Untergang und Morgengrauen

1918–1938: Zeitenwende auch in der Kunst

Mit der prominent besetzten Reihe „1918.1938“ und einer Aufführung von Benjamin Brittens „War Requiem“, dirigiert von Philippe Jordan, erinnert die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien an die Zeitenwende, die die Katastrophen des 20. Jahrhunderts auch für die Kunst bedeuteten. 

Zeitenwende 1918  

1) Ein Komponist hat Migräne. Oder mehr als das: Er ist „außerordentlich leidend“ und „krank auf eine Weise, die etwas von erniedrigender Quälerei, einem Gezwackt- und Geplagtwerden mit glühenden Zangen“ besitzt, ein „auch durch strengste Diät nicht zu bändigendes Magenübel ... mit heftigsten Kopfschmerzen auftretend, mehrtägig und in wenigen Tagen wiederkehrend, mit stunden-, ja tagelangen Erbrechungen dazu bei leerem Magen, ein wahres Elend, unwürdig, schikanös und erniedrigend, in tiefe Ermattung bei andauernd großer Lichtempfindlichkeit ausgehend, wenn ein Anfall vorüber war“. 2) Ein Dichter stirbt. Obwohl er wegen eines erlittenen Kriegtraumas auf Heimaturlaub hätte bleiben können, hat sich der 25-Jährige kaum vier Monate davor freiwillig zurückgemeldet: vermutlich deshalb, weil er die Verpflichtung fühlt, einen geliebten Freund – Dichter auch dieser und schwer verwundet – an der Front zu ersetzen. Exakt eine Woche vor dem Waffenstillstand am 11. November trifft ihn eine Kugel in der Schlacht an der Sambre. Seine Mutter erhält die Todesnachricht in jener Stunde, in der die Glocken des Landes den Sieg verkünden.  3) Ein Kaiser wird aufgeknüpft. Schnurrbart und Pickelhaube machen ihn sofort und weithin kenntlich, er „baumelt an einem langen Seil“, die Menge jubelt, „um ihn schwebt flirrend Konfetti im Sonnenlicht“. 4) Ein Stück wird uraugeführt – gut sechs Wochen vor dem Waffenstillstand, in einem neutralen Land. Es ist eine Art von kleiner Wanderbühnen-Oper, „zu lesen, zu spielen und zu tanzen“, für ein paar Schauspieler, eine Tänzerin und ein Ensemble aus sieben Musikern: Schließlich soll es reisetauglich sein und etwas Geld in finanziell schwierigen Zeiten einbringen. Aber die Tournee fällt aus, da alle Teilnehmer an der gefürchteten Spanischen Grippe erkranken.  

Ernüchternde Bilanz 

Vier Szenen aus dem Jahr 1918, in dem die Weltkriegsleichen gezählt werden: 17 Millionen. Drei der Szenen haben sich wirklich zugetragen. Der Tod des Dichters Wilfred Owen zum Beispiel, eines der bedeutendsten literarischen Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts. Benjamin Britten wird Owen in seinem „War Requiem“ ein Denkmal setzen, indem er dessen Antikriegslyrik zwischen den lateinischen Text der Totenmesse schiebt und dem Ganzen folgende Zeilen Owens als Motto vorangestellt: „Mein Thema ist der Krieg und das Leid des Krieges. Die Poesie liegt im Leid ... Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist warnen.“ Der Großteil des Werks entsteht 1961 in Aldeburgh, im Studio des sogenannten Red House – wenige Kilometer von einer US-Militärbasis entfernt: Bei der Komposition hört Britten regelmäßig die Kampfbomber fliegen. Die Möglichkeit eines Atomkriegs zwischen Ost und West war damals als konkrete Gefahr in den Köpfen der Menschen verankert. Neben der Erinnerung an die Opfer der Vergangenheit wächst dem „War Requiem“ deshalb auch eine ganz aktuelle, um Frieden flehende Bedeutung zu. Real sind auch die Szene mit der symbolischen Hinrichtung des deutschen Kaisers Wilhelm II. mit einer überlebensgroßen Puppe bei den Friedensfeiern in New York, mit der der Historiker Daniel Schönpflug sein Buch „Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch“ beginnt (Wilhelm II. dankte Ende November ab, 19 Tage nach Ausrufung der „Saurepublik“, wie er sie nannte, und ging ins Exil in die Niederlande), sowie der Bericht von der Uraufführung von Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“, komponiert auf eine Dichtung von Charles-Ferdinand Ramuz nach russischer Märchenvorlage, Ende September 1918 in Lausanne unter Ernest Ansermet.  

„Zeitalter der Extreme“ 

Die erste Szene hingegen ist fiktiv. Es ist Adrian Leverkühn, der da liegt: Symptome einer unbegreiflichen Verquickung seines Gesundheitszustands mit dem Schrecklichen, das sein „Vaterland“ begeht und erleidet. „Langsam wurde die Wahrheit in uns hineingequält, und der Krieg, ein verrottender, verfallender, verelendender, wenn auch immer von Zeit zu Zeit in trügerischen, die Hoffnung fristenden Halbsiegen aufleuchtender Krieg, – dieser Krieg, von dem auch ich gesagt hatte, daß er nur kurz sein dürfe, dauerte vier Jahre.“ So blickt Dr. phil. Serenus Zeitblom knapp dreißig Jahre später, in unvorstellbarerweise noch schrecklicheren Tagen, auf die Zeit des Ersten Weltkriegs zurück, die er 1914–15 an der Front zugebracht hat, bevor er wegen einer Typhusinfektion vom Militär entlassen wird. In dieser komplexen Figur, dem Ich-Erzähler seines Romans „Doktor Faustus“ und somit Biographen des Komponisten Leverkühn, hat Thomas Mann zumindest auch die Züge einer Generation verdichtet, die dann, wenn es drauf angekommen wäre, angesichts der faschistischen Barbarei im eigenen Land, den bösen Mächten nicht mehr vital entgegentreten konnte oder wollte und sich längst auf die politische Ofenbank der inneren Emigration zurückgezogen hatte. Und wieder fällt es schwer, das Jahr 1918 isoliert zu betrachten, zu sehr verquickt ist es mit den weiteren Katastrophen des 20. Jahrhunderts, diesem „Zeitalter der Extreme“, wie es der Polyhistor Eric Hobsbawm in seinem gleichnamigen Buch genannt hat. 

31 Jahre Weltkrieg 

„Soll ich an das Versacken und Versagen, die Abnutzung unserer Kräfte und Sachgüter, das Schäbig- und Lückenhaftwerden des Lebens, die Verarmung der Nahrung, den Verfall der Moral durch Mangel, die Neigung zum Diebstahl, dabei die plumpe Prasserei reichgewordenen Pöbels, hier ausführlich erinnern?“, lässt Mann Zeitblom sinnieren. Einer, der genau und ausführlich daran erinnert hat, war Karl Kraus in seinem pandämonischen, einem „Marstheater“ zugedachten Drama „Die letzten Tage der Menschheit“. „Jeder Krieg wurde doch noch durch einen Frieden beendigt“, versucht der Optimist im fünften, dem Jahr 1918 gewidmeten Akt zu beschwichtigen. „Dieser nicht“, entgegnet der Nörgler, das Sprachrohr des Autors in seinem heiligen Zorn: „Er hat sich nicht an der Oberfläche des Lebens abgespielt, sondern im Leben selbst gewütet. Die Front ist ins Hinterland hineingewachsen. Sie wird dort bleiben. Und dem veränderten Leben, wenns dann noch eines gibt, gesellt sich der alte Geisteszustand.

Die Welt geht unter, und man wird es nicht wissen. Alles was gestern war, wird man vergessen haben; was heute ist, nicht sehen; was morgen kommt, nicht fürchten. Man wird vergessen haben, daß man den Krieg verloren, vergessen haben, daß man ihn begonnen, vergessen, daß man ihn geführt hat. Darum wird er nicht aufhören.“ Hobsbawm scheint genau diesen Gedanken aufzugreifen: „Die Menschheit hat überlebt. Doch das großartige Bauwerk der Zivilisation des 19. Jahrhunderts brach in den Flammen des Weltkriegs zusammen, als seine Säulen einstürzten. Das Kurze 20. Jahrhundert wäre ohne diese Geschichte nicht zu verstehen. Es war von Krieg gekennzeichnet. Es hat in den Vorstellungen eines Weltkriegs gelebt und gedacht, selbst als die Kanonen schwiegen und keine Bomben mehr explodierten. Seine Geschichte, genauer gesagt die Geschichte des Zeitalters seit dem Beginn seines Zusammenbruchs und der Katastrophe, muß mit der Geschichte des einunddreißigjährigen Weltkriegs beginnen.“ 

„Als Soldat und brav“ 

1918: mitnichten ein Jahr des Friedens also. „Soldaten, Soldaten, sind schöne Burschen“, singt die Marie mit glänzenden Augen, vom Zauber der Montur töricht betört, in Alban Bergs „Wozzeck“ nach Georg Büchner, uraufgeführt 1925, in der Zeit dieses (Nicht-)Friedens. Waren auch alles Soldaten: nicht nur Wilhelm II., auch der oberste Kriegsherr Franz Joseph I., „von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Böhmen etc., etc.“ – und, wieder ein fiktiver Zeitzeuge, der Carl Joseph von Trotta. Soldaten, so uniform wie die Märsche des Kapellmeisters Nechwal, einer von „jenen österreichischen Militärmusikern, die dank einem genauen Gedächtnis und einem immer wachen Bedürfnis nach neuen Variationen alter Melodien jeden Monat einen Marsch zu komponieren vermochten. Alle Märsche glichen einander wie Soldaten.“ Joseph Roth hebelt in seinem 1932 erschienenen Roman „Radetzkymarsch“ die Vergötterung des Monarchen nicht mit Satire oder Ironie, sondern mit radikaler Vermenschlichung aus, um sie dadurch auf anderer Ebene zu erneuern.

Die Kriegsjahre schrumpfen darin auf wenige Seiten zusammen. Auch Roths „Radetzkymarsch“ ist eine Geschichte vom Soldaten: vom Enkel des Helden von Solferino, der zum Militär hatte gehen müssen, weil sein Vater, der Bezirkshauptmann, es nicht gedurft hatte. Carl Joseph siecht zuerst im Frieden langsam an seinem Soldatenstand dahin – und stirbt dann schnell im Krieg. In Thomas Manns „Zauberberg“ sind es die ungleichen Vettern Hans Castorp und Joachim Ziemssen, die sich zur Armee verhalten müssen: Joachim, „ein Bild der Jugendkraft und wie für die Uniform geschaffen“, reist nach eineinhalb Jahren im Lungensanatorium ohne ärztliche Zustimmung ab, um endlich Leutnant zu werden – aber muss schon im nächsten Jahr schwer krank zurückkommen und stirbt „als Soldat und brav“, wie Valentin es schon in Goethes „Faust“ formuliert. Hans hingegen, der – angeblich geheilt – mit ihm „zu denen da unten“ hätte gehen können, bleibt; nach sieben Jahren vernimmt er 1914 jenen „Donnerschlag, der den Zauberberg sprengt“, also den Ruf ins Feld, wo wir im Marschtritt seine Spur verlieren. 

„Aus Abfall, Traum und Lumpen“ 

Im Marschtritt, also: Links-zwo-drei-vier. Aber wie marschiert unser Soldat da plötzlich? Zweivierteltakt, Dreiverteltakt, Dreiachteltakt – alles durcheinander! Vierzehn Tage hat er Fronturlaub und wandert in sein Dorf zurück, im Rucksack kaum mehr als eine Geige – jenes Instrument, das ihm bald der Teufel persönlich abjagen will. – Die urwüchsige Kraft des Rhythmus, die individuelle Stärke von nur sieben solistisch eingesetzten Instrumenten, die ein kleines, aber schlagkräftiges Ensemble bilden, die einzigartige Verbindung von Musik, Erzählung und Tanz: All das macht die „Geschichte vom Soldaten“ zu einem der merkwürdigsten Musiktheaterwerke des 20. Jahrhunderts, das Ideen von Bert Brechts „epischem Theater“ vorwegnimmt. „Meine Wahl der Instrumente“, erklärte Strawinsky später, „war von einem sehr wichtigen Ereignis meines damaligen Lebens beeinflusst: der Entdeckung des amerikanischen Jazz.“ Noch mehr: Die erzwungenen Beschränkungen der Kriegszeit in Besetzung und Umfang scheinen sich auch musikalisch widerzuspiegeln. Ob nun Choral, Marsch, Walzer, Tango oder Ragtime die Modelle bilden – der Exilrusse Strawinsky schuf hier, wie Ernst Bloch es zusammenfasste, „ein Muster guter Musik aus Abfall, Traum und Lumpen“. Eine echte musikalische Revolution – komponiert, als in Strawinskys Heimat die politische Revolution längst ausgebrochen war.  

Einfachheit, fern von Einfalt 

Thomas Mann hat Strawinskys Opus zum Vorbild der „Gesta Romanorum“ seines fiktiven Komponisten Leverkühn genommen – und wenn er Zeitblom dessen Musik beschreiben lässt, charakterisiert Mann damit zugleich die „Geschichte vom Soldaten“: „Auf jeden Fall war nicht Sentimentalität das Mittel zu diesem Ziel, sondern weit eher die Ironie, der Spott, der, die Luft reinigend, sich gegen das Romantische, gegen Pathos und Prophetie, Klangrausch und Literatur zu einer Fronde verband mit dem Objektiven und Elementaren, will sagen: mit der Wiederentdeckung der Musik selbst als Organisation der Zeit. Ein heikelstes Beginnen! Denn wie nahe lag nicht falsche Primitivität, also Romantisches wiederum. Auf der Höhe des Geistes zu bleiben; die gesiebtesten Ergebnisse europäischer Musikentwicklung ins Selbstverständliche aufzulösen, daß jeder das Neue fasse; sich zu ihrem Herrn zu machen, indem man sie unbefangen als freies Baumaterial verwendete und Traditionen spüren ließ, umgeprägt ins Gegenteil des Epigonalen; das Handwerk, hochgetrieben wie es war, durchaus unauffällig zu machen und alle Künste des Kontrapunkts und der Instrumentation verschwinden und verschmelzen zu lassen zu einer Einfachheitswirkung, sehr fern von Einfalt, einer intellektuell federnden Schlichtheit, – das schien die Aufgabe, das Begehren von Kunst.“ Zeitenwende 1918.  

Walter Weidringer 

Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.