Hell leuchtender Klang

Der Flötist Karl-Heinz Schütz

Seit sieben Jahren ist Karl-Heinz Schütz Soloflötist der Wiener Philharmoniker und des Staatsopernorchesters. Unter der Leitung von Riccardo Muti interpretiert der gebürtige Tiroler mit „seinem“ Orchester im Dezember Mozarts G-Dur-Flötenkonzert. 

Wer ihn als Teenager kennenlernen durfte, erlebte den freundlich-ernsten jungen Musikgymnasiasten schon immer als reifen, unheimlich fähigen Musiker, dessen Flötenton bereits zu Studienzeiten am Vorarlberger Landeskonservatorium in Feldkirch nahezu vollendet strahlte. Karl-Heinz Schütz, geboren 1975 in Innsbruck und aufgewachsen in Landeck, sagt heute selbst: „Das erste Mal habe ich mich mit  15 Jahren getraut, meinen Berufswunsch zu formulieren, war aber sehr schüchtern dabei, weil ich gar nicht genau wusste, was das bedeutete. Ich hatte aber das Glück, gefördert zu werden und dass man mich aber manchmal auch vor meinem Ehrgeiz in Schutz genommen hat. Ich komme aus keiner Musikerfamilie, sondern musste mich erst an diese Perspektive herantasten.“   

Zwei Traditionen vereint

Noch heute erwähnt er seine Lehrerin in Vorarlberg, Eva Amsler, an erster Stelle: „Sie war sehr geprägt von der französischen Schule, hatte aber als Schweizerin auch ein Standbein in der ,deutschen‘ Tradition. Das hat mich meine ganze Studienzeit begleitet. Es war für mich logisch, bei Aurèle Nicolet in Basel und dann bei Philippe Bernold in Frankreich zu studieren. Und es ist schließlich auch eine Brücke, die mich mit meinem philharmonischen Vorgänger Wolfgang Schulz verbindet, der eine französische Note ins Wiener Flötenspiel gebracht hat – und das setze ich, wenn man so will, fort.“  Schon während seines Studiums gewann Schütz zwei internationale Flötenwettbewerbe: Carl Nielsen 1998 und Krakau 1999. Dass er bei ersterem heuer zum Präsidenten der Jury berufen wurde, zeigt, wie weit sein Ruf zwanzig Jahre später im internationalen Musikleben verankert ist.  Doch zurück zu einer früheren Phase seiner Karriere: Nach einem ersten Engagement in Deutschland bei den Stuttgarter Philharmonikern (2000–2004) landete Schütz 2005 in der Bundeshauptstadt, wo er bei den Wiener Symphonikern eintrat und zeitgleich eine Professur an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien erhielt. Inzwischen spielt eine Reihe seiner Absolventen schon ihrerseits beim Orchester in der Komischen Oper Berlin, beim Bruckner Orchester Linz, beim Mozarteumorchester Salzburg, beim Vorarlberger Sinfonieorchester, in den Orchestern von Oviedo und Murcia (Spanien) sowie bei den Wiener Philharmonikern (Karin Bonelli).

Frei von Nebenluft

Über seine Anfangszeit in Wien erzählt Schütz: „Es ist ganz witzig, dass ich mich während meines Studiums in Frankreich immer als Österreicher gefühlt habe, obwohl ich natürlich viel typisch Französisches in mein Spielen integriert habe. Heute erfüllt es mich mit Stolz, wenn große französische Solisten mich als einen der ihren ansehen! Man hat mich bei den Wiener Symphonikern und dann auch bei den Philharmonikern mit offenen Armen aufgenommen und von Anfang an als einen der ihren gesehen.“  Nachdem so viel davon die Rede ist: Was heißt es eigentlich für einen Flötisten, „französisch“ zu spielen? „Die französische Schule ist ein weiter Begriff: Man kann sie vielleicht mit der russischen Geigen- oder Klavierschule vergleichen – eine prägende Richtung, die alle wesentlichen technischen und musikalischen Punkte zusammenfasst, sodass man mit der bestmöglichen Ausbildung optimale Resultate erzielt. Heute orientiert man sich bei der Flöte auf der ganzen Welt danach. Man hört das Französische vielleicht daran, dass der Ton klar in der Ansprache ist, flexibel, wenig und in den Ton integriertes Vibrato besitzt, sauber intoniert, frei von Nebenluft ist und etwas hell Leuchtendes hat.“ 

Das nötige Adrenalin

Diesen Ton darf das Publikum nicht nur bei Schütz’ regelmäßigen Mitwirkungen an der Staatsoper und bei den philharmonischen Konzerten genießen, sondern auch bei etlichen anderen Anlässen im Rahmen seiner weltweiten Tätigkeit als Solist und ebenso hoch aktiver Kammermusiker. Etliche Aufnahmen zeigen ihn als kompetenten, wandlungsfähigen Interpreten der Musik von Bach bis Boulez, Tōru Takemitsu und Werner Pirchner. Zuletzt erschienen 2016 eine Schubert-CD mit dem Pianisten Bruno Canino und 2017 die Mozart-Konzerte mit dem Orquestra da Camera di Perugia. Es ist schon erstaunlich, was Schütz ebenso wie viele seiner Kollegen tagtäglich zu leisten vermögen und welche Aktivitäten daneben noch Platz finden. „Ja, der Alltag bei uns ist schon sehr dicht, besonders die ersten zwei, drei Jahre sind sehr intensiv und können auch stressig sein, wenn man große Opern auf Anhieb ohne Probe zu spielen hat. Aber wir Musiker mögen das Adrenalin, und es ist auch ein besonderer Reiz.“ Das Besondere an den Philharmonikern? „Die Vielseitigkeit. Ich empfinde es als großes Glück, weil wir so viele verschiedene Bereiche haben: Konzert, Kammermusik, Oper. Und natürlich ist es herrlich, mit all diesen herausragenden und arrivierten Dirigenten zu spielen – das ergibt eine Abwechslung, von der andere Orchester nur träumen können, etwas, das sich nicht abnützt wie manchmal bei der Beziehung eines Klangkörpers mit einem noch so guten Chefdirigenten.“   

Klingende Möglichkeiten

Einer der Maestri, mit denen die Philharmoniker seit Jahrzehnten eng verbunden sind, wird nun bei Mozarts G-Dur-Konzert Schütz’ Partner am Pult sein – Riccardo Muti: „Für mich lebt bei ihm die Karajan-Zeit und ihre Klangästhetik weiter. Muti ist jemand, der noch daran anknüpft und der hier eine stimmige Ästhetik verfolgt. Unter ihm klingt ein Orchester, so gut es nur klingen kann – und zwar ab dem Zeitpunkt, an dem er hereinkommt. Er ist eine riesige Autorität, und ich bin sehr glücklich, mit ihm spielen zu dürfen.“  Für die Mozart-Interpretation sieht der Musiker nicht eine einzige Wahrheit, sondern ein Feld verschieden klingender Möglichkeiten: „Mozart muss frisch und voller Esprit sein: Das bekommt man entweder durch schlankes Spiel im Sinne der historischen Aufführungspraxis oder mit einer traditionellen Herangehensweise auf eine ganz andere Art. Das kann Muti ungeheuer gut, finde ich.“   

Erspürte Klangrede

Natürlich führt das Gespräch an dieser Stelle zur Aufführungspraxis im Allgemeinen und auf einem modernen Instrument im Besonderen. Schütz ist hier kein Dogmatiker: „Es geht, glaube ich, um ein Wissen um die Grammatik, um die Artikulation und die Verzierungen sowie das Erspüren der Klangrede. Das war auch während meiner Ausbildung in Frankreich ein großes Thema: auf dem Instrument zu sprechen. Letztlich ist mir der Duktus ebenso wichtig wie ein bestimmter Klang, und man kann auf einem modernen Instrument genauso spannend oder langweilig spielen wie auf einem alten. Ein Drittel des Repertoires für Flöte ist Barockmusik. Ich habe mich sehr viel damit beschäftigt und auch ein wenig Traversflöte gelernt, um mit ihren Möglichkeiten vertraut zu werden.“ 

"Für mich lebt bei ihm die Karajan-Zeit und ihre Klangästhetik weiter. Muti ist jemand, der noch daran anknüpft und der hier eine stimmige Ästhetik verfolgt." Karl-Heinz Schütz

 

Erfrischend neu im Flötenklang

Während die Flöte im 17. und 18. Jahrhundert hoch im Kurs stand und seit Ende des 19. Jahrhunderts, ausgehend von Debussy und seinen Zeitgenossen, einen neuerlichen Boom erlebt hat, ist das Repertoire dazwischen dünn gesät. Karl-Heinz Schütz hat hier jedoch für sich aus der Not eine Tugend gemacht und ist selbst initiativ geworden: „Ja, in der Romantik fehlen Originalkompositionen. Das liegt daran, dass das Instrument baulich nicht ganz auf der Höhe der Zeit war und als Soloinstrument nicht ganz ernst genommen wurde. Ich habe mir die Frage gestellt, was Brahms getan hätte, wenn er die moderne Flöte gekannt hätte. Daraus ist die Idee resultiert, Kammermusik von Brahms für Flöte zu bearbeiten, dann auch das e-Moll-Violinkonzert von Mendelssohn, später sogar das von Beethoven: Mir wurde immer bescheinigt, dass man trotz der Popularität der Werke auf die Geige vergisst und das Werk erfrischend neu erlebt im Flötenklang. Momentan habe ich aber viel Spaß mit zwei äußerst virtuosen Konzerten unseres reichhaltigen Repertoires von Jean Françaix und Joaquín Rodrigo. Das sind zwei erratische Blöcke im  20. Jahrhundert, für die ich gerne eine Lanze brechen möchte.“

Daniel Ender 

Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender leitet die Abteilung Wissenschaft und Kommunikation der Alban Berg Stiftung Wien, lehrt an verschiedenen Universitäten und schreibt regelmäßig für den „Standard“ sowie die „Neue Zürcher Zeitung“.