07. 11月 2005

19:30 Gläserner Saal / Magna Auditorium, Musikverein

Trio Eis

Hsin-Huei Huang | Furrer • Scelsi • Haubenstock

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Poesie und Struktur

Beat Furrer und Helmut Lachenmann beim Festival Wien Modern 

Ausdruck und Konstruktion, Herz und Hirn, sinnliche Wahrnehmung und Gedankenfülle – mit solchen Gegensatzpaaren wird die Auseinandersetzung um die Neue Musik häufig geführt. Ebenso häufig wird beklagt, es fehle ihr bei aller technischer Raffinesse an Emotion. Doch liegt bei den aktuellen Produkten zeitgenössischer Tonsetzer wirklich ein unüberbrückbarer Widerspruch zwischen Denken und Fühlen? – Nein, wie beispielsweise das Festival „Wien Modern“ beweist. Auch in diesem Jahr schickt es sich an, den Verdacht der Kopflastigkeit der Neuen Musik überzeugend zu entkräften und ihrer Sinnlichkeit auf die Spur zu kommen.

Es ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte, auf die Wien Modern, 1988 auf Initiative von Claudio Abbado gegründet, inzwischen zurückblicken kann. Volle Säle, gespannte Aufmerksamkeit im Auditorium, fruchtbare Diskussionen in den Pausen und nach den Konzerten prägen die Stimmung, mit der Österreichs wichtigstes Forum für zeitgenössische Musik Jahr für Jahr im Spätherbst dem Wiener Konzertleben einen kräftigen Akzent verleiht. Dabei liegt das Geheimnis dieses Erfolgs vielleicht darin, daß sich von den enthusiastisch komponierten Programmen keineswegs nur ein Fachpublikum angesprochen fühlt. Vielmehr hat sich mit der Zeit eine eigene, bunt zusammengesetzte Fangemeinde herausgebildet, die sich dank des günstigen Generalpasses um den Gegenwert einer Konzertkarte mittlerer Kategorie einen Großteil der 60 Veranstaltungen zu Gemüte führen kann. Das weckt die Neugierde gerade auch auf (noch) Unbekanntes, die die Voraussetzung für echte Entdeckungen bildet.

Ungeahnte Klangdimensionen

Entdeckt werden kann im heurigen Programm von Wien Modern zunächst ein Komponist, der selbst als Entdecker Musikgeschichte geschrieben hat: Der Deutsche Helmut Lachenmann (* 1935) steht im Zentrum eines Komponistenportraits, das den Bogen von frühen Stücken aus den Sechzigerjahren – etwa dem Streichtrio aus dem Jahr 1965, das das Ensemble Recherche am 17. November im Brahms-Saal interpretieren wird – bis heute spannt. Der Schüler von Johann Nepomuk David, dem österreichischen Altmeisters des Kontrapunktes, und Luigi Nono, dem Schwiegersohn Arnold Schönbergs, hat sein Augenmerk konsequent auf das Innenleben der Klänge gerichtet und damit einen faszinierenden und vorher ungeahnten Kosmos freigelegt. Helmut Lachenmann interessierte weniger der landläufig „schöne“, normale Ton als Ausgangsmaterial, sondern seine Nebenprodukte: das Streichen auf einer Violinsaite, das Blasgeräusch einer Tuba, das Atmen des menschlichen Stimmapparates oder die verborgenen Obertonstrukturen eines Klaviertones. Was dabei zunächst fremd erscheinen mag, entwickelt sich bei genauerer Wahrnehmung nicht nur zu reizvollem Neuland, sondernentfaltet auch eine neue Form von Schönheit. Als unermüdlicher Erforscher der akustischen Möglichkeiten der traditionellen Instrumente und der Stimme erinnert Helmut Lachenmann nicht nur an die innigen Beziehungen, die zwischen Musik und Wissenschaft einst geherrscht haben; von seinen Klangerkundungen zehren inzwischen schon mehrere Komponistengenerationen, und die zeitgenössische Musiksprache wäre ohne sein Schaffen überhaupt nicht vorstellbar. Einst als Avantgardist verschrien, wird Helmut Lachenmann heute längst als Klassiker der Moderne gefeiert, und seine Andersen- Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ erzielte auch in Wien vor zweieinhalb Jahren einen phänomenalen Erfolg.

Filigrane Klanggebilde

Ein zweites Portrait ist einem der profiliertesten österreichischen Komponisten unserer Zeit gewidmet: dem aus der Schweiz stammenden, doch schon seit dreißig Jahren in Wien heimischen Beat Furrer (* 1954), dem mit der Gründung des Klangforum Wien ein unschätzbarer Impuls für die kulturelle Landschaft Österreichs zu verdanken ist. Neben seinen Tätigkeiten als Kompositionsprofessor an der Kunstuniversität Graz sowie als Dirigent eigener und zahlreicher fremder Werke hat Beat Furrer ein umfangreiches OEuvre geschaffen, das ebenfalls in einem repräsentativen Querschnitt zu erleben sein wird. Die Werkschau seiner feingliedrig durchstrukturierten, doch immer durch und durch sinnlichen Klanggebilde reicht vom zwischen 1983 und 1986 entstandenen großen Orchesterwerk „Chiaroscuro“, das der frisch an der Wiener Musikhochschule diplomierte Komponist seinem Lehrer Roman Haubenstock-Ramati gewidmet hat (und das am 11. November im Großen Musikvereinssaal durch das RSO Wien unter der Leitung des estnischen Dirigenten Olari Elts erklingen wird) bis zu zwei großen Projekten mit neuen Stücken, die die ganze Bandbreite von Beat Furrers künstlerischer Welt abstecken: einem gemeinsam mit dem Maler Hanns Kunitzberger erarbeiteten „optisch-akustischen Raum“, der im Museum für angewandte Kunst errichtet wird, und dem „Hörtheater“ „Fama“ im Museumsquartier. Mit Klavier- und Kammermusik stellen vier junge Musiker am 7. November im Gläsernen Saal / Magna Auditorium intimere, aber um nichts weniger spannende Werke von Beat Furrer vor.

Geschärfte Wahrnehmung

So verschieden die Musik von Beat Furrer und Helmut Lachenmann auch klingen mag, so ist ihnen doch eine ganze Reihe von Eigenschaften gemein: Beide schaffen in unserer reizüberfluteten Welt das Kunststück, neue und geschärfte Formen der hörenden Wahrnehmung zu ermöglichen; beide zeichnet auch der Anspruch aus, sich nicht mit dem Erreichten zufriedenzugeben, sondern ihre klanglichen Erkundungen immer weiter zu treiben; beide verbinden schließlich größte technische Materialbeherrschung mit purer Sinnlichkeit. So wird mitunter eine große Nähe zwischen den beiden Komponisten spürbar, die Helmut Lachenmann in einem gemeinsamen Gespräch einmal mit den Worten umschrieben hat, er sei ein Strukturalist, aber ein poetischer, und Beat Furrer ein Poet, aber ein strukturalistischer.

Sprachlose Botschaft

Wien Modern 2005 stellt diese beiden großen Persönlichkeiten ins Zentrum des Programms (beide werden übrigens auch als Interpreten ihrer Musik in Erscheinung treten werden) – und bietet darüber hinaus noch eine Vielfalt von Veranstaltungen, für die an dieser Stelle Stichworte genügen müssen: Als Teil einer Hommage an den italienischen Klangmagier Giacinto Scelsi ist ein Musikvereinskonzert des Ensembles Kontrapunkte von Peter Keuschnig zu verstehen, das Werke von Landsleuten Scelsis mit einem Stück des Wieners Roland Freisitzer kombiniert; der „Dschungel“ möchte (als kleines Festival im Festival) einem jungen Publikum ab sechs Jahren in geeigneter Form innovative Inhalte näherbringen; und unter dem Motto „collective identities“ gibt es eine eigene Programmschiene für Experimentelles abseits etablierter Musizier- und Komponierformen. Alle dieser Ansätze vereint bei all ihrer Unterschiedlichkeit der Versuch, mit den Mitteln der Zeit etwas über diese Zeit auszusagen. Oder wie es Helmut Lachenmann einmal auf den Punkt gebracht hat: „Musik als sprachlose Botschaft von ganz weit her – nämlich aus unserem Innern.“

Daniel Ender 

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