Rundum Musik

Julian Rachlin

In seinem vierteiligen Musikvereinszyklus präsentiert sich Julian Rachlin in allen Facetten seines Könnens – und mit seiner zukünftigen Frau.

Ein Jubiläum steht bevor. 2018 werden es dreißig Jahre, dass Julian Rachlin auf dem Konzertpodium erschienen ist. Er war dreizehn, als er 1988 beim Eurovisionswettbewerb in Amsterdam seinen internationalen Durchbruch erzielte. Bald darauf gab der Sohn einer Pianistin und eines Cellisten, denen die Emigration aus dem Breschnew-Regime in der UdSSR nach Wien gelungen war, mit den Wiener Symphonikern sein Debüt im Musikverein. Im Dirigentenzimmer, wo wir uns zum Interview treffen, sei es ihm endlich gelungen, dem verehrten Leonard Bernstein vorzuspielen, erzählt Rachlin. Das geplante gemeinsame Konzert in Boston sei nicht mehr zustande gekommen. Doch sein Debüt mit den Wiener Philharmonikern absolvierte Rachlin, als jüngster Solist in deren Geschichte, im Oktober 1990 im Rahmen des Bernstein-Gedenkkonzerts, wenige Tage nach Lennys Tod.
In dreißig Jahren ist Rachlin, geboren 1974 in Vilnius, seit 1978 in Wien ansässig, vom bestaunten Wunderkind zum vielseitigen Künstler gereift. Neben seiner Karriere als Violinsolist begann er schon 1996, sich zusätzlich der Bratsche zu widmen, und in letzter Zeit tritt er außerdem konsequent als Dirigent in Erscheinung: mit dem English Chamber Orchestra, mit der Camerata Salzburg, mit dem Orchestra della Svizzera Italiana. In der Saison 2015/16 wurde er als Erster Gastdirigent zur Royal Northern Sinfonia nach England berufen, ab 2017/18 hat ihn auch das Turku Philharmonic Orchestra für diese Position verpflichtet. Viele Aufgaben also und viel harte Arbeit für einen, der sich durchaus auch als bunten Vogel betrachtet und dem Leben insgesamt sehr aufgeschlossen gegenübersteht.

Training in der Businessclass

Etwa hundert Auftritte absolviert Rachlin pro Jahr, er ist praktisch ständig unterwegs und verbringt nur rund fünf Tage im Monat in seinem Zuhause in Wien. „Hier ist mein Nest“, sagt er. „Aber das Reisen macht mir Spaß.“ Schlaf sei das Wichtigste, „dann geht alles“. Gute Ernährung und Sport – Schwimmen und Tennis – sorgen für körperliches Wohlbefinden. Im Übrigen gilt jede Minute der Beschäftigung mit Musik, und zwar nicht nur dem Studium, sondern dem Üben. „Ich brauche das, viele Stunden, jeden Tag, auch am Instrument. Um in Form zu bleiben. Das ist wie Gymnastik, wie bei einem Sportler. Ich habe gelernt, zwischendurch einmal zwei Tage abzuschalten. Danach brauche ich dieselbe Anzahl von Tagen, um wieder in Form zu kommen.“ Wie zur Bekräftigung verschränkt er die Finger, dass die Gelenke knacken.
Wie praktiziert man stundenlanges Üben, wenn man stundenlang in Flugzeugen sitzt? „Bei Zwischenlandungen gehe ich in eine Behindertentoilette, dort ist Platz genug. Das funktioniert seit vielen Jahren. Ich übe aber auch im Flugzeug.“ Businessclass oder Erste Klasse seien meist wenig frequentiert, dann setze er seinen speziellen Stahldämpfer aufs Instrument, und schon kann er loslegen.

Von der Pike auf

„Mir geht es ums Musikmachen, aus verschiedenen Blickwinkeln“, argumentiert er seine Umtriebigkeit. „Der schönste, intensivste Teil ist natürlich die Kammermusik. Ich setze mich aber zum Beispiel im zweiten Teil eines Konzerts, in dem ich aufgetreten bin, auch oft hinten ins Orchester.“ Seit 1999 wirkt Rachlin zudem als Lehrer an der Musik und Kunst Privatuniversität Wien, wo er selbst einst bei Boris Kuschnir studierte, hält Meisterklassen und betreibt einen Blog mit Anleitungen für die Geigenpraxis. „Das ist eine schöne Form der Kommunikation“, findet er.
„Und ich lerne so viel, indem ich unterrichte.“ Und nun also die neue Herausforderung des Dirigierens. „Es war nie mein Plan. Der Wunsch ist über die Jahre gereift“, sagt Rachlin. Dabei hatte ihm Mariss Jansons, ein Studienkollege seiner Eltern und enger Freund der Familie, dringend abgeraten. „Er war der Erste, dem ich meine Entscheidung gebeichtet habe, und er hat mir gesagt: ,Glaub bloß nicht, dass du das irgendwie nebenbei machen kannst! Du musst es von der Pike auf lernen. Und wenn du denkst, dass ich dir helfe, dann sage ich Nein. Die ersten fünf Jahre will ich nichts davon wissen!‘“
Das Handwerk hat sich Rachlin mit Hilfe seiner Mutter Sophie angeeignet. „Die Mama ist auch ausgebildete Chordirigentin. Ich habe eine Probestunde genommen, und sie hat mich überzeugt!“

Alles zu seiner Zeit

Der Einstieg in die Praxis hatte sich zwanglos ergeben. „Vor etwa zwanzig Jahren wurde es Mode, dass Kammerorchester ohne Dirigenten spielen und dazu Solisten einladen. Da habe ich gewusst, dass mir die Musiker glauben.“ Als ihn der Konzertmeister des English Chamber Orchestra eines Tages fragte, ob er Ideen habe, war Rachlin vollkommen aus dem Häuschen. „Was heißt, ob ich Ideen habe!“ Er wirft die Arme in die Höhe. „Aber ich wollte keine halben Sachen machen. Ich wollte mir Zeit nehmen, in Ruhe bei null beginnen. Es eilt ja nicht. Als Dirigent bin ich ein Baby, dieser Beruf hat kein Ablaufdatum. Ich mache das mittlerweile zehn Jahre, und erst jetzt fängt man an, es zu bemerken; das ist für mich ganz richtig so.“
Das English Chamber Orchestra will ihn übrigens demnächst zum Chefdirigenten ernennen. Und zusätzlich zu den bereits genannten Positionen als Erster Gastdirigent in England und Finnland wird er dieselbe Aufgabe auch im norwegischen Kristiansand übernehmen. Der skandinavische Raum mit seinem großen Angebot an kleinen, aber feinen Ensembles sei ein guter Platz, um vieles zu verwirklichen, freut sich Rachlin. Drei Wochen pro Jahr wird er jeweils vor Ort sein, um drei Programme zu erarbeiten. Dazu kommen Gastdirigate in Moskau, Liverpool, Hannover. In Berlin wird er 2019 eines seiner geliebten Neujahrskonzerte dirigieren. Für den Erstversuch in Luxemburg hat er seinerzeit ein Jahr lang Programme zusammengestellt, „nicht nur mit Wiener Walzern, sondern auch mit russischem Repertoire und mit Ohrwürmern von Fritz Kreisler.“ Der Nachfolge von Willy Boskovsky steht also theoretisch nichts mehr im Wege.

„Es gibt so vieles …“

Irgendwann nach der Fünfjahresfrist hat es Rachlin gewagt, Mariss Jansons ein Video zu zeigen. „Danach war er bereit, sich um mich zu kümmern.“ Seither darf er an zwei Tagen pro Monat mit ihm gemeinsam jeweils ein bestimmtes Werk studieren. Er profitiert von seinem intensiven Kontakt zu Zubin Mehta und dem Israel Philharmonic Orchestra, dessen Archiv ihm zur Verfügung steht; er sucht und bekommt Rat bei großen Kollegen wie Valery Gergiev und Semyon Bychkov. „Ich bin so dankbar für diese vielen Möglichkeiten!“
Ein Anlass, das Dirigieren ernsthaft in Angriff zu nehmen, war nicht zuletzt eine Operation am Mittelfinger der linken Hand, die 2007 notwendig wurde. „Es war eine Zyste. Ich habe danach gut drei Monate nicht spielen können“, sagt Julian Rachlin. Eine Zeit der Ungewissheit. Es hätte das Ende der Solistenlaufbahn sein können. „Aber das wäre keine Tragödie gewesen“, meint er leichthin. „Ich hätte die Geige natürlich vermisst, aber ich hätte sofort etwas anderes begonnen. Vielleicht wäre ich Agent geworden oder hätte eine Plattenfirma gegründet. Es gibt so vieles, was man machen kann!“

Roger Moore und Beethoven

Das Verhältnis zwischen seinen Verpflichtungen als Solist und als Dirigent hat sich mittlerweile bei fünfzig zu fünfzig eingependelt, schätzt Rachlin. „So soll es auch bleiben. Höchste Priorität hat aber die Violine. Das sind jetzt die besten zwanzig Jahre.“ Mit seinem ursprünglich in Dubrovnik angesiedelten Festival „Julian Rachlin & Friends“ ist ihm nach fünf Jahren Pause heuer ein Neustart in Palma de Mallorca gelungen – eine Periode intensivsten Musizierens Musikfreunde | Magazin der Gesellschaft der mit bewährten Mitstreitern wie Itamar Golan, Janine Jansen, Mischa Maisky, Igudesmann & Joo. Auch Mama Sophie ist als Pianistin oft mit von der Partie. Und auch Sir Roger Moore pflegte sich verlässlich einzustellen. „Ihn habe ich bei einem Fundraising-Dinner in Südfrankreich kennengelernt“, erzählt Rachlin. „Er liebte klassische Musik, so ist unsere Freundschaft entstanden. Ich habe Roger und seine Frau nach Dubrovnik eingeladen, und sie waren begeistert. Nachdem sie zweimal als Gäste da waren, habe ich zu ihm gesagt: Du musst schon auch etwas arbeiten! So haben wir jedes Jahr ein Projekt mit Musik und Text für ihn erfunden. Zum Beispiel das Beethoven-Quartett op. 130 mit Passagen aus dem Heiligenstädter Testament – unglaublich! Und er war ja Unicef-Botschafter und hat mich in der gleichen Funktion dort eingeführt; die Honorare aus Dubrovnik haben wir immer gespendet.“ Im Andenken an den heuer im Mai verstorbenen Hollywoodstar ist, rechtzeitig zu dessen 90. Geburtstag im Oktober, eine CD erschienen, die das gemeinsame Tun dokumentiert. Der Erlös kommt ebenfalls Unicef zugute.

„Mir geht es ums Musikmachen, aus verschiedenen Blickwinkeln“ Julian Rachlin

Kunst und Leben

Ein anderer wichtiger Freund im Rang einer Vaterfigur war Udo Jürgens. Bei dessen letztem Auftritt in der „Helene Fischer Show“ wirkte auch Julian mit. Einst hatten die beiden sechs Jahre lang sogar eine kleine Wohnung am Wiener Parkring geteilt.
Von Udo Jürgens habe er Wichtiges „über den Umgang mit Menschen“ gelernt, sagt Rachlin, über die Wertschätzung jener vielen Mitarbeiter, die nicht „wichtig“ scheinen, aber den Betrieb am Laufen halten. „Die fangen einen auf, wenn es einem schlecht geht. Eine Karriere besteht ja nicht aus einer Kette von Erfolgen. Und Udo hat mir vor allem klargemacht, dass man seine Grenzen kennen und respektieren, sie andererseits aber auch immer wieder neu definieren muss. Ich glaube, das ist die größte Stärke, die man als Künstler haben kann.“
Mit knapp über vierzig realisiert Rachlin in nächster Zukunft freilich noch ein ganz anderes wichtiges, ja existenzielles Projekt: Sein Wunsch, eine Familie zu gründen, geht in Erfüllung. „Endlich habe ich meine bessere Hälfte gefunden“, strahlt er. Mit der kanadischen Geigerin Sarah McElravy, die im Rahmen seines Zyklus im Musikverein debütiert, wird am 19. Juni 2018 Hochzeit gefeiert. Mazel tov!

Monika Mertl
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).