03. 4月 2022

19:30 Großer Saal, Musikverein

City of Birmingham Symphony Orchestra

Mirga Gražinytė-Tyla | Johannes Brahms

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プログラム

ツィクルス

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Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

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Remarks

Keine Pause.
Anstelle von Camilla Tilling und Florian Boesch übernahmen Janai Brugger und Thomas E. Bauer die beiden Gesangspartien.

 

2022年4月4日 | Der Standard / Ender, Stefan

Musikverein: Symphoniker aus Birmingham und Mirga Gražinyte-Tyla

Das "Deutsche Requiem" von Johannes Brahms, kraftvolle Vitalität und ein indisponierter Bariton

Ihr Auftreten: strahlend, frisch, leicht; eine kindliche Reinheit ist der zweifachen Mutter zu eigen. Mit zwei Programmen gastiert Mirga Gražinytė-Tyla im Wiener Musikverein, zusammen mit den City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO), dem die 36-Jährige in ihrer sechsten und letzten Saison als Chefdirigentin vorsteht.

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2022年4月4日 | Wiener Zeitung / Eigl, Marion

Kreise, die sich schließen

Mirga Grazinyte-Tyla dirigiert das City of Birmingham Symphony Orchestra.

Exakt am 125. Todestag von Johannes Brahms stand sein "Deutsches Requiem" im Wiener Musikverein auf dem Programm, interpretiert von einem famosen Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

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Frisch aus der Druckmaschine

Das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms in einer Neuausgabe

Wenn Mirga Gražinytė-Tyla in ihrem Musikvereinsporträt Brahms’ „Deutsches Requiem“ dirigiert, wird aus druckfrischem Notenmaterial gespielt. Es ist Teil der neuen Brahms-Gesamtausgabe, an der die Gesellschaft der Musikfreunde als Mitherausgeberin beteiligt ist. Archivdirektor Johannes Prominczel gibt Einblicke.

Gemeinhin bleiben Neueditionen im Konzertleben ohne Widerhall. Warum auch nicht? Eine alte Partitur, vielleicht eine Handschrift wird im Notenprogramm neu gesetzt, dann werden noch allfällige Fehler ausgebessert, und schon ist die Grundlage für die Neuaufführung geschaffen. Sollte man meinen. Tatsächlich ist die Herausgabe eines großen romantischen Chor-Orchester-Werks wie des „Deutschen Requiems“ von Johannes Brahms wahrlich eine Herkulesaufgabe, vielleicht sogar die musikphilologische Königsdisziplin. Die Schwierigkeit liegt in der Erfassung, Bewertung und schlussendlich Kombination sämtlicher Quellen. Selten liegt ein Glücksfall vor, der da wäre: Der Komponist fertigt eine Partitur an, diese wird zeitnah ohne wesentliche Veränderungen gedruckt. Vielmehr quälen sich Editorinnen und Editoren gerade bei Musik des 19. Jahrhunderts häufig mit Skizzen, autographen Partituren, Bearbeitungen und Ausbesserungen, mitunter gar mit verschiedenen Versionen. Und das alles nur, um die sogenannte Fassung letzter Hand zu ergründen, gleichsam den letzten Willen der Komponistin oder des Komponisten. Dass dafür auch die Korrespondenz der Tonkünstlerin oder des Tonkünstlers zu berücksichtigen ist, versteht sich von selbst.

Dass Johannes Brahms mit der Gesellschaft der Musikfreunde, auch und insbesondere mit Archiv, Bibliothek und Sammlungen eng verbunden war, ist bekannt. Eine ganze Reihe seiner Werke wurde im Musikverein erstmals aufgeführt. Brahms vermachte der Gesellschaft seinen Nachlass, und bereits zu Lebzeiten hatte er dem Archiv wertvolle Musikalien aus seiner Sammlung überlassen. So überrascht es auch wenig, dass Giuseppe Verdi das Kondolenzschreiben zum Tod Brahms’ nicht etwa an dessen Verwandte, sondern an die Gesellschaft der Musikfreunde richtete.
Die Vielzahl der im Archiv vorhandenen Quellen wurde zur Grundlage für das Projekt der ersten Brahms-Gesamtausgabe. In weniger als drei Jahren (1926–1928) erschienen 26 Bände. Als Herausgeber fungierte Eusebius Mandyczewski, der Brahms freundschaftlich verbunden und zudem Archivar, Bibliothekar und Leiter der Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde war. Möglich war die bemerkenswert schnelle Vollendung des Projekts nicht nur durch die Unterstützung von Mandyczewskis Schüler Hans Gál, sondern auch, weil man sich weitgehend auf die im Archiv vorhandenen Quellen beschränkte. Zudem verzichtete man auf die Edition von Brahms’ Klavierarrangements eigener Werke.

Mitte der 1970er Jahre diskutierte man die Notwendigkeit einer Neuedition nach modernen wissenschaftlichen Standards und unter Berücksichtigung aller bekannten Quellen – ein Projekt, das rund fünfzehn Jahre später starten konnte. Erwähnenswert ist, dass die Gesellschaft der Musikfreunde an dieser neuen Ausgabe als Mitherausgeberin beteiligt ist. Die Hauptarbeit liegt freilich bei der Johannes Brahms Gesamtausgabe am musikwissenschaftlichen Institut der Universität Kiel. Mittlerweile sind 33 Bände erschienen, drei weitere Bände stehen vor der Vollendung. Einer davon ist dem „Deutschen Requiem“ gewidmet. Die beiden Brahms-Forscher Michael Musgrave und Michael Struck arbeiten derzeit an den letzten Korrekturen. Der Notentext ist bereits fertig. Letzte Hand wird noch an der Einleitung und am sogenannten Kritischen Bericht angelegt. Die Einleitung behandelt die Entstehung der Komposition und deren Aufführungs- und Editionsgeschichte. Der Kritische Bericht enthält eine detaillierte Beschreibung sämtlicher Quellen, ihre Bewertung, vor allem aber den Editionsbericht, in dem alle philologischen Probleme und deren Lösungen dargestellt werden.

Die Kompositions- und Aufführungsgeschichte ist beim „Deutschen Requiem“ einigermaßen kompliziert. Michael Struck spricht von „dreieinhalb Uraufführungen“. Im April 1865 schrieb Brahms in zwei Briefen an Clara Schumann von „einer Art deutschem Requiem“ und sandte ihr auch gleich einen Satz mit. Im Winter und Frühjahr 1866 dürfte er intensiv daran gearbeitet haben, denn im Spätsommer war wohl eine sechssätzige Fassung – ohne den fünften Satz – komplett. Zu einer Aufführung dieser Version kam es am Karfreitag 1868 in Bremen. Da war bereits das Einfügen eines weiteren Satzes geplant. Das komplette Requiem mit den heute bekannten sieben Sätzen spielte man erst im darauf folgenden Februar in Leipzig. Allerdings hatte ein Freund von Brahms einige Wochen zuvor die sieben Sätze in einer Klavierauszugs-Fassung mit kleinem Chor der Öffentlichkeit präsentiert.

Das sind die drei Uraufführungen. Für uns besonders interessant ist allerdings die bereits am 1. Dezember 1867 erfolgte „halbe Uraufführung“, denn sie fand im Rahmen des zweiten Gesellschaftskonzerts der Gesellschaft der Musikfreunde statt. Johann Herbeck, der das Konzert im Großen Redoutensaal leitete, beschränkte sich auf die ersten drei Sätze, die er mit Musik aus Franz Schuberts „Rosamunde“ kombinierte. Es lohnt sich, die Presseberichte dazu zu lesen. Die Resonanz zum „Requiem“ war durchaus wohlwollend. Etwa lobte der Rezensent der „Neuen Freien Presse“ – kein Geringerer als der Brahms wohlgesonnene Kritikerpapst Eduard Hanslick – die Komposition als „ein Werk von ungewöhnlicher Bedeutung und großer Meisterschaft“. „Es dünkt uns eine der reifsten Früchte, welche aus dem Styl der letzten Beethoven’schen Werke auf dem Felde geistlicher Musik hervorgewachsen. Seit den Todtenmessen und Trauercantaten unserer Classiker hat kaum eine Musik die Schauer des Todes, den Ernst der Vergänglichkeit mit solcher Gewalt dargestellt.“ Kritisiert wird allerdings der fugierte Satz „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand“ mit dem über die Dauer der gesamten Fuge liegenden Orgelpunkt und der durchgängig Sextolen schlagenden Pauke, „die den Zuhörer in eine nervöse Aufregung [versetzt], die jede ästhetische Aufnahme vereitelt“. Und auch der Kritiker der „Presse“, wohl Eduard Schelle, schrieb vom Missfallen des dritten Satzes, lobte allerdings auch den 34-jährigen Komponisten und forderte eine Gesamtaufführung des Werks: „Noch einen solchen Schritt, wie ihn Brahms hier gethan, und wir hoffen ihn sicher noch auf einer ganz anderen Höhe zu erblicken; und möge er uns recht bald diese Freude gewähren, vor Allem aber dies Requiem einmal vollständig mit allen seinen Sätzen vorführen …“ Der Kritiker der „Blätter für Musik, Theater und Kunst“ stellte hingegen fest, dass das Werk von der „Majorität der Zuhörer“ abgelehnt wurde.

Weit über dreißig Notenquellen gibt die Neuedition des „Deutschen Requiems“ an. Darunter finden sich nicht nur diverse Erstausgaben, die sich voneinander durch korrigierte Fehler oder andere Änderungen unterscheiden. Insbesondere sind auch zwei Autographen zu nennen, die im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde aufbewahrt werden: ein Skizzenblatt zu den Sätzen sechs und sieben sowie jene eingangs erwähnte Partitur, die als Stichvorlage der Partitur-Erstausgabe diente und zahlreiche Korrekturen und Eintragungen von Brahms wie auch von seinem Verleger enthält.

Was ist nun das „Neue“ an der Neuedition? – Man muss als Hörerin und Hörer keine schockierende Umgestaltung der Komposition befürchten. Aber es gibt doch einige Neuerungen. Insbesondere dass die Violen zu Beginn des zweiten, sechsten sowie im gesamten fünften Satz ohne Dämpfer zu spielen haben, dürfte auffallen. Man urteile selbst. Denn während die beiden Brahms-Forscher noch an Einleitung und Kritischem Bericht der Neuausgabe feilen, ist das Orchestermaterial bereits erschienen und wird am 3. und 4. April 2022 bei den beiden Aufführungen des „Deutschen Requiems“ im Großen Musikvereinssaal verwendet werden.

Johannes Prominczel
Mag. Dr. Johannes Prominczel ist Direktor von Archiv, Bibliothek und Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

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