Atlaskunde, Atlaskunst

Christoph Ransmayr, Karl Markovics und Matthias Loibner

Ein Text, ein Sprecher, ein Musiker. Karl Markovics verleiht dem wunderbaren „Atlas“ von Christoph Ransmayr seine Stimme, Matthias Loibner kommentiert den Text auf seiner Drehleier in ganz persönlicher Weise. Zusammen ergibt das eine konzertante Lesung der besonderen Art.

Am Anfang war das Wort. Und was für eines! Christoph Ransmayr, jener österreichische Autor, der in seinen Werken seit jeher furchtlosen Umgang mit dem Erhabenen pflegt, hat die Welt bereist, sie in sich aufgenommen und seine Erlebnisse und Begegnungen formvollendet in Sprache gebracht. „Atlas eines ängstlichen Mannes“ nennt er sein im Jahr 2012 erschienenes Buch, dessen siebzig Impressionen den Lesenden auf entlegene Inseln und auf hohe Berge, in bizarre Städte, in den brasilianischen Urwald, ins kleine Österreich oder in die isländische Lavawüste entführen. Der einsame Reisende wagt sich an die äußersten Enden der Welt, dorthin, wo die Grenzen zwischen Natur und Zivilisation verschwimmen, vielleicht auch die zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen. Ransmayr bewegt sich trotz seiner geographischen Angaben und der historischen Einordenbarkeit außerhalb von Zeit und Raum in einem Bereich des Überzeitlichen, des ewig Gültigen. Entlegene Plätze und Begebenheiten beobachtend und erzählend, versichert er freilich in seinem Vorwort, dass sämtliche Orte tatsächlich bereist und alle Begegnungen tatsächlich erlebt worden seien.

Kraftvoll und fragil

Jede seiner Episoden beginnt er mit dem visionär-pathetischen Ausruf „Ich sah“. Worauf der Erzähler sogleich den Blick auf eine Landschaft, auf einen Menschen, auf ein Tier oder gen Himmel richtet; oft erscheint das zu Erzählende in einem lichthellen Zauber. Als etwas Erhabenes, das beinah eine religiöse Dimension besitzt. So formelhaft wie der Beginn jeder einzelnen Impression, so formal ähnlich ist auch das Ende der Begebenheiten, es entgleitet der Betrachtung, es schwebt davon. Ransmayr beweist, wie bereits in seinen früheren Büchern, dass er ein Meister der Form und eines gewissen Pathos ist. Er beherrscht das Schöne, das gleichsam in Gestalt einer klassischen Statue daherkommt: formvollendet, zeitlos schön, in sich ruhend, kraftvoll. Und doch auch fragil. Die Geschichten stehen auf sicheren Grundfesten, gleichzeitig erahnt man, dass sie ab einem gewissen Zeitpunkt ganz leicht zu bröckeln beginnen (könnten).

Schönheit des Augenblicks und historische Abgründe

Bei aller formvollendeten Schönheit finden sich hier allerdings auch Gegnerschaften und ungestüme Bilder, präsent sind Verfall, Tod und Grausamkeit, verursacht vom Menschen selbst. Der Schönheit des Augenblicks stehen also durchaus historische Abgründe gegenüber. Der „Atlas“ erstreckt sich über den gesamten Globus und zeichnet die Welt nach, freilich nicht kartographisch, sondern sprachlich auf allerhöchstem Niveau.
Ransmayrs intensive, zeitlose und zeitlos schöne „Atlas“-Texte entfalten einen Sog, dem man sich als Lesender kaum zu entziehen vermag. Die Worte haben ihren ganz eigenen Ton, einen individuellen Klang, und man vermeint beim Lesen bereits eine Erzählerstimme zu hören, eine Stimme aus dem Nichts, aus irgendetwas Höherem. Und so wundert es nicht, dass sich der Film- und Theaterschauspieler Karl Markovics in diesen Text verliebt hat und ihm seine Stimme verleihen möchte.

Ein Geschenk verdichteten Lebens

„Ich kann mich nicht erinnern, jemals eindringlichere Kurzprosa gelesen zu haben“, erzählt er. „Zeit- und Ortsmaschinen“ nennt er die einzelnen Texte, die ihn „in Sekundenbruchteilen in jede seiner Himmelsrichtungen und Gegenwarten“ katapultieren, unabhängig vom eigentlichen Aufenthaltsort und frei von „äußeren Störungen und Einflüssen“. Seine Faszination für dieses Buch ist spürbar, die Lust am Rezitieren jener Worte, die Ransmayr ihm sowie allen seinen Lesern schenkt. Als Geschenk nämlich sieht Markovics dieses Buch an, als „Geschenk verdichteten Lebens“.
Um dieses weiterzugeben, bemühte sich der vielbeschäftigte Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur, der eine nahezu unübertrefflich Nase für eindringliche Stoffe, faszinierende Themen, interessante Typen und schöne Orte hat, um die Vortragsrechte des Buches. Außerdem um einen würdigen Aufführungsort und um einen Musiker, der seine Rezitation musikalisch erweitern könnte – denn er hatte eine konzertante Lesung im Sinn. Autor und Verlag gestatteten und unterstützten das Projekt freudig, ebenso der Wiener Musikverein, und auch der angefragte Instrumentalist Matthias Loibner war begeistert und sagte sofort zu. Auf den umtriebigen Drehleierspieler war Markovics bereits früher aufmerksam geworden – in ihm fand er schon in anderen Projekten einen ebenbürtigen Partner am Instrument.

Atlas eines neugierigen Musikers

Loibner, aus der Steiermark stammend, lernte Klavier, Gitarre und Posaune und studierte in Graz klassische Komposition, Jazzkomposition sowie Orchester- und Chordirigieren, hängte aber irgendwann diese klassischen Studien an den Nagel, um sich jenseits des vorgegebenen Kanons der Drehleier, die er als junger Mann für sich entdeckt hatte, zu widmen und andere musikalische Welten zu bereisen und auszuloten. Seine weiten Ausflüge führten ihn in die barocke Welt der Originalkompositionen für Drehleier, in die alpenländische Volksmusik, in die europäischen Volksmusiken, in die sogenannte Weltmusik, in den Jazz und die Elektronik. Sich anfangs autodidaktisch in dem Spiel des raren Instruments bildend, später als Schüler der wenigen namhaften Meister der Drehleier, entwickelte er sich zu einem Virtuosen seines Fachs. In vielen musika­lischen Welten beheimatet, versteht er es nun wie kaum ein anderer, dieses mit einer Kurbel angetriebene Streichinstrument samt Bordunsaiten und Schnarrsteg vielfältig einzusetzen und seine eigene Musik auf harmonische Weise mit den unterschiedlichen Musikstilen zu verbinden, als ob sie eins wären. Die Presse nennt seine Spielweise „expressiv“; gleichzeitig ist sie intim und zart. Er hat ein Gefühl für Zwischentöne, musikalische wie menschliche, und stellt sich stets auf sein Gegenüber ein.

Vertrautes und Fremdes

Loibner spielt eine moderne, den heutigen Bedürfnissen angepasste Alto-Drehleier des österreichischen Instrumentenbauers Wolfgang Weichselbaumer, 2003 für ihn angefertigt, erweitert in den Möglichkeiten der Dynamik der Lautstärke sowie der klanglichen Vielfalt. Und auf diese Vielfalt versteht sich Loibner. Archaisches klingt durch, man vermeint Anklänge an westeuropäische Volksmusik zu hören, aber auch Asiatisches; hier mischt sich Vertrautes mit Fremdem. Flüchtig, individuell, facettenreich, stark und gleichzeitig zerbrechlich sind die Töne, die das Instrument hervorbringt. Mal erinnernd an einen Dudelsack, mal an eine Gambe, eine gezupfte Gitarre oder eine Harmonika, mal schnarrend, mal zart und klar. Klanglich voll und doch in einem Lautstärkebereich, der für die modernen Konzertsäle eher unüblich ist. Als Zuhörer muss man schon genau hinhören, aufmerksam lauschen und sich einlassen auf das, was da erklingt …

„Ich kann mich nicht erinnern, jemals eindringlichere Kurzprosa gelesen zu haben.“ Karl Markovics über Christoph Ransmayrs „Atlas eines ängstlichen Mannes“

Stimme und Stimmungen

Loibner sieht sich übrigens selbst weniger als Musiker im engen Sinn denn als Beobachter menschlicher Stimmungen und Gefühle, der seine Musik dazu benützt, diese seine Beobachtungen auszudrücken. Geschichten zu erzählen.
Weil auch er ein Kenner und Fan von Ransmayrs „Atlas“ ist, darf man mit Spannung und Freude erwarten, mit welchen Klängen Matthias Loibner die Worte musikalisch begleiten, illustrieren oder ausdeuten, vielleicht neu erzählen wird. In jedem Fall wird es ein Fest der Worte, Impressionen und Begegnungen sowie ein fruchtbares Zusammentreffen dreier Österreicher, die auf ihre jeweils individuelle Weise Welten bereisen und uns als Zuschauer und Zuhörer in diese entführen.

Karoline Pilcz
Mag. Karoline Pilcz schreibt neben ihrer Tätigkeit als Sängerin kulturjournalistische Artikel und Rezensionen.