24. 1月 2022

19:30 Großer Saal, Musikverein

Il Giardino Armonico • Kammerorchester Basel

Giovanni Antonini | Haydn • Rossini

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Remarks

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Surprise!

Die Kunstpsychologie des Überraschens

In England, wo Joseph Haydns Symphonie „Mit dem Paukenschlag“ 1792 uraufgeführt wurde, führt sie den Beinamen „The Surprise“. Der Name kam erst hinterher in Umlauf, klarerweise. Denn was wäre eine Überraschung wert, wenn man sie vorher schon ankündigen würde? Rüdiger Görner hat sich Gedanken zu Dramaturgie und Kunst des Überraschens gemacht – und kommt dabei zu überraschenden Einsichten.

Gehen wir vom Wort „Überraschung“ aus: Wenn sich etwas über alle Maßen rasch vollzieht, überrascht es uns. Meist sind Überraschungen mit Freude verbunden oder mit dem Wunsch, jemandem eine Freude zu bereiten, wobei Volkes Mund auch die „böse Überraschung“ kennt. Die Überraschung ist mit Plötzlichkeit verwandt, denn es wäre widersinnig, von einer allmählichen Überraschung zu sprechen.
Gibt es das: einen überraschungstauglichen Kunstgriff? Eine gelinde Überraschung kann in der Musik schon ein unerwarteter Tonarten- oder Rhythmuswechsel sein. Oder das kecke Hereinrufen der Klarinette im Finalsatz von Bruckners Fünfter, ein Ruf, aus dem dann ein orchestrales Hauptthema wird. Musikalisch weiter gefragt: Ist es noch eine „Überraschung“ oder etwas Erhaben-Wundersames, wenn Bach seine Chaconne als Abschluss der zweiten Partita für Violine in d-Moll dreimal so lange werden lässt wie irgendeinen anderen Satz seiner drei Partiten? Vor allem dann, wenn man sich verdeutlicht, dass er diesen Satz nach dem so plötzlichen Tod seiner ersten Frau, Maria Barbara, komponiert hatte, eine dynamische Klage, die sich von sich selbst gar nicht mehr erholen möchte, die sich perpetuiert und deren Ende dann Vollendung und Abbruch (der Elegie, der Trauer) in einem ist?
Haydns vierundneunzigste Symphonie trägt bekanntlich im Deutschen anders als im Englischen, Französischen und Italienischen nicht die Bezeichnung „Überraschungssymphonie“, sondern „Mit dem Paukenschlag“. Im Spanischen hat sich eine Doppelbezeichnung eingebürgert: „La sorpresa o La del toque de timbal“. „Überraschungssymphonie“ hätte im Deutschen etwas von „Kinderüberraschung“, klänge irgendwie daneben, als schlagkräftige Bezeichnung wäre sie einfach zu vielsilbig. „Mit dem Paukenschlag“ – man weiß sogleich, was Sache ist.

Takt 16, zweiter Satz. Da geschieht es: Das Andante scheint dabei, sich einzuschläfern, da reißt der Fortissimo-G-Dur-Akkord den gemachen Rhythmus auf. Haydn soll laut seinem Biographen Georg August Griesinger kommentiert haben, es sei ihm daran gelegen gewesen, „das Publikum durch etwas Neues zu überraschen, und auf eine brillante Art zu debütieren, um mir nicht den Rang von Pleyel, meinem Schüler, ablaufen zu lassen, der zur nämlichen Zeit bey einem Orchester in London angestellt war (im Jahr 1792) und dessen Konzerte acht Tage vor den meinigen eröffnet wurden“. Dessen biographischer Konkurrent um das treffende Haydn-Bild, Albert Christoph Dies, überliefert Haydns Absicht dagegen so: „Haydn machte mit Verdruß die Bemerkung, daß selbst im zweiten Akt [der Konzerte] der Gott des Schlafs seine Flügel über die Versammlung ausgebreitet hielt. Er sah das für eine Beschimpfung seiner Muse an, gelobte, dieselbe zu rächen, und komponierte zu diesem Endzwecke eine Symphonie, in welcher er da, wo es am wenigsten erwartet wird, im Andante, das leiseste Piano mit dem Fortissimo im Kontrast brachte. Um die Wirkung so überraschend als möglich zu machen, begleitete er das Fortissimo mit Pauken. […] Haydn hatte die Paukenschläger vorzüglich gebeten, dicke Stöcke zu nehmen und recht unbarmherzig dreinzuschlagen. Diese entsprachen auch völlig seiner Erwartung. Der urplötzliche Donner des ganzen Orchesters schreckte die Schlafenden auf, alle wurden wach und sahen einander mit verstörten und verwunderten Mienen an. […] Da aber während dem Andante ein empfindsames Fräulein von der überraschenden Wirkung der Musik hingerissen, derselben nicht hinlängliche Nervenkräfte entgegenstellen konnte, deswegen in eine Ohnmacht fiel und an die frische Luft geführt werden mußte, so benützten einige diesen Vorfall als Stoff zum Tadel und sagten, Haydn habe bisher immer auf eine galante Art überrascht, doch dieses Mal sei er sehr grob gewesen. Haydn bekümmerte sich wenig um den Tadel; sein Endzweck, gehört zu werden, war vollkommen und selbst für die Zukunft erreicht.“ Nun, Ohnmachtsanfälle aufgrund dieser einen Orchesterstelle sind selten geworden. Was beiden Überlieferungen zu entnehmen ist: Haydn wollte überraschen, verband er diesen Effekt doch mit „Neuem“, so wie ein Anderer später mit dem neuen „Tristan-Akkord“ überraschte, nein verblüffte. Denn das Verblüffen darf als Steigerung des Überraschens gelten. Überraschungen in der Musik sind eben das Unerhörte. Kein Stück überlebt im Repertoire, das nicht zunächst unerhört war.

Nicht jeder lässt sich gern überraschen. Denn Überraschungen werfen uns für Augenblicke des Entzückens aus der Bahn des Üblichen. Beethoven, dessen ganzes Werk aus musikalischen Überraschungen in Form vollkommener Klangexperimente besteht, widmete Fürst Lichnowsky seine Klaviersonate Nr. 27 mit den Worten, dass er ihm „eine Überraschung“ habe bereiten wollen, eine unter zahllosen. Künstler verstehen sich nun einmal darauf, das Bedürfnis des Menschen nach spontanem Wechsel, das mit einem unbestimmbaren Glücksempfinden einhergeht, formgerecht auszureizen. Überraschungen, selbst der bescheidensten Art, entlasten, wenn auch nur kurzzeitig, den Menschen von psychischem Druck.

Jean-Antoine Watteau schuf um 1718/19 eine Ikone der Rokoko-Malerei, genannt „La Surprise“. Am Maßstab der Rokoko-Ästhetik gemessen, besteht die „Überraschung“ dieses Gemäldes in der sinnlichen Intensität, mit der Watteau die Umarmung des Liebespaares darstellt, ebenso die Dynamik der Mezzetino-Figur aus der Commedia dell’Arte, die ihre Gitarre stimmt, um sich in diese Liebesszene, isoliert auf verlorenem Posten bleibend, einzustimmen. Das Bild fängt eine rauschende Bewegung ein. Statisch wirkt nur ein kleiner Hund, der die Szene beobachtet. Überraschung ist hier zweierlei: der Kuss und das Auftreten des Mezzetino. Überraschend ist auch, dass der Gitarrist zu seiner künftigen Melodie bereits zu tanzen scheint, denn das Bild zeigt ihn ja beim Stimmen seines Instruments.

„Surprised by Joy – impatient as the wind“, wie Wordsworth dichtete; C. S. Lewis, einst ein Schriftsteller mit Millionenauflagen, heute allenfalls noch bekannt als Verfasser des Epos für Kinder, „Die Chroniken von Narnia“ (1950), erfolgreich verfilmt mit Tilda Swinton in einer der Hauptrollen (2005), Lewis also wählte diese Formulierung von Wordsworth, jedoch ohne den Zusatz „ungeduldig wie der Wind“, als Titel für seine Autobiographie. Diesen Augenblick des Überrascht-Werdens durch Freude beschreibt er als den Moment seiner Konvertierung vom Atheismus zum christlichen Glauben, ein Umkehrpunkt im Lauf des Lebens.
Noch einmal gefragt: Wie wird die Überraschung zum Kunstgriff, der zudem darin besteht, etwas zu schaffen, das anhaltend aufmerken lässt und sich nicht in seinem Überraschungswert verbraucht? Die Überraschung ist das Unvermutete. Ob Komponist oder Couturier (Modekreationen leben Saison um Saison von leibhaftig tragbaren Überraschungen!), Dichter, Bildkünstler (von Installationen vor allem!) oder Regisseur – es muss ihnen gelingen, mit einem Einfall das Publikum zu verwundern, das abgenutzte Kunstkonsumverhalten jäh zu durchbrechen. Wenn wir als Hörer oder Betrachter, als Leser oder Warenkunden für einen auch längeren Augenblick aufmerken, dann ist die Überraschung gelungen. Wir brauchen Überraschungen, um nicht zu verdämmern, um zu spüren, was ein Reiz ist, ohne dass die Kunst den Reiz überreizt. So scheitert eine Inszenierung, die eine Überraschung nach der anderen bietet. Wer nur noch überrascht, enttäuscht. Auch für allzu bemüht bereitete Überraschungen, ob auf der Bühne, im Kunstwerk oder im Privaten, gilt Goethes Wort im „Tasso“: „So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.“ Vermutlich bemüht sich deswegen unser Mezzetino so sehr darum, spielerisch seine Gitarre zu stimmen, damit sein überraschendes Hinzukommen zu dieser Watteau’schen Liebesszene stimmig bleibt.

Rüdiger Görner
Univ-Prof. Dr. Rüdiger Görner ist Professor für neuere deutsche Literatur und Gründungsdirektor des Centre for Anglo-German Cultural Relations am Queen Mary College, University of London. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher – u. a. über Hölderlin, Goethe, Nietzsche, Trakl, Rilke,Thomas Mann und Oskar Kokoschka – und zuletzt „Romantik. Ein europäisches Ereignis“. 

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