Österreichisch mit Weltresonanz

Gottfried von Einem

Österreichisch mit Weltresonanz

Gottfried von Einem war eine der großen, prägenden Figuren des österreichischen Musiklebens im 20. Jahrhundert. Zur Gesellschaft der Musikfreunde in Wien hatte er eine besonders enge, persönlich geprägte Beziehung. 

Otto F. Beer nannte Gottfried von Einem 1988 eine Galionsfigur des österreichischen Musiklebens. Franz Endler sah ihn schon 1965 in der Wiener „Presse“ als den „profiliertesten Österreicher“, und anlässlich seines 60. Geburtstages schrieb der Schweizer Maler und Komponist Peter Mieg, „Gottfried v. Einem zählt als Komponist zu den bedeutendsten Österreichern, ja, er ist der bedeutendste!“ Einem hat zwar versichert: „Es ist mir wurscht, was die anderen von mir sagen oder denken“, aber gefreut hat er sich ohne Frage dennoch darüber. Denn solche Bestätigungen hat der äußerlich so selbstbewusst Auftretende und im Inneren doch oft von Selbstzweifeln Geprägte gebraucht. Solche Zweifel, verbunden mit einem Hauch von Melancholie, entstanden unter der Last künstlerischen Verantwortungsgefühls, selbstgesteckter hoher Ziele und hausgemachter Skrupel – und führten letztendlich doch wieder zu einem mächtigen Aufbäumen. Es erscheint geradezu zwingend, dass er Nestroy, Kafka und Christine Busta vertont hat, und überzeugend, dass ihm Wilhelm Sinkovicz 1988 in der „Presse“ mit Herzmanovsky-Orlando huldigte, wenn er konstatierte, Einem habe sich zu einem „rechten Austriazismus (…), zu einer Art tarockanischem Nationalkomponisten“ entwickelt. Ja, Österreich war stolz auf ihn, und die Kunstszene wie die Funktionäre des Staates haben ihn das auch immer wieder erkennen lassen. 

Berlin, Salzburg, Wien und die Welt

Der „profilierteste Österreicher“ wurde 1918 in Bern als Sohn des österreichischen Militärs und Diplomaten William von Einem und seiner aus einer kurhessischen Beamten- und Offiziersfamilie stammenden Frau Gerta-Luise von Einem, geb. Riess von Scheurnschloss, geboren. Sein leiblicher Vater war allerdings der oberungarische Graf Laszlo Hunyady. Die Kindheit verbrachte er in Schleswig-Holstein, wo die Familie Besitzungen hatte und der Sohn ein Internat besuchte, erste selbständige musikalische Gehversuche machte er in Berlin, und Wurzeln in Österreich schlug er schon als junger Mann in einem in altem Familienbesitz befindlichen Haus in der Ramsau. Das wurde ihm 1944 erstmals zur wirklichen Heimat. Die Ramsau war erst Wohnsitz und später Refugium, als er 1946 in Salzburg bzw. bald in St. Jakob am Thurn bei Salzburg und schließlich 1953 in Wien ansässig geworden war. Mit der Uraufführung von „Dantons Tod“ bei den Salzburger Festspielen 1947 wurde er zum in der ganzen Musikwelt bekannten und anerkannten österreichischen Komponisten, der den musikalischen Institutionen Österreichs eng verbunden wurde. Schon 1946 begann er eine Beratertätigkeit für das Direktorium der Salzburger Festspiele und die Wiener Konzerthausgesellschaft, 1954 übernahm er den Vorsitz im Kunstrat der Salzburger Festspiele. 1960 trat er in die Direktion der Wiener Festwochen ein (bis 1964), 1963 wurde er Professor an der Wiener Musikhochschule (bis 1972), 1965 bis 1970 war er Präsident der Österreichischen Gesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger, als Wiener Operndirektor war er mehrmals im Gespräch, er war für die österreichische Unesco-Kommission tätig, und ein offizielles Geschenk Österreichs an die UNO stammte aus seiner Feder.

Daheim im Musikverein

In den siebziger Jahren wurde die Gesellschaft der Musikfreunde nach und nach zum künstlerischen Zuhause Gottfried von Einems, insbesondere nachdem Albert Moser 1973 zum Generalsekretär bestellt worden war. Einem wurde Mitglied der Direktion und 1976 Ehrenmitglied. Nachdem er lange Ehrfurcht und Scheu vor der Gattung Symphonie gehabt hatte, schrieb er endlich seine erste „wirkliche“ Symphonie als Auftragswerk der Gesellschaft der Musikfreunde. Und nachdem er in einer anderen klassisch gewordenen Form, die er lange gar nicht mochte, heimisch geworden war, wurden sein zweites bis fünftes Streichquartett im Brahms-Saal des Musikvereins uraufgeführt, wie denn überhaupt Intendant Thomas Angyan für das Spätwerk Einems die Tore des Musikvereins weit geöffnet hielt, bis zur Uraufführung des Opus posthumum, eines Streichtrio-Fragments, am 7. Oktober 1996, drei Monate nach dem Tod des Komponisten.
Eine geradezu intime Verbundenheit hatte Gottfried von Einem zu Archiv, Bibliothek und Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde. Am Samstagvormittag kam er am liebsten, um dort Handschriften und Partituren zu studieren, weil er allein und unbeobachtet sein wollte und wusste, dass ich mir da als Gesprächspartner jede Menge Zeit für ihn nehmen würde, jede Menge unvergessliche Zeit, kann ich heute sagen. Seine Handschriften, Korrespondenz und Bücher hat er schon zu Lebzeiten für das Archiv bestimmt („Vorlass“ nennt man das mit einem neudeutschen Wort); dort präsent zu bleiben, wo man praktisch alle großen Meister der Musikgeschichte studieren kann und wo sich u. a. auch der Nachlass von Johannes Brahms befindet, das war für ihn bestechend. 

Fürs Gute intrigieren

1968 schrieb Herbert Schneiber im „Kurier“: „Seine Freunde sagen, er intrigiere fast so gut, wie er komponiere“. Das brachte er aber sofort auf den Punkt: „Seine Freunde versichern aber auch gerne, dass er vornehmlich für gute Dinge intrigiere und dies unter Umgehung der eigenen Person.“ Was er für richtig und wichtig hielt, dafür setzte er sich ein, dafür intrigierte er, dafür war er, falls es ihm nötig erschien, auch lästig. Das konnten Ideen und Projekte sein, das waren aber auch oft Kollegen und junge Komponisten, manchmal auch Interpreten. Heimo Erbse und Rudolf Wagner-Régeny hat er zu Salzburger Festspielehren verholfen, Francis Burt hat Einem an die Wiener Staatsoper und seinen Lehrer Boris Blacher in den Musikverein gebracht. Allen Jüngeren, die er anerkennenswert fand, war er Wegbereiter in die erfolgreiche Selbstbehauptung. Das konnten seine Schüler sein (wie HK Gruber, Dieter Kaufmann oder Martin Bjelik) oder einfach junge Komponisten, die sich an ihn wandten (wie Friedrich Cerha, Arvo Pärt oder Werner Pirchner). Der Personalstil war für ihn kein Kriterium, nur Qualität. Und wenn zwei seiner Schüler (Martin Bresnick und Klaus Sattler) erfolgreiche Filmmusikkomponisten wurden, so war er auf sie genauso stolz wie auf die anderen.

Ganz groß und ganz einfach

So spontan sich Einem für andere und anderes einsetzte, so rasch konnte er auch Beziehungen abbrechen. Einem war selbstlos und dankbar, liberal und offen, aber wenn er sich enttäuscht oder schlecht behandelt fühlte (es genügte das Fühlen, es musste gar kein Faktum sein), dann kannte er auch tiefste Ablehnung. Der stark und sicher auftretende Herr, die bezwingende Persönlichkeit war eben auch ein emotionsbestimmter Künstler. Einem war durch und durch ein Weltmann, aber fast über Nacht hat er den Salon der großbürgerlichen Wohnung in der Beletage eines Gründerzeithauses im Wiener Botschaftsviertel mit einem ebenerdigen Häuschen im Waldviertel vertauscht. Dominierten erst in seinem Schaffen die großen Formen, so ist sein Spätwerk filigran bis zur Einstimmigkeit geworden. Zwanzig Jahre nachdem er erklärt hatte, „Streichquartett: mag ich ganz und gar nicht“, hat er begonnen, nach und nach fünf Streichquartette zu komponieren.

Vorläufer der Postmoderne

Stets treu geblieben ist er aber seinen musikalischen Grundsätzen. Er war überzeugt, sich auf dem Boden der Tonalität neu und sehr persönlich ausdrücken zu können – und hat dies bewiesen. War er damit in den Augen mancher Zeitgenossen ein Nachzügler, so wissen wir heute, dass er damit ein Vorläufer der Postmoderne oder der Neubesinnung auf die Tonalität war. Hat Einem in seinen frühesten Opera mit Jazzrhythmen geliebäugelt (trotz oder wegen der Ächtung durch die Nazis, denn das Löcken wider den Stachel hat ihn immer inspiriert), so hat er dann, als der Jazz wieder erlaubt war, ganz allgemein den rhythmischen Einfall aufgewertet und neben den melodischen und harmonischen gestellt. Wenn er immer den Einfall als das Primäre der kompositorischen Arbeit ansah und nicht das Konstruktive (das er „Ingenieur-Jargon“ nannte), so war für ihn die Verarbeitung des Einfalls nur mit kontrapunktischer Arbeit vorstellbar. 
Die spezifisch österreichische Kontrapunkt-Tradition hat er bei Johann Nepomuk David gelernt. Im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde hat er Kompositionsmanuskripte von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms und Bruckner mit Ehrfurcht sowie mit (von ihm selbst immer bescheiden relativiertem) Lob und Tadel für kontrapunktische Lösungen studiert; mit Arbeitsmanuskripten von Komponisten, für die die kontrapunktische Arbeit nicht so wichtig war, war er rascher fertig. „Wenden Sie kontrapunktische Mittel nach Lust und Laune an“, empfahl er seinem Schüler Martin Bjelik. Wer einen solchen Satz schreibt, ist wirklich ein profiliert österreichischer Komponist. 

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© Wolf-Dieter Grabner

Gottfried-von-Einem-Saal 

Gottfried-von-Einem-Saal

In 1996, following a complete renovation of the space, the former chamber concert hall of the Musikverein was reopened as the Gottfried von Einem Saal. The Gesellschaft der Musikfreunde chose the name to honour a composer with whom the Musikverein has a particularly close connection. Gottfried von Einem (1918–1996) premiered countless works at the Musikverein and bequeathed his large collection of scores, books and letters to the Musikverein archives upon his death.

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Gottfried von Einem

Weltenbürger der Musik

Musikverein, Ausstellungssaal
April - Juni 2018

Zwei Jahrzehnte nach seinem Tod wissen wir, dass Einem nicht – wie es manchen schien – einer der letzten der alten Schule, sondern einer der ersten der Postmoderne war, der geistige Vater einer neuen Generation, die der Tonalität viel Neues abgewinnen kann. Wie lange kein österreichischer Komponist vor ihm war er weltweit anerkannt. Seine Werke erlebten ihre Uraufführungen in vielen europäischen Ländern, in den USA und in Japan. Er ist im internationalen Repertoire präsent geblieben. Anlässlich seines hundertsten Geburtstages kann man mit einem Blick zurück künstlerische Bilanz ziehen und den Blick voraus darauf aufbauen.

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