts – wenn der Vorhang fällt, lachen Sie.“ 

Eine Bar in Caracas

In Europa spitzte sich die Lage Anfang 1939 zu, eine Rückkehr schien – jedenfalls für Hugo Wiener – aussichtslos. Die Balletttänzerinnen allerdings reisten nach Europa, das Ensemble zerfiel. Die verbleibenden Sänger tourten als „Los ases de Viena“ (Die Asse aus Wien) durch Kolumbien und Venezuela – mit allen unangenehmen Begleiterscheinungen. Hugo Wieners Erinnerungen: „Statt in Hotels zu logieren, schliefen wir in Gasthöfen; das Essen war kaum zu genießen, die Betten waren voller Ungeziefer, und manche Nacht verbrachten wir angezogen auf den Stühlen sitzend, weil wir uns einfach nicht hinlegen konnten.“ Schließlich beendeten die beiden das triste Wandertheaterleben und wurden in Caracas sesshaft. Doch wie überleben? Wiener wurde Klavierlehrer, Kraner Stenographin in einem italienischen Unternehmen. Später arbeitete sie als Verkäuferin in einer Bäckerei, er bekam eine Sendung im Radio: „Ugo con suo organo“ (Hugo mit seinem Harmonium), schließlich konnte er sogar als Dirigent arbeiten. Bald gaben sie in dem von Exil-Österreichern gegründeten Centro Austriaco gemeinsam „Wiener Abende“ in deutscher Sprache. Und 1943 heirateten sie. Den Durchbruch schafften sie mit der Gründung der Pianobar „Johnny’s Musicbox“: Kraner sang vorwiegend spanisch und englisch, ihr Mann begleitete sie am Klavier – bis sie 1948 nach Wien zurückkehrten.

Novak, Novotny und Piwak

Und 1950 begannen jene 15 Simpl-Jahre mit ihren unzähligen Wiener-Kraner-Chansons. Es war die Zeit der „Diseuse vom Grund“, wie sie Hans Weigel charakterisierte: „Sie bringt nicht, sie macht nicht Chansons, sie singt nicht und sie spricht auch nicht: es geschieht aus ihr ein Chanson. Text, Musik und Person werden zur absoluten Einheit.“ So war sie „der Vamp von Favoriten“, die „Attraktion auf der Panotzalacken“ und die „Nitribitt vom Lerchenfelder Gürtel“, wünschte sich „Ich wär so gerne eine dämonische Frau“ und fragte „Warum kann ich nicht die Marylin Monroe sein?“. Unverzichtbare Bestandteile der Simpl-Programme waren auch die Lieder mit den für Wien typischen böhmischen Familiennamen: vom Nowak, der sie nicht verkommen lässt, vom Novotny, den sie nicht leiden, und den Pokornys, mit denen man nicht verkehren kann. Und vom Piwak, der sie so verwöhnt hat: „Er war – nicht, dass ich etwas schwatze –/ Ein ausgesproch’nes Star-Modell!/ Vom Brynner hatte er die Glatze/ Und das Gebiss vom Fernandel./ Drum kam ich immer in Ekstase,/ Denn was das Ganze noch gekrönt:/ Vom Farkas hatte er die Nase –/ Der Piwak hat mich so verwöhnt.“

„Wenn der Vorhang fällt, ist der Witz aus – dann müssen Sie lachen und applaudieren. Wenn Sie jetzt den Witz in unserem Spanisch nicht verstehen, macht es auch nichts – wenn der Vorhang fällt, lachen Sie.“ 
Cissy Kraner

Ein geklauter Bindestrich

Apropos Karl Farkas: Er hatte die künstlerische Leitung des Simpl – gemeinsam mit Hugo Wiener, der nicht nur die Chansons für seine Frau schrieb, sondern auch die berühmten Doppelconférencen. Als er seinem dominanten Kompagnon vorschlug, die Programme – analog den legendären Farkas-Grünbaum-Revuen – als Farkas-Wiener-Revuen zu bezeichnen, willigte der gewitzte Conférencier ein und wählte als Titel: Wiener Farkas Revue. Diese und andere Querelen führten im Jahr 1965 zum Abschied des Ehepaars Wiener/Kraner vom Simpl, aber nicht zum Ende ihrer gemeinsamen Auftritte, die bis zum Tod des Pianisten 1993 gefeierte Ereignisse blieben und zugleich Dokumente einer großen Kabarett-Vergangenheit: eine Wiener Mischung, in Südamerika gereift.

Alexander Marinovic 

Dr. Alexander Marinovic, Jurist und Abteilungsleiter im Wissenschaftsministerium, publiziert regelmäßig Beiträge über Kunst und Kultur.