Von der Leichtigkeit des Schweren

Jewgenij Kissin

In einem eleganten Wohnviertel von Prag mit imposanten Gründerzeithäusern hat sich Jewgenij Kissin mit seiner Ehefrau vor kurzem einen Wohnsitz eingerichtet. Dorthin lud der Pianist, inzwischen ein Mittvierziger, die „Musikfreunde“ zum ausführlichen Gespräch.

Nach längerer Pause tritt Jewgenij Igorewitsch Kissin in dieser Saison gleich zweimal im Musikverein auf, als Kammermusiker und mit einem Soloabend. Überhaupt hatte er bis vergangenen Sommer ein ganzes Jahr pausiert. „Ich brauchte diese Auszeit nach der sehr anstrengenden Saison 2015/16 mit zahlreichen Konzerten in der New Yorker Carnegie Hall“, erzählt er: „Entspannen, Nachdenken, Lernen – und privates Glück, meine Hochzeit und ein neues Zuhause.“

Premierenstimmung im Musikverein

Der Kammermusikabend mit dem Emerson String Quartet – am 26. Jänner im Großen Musikvereinssaal – ist so etwas wie eine Premiere: die erste Zusammenarbeit nämlich mit diesem renommierten Kollektiv. „Die Musik selbst ist es, die mich dabei sehr interessiert“, sagt Kissin, „denn an sich spiele ich am liebsten solo, da spielt man viel öfter. Aber es ist ja so viel geniale Kammermusik geschrieben worden, daher spiele ich sie ab und zu sehr gern. Besonders in Verbier, wo eine ideale Atmosphäre für Kammermusik herrscht. Wir sind dort für ein bis zwei Wochen, wir spielen nicht nur die öffentlichen Konzerte, sondern auch in unseren Privatquartieren. Da gibt es viel Zeit und viele Möglichkeiten.“ Seinen ersten Auftritt als Kammermusiker hatte er bereits als Teenager, 1985 mit Schuberts „Forellen-Quintett“. Heute zählen, wie er berichtet, mehrere Dutzend Kammermusikwerke zu seinem Repertoire.
Das Programm für Wien (Mozart, Fauré, Dvorˇák) hat Kissin selbst zusammengestellt, natürlich nach Zustimmung der Musiker, mit denen er es in nächster Zukunft aufzuführen gedenkt – mit den Emersons, die er besonders schätzt, aber auch mit dem renommierten russischen Kopelman Quartett (zu dem auch der in Wien lebende Geiger Boris Kuschnir gehört). Eine Art Generalprobe gab es schon letzten Sommer in Verbier, allerdings mit anderen Partnern. „Es gab keinen besonderen Plan hinter dieser Programmwahl. Alle drei Stücke sind großartige Meisterwerke, und ich fand einfach, dass sie gut miteinander harmonieren. Es war auch diese Auswahl, mit der letztlich alle meine Partner zufrieden waren, wobei ich ja auch noch andere Ideen hatte.“ Dvorˇák scheint für ihn überhaupt ein Muss zu sein: Für dessen zweites Klavierquintett hegt Kissin eine besondere Verehrung.

Kontraste und Analogien

Ein spezielles Konzept steckt hinter dem Soloabend, der im März Beethovens „Hammerklavier-Sonate“ mit zwölf von Rachmaninows Präludien verbindet. „Mein Programm ist nach Kontrasten aufgebaut. Schon die ,Hammerklavier-Sonate‘ selbst ist davon geprägt: Der dritte Satz etwa drückt, ungeachtet seiner großen Dimension, einen sehr intimen Gemütszustand aus. Er ist auch mit ‚Con intimissimo sentimento‘ überschrieben. Das wird auch in einigen der Rachmaninow-Präludien reflektiert. Also: einerseits Kontraste, andererseits Analogien. Die zwölf von mir gewählten Rachmaninow-Präludien gehören zu meinen liebsten, sie lassen sich auch gut miteinander verbinden, sie gehen gut ins Gehör.“ Ein Programm von höchstem Schwierigkeitsgrad also, aber: „Wenn ich so schwierige Stücke spiele, ist es für mich das höchste Lob, wenn man sagt, ich spiele so, als fielen sie mir leicht. Denn ein wahres Kunstwerk soll einen solchen leichten Eindruck vermitteln.“ Kissin hat dieses Programm letzten Sommer bei den Salzburger Festspielen aufgeführt, auch Anfang September in Moskau zum Internationalen Tag der Solidarität mit den Journalisten, in memoriam aller in ihrem Beruf Umgekommenen, als Benefiz für den Fonds, der die betroffenen Familien unterstützt.

Dokumentierte Veränderung

Kissins Einspielungen auf Platte sind zu einer stattlichen Anzahl mit umfangreichem, auch seltenem Repertoire angewachsen. „Manchmal höre ich mir alte Aufnahmen an. Ich stelle dann fest, wie sehr ich mich selbst verändert habe. Ich meine zwar, dass sich meine Grundeinstellung zu solchen Werken nicht geändert hat, doch stelle ich dann fest, dass ich heute anders – und besser – spiele. Insgesamt ziehe ich es vor, Aufnahmen anderer zu hören. Das mache ich aber erst, nachdem ich ein Stück schon selber erlernt habe und mein eigenes Konzept bereits fertig ausformuliert ist.“
Seit 2005 hat Kissin keine Neueinspielungen mehr gemacht. Das gesamte Umfeld behagt ihm nicht, die Angebote, die Partnerschaften, die Industrialisierung der Branche. Doch als ihn neulich die Deutsche Grammophon kontaktierte, machte er ihr sein eigenes Angebot: „Ich habe vorgeschlagen, verschiedene Konzertmitschnitte von mir aus verschiedenen Jahren herauszugeben. Viele meiner Konzerte werden für den Rundfunk mitgeschnitten oder die Konzertsäle nehmen sie für ihre Archive auf. Kürzlich erschien ein Album mit Werken von Beethoven. Jetzt kommen die Brahms-Konzerte von 2008 heraus, Aufnahmen mit dem Boston Sym­phony Orchestra und James Levine.“

Die eigene Sprache sprechen

Neben seinem Beruf als Musiker ist ihm die Beschäftigung mit Literatur wichtig: als Hobby, wie er bescheiden anmerkt, „doch nach Meinung einiger Literaturfachleute mache ich das recht gut“. So hat er sich beispielsweise mit Shakespeare und dem Umfeld der unter dessen Namen entstandenen Werke befasst und auch darüber referiert, „denn die ganze Geschichte selbst war ungewöhnlich, schön und tragisch. Und überhaupt interessiert mich Geschichte sehr.“ Sein literarisches Interesse hat ihn auch zu seinen eigenen Wurzeln geführt: Er beherrscht Jiddisch und hat bereits drei CDs mit jiddischer Literatur aufgenommen.
„Es begann in der Familie. In vielen jüdischen Familien sprachen die Eltern oder Großeltern miteinander Jiddisch, damit die Kinder nichts verstehen sollten. Als ich als Kind den Sommer mit den Großeltern auf der Datscha verbrachte, hörte ich, wie sie Jiddisch sprachen. Seit jener Zeit habe ich eine besondere Beziehung zu dieser Sprache, sie ist in meiner Seele verhaftet. Ich habe übrigens gehört, dass Jiddisch mit dem Alt-Wienerisch verwandt sein soll! Meine Eltern konnten diese Sprache nicht mehr, nur eine ältere Cousine meiner Mutter, die in der Ukraine lebte. Wenn sie zu uns auf Besuch kam, sang sie manchmal hebräische Lieder. Als Teenager erwuchs dann bei mir das Interesse, diese Sprache zu lernen. Damals entwickelten sich in der ehemaligen Sowjetunion nationale Bewegungen in den verschiedenen Republiken. Zu meinem Freundeskreis gehörten Armenier und Georgier, die alle ihre Sprache konnten. Da habe ich mich geschämt, dass ich die meinige nicht konnte.“

Text und Kontext

Kissin hat bereits zwei Bücher geschrieben, das erste über seine Kindheitserinnerungen, zuletzt seine Memoiren als Pianist, erschienen in London und Moskau. Besonders nahe steht ihm freilich die Poesie, die er seit seiner Kindheit liebt, „weil in ihr das Musikalische offener zutage tritt als in der Prosa. Abgesehen davon bin ich absolut sicher, dass alles, was wir Musiker lesen, hören, erfahren und durchleben, Einfluss hat auf unser Spiel. Doch in den meisten Fällen ist uns dies nicht bewusst, wir wissen nicht, in welcher Form sich dieser Einfluss bemerkbar macht.“ Dennoch kann er Beispiele anführen, die ihm sehr bewusst wurden. „Einmal spielte ich im alten Konzerthaus in Luzern das Erste Klavierkonzert von Schostakowitsch. Damals gab es dort auch eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die ich einige Stunden vor meinem Auftritt besuchte. Irgendwie beeinflusste das Geschaute damals mein Spiel, weil es stilistisch zur Musik passte. Wenig später spielte ich ebendieses Konzert in Amsterdam. Am Vorabend erfuhr ich, dass Andrej Sacharow gestorben war. Das Gefühl der Trauer, die ich damals empfand, wirkte sich auf mein Spiel aus.“ Zuletzt auch bei jenem Gedächtniskonzert in Moskau, bei dem Kissin am Klavier saß, auf dem Podium umgeben von großen Fotos toter Journalisten und einem eingeblendeten großen Blutstropfen, „wie ein Fragezeichen, wer ist der Nächste? Besonders der Anfang des cis-Moll-Präludiums von Rachmaninow klang da wie Glockengeläut für die Verstorbenen.“

"Alles, was wir Musiker lesen, hören, erfahren und durchleben, hat Einfluss auf unser Spiel." Jewgenij Kissin

Lust aufs Dirigieren?

Ob Jewgenij Kissin auch ans Dirigieren denkt? „Nein. Solange ich Klavier spielen kann, brauche ich das nicht. Das machen vor allem die Geiger und Cellisten, die nicht so ein großes Repertoire haben wie die Pianisten. Gewiss, Barenboim und Ashkenazy etwa sind auch gleichzeitig Dirigenten, sie haben mehr als hundert Konzerte pro Jahr, beneidenswert! Einerseits möchte auch ich möglichst viele Konzerte spielen, andererseits spüre ich genau die Grenzen! Zweimal habe ich versucht, Soloabende hintereinander mit nur einem freien Tag dazwischen zu spielen. Der zweite Abend ist dann schlechter geworden, in musikalischer Hinsicht. Aber wenn, was Gott verhüten möge, plötzlich etwas mit meinen Händen passiert und ich nicht mehr spielen kann, könnte ich übers Dirigieren nachdenken.“
Manchmal aber juckt es ihn schon in den Fingern, wenn er ein symphonisches Werk hört und denkt, dass er das vielleicht besser machen würde. „Wenn ich mir dann aber beispielsweise eine Aufnahme mit Furtwängler anhöre, vergeht mir gleich das Verlangen!“

Edith Jachimowicz
Dr. Edith Jachimowicz lebt als Musikpublizistin und -dramaturgin in Wien und Salzburg.