Geometrie der Seele

Gert Jonke, Susanna Ridler und Markus Hering

Sprachkomposition und Klangforschung – so könnte man dieses außergewöhnliche Projekt „Geometrie der Seele“ vielleicht beschreiben. Vielleicht. Und doch ist diese Hommage an den Ausnahmeliteraten Gert Jonke anlässlich seines zehnten Todestags sehr viel mehr, als diese Begriffe zu suggerieren vermögen. Sehr viel mehr auch als „nur“ ein Konzert. 

Café Eiles, ein ruhiger Tisch. Die österreichische Vokalistin und Komponistin Susanna Ridler und der deutsche Schauspieler Markus Hering sitzen einander in regem Gespräch über Gert Jonke gegenüber. Ich, im Neunzig-Grad-Winkel quasi dazwischen eingeklemmt, werde Zeuge, wie in schwindelerregender Geschwindigkeit Gert-Jonke-Texte zitiert, Anekdoten erzählt und Buchseiten aufgeschlagen werden. Vor meinen Augen fächert sich nicht nur eine Jonke-Bibliothek auf, sondern auch eine Ideensammlung für einen ganz speziellen Abend im Gläsernen Saal. Und ich werde entführt in Jonkes Sprachkompositionen, die durch Markus Herings prägnante Schauspielerstimme noch einmal eine Dimension mehr als beim reinen Lesen erhalten.   

Ohne Vorwarnung

Durch das Zitieren von Texten und Titeln, durch das Anreißen von Textzeilen erinnere ich mich an bereits Gelesenes und Bekanntes, höre Neues, und schließlich tauche auch ich gemeinsam mit diesen beiden Kennern und Liebhabern von Jonkes Werk ein in diese bizarren, surrealen und verqueren Sprachgebilde, die hinter einer vordergründig kafkaesken Komik tiefsinnig fantasievoll und gesellschaftskritisch sind; die mit beißendem Spott Dinge aufs Korn nehmen und dabei nicht realistisch daherkommen; die fremd bleiben, obwohl sie uns an etwas erinnern, was wir immer schon kannten; in die zu springen man sich trauen muss, weil sie einfach da sind, ohne Vorwarnung. Und: die komponiert sind. Gert Jonke verstand sich in seinem Schreiben stets als Komponist, als einer, der notiert und der seine Lebensthemen Musik, Stille, Kunst und Komponieren immer wieder aufs Neue bearbeitet, umarbeitet, durchführt, spiegelt, wiederholt. Seine handschriftlichen Skizzen gleichen graphischen Notationen. 

Sprache wird Musik

Susanna Ridlers Klangforschungsreise durch Gert Jonkes Sprachwelten nahm ihren Anfang vor fünf Jahren mit einer Erstausgabe des 1969 erschienenen Jonke-Debüts „Geometrischer Heimatroman“ aus dem Besitz Herbert Rosendorfers. Sie tauchte, wie sie erzählt, sofort in den Text ein, der so beklemmend beginnt, in seine Sprachgewalt, die Emotionen auslöst. Und nicht zuletzt in die Musikalität dieser Sprachkompositionen, die ihr sofort Lust machte, sich auf der eigenen musikalisch-kompositorischen Ebene damit auseinanderzusetzen. So beginnt sie, die Vokal-Performerin, die sich in den Jahren zuvor mit ihrem großangelegten Jazz-Elektronik-Projekt [koe:r] samt zwei Tonträgern zu Wort gemeldet hat, etwas Neues, indem sie ihrer Musik nicht eigene Texte unterlegt, sondern die von Gert Jonke. Zumeist bearbeitet sie Textfragmente, die ihr die Freiheit geben, sie sich kreativ anzueignen und sie – durch das Überschreiten des konventionellen Einsatzes der Stimme sowie durch Verfremdung – anders erfahrbar, anders hörbar zu machen. Mit sichtlicher Bewegung spricht Ridler von dem außergewöhnlichen Privileg, dass sie für ihre Arbeit unveröffentlichte Textquellen nicht nur als Inspiration, sondern als Grundlage ihrer Musik verwenden dürfe.

Ganz nah und sehr frei

Die Gert-Jonke-Gesellschaft ermöglichte ihr einst, in des Autors Arbeitszimmer zu stöbern, zu suchen, zu sichten, zu arbeiten. Dabei geht es nicht nur um das Sammeln von Material, sondern um das Eintauchen in die ganz private Sphäre des Literaten, um ihm, an seinem Schreibtisch sitzend, nicht nur lesend, sondern auch räumlich näherzukommen. „Als ich der besonderen Einladung der Gert-Jonke-Gesellschaft folgte“, erzählt sie, „und ,das Künstlerzimmer‘ zum ersten Mal betrat, begann eine faszinierende Odyssee durch Mappen und Papierstapel. Ich fand Entwürfe bekannter Texte, die an Jonkes Art der Satzkonstruktion erinnern, in welchen er oftmals kompositorische Variationstechniken zur Anwendung brachte. Zum andern stieß ich auf unbekannte Textfragmente mit originell-surrealen Reflexionen über die menschliche Existenz. Diese Fundstücke wurden zur Grundlage neuer Kompositionen, in welchen ich versuchte, Jonkes Gedanken und Sprachintensität aus der Musik aufsteigen zu lassen. Dennoch sollen die Stücke auch von improvisatorischen Freiräumen leben, in denen dem spontanen Reagieren reichlich Raum gewährt wird.“   

Wort und Ton, Klang und Stille

Seit 2014 präsentiert Susanna Ridler die Früchte ihrer Jonke-Beschäftigung immer wieder in Konzerten, in denen sie virtuos mit Stimme und Elektronik agiert, und für die sie sich zwei namhafte Ausnahmemusiker als Partner suchte: den Alt-Saxophonisten und Flötisten Wolfgang Puschnig sowie den Kontrabassisten Peter Herbert. Zusammen formieren sie ein unorthodoxes Jazz-Trio, das durch einen improvisatorischen „Trialog“ jenes offene, bisweilen freitonale und unvorhersehbare Gepräge erlangt, welches Ridler vorschwebt. In das Trio integriert sie außerdem elektronische Geräte, um weitere klangliche Ebenen und spezielle Soundwelten in Echtzeit herzustellen. Das Ergebnis: Ridlers samtweiche, helle Stimme, manchmal glasklar, manchmal verfremdet, im Dialog mit Saxophon und Bass, die sich zwischen komponierten Passagen immer wieder Freiheit nehmen für das, was im Moment an Emotionen und Klängen entsteht. Es entspinnt sich ein reizvolles Wechselspiel von Wort und Ton, von Stimme und Effekt, von Klang und Stille. Und das, was da vor den Ohren der Konzertbesucher entsteht, ist nicht rein vertonte Sprachkunst, sondern ein tiefes Hineingehen in jede einzelne Silbe. Es scheint, als ob ihr Ego genauso wie die Persönlichkeiten der Musiker hinter einen Vorhang träten, um nur mehr Wort und Musik, Sprache und Klang wirken zu lassen.   

Faszinierende Zumutung

Markus Hering, der nicht nur aus dem Wiener Burgtheater, sondern auch aus Film- und Fernsehen bekannte Schauspieler, komme als Darsteller Gert Jonkes Sprachseele sehr nahe, meint Susanna Ridler. Dreimal durfte er Hauptrollen in Jonkes Stücken spielen und mit dem Dichter persönlich arbeiten. Eine Zumutung seien seine Texte für Schauspieler, lächelt Hering, da sei nichts eingängig, nichts einfach. „Aber wenn ich dann während der Proben irgendwann seine Texte wirklich wortwörtlich kannte, öffnete sich schlagartig noch einmal eine Tür“, sagt er. „Alles macht Sinn!“ Kein Buchstabe zu viel, keiner zu wenig. Alles streng durchkomponiert. Als Rezitator und Kenner sowie als Herausgeber einer wundervollen CD mit Jonke-Texten wird Markus Hering von Susanna Ridler jetzt ins Boot dieses langjährigen Projekts geholt. Der Abend im Gläsernen Saal ist der erste gemeinsame mit dem musikalischen Trio. Zwei langjährige, intensive Auseinandersetzungen mit Jonkes Sprachkompositionen finden nun zusammen, Passagen werden ausgewählt, neu bearbeitet, umgearbeitet, durchgeführt, gespiegelt. Ein textlicher Schwerpunkt, so viel sei verraten, wird an diesem Abend auf dem Thema „Musik“ liegen, die auch explizit Jonkes große Leidenschaft war.   

"Gert Jonke verstand sich in seinem Schreiben stets als Komponist, als einer, der notiert und der seine Lebensthemen Musik, Stille, Kunst und Komponieren immer wieder aufs Neue bearbeitet, umarbeitet, durchführt, spiegelt, wiederholt."

Geometrie der kreativen Geister

Der 1946 in Klagenfurt geborene, vielfach ausgezeichnete Gert Jonke, Lyriker, Dramatiker, Erzähler und Hörspielautor mit Filminteresse, war Zeit seines Lebens ein Querdenker, Kritiker und „Unbequemer“. Einer, der literarisch schwer einzuordnen ist. Zu seinem zehnten Todestag nimmt sich nun eine Musikerin, die ganz eigene, neue Wege beschreitet, seiner Texte an und widmet ihm eine CD und dieses Konzertprojekt. Es würde ihn freuen, denke ich ... Und freuen dürfen wir uns auf die „Geometrie der Seele“, auf Singstimme, Sprechstimme und Emotion pur! 

Karoline Pilcz 

Mag. Karoline Pilcz schreibt neben ihrer Tätigkeit als Sängerin kulturjournalistische Artikel und Rezensionen.