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Neue Musik im Musikverein

Zu den so bedeutsamen wie schönen Traditionen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zählt auch die Pflege neuer und neuester Musik. Hartmut Krones gibt Einblicke in vergangene und aktuelle Aktivitäten.

Als man die Gesellschaft der Musikfreunde im Gefolge des am 29. November 1812 in der kaiserlichen Winterreitschule „am Josephsplatze“ veranstalteten Benefizkonzerts „zur Unterstützung der dürftigsten Bewohner des Schlachtfeldes von Aspern [...]“ gründete, wurden als ihr „Zweck“ zwei besondere Anliegen genannt: „die Beförderung der Musik in allen ihren Zweigen und die Gründung eines Conservatoriums“. Zwar hieß es zunächst, dass man „die vorhandenen classischen Werke zur Aufführung bringen“ werde, doch sofort wurde auch die „Neue Musik“ in den Blick genommen: Man wolle „aufkeimende Talente [...] begeistern, sich auch zu classischen Tonsetzern zu bilden“. Die beiden Hauptbereiche des Musikvereins waren dann bereits in ihren ersten „Lebenszeichen“ sowohl der „classischen“ als auch der „neuen“ Musik gewidmet. So erklangen im ersten Gesellschaftskonzert vom 3. Dezember 1815 neben einem Chor von Händel drei Werke von lebenden Komponisten (Cherubini, Hummel, Salieri) sowie zwei Werke von kürzlich Verstorbenen (Mozart, Righini), die beide zeitweise am Wiener Kaiserhof für Musik zu sorgen hatten. (Mozarts Musik war 1815 noch ebenso „zeitgenössisch“ wie heute etwa Musik von Alfred Schnittke oder Werner Pirchner.) Und in den Schülerkonzerten des „Conservatoriums“, der Vorgängeranstalt der heutigen Universität für Musik und darstellende Kunst, wurde seit der ersten „öffentlichen Prüfung“ vom 3. Mai 1818 ebenfalls regelmäßig „Neue Musik“ gespielt.

Zeitgenossen mit klassischem Schicksal 

Auch bei „offiziellen“ Anlässen war „Neue Musik“ zu hören. So erklangen 1831 anlässlich der Eröffnung des Saales der Gesellschaft der Musikfreunde in ihrem neuen Haus „Zum rothen Igel“ (unter den Tuchlauben) sowohl das eigens von Franz Grillparzer verfasste Gedicht „Weihegesang“ in einer Vertonung durch den Schubert-Freund Franz Lachner als auch Werke von Johann Nepomuk Hummel und Ignaz von Mosel, also ausschließlich „Zeitgenössisches“.  Und auch in dem am 5. Jänner 1870 eröffneten heutigen Musikvereinsgebäude kamen sofort Zeitgenossen zu Wort, so vor allem Johannes Brahms sowie auch Anton Bruckner, der allerdings sehr oft das Schicksal „zeitgenössischer Komponisten“ erlitt. So lesen wir 1877 über die Uraufführung seiner Dritten Symphonie, dass diese „ein ganz ungeheuerliches Werk“ sei, in dem „ein ungezügelter und ungeschulter Naturalismus arbeitet, dem keine Rohheit zu groß, kein logischer Sprung zu weit ist und der das Unerhörteste mit einer wahrhaft kindlichen Gutgläubigkeit begeht. Herr Bruckner mordet Vater und Mutter mit der Ueberzeugung, das müsse so sein. [...] Man kommt bei dieser Musik aus dem Kopfschütteln nicht heraus.“ (In den Augen von „Besserwissern“ gab es offensichtlich immer schon „entartete Musik“.)

Revolutionen und Emotionen

Ähnlich erging es bekanntlich Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern, den Komponisten der „Wiener Schule“, deren Ablehnung bis zu jenem berüchtigten „Watschenkonzert“ vom 31. März 1913 ging, das gar eine Gerichtsverhandlung nach sich zog. Heute hingegen sind zwei wichtige Komponisten aus jenem Kreis, Alexander Zemlinsky und Egon Wellesz, gleichsam im Musikverein zu Hause, da jeweils ein hier eingerichteter Fonds deren Œuvre verwaltet, aufarbeitet und fördert. Hand in Hand mit diesen Aktivitäten geht aber auch die Programmierung lebender Komponisten, die in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem Marcel Rubin und Gottfried von Einem betraf (die Gesellschaft der Musikfreunde beheimatet auch die Gottfried von Einem Musik-Privatstiftung), doch auch schon damals viele weitere österreichische Komponisten zu Wort kommen ließ. So gab es ab 1951/52 die Orchester-Konzertreihe „Österreichisches Musikschaffen der Gegenwart“, und 1964 wurden die drei Gewinner des gemeinsam mit der UNESCO veranstalteten internationalen Kompositionswettbewerbs präsentiert: Witold Lutosławski, William Walton und Peter Maxwell Davies.

Eine Art Quantensprung

Einen „Quantensprung“ erlebte die Präsenz von (vor allem österreichischer) zeitgenössischer Musik dann ab 1986, als zunächst aus Anlass der 175-Jahr-Feier der Gesellschaft der Musikfreunde drei Werke (von Gottfried von Einem, Iván Eröd und Peter Planyavsky) in Auftrag gegeben wurden, die dann während der Festwochen 1988 zur Aufführung gelangten. Und für die Jahre danach folgten ab 1987 in Absprache mit den für die Aufführung vorgesehenen Ensembles weitere Aufträge, die angesichts des 2012 zu feiernden 200-Jahr-Jubiläums an 50 Komponisten ergingen und den Musikverein zu einer wahren Heimstatt der Moderne werden ließen. Ab 1988 erklangen im Musikverein somit „bestellte“ Uraufführungen von Roland Batik, Martin Bjelik, Francis Burt, Charles Camilleri, Friedrich Cerha, Dirk D’Ase, Christian Diendorfer, Johanna Doderer, Richard Dünser (2 Werke), Helmut Eder (2), Gottfried von Einem, Iván Eröd (2), Roland Freisitzer, Bruno Hartl, Thomas Heinisch (2), Ayis Ioannides, Paul Kont, Thomas Larcher (2), Herbert Lauermann (3), Wolfgang Liebhart, Michael Mautner, Bartolo Musil, Christian Muthspiel (2), Tibor Nemeth, Ludwig Nussbichler (2), Krzysztof Penderecki (2), Thomas Pernes (4), Werner Pirchner, Peter Planyavsky, Gerhard Präsent, Michael Radulescu, Wolfgang Rihm, Wolfgang Sauseng, Gerhard Schedl, Thomas Daniel Schlee, Tristan Schulze, Kurt Schwertsik (4), Wolfgang Seierl, Werner Steinmetz (4), Norbert Sterk (2), Robert Stiegler, Franz Thürauer, Erich Urbanner (2), Peter Vujica, Alexander Wagendristel, Wolfram Wagner (2), Thomas Wally, Herbert Willi (2), Wilhelm Zobl und Otto M. Zykan. Speziell für die 200-Jahr-Feier bzw. für die Jubiläumssaison 2012/13 wurden acht weitere Aufträge vergeben, und zwar an Pierre Boulez, Friedrich Cerha, Gerd Kühr, Christian Muthspiel, Krzysztof Penderecki, Wolfgang Rihm, Thomas Daniel Schlee und Herbert Willi. Und schließlich gelangten in den Jahren danach weitere acht Auftragswerke in Konzerten der Gesellschaft zur Uraufführung: zwei von Gerald Resch und je eines von Thomas Amann, Martin Bjelik, Friedrich Cerha, Johanna Doderer, Christoph Ehrenfellner und Thomas Daniel Schlee.

Das Zeitgenössische als Programm

Ein besonderes Augenmerk auf „Neue Musik“ legten die Zyklen mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien, dem Ensemble Kontrapunkte und dem Wiener Concert-Verein. In deren Konzerten erklangen seit der Saison 2012/13 unter anderem Werke von John Adams, Michael Amann, Dirk D’Ase, Lera Auerbach, Roland Batik, Raffaele Bellafronte, Johannes Berauer, Leonard Bernstein, Rainer Bischof, Tanja Brüggemann-Stepien, Robert Brunnlechner, Uri Caine, Angélica Castelló, Friedrich Cerha, Brett Dean, Bernd Richard Deutsch, Christian Diendorfer, Johanna Doderer, Richard Dünser, Gottfried von Einem, Heimo Erbse, Iván Eröd, Maria Ferek-Petrik, Wolfgang Florey, Roland Freisitzer, Tamara Friebel, Maria Gstättner, Elisabeth Harnik, Christos Hatzis, Thomas Heinisch, Hans Werner Henze, Alfred Huber, Hagen Kant, Fritz Keil, Manuela Kerer, Johannes Kern, Volkmar Klien, Hans Kunstovny, Wolfgang Liebhart, Dimitrius Mousouras, Max Nagl, Lukas Neudinger, Frederick Neyrink, Frano Parac, Arvo Pärt, Pia Palme, Roman Pawollek, Thomas Pernes, Werner Pirchner, Gabriele Proy, Julia Purgina, Christoph Renhart, Gerald Resch, Gerhard Schedl, Dietmar Schermann, Karl Schiske, Helmut Schmidinger, Alfred Schnittke, Gunther Schuller, Kurt Schwertsik, Wolfgang Seierl, Shih, Miroslav Srnka, Johannes Maria Staud, Norbert Sterk, Hubert Stuppner, Reinhard Süss, Alexander Wagendristel, Wolfram Wagner, Thomas Wally, Ming Wang, Gerhard Winkler, Gernot Wolfgang und Bernd Alois Zimmermann.

Auf allen Ebenen

Zu dieser imponierenden Liste gesellen sich noch die Komponisten, deren Werke von den vielen Gastorchestern „mitgebracht“ wurden und dem Musikvereinspublikum einen Einblick in das Musikschaffen anderer Länder gaben. Und ein enormes Unterfangen wäre es, der vielen zeitgenössischen Werke zu gedenken, die seit 2004 in den Neuen Sälen des Musikvereins erklungen sind – durch sie ist der Anteil, den die „Neue Musik“ in den Konzerten der Gesellschaft der Musikfreunde einnimmt, noch einmal deutlich gesteigert worden. So gelangten dort z. B. 2011/12 Werke von 33 zeitgenössischen Komponisten zur Aufführung, 2016/17 von 52 (!) und in der vergangenen Saison 2017/18 von 28. Nicht eingerechnet sind dabei die Veranstaltungen, die dem Jazz, der „populären“ Musik, der (europäischen wie außereuropäischen) Folklore oder der neuen „Weltmusik“ gewidmet sind.

Die „Neue Musik“ [wurde] in den Blick genommen: Man wolle „aufkeimende Talente [...] begeistern, sich auch zu classischen Tonsetzern zu bilden“.

Die Nummer eins

Auch in der Saison 2018/19 ist der Anteil der „Neuen Musik“ ähnlich groß, und am 2. November gibt es im Musikverein im Rahmen des Festivals Wien Modern ein spezielles „Claudio Abbado Konzert“, das des Ehrenmitgliedes der Gesellschaft der Musikfreunde und seinerzeitigen Initiators des Festivals mit (unter anderem) drei Uraufführungen von Friedrich Cerha, Hans-Joachim Hespos und Nicolaus A. Huber gedenkt. Auch Leonard Bernstein ist – nach den Bernstein-Tagen Anfang Mai 2018 – wieder präsent, die drei oben genannten Ensembles haben allein 14 neue Werke österreichischer (!) Komponistinnen und Komponisten programmiert, und auch in den anderen Zyklen wird Zeitgenössisches zu hören sein. Dass schließlich die Neuen Säle die Anzahl der von der Gesellschaft der Musikfreunde gespielten modernen Werke erneut auf insgesamt gegen 100 aufstocken werden, kann ebenfalls vorhergesagt werden. – Auch diesbezüglich ist der Musikverein wohl die Nummer eins der Welt.

Hartmut Krones 

Em. o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Hartmut Krones leitete das Institut für Musikalische Stilforschung (mit den Abteilungen „Stilkunde und Aufführungspraxis“ und „Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg“) an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Er ist Vorsitzender des Egon-Wellesz-Fonds sowie Mitglied des Komitees des Alexander-Zemlinsky-Fonds bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.