Alles zur rechten Zeit

Manfred Honeck 

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Am Pult der Wiener Symphoniker kehrt Manfred Honeck in seine musikalische Heimat Wien zurück. In Amerika setzt er seine Erfolgsgeschichte fort. Soeben, kurz nach seinem 60. Geburtstag, verlängerte er seinen Vertrag als Musikdirektor des Pittsburgh Symphony Orchestra. 

Sechzig, sagt man gern, ist das neue Vierzig – ein Trostsprüchlein für all die Alltagsmenschen, die aus den echten Vierzig schon zwanzig Jahre draußen sind und nun mit ihren Sechzig klarkommen müssen. Dirigenten gehören nicht zu dieser Spezies. Sie sind, auch im Hinblick aufs Alter, keine Alltagsmenschen. „Als Dirigent“, meint Manfred Honeck lachend, „kommt man mit sechzig ja gerade irgendwie ins Teenageralter ...“  

Ein Geburtstag der Zukunft öffnet

Soeben ist er sechzig geworden. Gefeiert hat Honeck, wie er sich’s wünschte, in Vorarlberg im Familienkreis, mit Kindern und Kindeskindern. Zwischen Konzerten in Pittsburgh und Proben bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden ließ es sich gerade so einrichten, dass er an diesem besonderen Tag einfach nur daheim war. Aber nicht hindern konnte und wollte er, dass man ihn draußen groß feierte. Das Pittsburgh Symphony Orchestra, das Honeck seit 2008 als Musikdirektor leitet, begann die neue Saison mit einem Birthday Special: „Manfred’s 60th with Zukerman“. Auf dem Programm standen da nicht nur Brahms’ „Zweite“ und Bruchs g-Moll-Konzert mit Zukerman als gratulierendem Solisten, sondern auch ein neues Werk von Mason Bates, das die Pittsburgher eigens zum 60. Geburtstag ihres Musikdirektors in Auftrag gegeben hatten. Wenn das kein musikalisch-opulentes Präsent ist! Und Honeck, so unspektakulär er auch privat sein Fest beging, genoss es. „Jedes neue Stück, das ins Leben gerufen wird, macht mir einfach Freude!“, sagte er noch vor der mit Spannung erwarteten Premiere. Ein Geburtstag also, der Zukunft öffnete.   

Nur ein Wort

Doch freilich: Solch ein rundes Wiegenfest gibt Anlass zum Innehalten. Manfred Honeck „at 60“. Welche Gefühle, welche Gedanken stellen sich da ein? Er habe, sagt Honeck spontan, gerade ein englisches Zitat gelesen – „Each day above the ground is a good day“ –, und das empfinde er auch als einen schönen Satz für sich selbst. „Aber wenn Sie mich fragen, wie ich mein Leben aus der Warte dieser sechzig sehe, dann kann ich einfach nur ein Wort sagen, und das ist: Dankbarkeit.“ Der Blick fällt dabei ebenso auf sein Leben in der Familie wie auf seine musikalischen Geschicke. Reich und intensiv ist dieses Leben. In Pittsburgh wurde sein Vertrag soeben um weitere zwei Jahre bis 2021/22 verlängert – Honeck hat das Erbe, das er von Mariss Jansons übernahm, fantastisch weiterentwickelt, gefeierte Tourneen bestätigen es ebenso wie der Gewinn des Grammy Award 2018. Und wenn Honeck nun, im Dezember, wieder zu den Wiener Symphonikern zurückkehrt, liegen nicht nur die Saisoneröffnungskonzerte in Pittsburgh hinter ihm, sondern in knapper Folge auch Gastdirigate bei der Sächsischen Staatskapelle, der San Francisco Symphony, dem Schwedischen Radio-Symphonieorchester (dessen Chef er war), dem Finnischen Radio-Symphonieorchester und dem New York Philharmonic. 

Die Stimmigkeit des Wegs

„Dankbarkeit“, das ist das Wort. Es zielt auf mehr und anderes als auf den „Erfolg“, der sich spiegelt in prominenten Namen. Nein, um den geht es gar nicht so sehr. Dankbar – das macht Honeck klar – ist er für die Stimmigkeit des Wegs, den er gehen konnte, und für jede einzelne Station. „Du kannst eine Karriere nicht planen“, sagt er, „du kannst nicht sagen, in zehn Jahren musst du da und da sein. Das muss dir gegeben werden.“  Das Vertrauen, dass alles zur rechten Zeit komme, prägt ihn. „Ja“, kommentiert er, darauf angesprochen – hält kurz inne und sagt dann klar und bestimmt. „Für mich ist auch der Wille Gottes sehr wichtig. Das bedeutet mir viel. Denn er weiß besser als ich, was gut ist für mich.“ Ein Satz, eine Confessio, die stark nachhallt und spüren lässt, wie tief diese Glaubensgewissheit in Honecks Lebensgeschichte verankert ist. 

Wie ein Blitz

„Gegeben“, angetragen wurden ihm all seine bisherigen Chefpositionen, ob es nun in Stockholm beim Radio-Symphonieorchester war, in Stuttgart an der Staatsoper oder eben in Pittsburgh beim Symphony Orchestra. Und ein Angebot, eine Einladung gab 1991 auch den entscheidenden Impuls, dass Honeck sich ganz fürs Dirigieren entschied. Der damals 33-Jährige hatte Familie, drei Kinder und einen musikalischen Traumjob – er war, schon im achten Jahr, Bratschist der Wiener Philharmoniker. Sicher: Das Dirigieren spielte schon länger eine starke Rolle in seinem Leben. Er hatte auch in diesem Fach Unterricht genommen, gründete das Wiener Jeunesse Orchester, das er selbst leitete, war als Assistent Claudio Abbados für das Gustav Mahler Jugendorchester tätig, übernahm Dirigate hier und da, sprang 1988 gar als Dirigent des ORF Radio-Symphonierochesters im Musikverein ein – aber den großen, den eigentlichen Sprung zu wagen, dazu brauchte es Mut. Und eben den Anstoß. Der kam von Alexander Pereira, der damals vom Wiener Konzerthaus an die Zürcher Oper wechselte und Honeck einlud, in der Funktion eines Ersten Kapellmeisters mitzukommen. „Wie ein Blitz traf es mich, ich spür’s noch heute, als er mich gefragt hat.“ 

Lennie’s starker Rat

Eine Kurzschlusshandlung aber wollte Honeck nicht setzen. Er erbat sich Bedenkzeit und suchte Rat bei vielen – so auch bei Leonard Bernstein, den er nach einer Probe im Künstlerzimmer des Musikvereins aufsuchte. Ein Schlüsselerlebnis für Manfred Honeck. „Draußen warteten jede Menge Leute, und der große Lennie Bernstein nahm sich fast eine Stunde Zeit, um mit einem gewöhnlichen Orchestermusiker über dessen Probleme zu reden! Schließlich sagte er mir: ,Manfred, wenn du das Gefühl hast und dein Herz dir es sagt: Dann mach es, dann geh hin! Aber wenn du das Gefühl hast, es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt, dann hab keine Sorge. Das nächste Angebot wird kommen.‘ Und das“, so Honeck heute, „fand ich unglaublich tröstend. Es nahm so viel Druck weg und gab mir die Freiheit, mich wirklich zu entscheiden. Wenn dein Herz dafür brennt – das wurde mir klar –, dann musst du dem nachgehen.“

,Manfred, wenn du das Gefühl hast und dein Herz dir es sagt: Dann mach es, dann geh hin! Aber wenn du das Gefühl hast, es ist noch nicht der richtige Zeitpunkt, dann hab keine Sorge. Das nächste Angebot wird kommen.‘
Lennie Bernstein zu Manfred Honeck

Väterliches Vertrauen

Dankbar – das Wort ist einmal mehr am Platz – erinnert sich Honeck an die Unterstützung, die damals auch von seinen Orchesterkollegen kam. Man gewährte ihm ein Jahr Karenz und dann noch ein zweites, damit er sich unbelastet ausprobieren könne. Ans Bratschenpult kehrte er nicht mehr zurück. Von Zürich aus ging es für Honeck bald schon zur ersten Chefposition an die Oper nach Oslo.  Rückblicke „at 60“: Der Mut zum eigenen Weg, das zeigt sich auch in der Rückschau, wurde gestärkt durch die Ermutiger – durch Freunde, Familie, Kollegen und eben auch, ganz wesentlich, die „Vaterfiguren“ unter den großen Dirigenten, denen Honeck begegnen durfte. Heute findet er sich selbst in einer ähnlichen Rolle wieder. Kürzlich, erzählt Honeck nebenbei, sei in Rom ein Trompeter auf ihn zugekommen und habe nach einer Probe nur diese eine Frage gestellt: ob er Familienvater sei ... Ja, warum? ... Das, so der Trompeter, spüre man! „Das Dirigieren“, sagt Honeck, „hat viel mit dem Wachsen und Reifen zu tun – und so gesehen eben auch mit dem, was eine Vaterfigur bewirken kann. Ich bemerke es mehr und mehr, dass die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, zu mir Vertrauen gewinnen, weil ich ihnen auch vertraue.“ 

Genauigkeit und Magie 

Als enorm selbstkritischer Mensch, der er immer gewesen sei, nimmt Honeck hier auch eine gewisse Veränderung seiner Einstellung wahr. In seiner Liebe zur Gründlichkeit, erzählt er, habe er seine musikalischen Vorstellungen früher nicht nur genau erarbeitet, sondern auch präzis konzipiert, sein eigenes Notenmaterial erstellt, Bogenstriche, Dynamik und Phrasierung eingetragen, alles sehr penibel und durchdacht. „Doch die Umsetzung ist mir vor dreißig Jahren nicht immer so gelungen. Auch deshalb“, sagt er heute gelassen, „weil man eben auch lernen muss, eine Idee, selbst wenn sie noch so gut sein mag, aufzugeben, wenn aus dem Orchester eine andere, vielleicht bessere kommt.“ Es sind nicht zuletzt diese Feinheiten der Interaktion und des Zusammenspiels, die für Manfred Honeck „das Magische der Musik ausmachen“.   

„Nützt die Zeit!“

Die Vaterrolle, wenn man so will, übernimmt Manfred Honeck gern auch in der Zusammenarbeit mit Jugendorchestern. Er selbst hat einst im Bundesjugendorchester gespielt und mit Jugendorchestern seine ersten dirigentischen Schritte gesetzt. Und so, wie ihn damals der Funke getroffen hat, so lässt er sich’s heute angelegen sein, ihn neu zu entzünden. Der technische Standard der Jungen, sagt er, sei exzellent: beste Voraussetzungen für tiefgreifende Begegnungen mit der Musik. Und um die geht es. „Später, im Profiorchester – das ist einfach die Realität – gibt es manchmal nur drei Proben vor einem Konzert. Die intensive Arbeitsphase in einem Jugendorchester aber eröffnet den Raum, wirklich einzudringen in die Werke. Und das will ich vermitteln: Nützt die Zeit, um diese Schönheit und das Besondere der Musik zu erleben!“ 

Musik fürs Leben

Und wie sieht Honeck, im weiteren gesellschaftlichen Horizont, die Zukunft seiner Kunst? Wird die klassische Musik noch in dreißig, vierzig Jahren gebührend wertgeschätzt? „Aber ja, da bin ich mir hundert Prozent sicher“, gibt er zur Antwort. „Und das aus einem schlichten Grund: Die Musik ist zu gut! Das Produkt, das wir ,verkaufen‘, ist einfach so fantastisch – eine ,Matthäuspassion‘, ein Mozart-Requiem, die Beethoven-Symphonien. Das ist Musik, die uns nie verlassen wird.“  Sorgen aber, fügt Honeck hinzu, mache er sich um die Bildung. „Und da geht es auch um die musikalische Bildung. Dass man heute dazu tendiert, den Musikunterricht aus der Schule zu drängen, aus wirtschaftlichen, aus finanziellen Erwägungen, das ist fatal. Kunst ist ein essenzieller Teil unserer Geschichte und Kultur. Und deshalb müssen wir immer wieder sagen, hier wie in Amerika: Money is not the first, es darf sich nicht alles ums Geld drehen!“  In Pittsburgh stehen gleich nach den Geburtstagskonzerten für und mit Manfred Honeck auch wieder Lunchtime-Recitals an, bei denen er – „Beyond the Baton“ – an diesem Bildungsauftrag mitarbeitet.  Man muss etwas erst kennenlernen, bevor man es schätzen kann. Es braucht die Begegnung, damit die Liebe zu Chancen kommt. Aber dann! „Klassische Musik“, sagt Manfred Honeck, „ist so eine Liebe. Die lässt einen nie wieder los.“ 

Joachim Reiber 

Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.