Musik aus einer anderen Sphäre

Chen Reiss singt Mozart

Mozart steht auf dem Programm, wenn Chen Reiss unter Martin Haselböck im Großen Musikvereinssaal auftritt. Mozart gehört auch eine ganz spezielle Zuneigung der aus Israel stammenden Sopranistin, die gerne mehr italienisches Opernfach singen möchte und sich dafür engagiert, Kindern in ihrer Heimat den Zugang zur Musik zu erleichtern.

Inniglich“, „lieblich“, „zart und lyrisch“ wurde die Interpretation der Ilia durch Chen Reiss gelobt, die man in der letzten Premiere von Mozarts „Idomeneo“ 2014 an der Wiener Staatsoper erleben konnte. Es ist eine Oper und eine Rolle, welche die junge israelische Sopranistin besonders liebt. Ein Glück also, dass Chen Reiss im Dezember mit einer Arie daraus im Musikverein zu hören ist.
Wobei „Non temer, amato bene“ noch nicht bei der Uraufführung des „Idomeneo“ im Jänner 1781 in München erklingen konnte. Mozart hat die Arie 1786 hinzukomponiert – für eine konzertante Aufführung in Wien. Der Idamante wurde damals nicht von einem Kastraten, sondern von einem Tenor, von Baron Pulini, gesungen. Begleitet wird der Sänger von einem anspruchsvollen Violinsolo. In der Staatsopernproduktion von 2014 wurde diese Arie eingeschoben. Eine Ausnahme, denn sonst hört man das Stück selten. Bekannter, aber nicht damit zu verwechseln, ist eine gleichlautende Konzertarie. Es handelt sich um jenes Rondo mit Klavier (KV 505), das Mozart seiner ersten „Figaro“-Susanna, Nancy Storace, gewidmet hat.

Liebe zu Mozart

Chen Reiss hat beides gesungen. „Ich liebe diese Arien“, bekennt die Sopranistin, die Mozart und Bach als ihre Lieblingskomponisten nennt: „Ich singe viel Mozart. Nicht nur seine Opern, sondern auch im Konzert. Ich habe eine CD mit Konzertarien aufgenommen und mag seine Lieder. Ganz besonders aber seine geistliche Musik.“ Sogar vor dem Papst in Rom konnte sie diese Affinität beweisen. Im Petersdom durfte sie das „Et incarnatus est“ aus der c-Moll-Messe anstimmen.
Eine sogenannte „geistliche Motette“ steht dann mit dem „Exsultate, jubilate“ als zweites Stück auf dem Programm ihres Konzerts mit dem Orchester Wiener Akademie unter Martin Haselböck. Mozart schrieb das „Exsultate“, nachdem er für die Uraufführung von „Lucio Silla“ im Dezember 1772 nach Mailand gereist war. Einen Monat später wurde es hier durch den Kastraten Venanzio Rauzzini, der den Cecilio in „Lucio Silla“ kreiert hat, uraufgeführt. Ein himmlisches Stück, wie Chen Reiss schwärmt: „Man kann das nicht beschreiben, aber diese Musik bewegt sich auf einer anderen Ebene, in einer anderen Sphäre. Das ,Exsultate‘ ist sehr bravourös und virtuos. Dennoch ist der langsame Teil, das Andante, ganz schlicht und von großer Innigkeit. Es ist unfassbar, dass Mozart erst 16 Jahre alt war, als er es geschrieben hat. Ich freue mich sehr, dass ich es mit Martin Haselböck singen werde.“

Eine Frage des Stils

Unter seiner Leitung hat Chen Reiss nämlich eines ihrer allerersten Konzerte absolviert: „Ich war damals noch Studentin in den USA. Wir haben gemeinsam zwei Programme mit Bach-Kantaten mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra gespielt. Später haben wir uns in Wien wiedergetroffen: im Musikverein etwa für Glucks ,Orfeo ed Euridice‘. Ich singe sehr gerne mit Martin Haselböck, denn ich mag seinen Enthusiasmus sowie sein tiefes Verständnis für die Musik!“ Bei dem Konzert in Wien dirigiert er seine Wiener Akademie, die bekanntlich auf historischen Instrumenten musiziert. Chen Reiss hat diesbezüglich keine eindeutigen Präferenzen: „Gerade das ,Exsultate, jubilate‘ habe ich bereits oft gesungen, weil es so berühmt ist, und wurde dabei sowohl von modernen wie auch alten Instrumenten begleitet. Ich mag beides. Es geht für mich nicht darum, welche Instrumente spielen, es geht um den Stil. Es braucht diese gewisse Leichtigkeit mit wenig Vibrato. Hier haben natürlich die historischen Instrumente einen Vorteil. Andererseits kann man das auch auf modernen Instrumenten erreichen. Und die Intonation ist auf diesen einfacher. Ganz romantisch mag ich Mozart jedenfalls nicht. Es hängt ebenso davon ab, welches Tempo der Dirigent nimmt, wie die Artikulation ist, welchen Klang er vom Orchester verlangt. Gerade bei Mozart sollte es leicht und mühelos klingen.“

Innere Freude

Die klassische Musik begleitete Chen Reiss von frühester Jugend an. Ihre Mutter war Opernsängerin, hat Gesang unterrichtet und sogar eine Musikschule geleitet. Chen Reiss hat daher bereits als Kind Klavier gespielt und ging später ins klassische Ballett. Ihre Gesangsausbildung hat sie allerdings nicht bei ihrer Mutter absolviert, sondern bei anderen Lehrern: „Es war kein klarer, einfacher Weg. Ich musste meine Stimme finden. Und es ist jeden Tag eine Reise, denn der Körper ändert sich laufend. Erst recht wenn man Kinder bekommt, denn in der Schwangerschaft ist alles ganz anders. Manchmal bin ich auch müde, mag nicht mehr üben. Aber zum Singen habe ich immer Lust. Musik weckt in mir die Neugier, eine innere Freude. Musik ist Nahrung für meine Seele!“

Für die Jugend

Diese Neugier und Begeisterung an Kinder weiterzugeben hat sich die Sopranistin zur Aufgabe gemacht. So hat sie vor einem Jahr einen Freundeskreis des Israel Philharmonic Orchestra in Wien ins Leben gerufen. Mit Benefizkonzerten soll dabei auch eine Initiative finanziert werden, bei der Orchestermusiker in Israel Kinder für die Klassik begeistern sollen. Denn in ihrer Heimat ist der Musikunterricht an den Schulen nicht selbstverständlich. „Wir suchen keinen neuen Barenboim“, so Reiss. Aber sowohl israelische als auch arabische Kinder, die aus sozialen Gründen klassische Musik kaum kennenlernen würden, sollen durch Auftritte und Unterricht von Orchestermusikern, die in die Schulen kommen, interessiert werden.
Chen Reiss erinnert sich dabei an die Geschichte ihrer eigenen Mutter: „Meine Großeltern hatten keinen musikalischen Hintergrund, und meine Mutter hatte Glück, dass eine Nachbarin Musikerin, eine Akkordeonistin, war. Sie hat meine Mutter mit sechs Jahren singen gehört und meine Großeltern aufgefordert, das talentierte Mädchen ausbilden zu lassen!“

Im Strom der Musik

Ein wichtiger Mentor und künstlerischer Partner war für Chen Reiss stets Zubin Mehta, der dem Israel Philharmonic Orchestra tief verbunden ist. Ihm hat sie früh vorgesungen, mit ihm hat sie viel Mozart gemacht, darunter die Blonde in der „Entführung“, auch ihre erste Zerlina in „Don Giovanni“ – eine Rolle, mit der sie, wieder unter seinem Dirigat, im kommenden Sommer in London ihr Covent-Garden-Debüt geben wird. Sogar das „Exsultate, jubilate“ haben die beiden miteinander musiziert, bei einem Festkonzert in Israel, wo sie sich kürzlich, einmal mehr unter Mehta, sogar an ihre erste Liù in Puccinis „Turandot“ gewagt hat.
Ein Ausflug ins italienische Fach, den sie – neben ihren geliebten Mozart-Rollen, neben Partien von Richard Strauss und Händel – gerne auf der Bühne fortsetzen möchte: auch als Verdis Gilda, als Amina in Bellinis „La sonnambula“ oder als Donizettis Norina („Don Pasquale“): „Ich finde italienisches Fach einfacher zu singen. Natürlich braucht man eine gute Technik dafür, natürlich ist der Stil anders, aber es fließt stärker. Auch bei Richard Strauss ist es ein Genuss, im Orchesterklang zu baden, die Stimme strömen zu lassen. Bei Mozart muss man genau zuhören, präzise auf die Intonation achten. Es verlangt mehr Kontrolle, aber trotzdem muss es für die Hörer mühelos und spontan klingen. Man muss innerlich sehr ruhig bleiben, fast denken, man sei eine Oboe, und trotzdem viel Fantasie mitbringen. Denn die Frauen in Mozarts Opern sind nicht oberflächlich, sondern sehr tief gedacht. Seine geistliche Musik, die ist dann ganz anders als die seiner Opernwelt. Die kommt von Gott!“

Stefan Musil
Mag. Stefan Musil ist freier Kulturjournalist in Wien.