Warum Maria?

Ein Bach-Programm des Concentus Musicus

Ein ganzes Programm mit Marienstücken – wieso? Ein Erzprotestant, der zu einem Marienfest Marienkantaten komponierte – weshalb? Ein Programm über eine Frau, die seit Jahrhunderten auf Altäre gestellt und mit süßlichem Kitsch behängt wird – warum? Fragen zu einem Konzertprojekt des Concentus Musicus mit Bachs „Magnificat“ und zwei Kantaten zum Fest „Mariae Heimsuchung“.

Klar, es ist Advent. Und zum Advent gehören Maria und das Jesuskind irgendwie dazu. Und die Musik von Bach tönt schön wie immer und findet in der Advent- und Weihnachtszeit besonders leicht Zugang zu den Herzen der Menschen. Aber was spricht sonst für ein Marienprogramm? Was kann Maria für Menschen von heute bedeuten, unabhängig davon, ob sie katholisch, evangelisch oder nichts von beidem sind? 

Angesehen werden

Liebevoll angesehen werden und dann auch Ansehen zu erlangen – das ist eine tiefe Sehnsucht, vielleicht sogar die wirkmächtigste menschliche Triebkraft. Was machen Menschen nicht alles, um aufzufallen, um wahrgenommen zu werden, um Ansehen zu erlangen! Auch im „Magnificat“ ist der Grund der Freude Marias, dass Gott sie angesehen hat. Und mit dem Angesehenwerden durch Gott beginnt ihre Verwandlung: Aus der niedrigen Magd wird die Himmelskönigin, aus der unbedeutenden jungen Frau die Mutter Gottes, aus einem Menschen ohne eigene Stimme eine mutige und stimmgewaltige Zeugin der großen Taten Gottes. Alles beginnt mit dem Blick Gottes auf Maria, mit dem Ansehen, das sie in Gottes Augen besitzt und das er ihr verleiht, indem er sie ansieht. Darum spielt das Thema des Angesehenwerdens in allen drei Kompositionen eine bedeutende Rolle.  Der Blick Gottes ist ein Blick mit den Augen der grundlosen Liebe oder – wie es in der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ heißt – mit den „Augen der Gnade“. Gnade ist nichts anderes als grundlose Liebe. Dass es für das Ansehen Marias in den Augen Gottes keinen Grund gibt, ist für Martin Luther gerade die Pointe der Erwählung Marias. In seiner Auslegung des „Magnificat“ von 1521 betont er immer wieder, dass weder die Tugend Marias noch ihre Jungfräulichkeit und Reinheit oder ihre Demut Gründe dafür war, dass Gottes Augen auf Maria fielen. Wenn es einen Grund dafür gibt, warum Gott gerade sie auserwählte, zur Mutter Jesu zu werden, dann besteht er darin, dass sie überhaupt nichts Besonderes war. Luther deutet die „Niedrigkeit seiner Magd“, von der im „Magnificat“ die Rede ist, als „Nichtigkeit“.   

Augen der Liebe, Augen der Gnade

Maria hatte überhaupt nichts vorzuweisen, für das sie sich hätte rühmen können. Und gerade darum wird an ihr deutlich, dass der Blick Gottes mit den Augen der Liebe auf jeden Menschen fallen kann. Wer mit den Augen der Liebe angesehen wird, der kann über sich hinauswachsen. Die Augen der Liebe sehen nicht auf das, was ist, sondern auf das, was sein könnte. Sie eröffnen Zukunft. Maria wächst mit ihrem Leben in das hinein, was Gott in ihr sieht. Und ermutigt wachsen kann jede und jeder, der mit Augen der Liebe angesehen wird. Bei Luther heißt es über den Lobgesang Marias: „Sie hat ihn nicht für sich allein, sondern für uns alle gesungen, damit wir ihr nachsingen sollen.“ Wer hört und nachsingt, was Gott an Maria getan hat, in dem wächst das Vertrauen in die eigene Zukunft. Und darum geht es nach Luther: „Du musst ohne alles Wanken, ohne alles Zweifeln Gottes Willen über dich vor Augen stellen, so dass du fest glaubst, er werde und wolle auch mit dir große Dinge tun.“  In den beiden Marien-Kantaten sind es besonders die Sopran-Arien, die die Brücke von Maria zu uns schlagen. Man beachte in der Arie „Herr, der du stark und mächtig bist“ (BWV 10) das wunderbar hingetupfte „mich!“ nach der Aussage „Du siehest mich Elenden an“. Während in dieser Arie besonders die Stärke und Macht des verwandelnden Blickes zum Ausdruck kommen, ist es in der Arie „Bereite dir, Jesu, noch itzo die Bahn“ (BWV 147) vor allem die tiefe Sehnsucht nach dem Gesehenwerden. Aus theologischer Sicht ist die innige Bitte in dieser Sopran-Arie „Und siehe mit Augen der Gnaden mich an“ das Herzstück des ganzen Marien-Programms.

Fülle für die Armen

Dietrich Bonhoeffer nannte das Magnificat „das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht ... ein hartes starkes Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht.“ Es ist kein Wunder, dass das Fest „Mariae Heimsuchung“ (2. Juli), für das Johann Sebastian Bach seine beiden Marien-Kantaten komponierte, durch den Franziskaner Bonaventura zunächst einen festen Platz im liturgischen Kalender seines Ordens erhielt – von Franz von Assisi bis zu Papst Franziskus schätzten die Fürsprecher der Armen dieses Lied.  Marias Hoffnungslied erinnert daran, dass Gott auf der Seite der Erniedrigten und Armen steht. Sie hat es selbst erlebt: Aus einer niederen Magd kann eine Gottesmutter werden und eine Frau, deren Name bis heute gepriesen wird. Voller Gewissheit singt sie von Gottes Macht. „O das ist eine große Kühnheit ... von solchem jungen, kleinen Mägdlein. Getraut sich, mit einem Wort alle Mächtigen schwach, alle Großtuenden kraftlos, alle Weisen zu Narren, alle Berühmten zuschanden zu machen und allein dem einzigen Gott alle Macht, Tat, Weisheit und Ruhm zuzueignen“, staunt Martin Luther. Dass eine den Mut hat, von einer gerechten Welt zu singen, das wirkt wie eine Nadel, die unsere aufgeblasene Scheinwelt zum Platzen bringt: „Wenn nun“, so Luther, „die Blase voll ist und alle meinen, sie liegen oben, haben gewonnen, und sie nun auch selbst sicher sind und haben‘s zum Ziel gebracht, so sticht Gott ein Loch in die Blase. So ist’s ganz aus.“ 

Revolutionäre Barmherzigkeit

Was Maria besingt, ist aber nicht nur einfach eine Umkehrung der Verhältnisse, sodass dann eben statt der einen die anderen an der Macht sind. So enden in der Regel die Revolutionen der Weltgeschichte. Gottes Revolution vollzieht sich anders: als jähes Erwachen der Reichen, die plötzlich ihre Leere spüren, und als Erfüllung des Hungers nach einem guten Leben für alle. Luther bringt es auf den Punkt: „Solche Fülle soll unschädlich, nützlich und selig sein, damit sie Leib und Seele mit allen Kräften wohltue.“  Die Marien-Kantaten Bachs bezeugen Gottes revolutionäre Barmherzigkeit in verschiedener Weise. BWV 147 beschäftigt sich mit der Tatsache, dass viele Menschen so leben, als hätte die Befreiung des Menschen von der Sünde nicht schon stattgefunden, als wüssten sie nichts „von Christi tröstendem Erscheinen“ und der damit verbundenen Möglichkeit des Heils für alle Menschen. Sie sind verblendet von den Mächten der Welt und dem Glanz der Reichen, und ihr Herz ist verstockt gegenüber dem Willen Gottes – bis er selbst sie aufrüttelt. Im Bass-Rezitativ (Nr. 4) sorgt das Cello für den Umsturz. Offenbar braucht es diese Erschütterung, damit Christenmenschen mit „Herz und Mund und Tat und Leben“ Hoffnungslieder singen können. In BWV 10 kündet die Bass-Arie (Nr. 4) in einer poetischen Nachdichtung des „Magnificat“ von Gottes revolutionären Taten: Die Gewaltigen werden bis an die Grenze der Singbarkeit hinabgestoßen, während sich die Hungrigen auf Gottes Gnadenmeer gütlich tun dürfen. In der unmittelbaren Vertonung des „Magnificat“ (BWV 243) nimmt Gottes heiliger Umsturz den breitesten Raum ein. In vier Abschnitten (Nr. 7 – Nr. 10) wird in zupackenden Koloraturen Gottes starker Arm besungen, jubilieren der Chor und die Trompeten bis zum Erschrecken der Hochmütigen, werden melodiöse Auf- und Abstiege sowie harmonische Umstürze vollführt, Hungernde in einem durch Flöten evozierten Friedensreich mit Gütern gesättigt und das vom Weltreich Rom besetzte kleine Volk Israel der Treue Gottes versichert. Maria tanzt nicht nach der Pfeife der Machthaber, die mit dem Tod regieren – sie singt vom Leben, ein Hoffnungslied für alle, die nach Gerechtigkeit hungern. Armut ist kein unveränderliches Schicksal, auch heute nicht. Und wer sich für Gerechtigkeit einsetzt, ist ein Mitstreiter Gottes. Das „Magnificat“ ist eine Ermutigung zum Widerstand gegen die Ideologie der Alternativlosigkeit. Es ist Nahrung für den Hunger nach Gerechtigkeit. 

Die Kunst des Geschehenlassens 

Wer war Maria? Ein Vorbild für selbstbestimmte Frauen, die ihr Leben mutig in die Hand nehmen? Ein Gefäß für den Gottessohn mit einem Leben ohne Mitspracherecht, das sie schließlich in tiefe Trauer um den gekreuzigten Sohn führt? Maria entzieht sich den Kategorien von Aktivität und Passivität, von Selbst- und Fremdbestimmung, von Machertum und Opferstatus. Als der Engel Gabriel ihr ankündigt, dass sie den Sohn Gottes gebären werde, antwortet sie mit den Worten „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (Lk 1, 38) Sie willigt beherzt ein in das, was ihr widerfährt, und bejaht ihre Schwangerschaft. Sie ist nicht Objekt und nicht Opfer, obwohl sie sich ihren Lebensweg nicht ausgesucht hat, sondern sie ist, wie Luther sagt, „fröhliche Herberge“ für den Gottessohn. Durch das innere Ja zu der überraschenden Schwangerschaft bleibt sie Subjekt ihres Lebens. Maria beherrscht die Kunst des Geschehenlassens. Sie ist offen für das, was von außen auf sie zukommt, sie stimmt dem zu, was Gott mit ihr vorhat, sie willigt ein in das Fremde und lässt gut sein, was sie nicht versteht. Sie gibt dem Wunder Raum.  In den Kantaten Bachs wird der Dialog zwischen dem Engel Gabriel und Maria nicht vertont, aber die Haltung Marias kommt immer wieder zum Ausdruck, zum Beispiel in der sprachlichen Wendung, was Gott „an ihr / an mir“ getan hat. Besonders deutlich wird dies in der Sopran-Arie „Herr, der du stark und mächtig bist“ (BWV 10, Nr. 2). Dort heißt es: „Du hast an mir so viel getan, dass ich nicht alles zähl und merke.“ Dass das Wirken Gottes oft im Verborgenen geschieht, jenseits dessen, was wir rational erfassen und bewusst wahrnehmen können, kommt hier musikalisch zum Ausdruck, indem das Orchester in der Begleitung der Stimme mehr und mehr zurücktritt. Die Haltung des Geschehenlassens wird in unserer Welt der Machbarkeit meist mit Passivität gleichgesetzt und negativ bewertet. Für wertvoll halten viele Menschen nur, was sie selbst bestimmen und bewirken können. Aber vieles im Leben lässt sich nicht machen: die Liebe nicht, die Begegnung mit Gott nicht und das Wachsen der Seele auch nicht. Wer sich von der ganzen Dimension des geschenkten Lebens nicht abschneiden möchte, dem kann Maria ein Vorbild sein.

Christiane Kohler-Weiß 

Dr. Christiane Kohler-Weiß ist evangelische Pfarrerin und leitet die Abteilung „Theologie und Bildung“ im Diakonischen Werk Württemberg.