Volksmusik? Volksmusik!

Die Herbstausstellung des Archivs

In ihrer Sammeltätigkeit legte die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien das Augenmerk von Beginn an nicht allein auf die holde Kunstmusik. Der Musik des Volkes galt ihr Interesse in gleichem Maße. Die Herbstausstellung des Musikvereinsarchivs nimmt die dokumentierte Volksmusik in den Fokus und widmet sich damit einem bedeutsamen Teil der Kulturgeschichte. 

Dörfliche Blasmusik, die mit einem Marsch stimmungshebend wirkt, Unterhaltungsmusiker, die sich mit fantasievollen Ensemblenamen als Volksmusikanten bezeichnen: Das ist volkstümliche Musik und nicht Volksmusik. Auch was in den Medien als Volksmusik angekündigt wird, ist in den allermeisten Fällen volkstümliche Musik, während die Volksmusik in den Medien ein Schattendasein fristet. Ja, es gibt sie, Volksmusikensembles und Tonträger mit wirklicher Volksmusik, sie unterliegen allerdings der Übermacht volkstümlicher Unterhaltungsmusik.  Was also ist Volksmusik? Dazu gibt es viele kluge Definitionen, aber ganz kurz gesagt ist sie Musik, die nicht komponiert wurde, sondern improvisierend entstanden ist und so auch tradiert wurde. Und wurde eine Melodie für ein Lied oder einen Tanz „erfunden“, also komponiert, so ist der Erfinder, also der Komponist, in Anonymität verblieben. Wenn solche Volksmusik aufgezeichnet wurde, so nur als Melodie, denn die Begleitstimmen werden immer improvisiert, weshalb auch die Besetzung variabel ist. 

Kunst versus kunstvoll

Man tut sich schwer, komponierte Musik Kunstmusik zu nennen, weil Volksmusik auch kunstvolle Musik oder kunstvolles Musizieren ist, aber die Bezeichnung hat sich nun einmal als Gattungsbegriff etabliert. Auf der einen Seite gibt es also die am Schreibtisch auf Notenpapier entstandene, aufgezeichnete und bleibend fixierte Musik, die mit dem Namen ihres Schöpfers verbunden ist und bleibt, und auf der anderen Seite die tradierte Musik, bei der niemand ihren Schöpfer kennt oder nach ihm fragt, mit einem hohen Anteil an Improvisation. Beiden ist aber gemeinsam, dass sie Modellen und musikalischen Ordnungen folgen und ein Können voraussetzen, ganz gleich, ob der „Könner“, der diese Musik geschaffen hat, in der Anonymität verbleibt und den nachschöpferischen Interpreten einen größeren Freiraum belässt, oder ob er als „Komponist“ der anerkannte Urheber ist, der jedes Detail der Interpretation vorgibt.   

Ambitioniertes Unterfangen

Dass nicht die eine Musik weniger interessant ist als die andere, war das Credo der Gründungsväter der Gesellschaft der Musikfreunde. Im Archiv wollten sie Musik von Komponisten, also in Noten fixierte Musik, und Aufzeichnungen von Volksmusik sammeln. Das war Pionierarbeit, etwas absolut Neues. „Es ist beklagenswert“, schrieb 1815 Gründer Joseph Sonnleithner, „daß bisher niemand daran gedacht hat, die National-Volkslieder zu sammeln, welche einen wichtigen Beytrag zur Kulturgeschichte jedes Volkes enthalten.“ Und viele, die das im Aufbau befindliche Archiv mit Geschenken unterstützten, wurden gefragt, ob sie nicht auch Volksmusikaufzeichnungen beschaffen könnten. Wie etwa Friedrich Graf Nostitz in Prag: „Sollten sich, wie nicht zu zweifeln ist, auf Eurer Hoheit Herrschaften geschickte Musiker unter den Schullehrern befinden, so würden Sie der Gesellschaft einen wesentlichen Dienst leisten, wenn Sie selben anempfehlen wollten, Text und Musik der Volkslieder, es seyen Deutsche oder Böhmische, sorgfältig zu sammeln“, aber auch Tanzmusik und sonstige instrumentale Volksmusik.  Der Schulgehilfe Joseph Wöss aus Loosdorf bei Melk, der für das Archiv verschiedenste alte und neue Noten anbot, wurde umgehend informiert, dass hier „auch die leider so sehr vernachlässigten Volkslieder“ gesammelt werden sollen, „um jene zu retten, welche noch nicht verloren sind“. „Wenn sie nachforschen wollten, ob in ihrer Gegend unter dem Landvolke noch ältere Lieder gesungen werden“ und Text wie Melodie aufzeichnen und übersenden wollten, so wäre die Gesellschaft ihm sehr verbunden. Nach vielen solchen Einzelinitiativen wurde 1819 eine große wohlorganisierte Volksmusiksammlung gestartet, bei der die Kreisämter, also die Bezirksverwaltungsbehörden, die Anliegen der Gesellschaft unterstützten. Das Ergebnis dieser Volksmusiksammlung ist heute eine der vielen weltberühmten Spezialsammlungen unseres Archivs.

Der größere Zusammenhang

Alle diese frühen Bemühungen um die Erhaltung und Dokumentation von Volksmusik sind freilich auch Kinder ihrer Zeit und in größeren Zusammenhängen zu sehen. Herders 1775 begonnene und vielzitierte Textsammlung von Volksliedern, Brentanos und Arnims Sammlung von Volksliedtexten, die von ihnen 1805 bis 1808 unter dem romantischen Namen „Des Knaben Wunderhorn“ herausgegeben wurden, sind Zeugnisse des frühen literarischen Interesses am Volkslied. Das völlig Neue an der Initiative der Gesellschaft der Musikfreunde war, dass sie von Seiten der Musik kam und die Melodien von Volksliedern bzw. Volksmusik überhaupt sammeln, bewahren und studieren wollte.  

Inspirationsquelle Volksmusik

Das Thema Volksmusik ist also ein ursprüngliches Thema für die Gesellschaft der Musikfreunde, um das sie sich immer sehr angenommen hat. Grund genug, ihm eine Ausstellung zu widmen. Wer staunt, dass im Musikvereinsgebäude eine Volksmusikausstellung zu sehen ist, dem sei dies damit erklärt, dass hier immer ein Interesse an – echter – Volksmusik bestand und diese hier eine Dokumentationsstätte gefunden hat. Dem entspricht der Titel dieser Ausstellung: Volksmusik im Musikverein? Ja, Volksmusik im Musikverein! Wie viel Volksmusik Komponisten inspiriert hat, all die volksmusikalischen Einflüsse in der so genannten Kunstmusik, auch das ist im Musikvereinsarchiv bestens dokumentiert. Der berühmteste Komponist, der hier Volksmusik studiert hat, war Johannes Brahms. Eine Volksliedmelodie, die Franz Schubert inspiriert hat, wurde hier festgehalten, und noch Gottfried von Einem hat hier Volkslieder aus der Heimat seines Vaters gesucht.   

Unerschöpflicher Fundus

Volksmusik im Musikverein. Es ist ein großes Thema und ein weites Feld, dem sich diese Ausstellung widmet, das zur Verfügung stehende Material an ansprechenden und vielsagenden Objekten ist geradezu unerschöpflich. Über den informativen Gehalt der gesammelten Volksmusik hinaus machen Volksmusikdarstellungen die Ausstellung auch optisch zum Erlebnis. Bilder von Volksmusik und Volkstanz waren den sammelnden Musikfreunden genauso wichtig wie Bilder vom Musizieren am Klavier oder im Streichquartett. Und aus der Sammlung historischer Musikinstrumente können Volksmusikinstrumente eingebracht werden.  Weil jede Ausstellung auch Beschränkung bedeutet, liegt der Schwerpunkt dieser Schau im altösterreichischen Raum. Dass sich unsere Vorfahren schon 1814 bemüht haben, für das Archiv Volksmusik aus Indien zu erhalten, und gut zwei Generationen später erste Volksmusik aus Japan in das Archiv kam, soll allerdings auch gezeigt werden.  

Otto Biba 

Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien