In einem anderen Licht

Nikola Djorić und das Akkordeon

Durch Interpreten wie Nikola Djorić findet das Akkordeon mehr und mehr Zugang zu den großen Bühnen der Klassikwelt. Im Musikverein war der Wahlwiener bereits einige Male zu Gast. Mit dem Ensemble Wien spielt er nun Musik von Bach bis Piazzolla.


In Nikola Djorićs Heimat Serbien ist das Akkordeon so etwas wie ein Nationalinstrument. In jedem dritten Haushalt, schätzt Djorić gibt es eines. Auch seine Mutter spielt Akkordeon und war in ihrer Jugend „ziemlich erfolgreich“, wie der Sohn nicht ohne Stolz erzählt. „Sie hat damals beim Wettbewerb in Pula den Ersten Preis von ganz Jugoslawien gewonnen.“ Aus familiären Gründen – „das waren andere Zeiten“ – durfte sie das Instrument allerdings nicht studieren, sondern wandte sich der Wirtschaft und dem Bankwesen zu. Musik war dennoch omnipräsent in Nikola Djorićs Elternhaus. Der Vater ist Sänger, genauer gesagt: Volksmusiksänger. „In der Balkanregion“, sagt der junge Musiker, „ist das eine ganz besondere Spezies von Künstlern. Für sie gibt es keine Schule, sie lernen alles nach Gehör.“

Sonnenaufgang

Als Nikola Djorić drei Jahre alt war, machte seine Mutter mit ihm einen Spaziergang, der ihm bis heute in lebhafter Erinnerung ist und es wohl immer bleiben wird. Sie hatte dabei eine Überraschung für ihn eingeplant. Als sie bei der Musikschule vorbeikamen, machten sie dort Halt und betraten das Haus. Der Bub sollte im Foyer auf einer Bank sitzen bleiben und warten, während die Mutter in eines der Zimmer verschwand. „Einige Minuten später“, schildert Nikola Djorić diese Situation, „ging die Tür auf und eine Sonne kam heraus – eine große Frau mit langen blonden Haaren, blauen Augen und einem strahlenden Lächeln. Sie ist auf mich zugekommen, hat mich mit großer Geste, ja, mit so einer Sonnenenergie umarmt und mich gefragt: Möchtest du bei mir Akkordeon lernen? Ich war fassungslos und habe natürlich sofort Ja gesagt.“

Wiener Erfindung

So begann die frühe Laufbahn Nikola Djorićs am Akkordeon, „und jede einzelne Stunde mit meiner Lehrerin, von der ersten bis zur letzten sechs Jahre später, war voll von dieser Sonnenenergie“, bekräftigt er seinen frühen kindlichen Eindruck. Dass an der Musikschule klassisches Akkordeon unterrichtet wurde, versteht sich, und seine Mutter, die selbst durch die klassische Schule gegangen war, übte mit ihm, so oft sie konnte.
Das außergewöhnliche Talent des jungen Akkordeonisten wurde bald erkannt und durch eine ganze Reihe von Wettbewerbserfolgen bestätigt. Nikola Djorić besuchte in der Folge das Musikgymnasium in Negotin und wurde hier Schüler von Svetlana Kravchenko ehe er 2003 mit fünfzehn Jahren gemeinsam mit seinem Vater zum Studium nach Wien übersiedelte, wohin die Mutter mit dem Bruder bald nachkam. Immerhin war hier 1829 in einer Werkstatt auf der Mariahilfer Straße das Akkordeon erfunden worden.

(Un)begrenzte Möglichkeiten

Von diesem frühen ersten Instrument zum heutigen Akkordeon war der Weg allerdings noch weit. Etwa zur Mitte des vorigen Jahrhunderts erhielt das Instrument dann eine Mechanik, mit der „die linke Hand plötzlich frei wurde“, wie Nikola Djorić erzählt. „Heute ist es auf einem Knopfakkordeon möglich, mit der rechten Hand die Töne von E Kontra bis cis5 zu spielen und in der linken Hand genauso. Man kann sich das wie ein Klavier oder ein Cembalo mit zwei Tastaturen vorstellen. Dabei hat man in der rechten Hand fünfzehn verschiedene Register wie bei einer Orgel und sieben in der linken Hand. Das bietet dem Interpreten nahezu unbegrenzte Möglichkeiten.“
Und freilich auch den Komponisten. Originalrepertoire für Akkordeon existiert praktisch erst seit den 1950er Jahren – und genau dies wurde für Nikola Djorić zunächst zum Knackpunkt. Im Unterricht an Musikschule und Musikgymnasium in Serbien war zwar auch zeitgenössische Musik gespielt worden, doch standen eindeutig die Werke großer klassischer Meister im Zentrum. Auch sein erster Lehrer in Wien, der Serbe Jovica Djordjević am Gustav-Mahler-Konservatorium, unterrichtete in dieser Tradition. Als drei Jahre später diese Klasse aufgelassen wurde und Nikola Djorić Student von Grzegorz Stopa in der neu eingerichteten (ersten) Akkordeonklasse der Konservatorium Wien Privatuniversität wurde, sah er sich praktisch ausschließlich mit zeitgenössischer Musik konfrontiert. „Das war ein kleiner Schock für mich“, gesteht Nikola Djorić ohne Scheu, „eine neue Sprache, die mir noch ganz fremd war. Da habe ich mir gut überlegt, ob es sich wirklich lohnt, das Leben dem Akkordeon zu widmen, denn ich habe auch in Wien gesehen, dass man mein Instrument in der Klassikwelt kaum kennt und man in den großen Sälen keine Konzerte mit Akkordeon hören kann.“

Neue Klangfarben

Er nahm eine Auszeit vom Instrument und schrieb sich sogar an der Wirtschaftsuniversität ein. Doch bereits nach kurzer Zeit war ihm klar, „dass ich ein Akkordeonist bin und dass es keinen anderen Weg für mich gibt, als Akkordeon zu spielen“. Schon wenig später wurde er ein erstes von mehreren Malen beim Fidelio-Wettbewerb ausgezeichnet, bei dem alle Instrumente in derselben Kategorie bewertet werden. Dies gab ihm Auftrieb und bestätigte ihn in seiner Entscheidung weiterzumachen, sich auf die neue Sprache der zeitgenössischen Musik einzulassen. „Die Sprache wurde mir immer näher, und am nächsten wurde sie mir, wenn ich mit den Komponisten zusammengearbeitet habe“, sagt Nikola Djorić. Eine ganze Reihe von Komponisten hat mittlerweile für ihn geschrieben, darunter auch Johanna Doderer, die ihm ein Solostück auf den Leib komponierte und derzeit an einem Konzert für Akkordeon und Orchester für ihn arbeitet.
Für sein „Duo Arcord“, das er seit zwei Jahren mit der Cellistin Ana Topalović bildet, sind inzwischen vierzehn neue Werke entstanden – „zum Teil von Komponisten, die wir gar nicht kannten. Einige haben über Facebook gefragt, ob sie für uns schreiben dürfen – natürlich nicht nur, weil wir so großartig spielen“, ist sich Nikola Djorić sicher, „sondern wegen der Instrumente, besonders wegen des Akkordeons. Die Komponisten freuen sich, für ein Instrument mit neuen Klangfarben zu schreiben, das noch dazu einen so großen Tonumfang und so reiche polyphone und dynamische Möglichkeiten bietet.“

Das Beste vereint

Die Klangfarben faszinieren auch Nikola Djorić selbst. Gemeinsam mit Instrumentenbauern hat er intensiv getüftelt, so lange, „bis der Klang so holzig und dunkel war wie der einer Klarinette“, erzählt er. „Ich weiß nicht, was mich so zur Klangfarbe der Klarinette zieht. Ich habe immer schon diesen Klang im Ohr gehabt. Normalerweise klingen Akkordeons eher metallisch, aber ich wollte immer einen dunkleren Klang, der sich schön mit Streichinstrumenten mischt.“
Um nichts weniger faszinierend ist für ihn ein weiterer Aspekt: „Das Akkordeon gehört zu den Tasteninstrumenten, ist aber zugleich ein Aerophon. Dadurch, dass der Ton durch Luft entsteht, singt es – und man kann phrasieren wie ein Opernsänger.“ Da erstaunt es kaum, dass Nikola Djorić regelmäßig Unterricht bei Kammersängerin Olivera Miljakovic´ nimmt, um sich immer wieder neue Ideen und Tricks hinsichtlich Atmen und Atemtechnik zu holen. „Die Phrasierung hängt beim Akkordeon eng mit der Balgführung zusammen“, erklärt er. „Der Balg ist praktisch die Lunge des Instruments – und es geht ja so oft um den Beginn und das Ende eines Tons. Wenn man selber einatmet und eine ganze Phrase durchatmet, klingt das wie gesungen. Das lässt sich auch physiognomisch nachvollziehen: Das Akkordeon liegt ganz nah am Körper, und die hintere Seite des Instruments ,klebt‘ praktisch am Herz. Wenn man einatmet, öffnet sich der Brustkorb, und damit öffnen sich auch die Arme und der Balg.“ Selbst die Möglichkeit eines Vibratos hat sich der junge Musiker erarbeitet – „bei Streichinstrumenten und Sängern eines der edelsten Geheimnisse, Spannung und damit Emotion in den Ton zu bringen. Auch das lässt sich beim Akkordeon erzeugen.“

Eine Frage der Beleuchtung

An skeptische Blicke des Publikums hat sich Nikola Djorić gewöhnt – mittlerweile weiß er nur zu gut, dass diese Skepsis in der Regel binnen kurzem in Begeisterung umschlägt. „Viele verbinden das Akkordeon mit Volksmusik oder kennen es von Crossover-Projekten“, erklärt er. „Wenn ich zum Beispiel Bachs Orgel-Toccata in d-Moll spiele, denken die meisten, da kommt jetzt ein Thema von Bach und dann wird improvisiert – in Richtung Jazz, Balkan, Tango, was immer. Und dann erleben sie das Stück in jeder einzelnen Note, wie Bach es geschrieben hat.“
Denn dies ist das oberste Prinzip für Nikola Djorić. Er spielt keine Bearbeitungen, auch keine Transkriptionen oder anderweitige Veränderungen. Dies gebietet für ihn der Respekt vor dem Komponisten und seinem Werk. Freilich: „Das bedeutet einige Stunden mehr beim Üben, aber es lohnt sich“, sagt er so trocken wie überzeugt. In der Regel sind es Klavier-, Cembalo- oder Orgelwerke, die er in sein Repertoire aufnimmt. Aber nicht jedes Stück, auch wenn es noch so reizvoll wäre. „Bei einigen Kompositionen spürt man künstlerisch, dass man sie nicht angreifen sollte“, sagt Nikola Djorić. Gerade romantisches Repertoire kommt daher für ihn nicht in Frage, sehr wohl aber Barockes, auch Klassisches: einiges von Mozart wie die a-Moll-Sonate etwa, die er kürzlich eingespielt hat, und von Beethoven beispielsweise die Variationen über ein Thema von Mozart für Violoncello und Klavier, die er mit seiner Duopartnerin auf Cello und Akkordeon spielt.
„Das ist wie bei einem Gemälde, das man schon kennt – und das Akkordeon ist ein Licht, das dieses wunderbare Werk mit einem anderen Licht beleuchtet und durch das die Betrachter neue Nuancen entdecken können – das Gemälde aber ist und bleibt dasselbe.“

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.