Vielfältig verwurzelt

Bernarda Fink

Ausstrahlung, Innigkeit und freilich der warme Wohlklang ihrer Stimme machen Konzerte mit Bernarda Fink zu unvergesslichen Ereignissen.  In ihrem Liederabend im Brahms-Saal singt sie lauter „Lieblingsstücke“. 

Sie gehört zu jenen, die sich eher rar machen im „Business“, speziell im Bereich der Oper; die zeitaufwendigen Begleitumstände szenischer Produktionen mag sie nur in Ausnahmefällen in Kauf nehmen. Wirklich zu Hause ist sie im Konzertsaal, aber auch diese Auftritte sind sorgsam gestaltete Ereignisse, die stets singulären Charakter haben, insbesondere ihre Liederabende. Trotz dieser Zurückhaltung zählt Bernarda Fink zu den unverwechselbaren Größen im Musikleben. Dank der Schönheit und Wärme ihrer Stimme, der Innigkeit ihres Ausdrucks und der persönlichen Integrität, die sie ausstrahlt, bleibt sie in den Köpfen und Herzen des Publikums verankert, ganz ohne fortwährende Präsenz und hektische PR-Aktivität.  Das Singen scheint für sie eine Art Lebensform zu sein, ein elementarer Ausdruck, der den Rahmen der „Hochkultur“ nicht unbedingt braucht. Im November tritt sie zum Beispiel wieder einmal mit der Singgemeinschaft Oisternig auf, einem Amateurchor aus Feistritz im Gailtal, und findet daran nichts ungewöhnlich: „Dieser Chor ist wirklich hervorragend! Und: Ich muss in meinem Beruf um die Welt reisen, aber deswegen bin ich kein Star. Das interessiert mich nicht, das bin nicht ich. Ich möchte verbunden sein mit den Menschen, die dort leben, wo ich lebe. Das bringt mir die Wurzeln, die ich zweimal verloren habe. Ich brauche den Kontakt, es bedeutet Familie in weiterem Sinn.“ 

 

Eine Art Leitmotiv

Von Wurzeln ist häufig die Rede, das Wort erscheint wie ein Leitmotiv im Gespräch mit Bernarda Fink. Wir treffen einander in München, am Rande des ARD-Wettbewerbs, an dem sie als Jurorin teilnimmt. Gibt es Entdeckungen? „Auf jeden Fall“, sagt sie, und erzählt begeistert von der Preisträgerin, der russischen Mezzosopranistin Natalya Boeva: „Sie hat alles, was man braucht – und das ist viel. Tolle Stimmen gibt es jede Menge, aber die Grenzen zeigen sich meist schnell. Die Stimme ist ja nur das Instrument. Man muss auch etwas zu sagen haben, die Artikulation muss stimmen, Gestik und Kleidung spielen eine Rolle, man braucht das Gespür für den richtigen Moment und eine große Ausgeglichenheit in der Persönlichkeit – es muss viel zusammenpassen.“  Dass ein Viertel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Bewerb aus Südkorea stammt, führt Fink unter anderem auf die koreanische Sprache zurück: „Die Phonetik begünstigt die Aussprache bei anderen Sprachen. Außerdem sind die Koreaner sehr temperamentvoll und extravertiert, sie singen gern, und die musikalische Früherziehung spielt bei ihnen eine große Rolle. Wenn wir in Europa auf diesem Gebiet sparen, etwa bei Chören in den Schulen, ist das tödlich. Dann werden nämlich die Wurzeln abgeschnitten.“ 

Fein gestricktes Beziehungsgeflecht

Das Programm ihres Liederabends im Musikverein hat sie gemeinsam mit dem Pianisten Anthony Spiri zusammengestellt, rund um Brahms’ „Zwei Gesänge für eine Altstimme, Viola und Klavier“, die sie besonders liebt. Die Mitwirkung des Bratschisten Nils Mönkemeyer ergab in Folge ein fein gestricktes Beziehungsgeflecht zwischen Liederabend und Kammermusik; lauter „Lieblingsstücke“, wie sie sagt, und ein Bogen von Schumann über Dvořák bis Joseph Marx, der auch für das Publikum spannend und interessant ist. Nicht fehlen dürfen dabei Komponisten aus Slowenien – womit wir erneut bei den Wurzeln wären. 

Grundlagen des Lebens

Bernarda Fink, geboren 1955 in Buenos Aires als viertes von sechs Kindern einer slowenischen Familie, ist argentinische Staatsbürgerin mit slowenischem Pass. Nach Europa kam sie erstmals, als sie schon dreißig Jahre alt war. Damals begann in Genf ihre späte, dafür umso gediegenere Karriere als Sängerin. Mittlerweile spricht sie sieben Sprachen fließend, darunter auch Tschechisch, weil sie mit ihrem Mann, dem österreichischen Diplomaten Valentin Inzko, sechs Jahre in Prag gelebt hat. Inzko ist Kärntner Slowene, hat als Kulturattaché und Botschafter gewirkt und steht als Hoher Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina immer wieder im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Er stammt aus einer der ältesten slowenischen Familien im Rosental. Dort, in Suetschach, hat das Ehepaar jetzt auch seinen Hauptwohnsitz eingerichtet. „Dank dieser Verbindung bin ich Adoptiv-Kärntnerin“, lächelt Fink.  Politik ist zu Hause ein häufiges Thema, denn sie bildet, zusammen mit Religion und Gesang, die Grundlage für das Leben von Bernarda Fink. Politische Ereignisse haben – durchaus gewaltsam – die äußeren Umstände gestaltet, die vielleicht nur mit Hilfe des Glaubens und mit Hilfe der Musik gemeistert werden konnten. 

Familiengeschichte

„Die Geschichte meiner Familie ist eine besondere. Der Krieg hat sie aus der Heimat gerissen, und das Schicksal hat sie an die Ufer Südamerikas geschleudert“, erzählt Bernarda Fink. Ihr Vater hatte Anfang der 1940er Jahre als engagierter Katholik in Ljubljana mit den Domobranzen gegen die heranrückenden Kommunisten gekämpft. „Er hat erkannt, dass das, was sich zunächst als Befreiung von den Deutschen präsentierte, in Wirklichkeit eine Revolution war, die zu einem totalitaristischen System führen würde. Traurigerweise hat sich gezeigt, dass die kommunistische Revolution in Slowenien mehr Opfer gekostet hat als die deutsche Besatzung. Besonders nach Kriegsende kam es zu massenhaften Liquidierungen von Antikommunisten. Mein Vater konnte wie durch ein Wunder sein Leben retten.“  Dieses sensible Thema sei in Slowenien bis heute ein Tabu, das erst aufgearbeitet werden müsse. „Die Zeit ist noch nicht da, wo man über die Opfer der kommunistischen Revolutionen reden kann. Der Mensch hat fixe Strukturen im Kopf. Was weh tut, wollen wir nicht hören. Dabei ist es längst erwiesen, dass der Kommunismus eine Utopie war, die in der Realität schrecklich gescheitert ist. Man müsste mehr darüber reden!“   

Das freundliche Land

Die harte Landung der vierzehnköpfigen slowenischen Großfamilie erfolgte, nach dreijährigem Lageraufenthalt in Österreich und Italien, 1948 in Buenos Aires. „Argentinien war das freundliche Land, wo damals alle aufgenommen wurden, während Amerika und Australien bevorzugt junge Leute wollten.“ Die Großeltern mit den sechs Kindern, deren ältestes Bernardas Vater war, seine Frau mit dem ersten, im Lager geborenen Sohn und zwei ihrer Schwestern begannen ein neues Leben in einer fremden Welt.  „Die slowenische Community war groß, es war eine richtige Parallelgesellschaft, die sich schon im Lager gebildet hatte, mit vielen Intellektuellen und Geistlichen, die das Land verlassen mussten; da hat Slowenien sehr viel Potenzial verloren.“ Ihr Vater war Lateinprofessor gewesen und hatte mit Auszeichnung ein Jusstudium absolviert. „Den Beruf konnte er dann aber nie ausüben. Es war ein sehr schweres Schicksal. Aber er wollte nie von Flucht sprechen. Es hieß immer: Wir sind ausgewandert.“ 

Individuelle Bestimmung

Spanisch hat sie erst mit dem Eintritt in die Schule gelernt. In der slowenischen Gemeinde war sie im Chor und im Theater aktiv. Zu Hause wurde bei jeder Gelegenheit gesungen – auf höchstem Niveau. Die Tanten waren ein renommiertes Vokalensemble, der Vater konnte mit Schubert-Liedern zu Tränen rühren, alle fünf Geschwister hatten gute Stimmen. Unter diesen Voraussetzungen zog sie es zunächst gar nicht in Betracht, das Singen zum Beruf zu machen. Sie studierte vier Jahre Erziehungswissenschaften, ehe sie ihre künstlerische Ausbildung am Instituto Superior de Arte des Teatro Colón begann.  Ab diesem Moment begann sie, auf eigenen Füßen zu stehen, zu ihrer individuellen Bestimmung zu finden. Und siehe da: Sie hatte „alles, was man braucht“ für eine internationale Laufbahn. 1985 gewann sie den Ersten Preis beim Wettbewerb „Nuevas Voces Líricas“ und wagte den großen Schritt zurück in die Welt, die die Eltern hatten verlassen müssen. Und dort begegnete sie schon bald auch dem Mann, mit dem sie 1988 ihre eigene Familie gründete. Die slowenischen Wurzeln hatten sich in ihrem neuen Leben auf neue Weise verknüpft.   

Zentrale Begegnung

Die Praxis des katholischen Glaubens, wie sie für ihre Eltern üblich war, hat Bernarda Fink ebenfalls neu für sich gefunden. Dabei spricht sie bis heute das Morgengebet, wie sie es als Kind gelernt hat; „zumindest versuche ich das regelmäßig zu tun“. Schließlich könne man überall beten, im Flugzeug sogar besonders gut. „Das Beten funktioniert wie das Telefonieren mit dem Handy: Man sieht die Wellen nicht, und doch besteht eine Verbindung.“ Die Religion gebe ihr „Wurzeln und Selbstvertrauen“, sagt sie. „Je älter ich werde, desto mehr erlebe ich, dass mich das aus dem Chaos zusammenräumt.“  Dementsprechend zentral war die Begegnung mit geistlicher Musik. „Das war eine unglaubliche Entdeckung – wie meine zweite Sprache.“ Durch Gastauftritte von Michel Corboz, Helmuth Rilling und Enoch zu Guttenberg wurde sie in Argentinien auf Bach aufmerksam. „Die ersten Kantaten und Oratorien während des Studiums waren dann eine Offenbarung für mich! Diese Tiefe, diese Ruhe, diese intime Verbindung von Musik und Text – man spürt, dass Bach tief gläubig war, und mehr noch: Er war selber ein Theologe! Aber in Buenos Aires ging es beim Singen natürlich in erster Linie um Belcanto.“  Es sei diese Leidenschaft für die Sakralmusik gewesen, die sie nach Europa gebracht habe, bekennt Bernarda Fink. Sie tauchte auf Anregung von René Jacobs in die Welt des Barock ein, in der sie sich entfalten konnte, und fand sich mit Nikolaus Harnoncourt in der gemeinsamen Überzeugung, dass die Musik „eine direkte Nabelschnur zu Gott“ bedeutet: „Ich bin Harnoncourt unendlich dankbar, dass ich siebzehn Jahre mit ihm arbeiten und musizieren durfte.“   

Das Schöne entdecken

Wie hat es Bernarda Fink mit der Religion bei ihren Kindern Simon und Valentina gehalten? Konnte sie ihre Überzeugungen weitergeben? „Das ist keine Sache, die man einfach so vererbt“, sagt sie. „Das sind Samen, die sich in die Seele vertiefen, indem die Kinder sehen, wie die Eltern leben. Es ist schade, wenn man ihnen das nicht anbietet, aber man zwingt sie zu nichts. Sie sind in völlig anderer Weise gläubig.“  Sehr wohl vererbbar ist hingegen künstlerische Veranlagung, und das wird allmählich sichtbar. Während der in Wien lebende Simon sich für verschiedene Bereiche der Kultur interessiert, haben sich im Fall von Valentina die Wurzeln auf dem Gebiet des Singens neu verknüpft: Sie hat ein Musical-Studium an der August Everding Akademie in München absolviert und ist im September in Klagenfurt schon zum zweiten Mal gemeinsam mit ihrer Mutter auf der Bühne gestanden. „Das ist ein Lebensgeschenk“, strahlt Bernarda Fink. „Es war ihr Kindheitstraum, ich dachte, es würde vergehen, aber sie ist drangeblieben. Ich finde es fantastisch, wie sie ihre Songs interpretiert, das begeistert mich! Ihr Qualitätsbewusstsein stimmt, und ich habe durch sie so viel neues Repertoire kennengelernt und so viel Schönes entdeckt!“   

Geschenke des Lebens

Das Leben, meint Bernarda Fink, sei eine Kombination aus eigenem Wollen und dem, was man geschenkt bekommt. Diese beiden Komponenten zu integrieren und zu einem sinnerfüllten Ganzen zu verbinden sei die Aufgabe, die dem Menschen gestellt ist. Und dafür müsse man bereit sein, „die Sachen anzunehmen, die auf einen zukommen. Vor allem sollte man nie neidisch sein. Alles zu haben wäre doch ohnehin viel zu kompliziert! Ich versuche, mir selbst treu zu bleiben, und ich bin dankbar, dass ich weiß, in welcher Richtung mein Weg verläuft. Meine persönlichen Geschenke sind, dass ich singen darf und dass ich meine Familie habe.“ 

Monika Mertl  

Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).